Gott – Mutter!

Wenn wir wach sind für das, was uns geschenkt werden kann, können wir besser ertragen, was wir Schmerzliches erleben, denn wir müssen es nicht allein durchmachen. Wir werden dann auch wachsamer sein für das Leid, das andere Menschen zu tragen haben. Der Gott, der uns wie eine Mutter tröstet, der will von uns, dass wir uns gegenseitig nicht allein lassen.

Kerzen für Verstorbene des vergangenen Kirchenjahrs in der Paulusgemeinde

Kerzen für Verstorbene des vergangenen Kirchenjahrs in der Paulusgemeinde

direkt-predigtGottesdienst am Ewigkeitssonntag, 23. November 2014, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Im Namen des Kirchenvorstandes begrüße ich alle herzlich zum Gottesdienst am Totensonntag in der Pauluskirche mit einem Bibelwort aus dem Propheten Jesaja 66, 13. Gott spricht:

„Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“

Dieses Wort wird auch der Predigt zu Grunde liegen.

Der Totensonntag hat auch noch einen anderen Namen: Ewigkeitssonntag. Von Bildern der Ewigkeit Gottes singen wir das erste Lied 450:

1. Morgenglanz der Ewigkeit, Licht vom unerschaffnen Lichte, schick uns diese Morgenzeit deine Strahlen zu Gesichte und vertreib durch deine Macht unsre Nacht.

2. Deiner Güte Morgentau fall auf unser matt Gewissen; lass die dürre Lebens-Au lauter süßen Trost genießen und erquick uns, deine Schar, immerdar.

3. Gib, dass deiner Liebe Glut unsre kalten Werke töte, und erweck uns Herz und Mut bei entstandner Morgenröte, dass wir, eh wir gar vergehn, recht aufstehn.

4. Ach du Aufgang aus der Höh, gib, dass auch am Jüngsten Tage unser Leib verklärt ersteh und, entfernt von aller Plage, sich auf jener Freudenbahn freuen kann.

5. Leucht uns selbst in jener Welt, du verklärte Gnadensonne; führ uns durch das Tränenfeld in das Land der süßen Wonne, da die Lust, die uns erhöht, nie vergeht.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Totensonntag – der Name dieses Sonntags beschreibt deutlich eine harte Realität: auch im vergangenen Kirchenjahr, das heute zu Ende geht, sind Menschen in unserer Paulusgemeinde gestorben. Wir mussten von Menschen Abschied nehmen, die uns an Herz gewachsen waren; uns wurden Menschen genommen, auf die wir glaubten, nicht verzichten zu können; wir haben um alte Menschen getrauert, denen ein langes Leben geschenkt war, aber auch um Menschen, die noch nicht so alt waren. Wir sind einen Weg gegangen seit der Beerdigung derer, die wir liebten; jeder ist diesen Weg anders gegangen. Manche Wunden haben begonnen zu heilen, andere sind noch frisch, einige werden wohl nie ganz aufhören zu schmerzen. Mit diesen Empfindungen und Gedanken sind wir hier am Totensonntag.

Ewigkeitssonntag – auch der andere Name dieses Sonntags beschreibt eine Realität: Er drückt aus, dass nicht der Tod die letzte und stärkste Macht über unser Leben ist. Gottes Ewigkeit ist größer, Gottes ewige Liebe ist stärker. Wo wir meinen, am Ende zu sein, kann Gott mit uns neu anfangen. Das ist Trost und Herausforderung zugleich. Das ist die Einladung Gottes auf einen nicht einfachen, aber verheißungsvollen Weg. Ein Stückchen dieses Weges können wir heute in diesem Gottesdienst gemeinsam gehen. Wir können uns Gedanken machen über Gottes Ewigkeit, Gottes Liebe, Gottes Trost für uns. Wir können im Gebet erfahren, wie Gott uns nahe kommt; wir können bitten um seine Nähe. Wir können spüren, was bei dem allen in uns vorgeht, wonach wir uns sehnen, was wir einfach ertragen müssen oder wo wir einen Schritt weiter gehen können.

Machen wir uns gemeinsam auf den Weg!

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Gott, wir sind in deiner Kirche zusammengekommen, viele mit Trauer im Herzen, manche im Stillen verzweifelt, einige belastet bis zur äußersten Grenze, der eine oder andere auch mit Groll erfüllt gegen dich oder mit einer lähmenden Mutlosigkeit. Andere wieder durften Freude erleben oder sind erfüllt von Trost. Und manche haben vielleicht auch weggesteckt, was sie belastet, und empfinden nicht mehr, was sie quält. Wie auch immer wir hier sind, verzweifelt oder getröstet, mit Schuldgefühlen oder ganz gelassen, wir vertrauen uns dir und deiner Liebe an. Wir rufen zu dir:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Komm zu uns, Gott, auf die sanfte Weise, von der wir im ersten Lied gesungen haben:

Wie es in der Morgendämmerung nur nach und nach, ganz allmählich hell wird, so erlaubst du uns, dass wir uns Zeit lassen, uns an dich zu gewöhnen. Wie der Tau des Morgens den Boden nicht richtig durchnässt, sondern nur anfeuchtet, so willst du uns geben, was wir brauchen, nicht mehr und nicht weniger. Du willst uns nicht erdrücken mit deiner Liebe, du nimmst uns nicht die Verantwortung ab für unser Leben, du willst uns stärken für die Aufgaben, die wir zu bewältigen haben, und du willst nicht, dass wir uns dabei überfordern.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Barmherziger Gott, wärme uns mit deiner Liebe, so dass auch die Menschen, die bei uns sind, die Wärme unseres Herzen spüren. Gib uns die Stütze anderer Menschen, wo wir sie brauchen und hilf uns selber aufzustehen, um andere stützen zu können. Dies bitten wir dich durch Jesus Christus, unseren Herrn. „Amen.“

Wir hören heute in der Schriftlesung zwei Abschnitte aus der Bibel. Der eine steht im Evangelium nach Markus 13, 31-37:

31 Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen.

32 Von dem Tage aber und der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater.

33 Seht euch vor, wachet! denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist.

34 Wie bei einem Menschen, der über Land zog und verließ sein Haus und gab seinen Knechten Vollmacht, einem jeden seine Arbeit, und gebot dem Türhüter, er solle wachen:

35 so wacht nun; denn ihr wisst nicht, wann der Herr des Hauses kommt, ob am Abend oder zu Mitternacht oder um den Hahnenschrei oder am Morgen,

36 damit er euch nicht schlafend finde, wenn er plötzlich kommt.

37 Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Wachet!

Dazu hören wir einen zweiten Bibeltext aus dem Brief an die Hebräer 4, 9-11:

9 Es ist noch eine Ruhe vorhanden für das Volk Gottes.

10 Denn wer zu Gottes Ruhe gekommen ist, der ruht auch von seinen Werken so wie Gott von den seinen.

11 So lasst uns nun bemüht sein, zu dieser Ruhe zu kommen, damit nicht jemand zu Fall komme durch den gleichen Ungehorsam.

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis

Wir singen nun ein Lied, das eigentlich ein Kinderlied ist, aber es kann auch von Erwachsenen ernsthaft gesungen werden, die sich dessen bewusst sind, dass wir in den mütterlichen Armen Gottes geborgen sind, sowohl im Leben als auch im Sterben als auch in dem Tod, den Gott für uns bestimmt hat. Es ist das Lied 408:

Meinem Gott gehört die Welt

Liebe Gemeinde, nun zünden wir wieder Kerzen an, um an Mitglieder unserer Evangelischen Paulusgemeinde zu denken, die wir im vergangenen Kirchenjahr bestattet haben. Wir lassen Lichter aufscheinen zum Zeichen des Glaubens: Wir dürfen auf Gott vertrauen. Wir lassen Lichter brennen zum Zeichen der Liebe: Wir bleiben mit den Toten in Liebe verbunden. Wir lassen Lichter leuchten zum Zeichen der Hoffnung: Wir gehen im Tode nicht verloren. So denken wir in stillem Gebet an die Verstorbenen, um die wir trauern, und zünden eine Kerze an – für:

insgesamt 32 Verstorbene der Evangelischen Paulusgemeinde Gießen

Vielleicht gibt es noch andere Menschen, um die Sie trauern, die nicht hier oder nicht in diesem Jahr gestorben sind. Sie können, wenn Sie möchten, jetzt nach vorn kommen und auch für sie eine Kerze anzünden.

Orgelmusik

Wir singen aus dem Lied 326 die Strophen 1 bis 3:

1. Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut, dem Vater aller Güte, dem Gott, der alle Wunder tut, dem Gott, der mein Gemüte mit seinem reichen Trost erfüllt, dem Gott, der allen Jammer stillt. Gebt unserm Gott die Ehre!

2. Es danken dir die Himmelsheer, o Herrscher aller Thronen; und die auf Erden, Luft und Meer in deinem Schatten wohnen, die preisen deine Schöpfermacht, die alles also wohl bedacht. Gebt unserm Gott die Ehre!

3. Was unser Gott geschaffen hat, das will er auch erhalten, darüber will er früh und spat mit seiner Güte walten. In seinem ganzen Königreich ist alles recht, ist alles gleich. Gebt unserm Gott die Ehre!

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, zur Predigt lese ich noch einmal aus dem Buch des Propheten Jesaja 66, 13. Gott spricht:

„Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“

Wer vorhin aufmerksam die beiden Schriftlesungen aus dem Markusevangelium und dem Hebräerbrief gehört hat, der hat vielleicht einen Widerspruch empfunden:

Bei Markus hieß es: „Bleibt wach!“, und im Hebräerbrief haben wir gehört: „Es ist noch eine Ruhe vorhanden für das Volk Gottes.“

Schließt sich nicht beides aus? Wachsam sein, verantwortungsbewusst leben, immer auf dem Sprung sein, das zu tun, was gerade angemessen ist? Und auf der anderen Seite: Ruhe finden, sich zurückziehen, schlafen können, Verantwortung abgeben können? Sind das nicht unvereinbare Gegensätze? Manchmal finden wir diese Auseinandersetzung ja auch zwischen verschieden geprägten Christen: die einen suchen mehr die Stille im Gottesdienst; andere wollen sich in Unruhe versetzen lassen durch das Leid und die Probleme in der Welt. Die einen wollen beten, die anderen aktiv die Welt verändern.

Denken wir genauer darüber nach, werden wir einsehen: beides ist nicht unvereinbar. Beides gehört sogar untrennbar zusammen: die Wachsamkeit und die Ruhe. Beides schließt sich nur aus, wenn man versucht, es genau zur selben Zeit zu tun. Das geht nicht: zugleich wach zu bleiben und schlafen, gleichzeitig angespannt zu sein und sich zu entspannen. Alles auf einmal geht nicht, nicht zu jeder Zeit ist das gleiche von uns allen gefordert.

Wenn eine Mutter da ist, die tröstet, vielleicht auch eine Tante, eine Oma, vielleicht auch ein mütterlich tröstender Papa oder Opa, dann muss das Kind selber gar nichts tun. Es kann in den Armen der Mama, der Tante, des Opas liegen, sich an sie oder ihn kuscheln und einfach spüren, dass dieser Mensch da ist. Wenn das Kind genug getröstet worden ist, wenn es genug geweint hat oder genug die Wärme und Nähe gespürt hat, dann wird es wieder vom Schoß heruntergehen und etwas anderes tun – was es vorher vielleicht so nicht hätte tun können.

Ein andermal ist es vielleicht die Mutter, die selber Trost braucht und ihn bei ihrem Mann sucht, oder umgekehrt. Es ist gut, wenn man selber das Bedürfnis nach Abschalten, Loslassen, nach Ruhe und Geborgenheit hat, dass man dann jemanden findet, der in diesem Moment ganz wach ist und voll für einen da sein kann.

Wir brauchen also manchmal Zeiten der Ruhe, in denen wir uns sammeln, in denen wir uns vergewissern, dass wir geliebt werden, in denen wir unseren Nerven eine Entspannungspause gönnen. Dadurch gewinnen wir neue Kraft für unseren oft unruhigen Alltag, in dem wir all unsere Wachsamkeit und Energie brauchen. Und gerade, wenn jemand viel durchgemacht hat, wenn er einen lieben Menschen, den Ehepartner, die Mutter, das eigene Kind verloren hat, dann sehnt er sich wohl nach nichts mehr als nach Ruhe für seine Seele.

„In der Ruhe liegt die Kraft!“ Wir brauchen Ruhe, innere Ruhe, um dann wieder wach und verantwortungsbewusst leben zu können. Wenn die Mutter ihr Kind getröstet hat, kann es sich wieder in das Spiel und den Ernst seines Alltags stürzen. Aber wie finden wir Erwachsenen Trost und Ruhe? Müssen wir nicht, um Ruhe zu finden, alles andere abschalten, alle Sorgen, alle schmerzhaften Gefühle, alle Probleme, vor allem die Probleme der anderen Leute, weil ja die eigenen weh genug tun? Können wir es uns, wenn wir innere Ruhe finden wollen, überhaupt leisten, wachsam zu sein, wache Sinne zu behalten? Müssen wir uns nicht betäuben, um nicht krank oder verrückt zu werden vor Verzweiflung – betäuben mit Arbeit oder innerer Abstumpfung oder Tabletten oder viel Ablenkung?

Ein Text aus dem Anhang des Alten Testaments, aus dem Buch Sirach (40, 1-7), spricht deutlich aus, wie sehr das Leben der Menschen von Unruhe geprägt ist:

1 Großes Elend ist jedem Menschen zugeteilt, und ein schweres Joch liegt auf den Menschenkindern von Mutterleib an, bis sie zur Erde zurückkehren, die unser aller Mutter ist.

2 Da sind immer Sorge, Furcht, Hoffnung und zuletzt der Tod

3 sowohl bei dem, der in hohen Ehren sitzt, wie bei dem, der im Staube liegt;

4 sowohl bei dem, der Purpur und Krone trägt, wie bei dem, der einen groben Kittel anhat. Da sind immer Zorn, Eifersucht, Kummer, Unfriede und Todesfurcht, Hass und Streit.

5 Und wenn einer des Nachts auf seinem Bett ruhen und schlafen soll, beunruhigen ihn allerlei Gedanken.

6 Wenn er schon ein wenig ruht, so ist‘s doch nichts damit; denn bald ist ihm im Schlaf, als wäre es Tag und er sähe die Feinde kommen, und er erschrickt im Traum, als fliehe er aus der Schlacht;

7 und im Augenblick der Not wacht er auf und ist heilfroh, dass die Furcht umsonst war.

Unruhe, Grübeln, Angst, Sorge, Todesangst und Hass – das treibt die Menschen um. Und Abschalten nützt nichts, bis in die Träume hinein reicht die Unruhe, Fliehen ist zwecklos vor der Unruhe, die aus dem eigenen Innern aufsteigt. So alt ist also schon die Erkenntnis, die uns die moderne Tiefenpsychologie wieder zugänglich gemacht hat, dass uns in unseren Träumen die Dinge bedrängen, die wir im Alltag nicht wahrhaben wollen.

Der Wunsch, nichts zu sehen, nichts zu hören, nichts zu fühlen, wenn man einem übermächtigen Schmerz ausgesetzt ist, ist eine verständliche Notlösung, wenn man keine andere Möglichkeit hat. Aber so findet man die innere Ruhe nicht. Wenn wir versuchen, abzuschalten, uns zu betäuben, dann kriegen wir vor allem die Liebe und Anerkennung von anderen Menschen nicht mehr richtig mit. Wir können uns nicht mehr richtig freuen.

Umgekehrt ist ja das Schlimme am Wachsein, an der wachen Aufmerksamkeit, dass man alles mitkriegt, Freude und den tiefsten Schmerz, Aufgaben, denen wir uns gerne stellen, und Herausforderungen, denen wir uns nicht gewachsen fühlen, geliebt werden und missachtet werden. Wie kann man alles mitbekommen und fühlen und wahrnehmen – massive Angst oder Traurigkeit, tiefen Schmerz, Verzweiflung, vielleicht auch Wut- und Hassgefühle – und damit dann fertig werden?

Ja, wenn wir noch Kinder wären und eine gute Mutter hätten, zu der wir kommen könnten und alles erzählen, bei der wir uns ankuscheln könnten und unser Herz ausschütten! Dann bräuchten wir keine Angst davor zu haben, wir könnten vielleicht nicht mehr aufhören zu weinen, wenn wir einmal anfangen. Dann würde sie verstehen, wenn wir wütend sind und uns davon abhalten, mit dieser Wut etwas Schlimmes anzurichten.

Mit dieser Sehnsucht sind wir Erwachsene und tragen aber doch noch das Kind in uns, das wir alle einmal waren und immer bleiben werden. Diesen Teil in uns spricht der Gott der Bibel im Jesajabuch an, wenn er sagt:

„Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“

Ich möchte das vor allem all denen heute eindringlich sagen, die gelernt haben, sich vor einem vor allem fordernden, strafenden Gottvater zu fürchten. Gott ist auch wie eine Mutter. Dieser Vater hat auch mütterliche Züge. Dieser Gott fordert nicht, wo er nicht zuvor gegeben hat. Dieser Gott hält es aus, wenn wir auf ihn zornig sind und ihn anklagen, wenn wir ihn nicht verstehen. Trotzdem ist er da für uns, trotzdem hält er uns, wenn wir uns fallen lassen, trotzdem leitet er uns sanft an, wieder neue Schritte zu versuchen, nachdem wir uns etwas gefasst haben.

Nach der Predigt werden wir ein Lied singen aus dem 17. Jahrhundert, da werden wir dieser Vorstellung von Gott noch etwas nachgehen können: ein Gott, der uns mit Mutterhänden leitet (nicht mit militärischen Drill), ein Gott, der uns mit Vateraugen ansieht, so dass wir Ruhe finden (und nicht angstvoll erschrecken).

Wir werden anders fühlen, anders denken, anders wachsam sein und anders handeln, wenn wir uns auf diesen Gott einlassen. Wem das, was Jesaja sagt, zu weit weg ist, der mag an die Art Jesu denken, der sanft war, aber nicht schwächlich, der klar denken konnte und Gefühle zeigte.

Und wer nun denkt: Jesus ist schon lange nicht mehr bei uns, und was hilft das alles mir: der sei daran erinnert, dass all das, was Gott uns gibt, uns meistens durch andere Menschen gegeben wird. Manchmal auch direkt durch das Lesen der Bibel oder durch das Gebet. Wenn wir zur Bibel und zum Gebet von uns aus wenig Zugang haben, dann können wir doch andere Menschen suchen, die – weil sie selber Trost erfahren haben – uns trösten können, wie eine Mutter tröstet. Die Mutter, die ihr Kind trösten kann, braucht ein andermal vielleicht selber jemanden, der ihr voll und ganz zuhört, und findet vielleicht in ihrem Mann oder in ihrer besten Freunden einen Menschen, bei dem sie sich aussprechen kann. Ein Mann, dessen Frau sich überfordert fühlt, ihn zu trösten, kann sich vielleicht einem Freund oder einem Pfarrer anvertrauen. Wenn man den Wunsch hat, einmal alles loszuwerden, was einen bedrückt, um innerlich zur Ruhe zu kommen, dann ist es gut, wenn man jemanden findet, der in diesem Moment ganz wach ist und voll für einen da sein kann und will. Jemanden, vor dem man sich nicht seiner Tränen schämen muss. Jemanden, dem man alles sagen kann, ohne dass er etwas ausplaudert.

Ich betone noch einmal: dieses Trösten können wir alle lernen. Jeder kann trösten, der selber getröstet worden ist, der sich selber, immer wieder innerliche Ruhe holt, sei es im Gebet oder bei Menschen seines Vertrauens. Ich meine nicht einen Trost, der einem die Probleme ausredet, der einem weismachen will, es sei alles nicht so schlimm. Dieser Trost ist kein Betäubungsmittel, sondern ein Weg, schmerzhafte Erfahrungen gemeinsam zu tragen, Gefühle nicht drinbehalten zu müssen, sondern ausdrücken zu können.

Deshalb ist es nicht nur wahr, dass einer, der innere Ruhe bekommen hat, wieder wachsamer seinen Alltagssorgen gegenübertreten kann, sondern auch umgekehrt: Wachsein führt zu innerer Ruhe. Nämlich ein Wachsein, das offen ist für den Trost, der von Gott kommt und der uns oft durch andere Menschen vermittelt wird. Wenn wir wach sind für das, was uns geschenkt werden kann, können wir auch besser ertragen, was wir Schmerzliches erleben, denn wir müssen es nicht allein durchmachen. Und schließlich werden wir dann auch wachsamer sein für das Leid, das andere Menschen zu tragen haben. Der Gott, der uns wie eine Mutter tröstet, der will von uns, dass wir uns gegenseitig nicht allein lassen. Dazu brauchen wir nicht viel Stärke aus uns selbst heraus; es genügt, dass wir uns auf das einlassen, was Gott uns schenken will. Es ist der Gott, den der Apostel Paulus einmal im Geiste durch Jesu Mund zu sich so hat reden hören (2. Korinther 12, 9):

„Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“

Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen aus dem Lied 326 die Strophen 4 bis 7:

4. Ich rief zum Herrn in meiner Not: »Ach Gott, vernimm mein Schreien!« Da half mein Helfer mir vom Tod und ließ mir Trost gedeihen. Drum dank, ach Gott, drum dank ich dir; ach danket, danket Gott mit mir! Gebt unserm Gott die Ehre!

5. Der Herr ist noch und nimmer nicht von seinem Volk geschieden; er bleibet ihre Zuversicht, ihr Segen, Heil und Frieden. Mit Mutterhänden leitet er die Seinen stetig hin und her. Gebt unserm Gott die Ehre!

6. Wenn Trost und Hilf ermangeln muss, die alle Welt erzeiget, so kommt, so hilft der Überfluss, der Schöpfer selbst, und neiget die Vateraugen denen zu, die sonsten nirgends finden Ruh. Gebt unserm Gott die Ehre!

7. Ich will dich all mein Leben lang, o Gott, von nun an ehren, man soll, Gott, deinen Lobgesang an allen Orten hören. Mein ganzes Herz ermuntre sich, mein Geist und Leib erfreue dich! Gebt unserm Gott die Ehre!

Gott, wir danken dir, dass du für uns da bist wie eine gute Mutter und wie ein guter Vater. Wir danken dir, dass wir uns nicht betäuben müssen, um unser Leben und unsere innere Not auszuhalten, dass wir von dir lernen können, unseren Schmerz gemeinsam zu tragen. Wir danken dir, dass du uns neue Wege zeigst und uns immer wieder neue Verantwortung zutraust. Du kannst uns trösten, weil du der bist, der schon immer war und ohne den die Welt nicht wäre. Du kannst uns trösten, weil dir die Welt nicht gleichgültig ist, weil du mit uns mitleidest. Du kannst uns trösten, weil in dir die Welt ihre Erfüllung findet, weil nicht der Tod, sondern du das Ziel der Welt bist, weil du dafür geradestehst, dass einmal alles Leid und alle Bosheit dieser Welt überwunden sein wird. Wir können uns nicht vorstellen, wie ewiges Leben ist, aber wir sehnen uns danach, nicht nur ein Stäubchen im Weltall zu sein, nicht mit unserem Tod im Vergessen zu versinken; wir sehnen uns danach, mit unseren Lieben, die gestorben sind, wieder vereinigt zu sein, und eine Freude zu empfinden, die nie vergeht. Lass uns wach sein für dich, denn du hast uns ewiges Leben versprochen. Wir wissen nicht, wie du auf unsere Sehnsucht antworten wirst, aber wir dürfen daran glauben, dass du uns nicht enttäuschen wirst. Wenn du die Erde und das riesige Weltall aus dem Nichts geschaffen hast, dann können wir dir auch zutrauen, uns neu zu schaffen in einem neuen, ewigen Leben.

In der Stille bringen wir vor dich, Gott, was wir persönlich auf dem Herzen haben:

Gebetsstille

Was wir fühlen und denken, was wir wünschen und was wir brauchen, bringen wir in dieser Stunde vor dich, Gott. Wir fassen alles zusammen in dem Gebet, das Jesus Christus uns zu beten lehrte:

Vater unser

Wir singen das Lied 488:

Bleib bei mir, Herr!
Abkündigungen

Empfangt Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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