Die im Dunkeln sieht Gott doch

Freien Eintritt in den Himmel bietet Gott allen Menschen, die auf ihn vertrauen und erst recht denen, die in der Regel im Dunkeln sind und die man meistens nicht sieht. Aber Gott übersieht sie nicht.

Die im Dunkeln: der Schatten eines Mannes in einer offenen Tür, von hinten durch das Mondlicht angestrahlt, so dass er einen Schatten nach vorn wirft

Gott sieht auch die, die im Dunkeln sind (Bild: pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Wir haben uns hier versammelt, um Herrn R. zu Grabe zu tragen, der im Alter von [über 70] Jahren gestorben ist.

Gott im Himmel, der du uns nahe bist hier auf Erden, wir bringen vor dich, was uns bewegt, Erinnerungen, Gefühle, Gedanken. Ein Mensch ist gestorben, den ich nicht gekannt habe, von dem mir nur einiges erzählt wurde auf der Station, oben in der Klinik. Viele Menschen sind ihm begegnet, früher zu Hause, und dann die ganzen Jahre in der Klinik. Sie haben ein kleines oder großes Stück seines Lebens mit ihm geteilt. Aber war sein Leben erfüllt? War es einsam? Wir können es nicht sicher sagen. Wir erweisen ihm heute die letzte Ehre. Wir nehmen von ihm Abschied. Wir bekunden, dass Herr R. so wichtig ist, dass wir uns diese Zeit nehmen für seine Beerdigung. Und vor allem: Er ist so wichtig für Gott, dass er auch im Tode nicht verloren geht.

Worte der Bibel können uns helfen, unsere Gedanken und Gefühle zu klären, auszudrücken, zu ordnen.

So lasst uns beten mit Worten aus Psalm 25, die dem großen König von Israel, zugeschrieben werden, König David, der in den biblischen Büchern sowohl in seiner Stärke als auch in seiner Schwäche, sowohl in seinem Glanz als auch in seinem Elend dargestellt wird:

1 Nach dir, HERR, verlanget mich.

2 Mein Gott, ich hoffe auf dich; lass mich nicht zuschanden werden, dass meine Feinde nicht frohlocken über mich.

3 Denn keiner wird zuschanden, der auf dich harret; aber zuschanden werden die leichtfertigen Verächter.

4 HERR, zeige mir deine Wege und lehre mich deine Steige!

5 Leite mich in deiner Wahrheit und lehre mich! Denn du bist der Gott, der mir hilft; täglich harre ich auf dich.

6 Gedenke, HERR, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind.

8 Der HERR ist gut und gerecht; darum weist er Sündern den Weg.

9 Er leitet die Elenden recht und lehrt die Elenden seinen Weg.

10 Die Wege des HERRN sind lauter Güte und Treue für alle, die seinen Bund und seine Gebote halten.

15 Meine Augen sehen stets auf den HERRN; denn er wird meinen Fuß aus dem Netze ziehen.

16 Wende dich zu mir und sei mir gnädig; denn ich bin einsam und elend.

17 Die Angst meines Herzens ist groß; führe mich aus meinen Nöten!

18 Sieh an meinen Jammer und mein Elend und vergib mir alle meine Sünden!

20 Bewahre meine Seele und errette mich; lass mich nicht zuschanden werden, denn ich traue auf dich!

21 Unschuld und Redlichkeit mögen mich behüten; denn ich harre auf dich.

22 Gott, erlöse Israel aus aller seiner Not!

Liebe Trauergäste!

Wenn ein Mensch gestorben ist und begraben wird, fragen wir uns, was dieses Leben erfüllt hat. Wir ziehen so gern Bilanz über ein Leben oder messen vielleicht sogar den Wert eines Lebens an der Zahl der Trauergäste, die an seinem Grab stehen. Aber dann vergessen wir, dass wir in diesem Bereich gar nicht zuständig sind: Nicht wir haben ein Urteil abzugeben, welchen Sinn dieses Leben gehabt hat. Wir müssen diesen Toten loslassen, geben ihn in die Hände Gottes, müssen das Urteil über sein Leben Gott in seiner Gnade überlassen.

Aber eins weiß ich sicher: Gott wird bei seinem Urteil nicht menschliche Maßstäbe anlegen. Er wird nicht nach äußeren Dingen urteilen, nach Erfolg oder Reichtum oder danach, ob einer gesund und stark und schön gewesen ist. Vielmehr hat Jesus in Gottes Namen gerade die geistlich Armen selig gepriesen, die Leidenden, die Sanften, die Barmherzigen (Matthäus 5). Nicht die, die immer vorneweg sind, die immer im Rampenlicht stehen. Sondern gerade die, die ihr Leben lang im Dunkeln gestanden sind, und von denen es heißt: Die im Dunkeln sieht man nicht. Doch, Gott sieht sie, er vergisst sie nicht. Und er will, dass auch wir sie nicht vergessen.

Um heute, an diesem Tag, an dem wir Herrn R. begraben, sein Leben ein Stück weit der Vergessenheit entreißen, bevor wir endgültig von ihm Abschied nehmen, will ich ein wenig von seinem Leben erzählen, das Wenige, das ich selber erfahren habe. Er wurde gar nicht weit von hier geboren.

Erinnerungen an das Leben des Verstorbenen

Schon in den Dreißiger Jahren, als behinderte Menschen noch viel weniger Verständnis fanden als heute, kam er hierher in die Klinik, die sozusagen zu seiner zweiten Heimat wurde. Er war sein Leben lang angewiesen auf fremde Hilfe, und er hätte nicht leben können, wenn nicht andere für ihn da gewesen wären.

Aber darin ist er – wie viele unserer Patienten in der Klinik – nur ein extremes Beispiel für die Lage von uns allen. Wir alle sind angewiesen auf fremde Hilfe. Nur haben die meisten von uns es gelernt, auch großenteils ohne solche Hilfe auszukommen. In dem, was unser Leben entscheidend ausmacht, brauchen wir aber doch den anderen – das kann ein menschliches Gegenüber sein, jemand, der uns liebt, dem wir vertrauen können, wo wir unseren Halt finden – das kann aber auch Gott sein, der uns wie ein guter Vater oder wie eine gute Mutter begegnet. Und das Gute und Schöne ist – auch wenn es für manche Leute nicht leicht zu begreifen ist: Vor Gott brauchen wir nichts vorzuweisen, auch Herr R. braucht das nicht, es gibt keine Eintrittskarten für den Himmel, die man sich erst kaufen oder verdienen müsste, nein, der Eintritt für den Himmel ist frei, der wird uns geschenkt. Das Problem ist nur, dass die meisten Menschen von Gott gar nichts geschenkt haben wollen, oder dass sie nicht zufrieden sind mit dem, was Gott ihnen anbietet: Hoffnung, Liebe, Trost und Zuversicht – das sind Gottes unscheinbare, aber mächtige Gaben an uns.

Für den Verstorbenen, aber auch für uns, können wir Gott um diese Gaben bitten. Ich möchte das tun mit den Worten des Psalms, den wir gehört haben (Psalm 25, 20):

Bewahre meine Seele und errette mich; lass mich nicht zuschanden werden, denn ich traue auf dich!

Amen.

Gott lässt uns nicht zuschanden werden, auch Herrn R. nicht. Wir können ihn getrost in Gottes starke Hände legen, können heute von ihm Abschied nehmen. Wer ihn geliebt hat, wird spüren, dass diese Liebe über den Tod hinaus Bestand hat. Was er an Zuwendung erfahren hat in seinem Leben, dafür können wir heute dankbar sein. Was wir ihm schuldig geblieben sind, was jetzt nicht mehr zu ändern ist, dafür können wir Gott um Vergebung bitten. Und wir bitten Gott, dass er uns weiterhin hilft, die Augen offen zu halten für die Menschen, die uns brauchen, hier und jetzt, und manchmal auch für Menschen, von denen wir selber Hilfe erbitten können. Amen.

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