Dankbarkeit – Phantasie – Demut

Zu guter Letzt

… im Jahreslauf von Saat und Ernte feiern wir Erntedankfest! In diesem Jahr fällt es auf den „Tag der deutschen Einheit“, und in der Gießener Nordstadt feiert außerdem das Jugendzentrum sein 20-jähriges Bestehen. Viele Gründe, um zu danken…

Der Altarraum der Pauluskirche beim Erntedankfest 2004

Der Altarraum der Pauluskirche beim Erntedankfest 2004

Allerdings herrscht in der Bundesrepublik eine eher sorgenvolle als dankbare Stimmung. Landwirte können wirtschaftlich kaum überleben, beklagen Niedrigstpreise für ihre Produkte und hohe Investitionskosten für die technische Ausstattung der Höfe. Für von Arbeitslosigkeit Betroffene oder Bedrohte wird „Hartz IV“ zum Symbol für den Verlust von Lebensstandard, von Erspartem, von Hoffnung, ja von Menschenwürde. Mag es uns zwar immer noch nicht schlechter gehen als im europäischen und weltweiten Vergleich – das tröstet nicht den 50-Jährigen, der für seinen Betrieb „zu teuer“ wird und den sozialen Abstieg fürchtet. Aber Rezepte gegen die Arbeitslosigkeit haben weder Regierung noch Opposition.

Gibt es uns zu denken, dass der Dank für die Ernte damals selbstverständlicher war, als der Wohlstand noch nicht selbstverständlich blühte? Selbst wer von Hungersnot bedroht war, sang mit Überzeugung: „Alle gute Gabe kommt her von Gott, dem Herrn“. Unser menschliches Schaffen stößt an Grenzen. Das Produkt unserer Arbeit – „es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott“.

Zynisch wäre der Satz: „Danke, dass ich mehr habe als andere!“ Darum erinnert jedes Erntedankfest an die Verantwortung füreinander. Wer dankbar ist, möchte auch, dass es dem Nachbarn gut geht – vielleicht sogar dem, mit dem wir global verknüpft sind – und dass wir in unserem Land das soziale Netz nicht zerreißen lassen. Phantasie ist notwendig, um unsere Gesellschaft aus der Krise zu führen; Protest mag manchmal auch angebracht sein, aber wichtiger noch ist Demut: spüren, wie schwer es ist, auf Privilegien zu verzichten, einsehen, wie begrenzt unsere Möglichkeiten sind, und mutig auf das Wunder hinarbeiten, dass mehr Gerechtigkeit möglich ist.

saat

seht das senfkorn,
das verweht
und als reiche
saat aufgeht.

bear / 2000

Pfarrer Helmut Schütz

„Zu guter Letzt“ September – November 2004 im Gemeindebrief der Evangelischen Paulusgemeinde Gießen (das Gedicht stammt von Markus Bernard)

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