Weihnachtsgeheimnis

Bevor wir das Weihnachtsgeheimnis anschauen können, mussten zuerst einmal wir angeschaut werden. Wir sind im Blick der Engel, ja im Blick Gottes selbst, der seine Boten zu uns aussendet. Alle Menschen, auch wir, sollen von der Botschaft der Engel erreicht werden. Jesus ist und bleibt der Messias Israels, bringt aber zugleich den Frieden und die Liebe Gottes zu allen Völkern.

Engelfigur aus Glas in einer hügeligen Landschaft

Engel – kaum fassbare und doch reale Boten Gottes (Bild: pixabay.com)

direkt-predigtGottesdienst an Heiligabend, Dienstag, 24. Dezember 2013, 18.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Abend, liebe Gemeinde!

Ich begrüße alle herzlich zu diesem Weihnachtsgottesdienst mit dem Wort aus dem Evangelium nach Johannes 1, 14:

Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.

Weihnachten ist ein geheimnisumwobenes Fest, verbunden mit Lichterglanz und geschmückten Tannenbäumen, mit dem Warten aufs Christkind und der Sehnsucht nach Frieden und Harmonie. Ob es das heute noch in vielen Familien gibt, dass die Tür zum Weihnachtszimmer bis zur Bescherung geschlossen bleibt, damit das dahinter verborgene Geheimnis um so wunderbarer zur Geltung kommt und Kinderaugen zum Strahlen bringt?

Das größte Weihnachtsgeheimnis ist die Geburt Jesu selbst. Wie kann das sein, dass Gott in einem Kind unser Fleisch und Blut annimmt und leibhaftig unter uns wohnt?

Wir feiern Gottesdienst am Heiligen Abend und versuchen, uns diesem Geheimnis zu nähern und einen Blick auf die Herrlichkeit Gottes zu werfen, die unser Leben verwandeln will.

Wir singen aus dem Lied 30 die ersten drei Strophen:

1. Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart, wie uns die Alten sungen, von Jesse kam die Art und hat ein Blümlein bracht mitten im kalten Winter wohl zu der halben Nacht.

2. Das Blümlein, das ich meine, davon Jesaja sagt, hat uns gebracht alleine Marie, die reine Magd; aus Gottes ewgem Rat hat sie ein Kind geboren, welches uns selig macht.

3. Das Blümelein so kleine, das duftet uns so süß; mit seinem hellen Scheine vertreibt’s die Finsternis. Wahr‘ Mensch und wahrer Gott, hilft uns aus allem Leide, rettet von Sünd und Tod.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

An Weihnachten sind viele Menschen anders gestimmt als sonst. Man wünscht sich Frieden und Besinnlichkeit, und wenn in diesem Tagen Schmerz und Trauer auftauchen oder böse Worte fallen, dann tut alles noch mehr weh als sonst. Im Fernsehen laufen andere Filme als sonst, die Phantasie geht spazieren in Märchenwelten und freut sich an Engeln, die in der Menschenwelt einiges zurechtrücken, was nicht in Ordnung war.

In der Kirche besinnen wir uns auf den Ursprung von Weihnachten, auf die Geburt von Gottes Sohn. Der Gott, der immer schon den Menschen nahe war, nimmt die Gestalt eines Menschen an und wird ein Gott zum Anfassen.

Kommt, lasst uns Gott anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Kaum jemand kann sich dem Weihnachtsfest entziehen, und selbst wer skeptisch gegenüber der Weihnachtsfreude ist, sehnt sich vielleicht doch im Stillen danach, dass er sich irren möge, dass Frieden und Liebe auch ihm geschenkt werde. Alle sind angewiesen auf diese Himmelsgeschenke, auch wenn sie sich dessen nicht bewusst sind. Gott, wir bitten dich, mach uns bewusst, was wir wirklich brauchen. Wir rufen zu dir:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Psalm 96, 11a.13a:

11 Der Himmel freue sich, und die Erde sei fröhlich…

13 vor dem HERRN; denn er kommt, denn er kommt, zu richten das Erdreich.

Erschienen ist uns der Tag, den Gott geheiligt. Kommt herzu, ihr Völker, und betet an den Herrn; denn heute steigt herab das große Licht auf die Erde!

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist gross Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Vater Jesu Christi, öffne unsere Ohren und unsere Herzen für das Geheimnis der Weihnachtsbotschaft. Darum bitten wir dich, durch deinen Sohn, Jesus Christus, unseren Herrn. „Amen.“

Vom Weihnachtsgeheimnis erzählt Lukas im Kapitel 2 seines Evangeliums die uns vertraute Weihnachtsgeschichte. Nach jedem Teil der Erzählung singen wir eine Strophe aus dem Lied 46, „Stille Nacht“.

1 Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde.

2 Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war.

3 Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt.

4 Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war,

5 damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger.

6 Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte.

7 Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.

1. Stille Nacht, heilige Nacht! Alles schläft, einsam wacht nur das traute, hochheilige Paar. Holder Knabe im lockigen Haar, schlaf in himmlischer Ruh, schlaf in himmlischer Ruh.

8 Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde.

9 Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr.

10 Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird;

11 denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.

12 Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.

13 Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen:

14 Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

2. Stille Nacht, heilige Nacht! Hirten erst kundgemacht, durch der Engel Halleluja tönt es laut von fern und nah: Christ, der Retter, ist da, Christ, der Retter, ist da!

15 Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat.

16 Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen.

17 Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war.

18 Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten.

19 Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.

20 Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.

3. Stille Nacht, heilige Nacht! Gottes Sohn, o wie lacht Lieb aus deinem göttlichen Mund, da uns schlägt die rettende Stund, Christ, in deiner Geburt, Christ, in deiner Geburt.

Glaubensbekenntnis

Wir singen das Lied 41:

1. Jauchzet, ihr Himmel, frohlocket, ihr Engel, in Chören, singet dem Herren, dem Heiland der Menschen, zu Ehren! Sehet doch da: Gott will so freundlich und nah zu den Verlornen sich kehren.

2. Jauchzet, ihr Himmel, frohlocket, ihr Enden der Erden! Gott und der Sünder, die sollen zu Freunden nun werden. Friede und Freud wird uns verkündiget heut; freuet euch, Hirten und Herden!

3. Sehet dies Wunder, wie tief sich der Höchste hier beuget; sehet die Liebe, die endlich als Liebe sich zeiget! Gott wird ein Kind, träget und hebet die Sünd; alles anbetet und schweiget.

4. Gott ist im Fleische: wer kann dies Geheimnis verstehen? Hier ist die Pforte des Lebens nun offen zu sehen. Gehet hinein, eins mit dem Kinde zu sein, die ihr zum Vater wollt gehen.

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, ein einzelner Vers aus dem 1. Timotheusbrief ist heute unser Predigttext, und ich denke, er kann uns helfen, das Weihnachtsgeheimnis anzuschauen. Ergründen werden wir es nicht, aber vielleicht erleben wir im Lauf der Predigt, dass nicht nur wir schauen, sondern umgekehrt auch angeschaut werden, von einem Gott, der uns liebt.

Unser Predigttext (1. Timotheus 3, 16) ist ein Lied der christlichen Urgemeinde, wenn wir so wollen, ein uraltes Weihnachtslied. Es singt vom Glauben an Jesus und besteht aus einer Überschrift und sechs Zeilen:

Und groß ist,
wie jedermann bekennen muss,
das Geheimnis des Glaubens:
Er ist offenbart im Fleisch,
gerechtfertigt im Geist,
erschienen den Engeln,
gepredigt den Heiden,
geglaubt in der Welt,
aufgenommen in die Herrlichkeit.

In der Überschrift werden hohe Erwartungen geweckt: Es geht um ein wahrhaft großes Geheimnis, im Griechischen ist von einem „mysterion“ die Rede, zu dem man sich wortwörtlich als zu einem „mega“-Geheimnis bekennt.

In der Lutherübersetzung steht, dass sich jedermann zur Größe dieses Geheimnisses bekennen muss. Das steht im Original nicht ganz so drin; es wäre ein Missverständnis zu meinen, dass dieses Geheimnis quasi wissenschaftlich beweisbar wäre. Vielmehr ist dieses große Geheimnis etwas, zu dem man sich bekennen kann und muss, wenn man es im Glauben erkannt hat. Insofern stimmt auch Luthers Übersetzung „Geheimnis des Glaubens“. Wörtlich steht im Griechischen allerdings: „Geheimnis der Frömmigkeit“. Vielleicht könnte man sagen, es geht um eine Anleitung zum Frommsein für Menschen, die mit dem Frommsein Schwierigkeiten haben. Frömmigkeit hat ja für viele den Beigeschmack einer gewissen Weltfremdheit. Zieht sich nicht mancher fromme Mensch in einen Raum der Heiligkeit zurück, um besser dazustehen als die scheinbar nur böse Welt?

Worin besteht nun das Geheimnis einer wahren Frömmigkeit ohne diesen unangenehmen Beigeschmack? Werden auch wir zu dem eindeutigen, klaren Bekenntnis gelangen, dass es sich um ein Mega-Geheimnis handelt, dem wir uns nicht verschließen können und wollen?

Wenn wir die sechs Zeilen des altchristlichen Weihnachtsliedes im einzelnen aufmerksam anschauen, fällt auf, dass drei Mal jeweils zwei Zeilen zusammengehören, die einen Gegensatz zu enthalten scheinen: In der ersten Strophe werden Fleisch und Geist einander gegenübergestellt, in der zweiten Engel und Völker und in der dritten die Welt und Gottes Herrlichkeit. Das Lied springt sozusagen hin und her zwischen Erde und Himmel. Und damit erweist es sich tatsächlich als ein echtes Weihnachtslied, denn die Weihnachtsbotschaft besteht ja darin, dass Gott in dem Menschen Jesus Fleisch und Blut annimmt.

Beginnen wir mit der ersten Strophe:

Er ist offenbart im Fleisch,
gerechtfertigt im Geist.

Wörtlicher übersetzt lauten diese Zeilen: „Der offenbart wurde im Fleisch, er wurde gerechtgesprochen im Geist.“

Ohne den Namen Jesu ausdrücklich zu nennen, handeln die drei Strophen unseres Liedes von dem Gottessohn, der „im Fleisch offenbart wurde“. Das griechische Wort, das Luther hier mit „offenbaren“ übersetzt, ist eng verwandt mit dem Wort, das „erscheinen“ bedeutet. Der Gottessohn erscheint als Mensch in der Welt, er wird ein Phänomen, das mit menschlichen Sinnen wahrgenommen werden kann. Gott kann sich auch auf andere Weise offenbaren, durch Träume und Visionen, durch Propheten und Engel, doch in Jesus zeigt Gott sein Wesen in Vollkommenheit. Niemand kommt darum herum, sich zu ihm in irgendeiner Weise zu verhalten, Ja oder Nein zu ihm zu sagen: Man kann ihn zwar zu ignorieren versuchen, aber er begegnet uns in den Menschen, die uns brauchen, wie er es uns im Gleichnis vom Weltgericht vor Augen gestellt hat. Gott ist nicht nur eine Wesenheit weit über den Sternen, Gott war schon lange eng verbündet mit seinem Volk Israel, Gott taucht in Jesus noch tiefer ein in das, was die Bibel Fleisch nennt.

Was ist mit diesem „Fleisch“ gemeint? Gott kommt herein in unsere menschliche Existenz, die von einem Widerspruch geprägt ist, den wir aus eigener Kraft nicht zu überwinden vermögen: Geschaffen sind wir als Ebenbild Gottes, dazu berufen, auf seine Liebe mit unserer Liebe zu antworten. Zu diesem Geschenk der Liebe Gottes gehört untrennbar zugleich die Freiheit, dazu Ja oder Nein zu sagen. Und das ist unser Problem: „Fleisch“ sind wir, indem wir Angst haben vor den Risiken, die das Vertrauen auf Gottes Liebe mit sich bringt. Zeitlebens stehen wir in der Versuchung, uns selber zu behaupten, statt uns in Liebe für andere zu öffnen und uns zu verschenken. Genau in diese Existenz mit dieser Versuchung kommt Gott persönlich herein, indem er „Fleisch“ wird in Jesus.

„Fleisch werden“ heißt auch noch in einer anderen Hinsicht mehr als einfach nur „Mensch werden“. Zum griechischen Wort „Fleisch“ gehört nämlich die ganze Herkunft und Biographie und Individualität eines Menschen. Es geht nicht um abstraktes Menschsein. Wir alle haben als Menschen zwar Anteil an dem genannten Widerspruch zwischen dem Ja-Sagen und Nein-Sagen zu Gottes Liebe, aber jeder lebt sein Leben in seiner eigenen Weise. Auch Jesus ist nicht einfach ein beliebiger Mensch. Er gehört zum Volk der Juden, er saugt mit der Muttermilch die Bräuche und Lehren des erwählten Gottesvolkes auf, lässt sich von Priestern und Schriftgelehrten alles beibringen, was sie über die Tora Gottes wissen, und so wächst er hinein in eine Offenheit für die Erkenntnis, dass er dazu berufen ist, der Messias Israels zu sein.

Nun ist es für mich immer wieder eine schwierige Frage: Wie kann es denn sein, dass Jesus ganz und gar wahrer Mensch ist und zugleich Gottes Sohn? Ist er dann noch wahrer Mensch oder nicht doch irgendwie ein übermenschlicher Halbgott? Genau das ist er definitiv nicht, nach all unseren kirchlichen Bekenntnissen. Die nächste Zeile unseres Liedes gibt eine Antwort auf die Frage, wie Jesus zugleich ganz wahrer Mensch und ganz wahrer Gott sein kann: „er wurde gerechtgesprochen im Geist“. Damit ist gesagt, dass Jesus uns auch darin gleich ist, dass er nicht einfach eine Natur hat, die immun gegen die Sünde ist. Nein, auch er musste sich gegen Versuchungen wehren; in der Geschichte von Jesu Begegnung mit den Einflüsterungen des Satans in der Wüste wird das deutlich ausgesprochen. Gerecht ist Jesus in Gottes Augen, weil Gott ihn gerecht spricht, weil Gott in allem, was Jesus tut, zu ihm steht. Jesus mag Dinge tun, die in den Augen der Menschen sündig sind, wenn er zum Beispiel seiner Mutter Widerworte gibt, wenn er seinen Jüngern erlaubt, am Sabbat Getreideähren am Wegrand abzuernten, wenn er im Tempel zu Jerusalem die Tische der Geldwechsler umwirft und ihr Geschäft schädigt, wenn er am Kreuz seinen Vater im Himmel anschreit: „Warum hast du mich verlassen?“ Und in all dem spricht Gott seinen Sohn gerecht, weiß Gott sich eins mit diesem Menschen, weil dieser Mensch sich trotz allem eins weiß mit dem Vater im Himmel.

„Im Geist“ wurde Jesus gerechtfertigt, das deutet hin auf das Geheimnis unseres christlichen Glaubens an den dreieinigen Gott. Es ist der Geist der Liebe Gottes, also Gott selbst, der in dem Menschen Jesus wirksam ist und ihn so eng wie keinen anderen mit dem himmlischen Vater verbindet.

So viel zur ersten Strophe unseres altchristlichen Weihnachtsliedes.

In der zweiten Strophe geht es nun um Engel und Heiden, wie Luther übersetzt:

Erschienen den Engeln,
gepredigt den Heiden.

Engel sind Botschafter Gottes, die eine Mission zu erfüllen haben. Mit „Heiden“ übersetzt Luther das Wort „ethnos“, das wir heute direkt in unseren deutschen Wortschatz übernommen haben, wenn wir zum Beispiel von Ethnien oder ethnischen Minderheiten reden, gemeint sind die Völker der Welt, die von den Juden ebenso abschätzig „gojim“ genannt werden, wie wir Christen von „Heiden“ oder wie Inländer von Ausländern reden.

Von den Engeln Gottes haben wir in diesem Gottesdienst schon gesungen. Sie verbinden wir ganz eng mit der Weihnachtsbotschaft, denn sie sind es ja, die den Hirten auf dem Feld von Bethlehem eine Freude verkünden, die allem Volk widerfahren wird. Hier im 1. Timotheusbrief wird ergänzt: Zunächst ist es die Aufgabe der Engel überhaupt erst einmal, schlicht und einfach Jesus „zu schauen“. Sie sind die ersten, die den Sohn Gottes so sehen und erkennen, wie er im Fleisch offenbart ist. Und dann sind sie es, die nicht nur allem Volk in Israel, sondern auch den Völkern der Welt, den Gojim, den bisher ungläubigen Heiden die Botschaft verkünden und unter ihnen ausbreiten, die sie selbst geschaut haben. Gäbe es nicht von Gott beauftragte Boten, und damit meine ich nicht nur himmlische Engelwesen, sondern auch menschliche Apostel und Missionare, dann wäre das Geheimnis von Gottes Sohn, der in Israel für alle Völker Mensch geworden ist, niemals zu uns in Mitteleuropa gelangt, dann wären wir nicht in der Lage, zu erkennen, wer Jesus wirklich ist. Und das bedeutet auch: Bevor wir das Weihnachtsgeheimnis anschauen können, mussten zuerst einmal wir angeschaut werden. Wir sind im Blick der Engel, ja im Blick Gottes selbst, der seine Boten zu uns aussendet. Alle Menschen, auch wir, sollen von der Botschaft der Engel erreicht werden. Jesus ist und bleibt der Messias Israels, bringt aber zugleich den Frieden und die Liebe Gottes zu allen Völkern der Welt, zu denen wir gehören.

Das Stichwort „Welt“, wörtlich „Kosmos“, taucht dann ausdrücklich in der dritten Strophe des Liedes auf:

Geglaubt in der Welt,
aufgenommen in die Herrlichkeit.

Kosmos, das sind die Strukturen und Bedingungen der jeweils herrschenden Weltordnung, unter denen wir Menschen leben. „Er, der Gottessohn, wurde geglaubt in der Welt“, man fasste Vertrauen zu ihm, wo immer man in dieser Welt lebte. Das ist eine erstaunliche Aussage! Hier geht es um Gottvertrauen mitten in der Welt, nicht als Flucht aus der Welt. Sicher gibt es die einen oder anderen Reibungspunkte zwischen dem Vertrauen zu einem Gott des Friedens und einer Welt, die Probleme oft lieber mit Gewalt löst oder verschlimmert. Sicher ist die Weltordnung oft eher eine Weltunordnung, wenn Menschen in ihr an den Rand gedrängt werden und nicht zu ihrem Recht kommen. Aber das Vertrauen auf den fleischgewordenen Gott will mitten in dieser Welt zur Geltung kommen, das Reich Gottes wächst mitten unter uns, es will die bösen Strukturen, die in der Welt herrschen, von innen heraus mit dem Gutem überwinden, das von Jesus her in die Welt gekommen ist. Sicher wäre es naiv, anzunehmen, dass alle Welt bereits vom Glauben an Jesus ergriffen wäre. Aber zynisch und menschenverachtend wäre es, nicht wahrzunehmen, wie viele Spuren des Vertrauens auf den menschenfreundlichen Gott bereits überall in der Welt zu finden sind.

Und indem es überall in der Welt Menschen gibt, die im Vertrauen auf Jesus leben, auch hier in Gießen, in der Paulusgemeinde, wird Jesus zugleich „aufgenommen in die Herrlichkeit“. Mit diesen Worten endet unser frühchristliches Lied. So wie die Engel auf dem Hirtenfeld von der Ehre Gottes im Himmel singen, die sich darin verwirklicht, dass die Menschen auf Erden im Frieden leben, so wird hier das Gottvertrauen auf Erden damit verknüpft, dass Jesus Anteil an Gottes Ehre bekommt. Der im Geist gerecht gesprochene Jesus wird in Gottes Herrlichkeit aufgenommen, indem er uns allen Zugang zu Gott, zu seiner Liebe, zu seinem Frieden eröffnet.

Gott will nicht als Herrscher über uns thronen, er kommt mit seiner Liebe und seinem Frieden zu uns in die Welt. Und umgekehrt ist Jesus der wahre Sohn Gottes, indem er ganz und gar der wahre Mensch bleibt. In die Herrlichkeit Gottes wird Jesus aufgenommen, weil er dem Ebenbild Gottes, zu dem der Mensch geschaffen wurde, vollkommen entspricht – und er ermutigt uns dazu, es ebenfalls wie Gott zu machen: Wahrhaft menschlich zu werden!

Groß ist, so bekennen wir,
das Geheimnis des Glaubens:
Er ist offenbart im Fleisch,
gerechtfertigt im Geist,
erschienen den Engeln,
gepredigt den Heiden,
geglaubt in der Welt,
aufgenommen in die Herrlichkeit.

Sind wir damit dem Weihnachtsgeheimnis auf die Spur gekommen? Das wird sich dort erweisen, wo wir uns mit hineinnehmen lassen in die Geschichte Jesu, wo wir wahrnehmen, wie das Reich Gottes mitten unter uns wächst und wir daran mitbauen können. Im Kind in der Krippe können wir mit den Engeln gemeinsam das Wunder anschauen und bestaunen, dass der große Gott einer von uns wird, dass ihm unser Schicksal nicht gleichgültig ist. So macht er uns Mut zu den kleinen Schritten der Liebe und des Friedens in unserem Leben. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen aus dem Lied 37 die Strophen 1 bis 4 und betrachten das Weihnachtsgeheimnis musikalisch:

1. Ich steh an deiner Krippen hier, o Jesu, du mein Leben; ich komme, bring und schenke dir, was du mir hast gegeben. Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn, Herz, Seel und Mut, nimm alles hin und lass dir’s wohlgefallen.

2. Da ich noch nicht geboren war, da bist du mir geboren und hast mich dir zu eigen gar, eh ich dich kannt, erkoren. Eh ich durch deine Hand gemacht, da hast du schon bei dir bedacht, wie du mein wolltest werden.

3. Ich lag in tiefster Todesnacht, du warest meine Sonne, die Sonne, die mir zugebracht Licht, Leben, Freud und Wonne. O Sonne, die das werte Licht des Glaubens in mir zugericht‘, wie schön sind deine Strahlen!

4. Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen; und weil ich nun nichts weiter kann, bleib ich anbetend stehen. O dass mein Sinn ein Abgrund wär und meine Seel ein weites Meer, dass ich dich möchte fassen!

Fürbitten und Stille und Vater unser

Wir singen das Lied 44:

1) O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit! Welt ging verloren, Christ ist geboren: Freue, freue dich, o Christenheit!

2) O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit! Christ ist erschienen, uns zu versühnen: Freue, freue dich, o Christenheit!

3) O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit! Himmlische Heere jauchzen dir Ehre: Freue, freue dich, o Christenheit!

Abkündigungen

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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