„Nec temere – nec timide“

Trauerfeier für einen alten Mann, der aus Danzig stammte, dem durch Krieg und Vertreibung alles genommen wurde und der noch einmal völlig neu anfangen musste.

Nec temere - nec timide: das Danziger Krantor

Eine Ansicht der Stadt Gdansk, der vormals Freien und Hansestadt Danzig, mit dem Krantor (Bild: pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Wir sind versammelt aus Anlass des Todes von Herrn U., der im Alter von [über 80] Jahren gestorben ist. Abschied wollen wir nehmen, Worte aus der Bibel werden wir hören, und alles, was uns in dieser Stunde bewegt, können wir im Gebet Gott anvertrauen.

Wir können uns beim Beten von den betenden Menschen der Bibel helfen lassen. So rufen wir zu Gott mit Worten aus Psalm 31:

2 HERR, auf dich traue ich, lass mich nimmermehr zuschanden werden, errette mich durch deine Gerechtigkeit!

3 Neige deine Ohren zu mir, hilf mir eilends! Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest!

4 Denn du bist mein Fels und meine Burg, und um deines Namens willen wollest du mich leiten und führen.

6 In deine Hände befehle ich meinen Geist; du hast mich erlöst, HERR, du treuer Gott.

20 Wie groß ist deine Güte, HERR, die du bewahrt hast denen, die dich fürchten, und erweisest vor den Leuten denen, die auf dich trauen!

22 Gelobt sei der HERR; denn er hat seine wunderbare Güte mir erwiesen in einer festen Stadt.

23 Ich sprach wohl in meinem Zagen: Ich bin von deinen Augen verstoßen. Doch du hörtest die Stimme meines Flehens, als ich zu dir schrie.

24 Liebet den HERRN, alle seine Heiligen!

25 Seid getrost und unverzagt alle, die ihr des HERRN harret!

Liebe Frau U., liebe Angehörige des Verstorbenen, liebe Trauergemeinde!

Dass Herr U. einmal hier in Hessen beerdigt werden würde, das hätte er sich bis in seine zweite Lebenshälfte hinein wohl überhaupt nicht vorstellen können. Er teilte das harte Schicksal so vieler Menschen unseres Volkes, im Krieg vieler seiner Angehörigen beraubt zu werden und seine Heimat zu verlieren. An anderem Ort musste er noch einmal ganz von vorn anfangen und sich in der zweiten Heimat eine neue Existenz aufbauen.

Schicksal habe ich gesagt, aber als Christen wissen wir, dass nicht ein blindes Schicksal uns trifft, sondern dass in allem, was uns widerfährt, Gott uns begleitet, und dass dieser Gott uns auch Böses zum Guten dienen lassen kann. Also nicht an äußeren Geschehnissen, an Glück oder Unglück, an Gesundheit oder Krankheit, an der Länge oder Kürze eines Lebens entscheidet sich der Sinn unseres Daseins, sondern daran, wie wir all das aus Gottes Hand entgegennehmen und wozu wir es uns dienen lassen.

Herr U. hat erfahren müssen, dass Gott uns manchmal andere Wege führt, als wir es uns wünschen. Er war in Danzig geboren und entstammte einem Elternhaus, in dem man sehr viel auf den Glauben hielt. Er arbeitete auf der Schichauwerft, baute später einen Fährbetrieb über die Weichsel auf. Man kann sich vorstellen, wie Herr U. an seiner Heimat und seinem damaligen Leben gehangen hat, obwohl er von morgens fünf bis um abends zehn Uhr auf den Beinen war und keinen Feiertag kannte; er war hier in Danzig an der Weichsel zu Hause, in der Freien und Hansestadt Danzig, in deren Wappen die lateinischen Worte stehen: „Nec temere – nec timide“, das bedeutet: „Weder tollkühn – noch furchtsam“. Er wird später noch oft zurückgedacht haben an seine von Wasser und Wald umgebene Heimatstadt, an den Glanz der Zeit, als die Seebäder überlaufen waren und die Polizei in Viererreihen auf den Prachtstraßen Paraden abhielt.

Der Zweite Weltkrieg bedeutete für Herrn U., obwohl er durch seinen Beruf von der Wehrmacht freigestellt war, eine Katastrophe für sein persönliches Leben. Als er selbst gerade mit der Fähre über die Weichsel setzte, wurde durch einen Bombenangriff ein Großteil seiner Familie auf einmal getötet, darunter auch seine Frau und sein Kind. Dann kam die Vertreibung, und am Ende verschlug es Herrn U. hierher.

Damit begann für Herrn U. ein völlig neuer Lebensabschnitt. Vielleicht erging es ihm und vielen anderen nach dem Krieg wie dem Abraham der biblischen Geschichte, der in ein fremdes Land ziehen sollte und alles verlassen musste, was ihm bisher vertraut gewesen war. Vielleicht war Herr U. aber auch noch eher zu vergleichen mit Hiob, dem alles genommen wurde, was ihm auf Erden lieb und wert war. Ich habe diese Zeit nicht selbst erlebt, aber da mein eigener Vater auch die alte Danziger Heimat und seine erste Familie verloren hat, kann ich ein wenig nachempfinden, wie viel Kraft und Mut dazu gehört, noch einmal neu anzufangen und zu Gott wie Hiob zu sprechen (Hiob 1, 21):

Der HERR hat‘s gegeben, der HERR hat‘s genommen; der Name des HERRN sei gelobt!

Das Leben ging weiter, und es gab auch für Herrn U. eine neue Aufgabe, neues Familienglück und noch viele Lebensjahre.

Nun wurde Herr U. in hohem Alter, aber doch sehr plötzlich, aus diesem Leben abgerufen. Es ist gewiss ein Tod, wie man ihn einem Menschen wünschen kann, der sein Leben gelebt hat und seelisch darauf vorbereitet ist, jederzeit vor seinen himmlischen Herrn gerufen zu werden. Nicht so leicht ist es für die Angehörigen, einen so raschen Abschied zu bewältigen. Vor allem, wenn man so lange Jahrzehnte zusammengelebt hat und der andere immer da war, braucht es viel Zeit und Kraft, um die Traurigkeit auszuhalten und wieder Trost zu finden.

In Zeiten, in denen einem alles zusammenbricht, wie es Herr U. selbst am Ende des Krieges erlebt hat und wie man es beim Tod des über alles geliebten Partners empfinden kann, ist es gut, wenn man einen festen Halt im Glauben hat, wenn man singen kann: „Ein feste Burg ist unser Gott“ – das war ein Lied, das Herr U. gern gemocht hat. Im Psalm 46 lesen wir von diesem Vertrauen auf Gott:

2 Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben.

3 Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken,

4 wenngleich das Meer wütete und wallte und von seinem Ungestüm die Berge einfielen.

9 Kommt her und schauet die Werke des HERRN, der auf Erden solch ein Zerstören anrichtet,

10 der den Kriegen steuert in aller Welt, der Bogen zerbricht, Spieße zerschlägt und Wagen mit Feuer verbrennt.

11 Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin! Ich will der Höchste sein unter den Heiden, der Höchste auf Erden.

12 Der HERR Zebaoth ist mit uns, der Gott Jakobs ist unser Schutz.

Im Glauben an diesen Gott Israels, der durch Jesus Christus auch unser Gott geworden ist, finden wir Zuversicht auch in schweren Zeiten und an bösen Tagen. Wir können ihm unseren Verstorbenen zuversichtlich anvertrauen, denn Gott wird ihn gnädig anschauen und liebevoll in sein Reich aufnehmen. Und wir können Gott darum bitten, dass er uns auch den Weg zeigt, den wir auf dieser Erde weiter gehen sollen, die Aufgaben, die noch auf uns warten, die Menschen, die uns noch brauchen. Denn Gott kann aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen. Doch dazu braucht er Menschen, „die sich alle Dinge zum besten dienen lassen“, wie Dietrich Bonhoeffer gesagt hat, Menschen, die bereit sind, hinzuschauen, wo Not ist, die bereit sind, zu verzeihen, nichts nachzutragen und sich auch einmal auf neuen Wegen führen zu lassen. Um diesen Glauben, um diesen Trost, um diese Führung können wir Gott heute bitten. Amen.

Herr, du barmherziger Gott, du hast Herrn U. ein hohes Alter geschenkt. Er hat kein leichtes Leben gehabt, und wir wissen nicht, wie er innerlich sein Schicksal getragen hat, doch wir danken dir für alle Führung und Bewahrung in seinem Leben, für jeden Neuanfang und jede Stunde des Glücks.

Nun bitten wir dich, Gott, nimm Herrn U. gnädig in deine Liebe auf! Lass uns unsere Liebe zu ihm über den Tod hinaus bewahren! Lass uns bewusst sein, wieviel wir Herrn U. verdanken und lass uns auch dir dankbar sein für alles, was wir ihm Gutes tun konnten! Vergib uns alles, was wir einander schuldig geblieben sind, was wir jetzt nicht mehr ändern können, und lass uns in diesem Sinne von ihm Abschied nehmen in Frieden! Amen.

EG 361:

1. Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.

2. Dem Herren musst du trauen, wenn dir’s soll wohlergehn; auf sein Werk musst du schauen, wenn dein Werk soll bestehn. Mit Sorgen und mit Grämen und mit selbsteigner Pein lässt Gott sich gar nichts nehmen, es muss erbeten sein.

6. Hoff, o du arme Seele, hoff und sei unverzagt! Gott wird dich aus der Höhle, da dich der Kummer plagt, mit großen Gnaden rücken; erwarte nur die Zeit, so wirst du schon erblicken die Sonn der schönsten Freud.

12. Mach End, o Herr, mach Ende mit aller unsrer Not; stärk unsre Füß und Hände und lass bis in den Tod uns allzeit deiner Pflege und Treu empfohlen sein, so gehen unsre Wege gewiss zum Himmel ein.

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