Jesu verbotenes Gespräch am Jakobsbrunnen

Jesus nimmt die Samaritanerin ernst. Sie darf sich akzeptieren und anderen etwas geben, muss bei Schwierigkeiten nicht von einer Beziehung in die andere flüchten. Erfülltes Leben ist möglich, wenn wir Gott wichtig sind, der uns liebt; diesem Gott ist zuzutrauen, dass er uns umkrempelt, als wenn wir neu geboren wären, so dass wir innerlich eine sprudelnde Quelle werden.

Kirchenfenster: Jesus spricht mit einer Samariterin am Jakobsbrunnen, die ihm Wasser aus dem Brunnen schöpft

Jesus spricht mit einer Samariterin am Jakobsbrunnen (Bild: pixabay.com)

direkt-predigtFestgottesdienst anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Evangelischen Frauenhilfe Reichelsheim am 3. Sonntag nach Epiphanias, den 25. Januar 1981, in der Reichelsheimer Kirche
Orgelvorspiel (Ralf Schäfer)

Ich begrüße Sie alle an diesem Nachmittag ganz herzlich zu unserem Festgottesdienst anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Evangelischen Frauenhilfe Reichelsheim! Besonders grüße ich die Mitglieder der Frauenhilfe selbst, aber auch die anderen Gemeindeglieder, und wir Reichelsheimer gemeinsam heißen in unserer Mitte auch die Gäste willkommen, die von außerhalb gekommen sind, von nah oder fern! Musikalisch werden wir heute auf zweierlei Weise erfreut: unser Heuchelheimer Organist Ralf Schäfer wechselt sich in der Begleitung der Lieder ab mit der Jugendkapelle des Musikvereins Reichelsheim, für deren Mitwirkung ich jetzt schon ein herzliches Dankeschön ausspreche.

Lied EKG 231, 1+5-8 (EG 322):

1. Nun danket all und bringet Ehr, ihr Menschen in der Welt, dem, dessen Lob der Engel Heer im Himmel stets vermeld’t.

5. Er gebe uns ein fröhlich Herz, erfrische Geist und Sinn und werf all Angst, Furcht, Sorg und Schmerz ins Meeres Tiefe hin.

6. Er lasse seinen Frieden ruhn auf unserm Volk und Land; er gebe Glück zu unserm Tun und Heil zu allem Stand.

7. Er lasse seine Lieb und Güt um, bei und mit uns gehn, was aber ängstet und bemüht, gar ferne von uns stehn.

8. Solange dieses Leben währt, sei er stets unser Heil, und wenn wir scheiden von der Erd, verbleib er unser Teil.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Jesus sagt (Johannes 4, 14 – GNB):

„Wer … von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, wird niemals mehr Durst haben. Ich gebe ihm lebendiges Wasser, das in ihm zu einer Quelle wird, die ewiges Leben schenkt.“ (Johannesevangelium 4, 14)

Gott, unser barmherziger und gütiger Vater! Wir sind dankbar an einem solchen Tag, an dem wir Jubiläum feiern können. Dankbar für die Gemeinschaft, die Aufgaben, die Freude dieser Jahre, und auch für das, was uns selbst und anderen an Hilfe zuteil wurde, schließlich auch für das, was Anstrengungen oder einen kleinen Kampf, Ausdauer oder Geduld gekostet hat. Wir würden uns nicht mit Recht Christen nennen, wenn uns nicht zugleich bewusst wäre, dass wir nicht uns selbst feiern, nicht unsere Fähigkeiten rühmen, sondern dass wir dankbar sind für das, was du uns geschenkt hast. Und Grund genug haben wir auch, um Vergebung zu bitten, wo wir kraftlos waren, deinem Geist zu wenig zugetraut haben, wo wir Außenstehenden nicht offen genug erschienen. Wir bitten dich an diesem Tag nm neue gute Anfänge in deinem Geist! Schenke uns, dass wir dankbar zurückschauen und zuversichtlich in die Zukunft blicken können. Amen.

Lied EKG 143, 1-3 (EG 143):

1. O Gott, du höchster Gnadenhort, verleih, dass uns dein göttlich Wort von Ohren so zu Herzen dring, dass es sein Kraft und Schein vollbring.

2. Der einig Glaub ist diese Kraft, der fest an Jesus Christus haft’; die Werk der Lieb sind dieser Schein, dadurch wir Christi Jünger sein.

3. Verschaff bei uns auch, lieber Herr, dass wir durch deinen Geist je mehr in dein’r Erkenntnis nehmen zu und endlich bei dir finden Ruh.

Jesus und die Samariterin am Jakobsbrunnen

Jesus und die Samariterin am Jakobsbrunnen

Wir hören nun als Schriftlesung den Text aus dem Johannesevangelium, Kapitel 4, über den ich nachher auch predigen möchte. Sie finden ihn im Innenteil des Liedblattes, und ich bitte Sie, gleich beim Vorlesen den Text mitzuverfolgen, da es beim einfachen Hören vielleicht nicht ganz leicht ist, den Faden nicht zu verlieren. Das dort abgedruckte Bild ist die bildliche Entsprechung zum Text, leider sehr klein und etwas undeutlich wiedergegeben. Wer sich das Bild zum Text anschauen möchte, dem möchte ich ein paar Hilfen geben, sich auf dem Bild zurechtzufinden: in der Mitte der Jakobsbrunnen vor den Toren des Dorfes Sychar; links eine Frau mit einem Krug, den Oberkörper etwas zurückgebeugt, die Wasser holt; rechts unten Jesus, sitzend, im Gespräch mit der Frau, mit der einen Hand auf sich, mit der andern auf die Frau zeigend; hinter Jesus drei Männer, untereinander im Gespräch über Jesus und die Frau, es sind wohl die Jünger Jesu. Ich lese den Text…

4 Er [Jesus] musste aber durch Samarien reisen.

5 Da kam er in eine Stadt Samariens, die heißt Sychar, nahe bei dem Feld, das Jakob seinem Sohn Josef gab.

6 Es war aber dort Jakobs Brunnen. Weil nun Jesus müde war von der Reise, setzte er sich am Brunnen nieder; es war um die sechste Stunde.

7 Da kommt eine Frau aus Samarien, um Wasser zu schöpfen. Jesus spricht zu ihr: Gib mir zu trinken!

8 Denn seine Jünger waren in die Stadt gegangen, um Essen zu kaufen.

9 Da spricht die samaritische Frau zu ihm: Wie, du bittest mich um etwas zu trinken, der du ein Jude bist und ich eine samaritische Frau? Denn die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern.

10 Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, du bätest ihn, und der gäbe dir lebendiges Wasser.

11 Spricht zu ihm die Frau: Herr, hast du doch nichts, womit du schöpfen könntest, und der Brunnen ist tief; woher hast du dann lebendiges Wasser?

12 Bist du mehr als unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen gegeben hat? Und er hat daraus getrunken und seine Kinder und sein Vieh.

13 Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten;

14 wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.

15 Spricht die Frau zu ihm: Herr, gib mir solches Wasser, damit mich nicht dürstet und ich nicht herkommen muss, um zu schöpfen!

16 Jesus spricht zu ihr: Geh hin, ruf deinen Mann und komm wieder her!

17 Die Frau antwortete und sprach zu ihm: Ich habe keinen Mann. Jesus spricht zu ihr: Du hast recht geantwortet: Ich habe keinen Mann.

18 Fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann; das hast du recht gesagt.

19 Die Frau spricht zu ihm: Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist.

20 Unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet, und ihr sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten soll.

21 Jesus spricht zu ihr: Glaube mir, Frau, es kommt die Zeit, dass ihr weder auf diesem Berge noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet.

22 Ihr wisst nicht, was ihr anbetet; wir wissen aber, was wir anbeten; denn das Heil kommt von den Juden.

23 Aber es kommt die Zeit und ist schon jetzt, in der die wahren Anbeter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn auch der Vater will solche Anbeter haben.

24 Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.

25 Spricht die Frau zu ihm: Ich weiß, daß der Messias kommt, der da Christus heißt. Wenn dieser kommt, wird er uns alles verkündigen.

26 Jesus spricht zu ihr: Ich bin’s, der mit dir redet.

27 Unterdessen kamen seine Jünger, und sie wunderten sich, dass er mit einer Frau redete; doch sagte niemand: Was fragst du? oder: Was redest du mit ihr?

28 Da ließ die Frau ihren Krug stehen und ging in die Stadt und spricht zu den Leuten:

29 Kommt, seht einen Menschen, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe, ob er nicht der Christus sei!

30 Da gingen sie aus der Stadt heraus und kamen zu ihm.

31 Inzwischen mahnten ihn die Jünger und sprachen: Rabbi, iss!

32 Er aber sprach zu ihnen: Ich habe eine Speise zu essen, von der ihr nicht wisst.

33 Da sprachen die Jünger untereinander: Hat ihm jemand zu essen gebracht?

34 Jesus spricht zu ihnen: Meine Speise ist die, dass ich tue den Willen dessen, der mich gesandt hat, und vollende sein Werk.

35 Sagt ihr nicht selber: Es sind noch vier Monate, dann kommt die Ernte? Siehe, ich sage euch: Hebt eure Augen auf und seht auf die Felder, denn sie sind reif zur Ernte.

36 Wer erntet, empfängt schon seinen Lohn und sammelt Frucht zum ewigen Leben, damit sich miteinander freuen, der da sät und der da erntet.

37 Denn hier ist der Spruch wahr: Der eine sät, der andere erntet.

38 Ich habe euch gesandt, zu ernten, wo ihr nicht gearbeitet habt; andere haben gearbeitet, und euch ist ihre Arbeit zugute gekommen.

39 Es glaubten aber an ihn viele der Samariter aus dieser Stadt um der Rede der Frau willen, die bezeugte: Er hat mir alles gesagt, was ich getan habe.

40 Als nun die Samariter zu ihm kamen, baten sie ihn, bei ihnen zu bleiben; und er blieb zwei Tage da.

41 Und noch viel mehr glaubten um seines Wortes willen

42 und sprachen zu der Frau: Von nun an glauben wir nicht mehr um deiner Rede willen; denn wir haben selber gehört und erkannt: Dieser ist wahrlich der Welt Heiland.

Lied EKG 346, 1+4+8 (EG 449):

1. Die güldne Sonne voll Freud und Wonne bringt unsern Grenzen mit ihrem Glänzen ein herzerquickendes, liebliches Licht. Mein Haupt und Glieder, die lagen darnieder; aber nun steh ich, bin munter und fröhlich, schaue den Himmel mit meinem Gesicht.

4. Abend und Morgen sind seine Sorgen; segnen und mehren, Unglück verwehren sind seine Werke und Taten allein. Wenn wir uns legen, so ist er zugegen; wenn wir aufstehen, so lässt er aufgehen über uns seiner Barmherzigkeit Schein.

8. Alles vergehet, Gott aber stehet ohn alles Wanken; seine Gedanken, sein Wort und Wille hat ewigen Grund. Sein Heil und Gnaden, die nehmen nicht Schaden, heilen im Herzen die tödlichen Schmerzen, halten uns zeitlich und ewig gesund.

Predigttext: Johannes 4, 27 (GNB)

Sie [die Jünger] waren höchst erstaunt, ihn [Jesus] im Gespräch mit einer Frau anzutreffen.

Liebe Gemeinde, liebe Frauen insbesondere, und ganz besonders: liebe Mitglieder der Frauenhilfe!

An einem Tag, an dem wir an 25 Jahre hinter uns liegender Arbeit der Evangelischen Frauenhilfe in Reichelsheim zurückdenken, überlegen wir uns vielleicht auch einmal: wieso gibt es überhaupt diese besondere Frauenarbeit in der Kirche? Könnte nicht alles in der Kirche gemeinsam von Männern und Frauen verantwortet, getragen und gestaltet werden? Die Antwort auf diese Frage ist nicht mit einem Satz zu geben. Ich greife deshalb nur einen besonderen Gesichtspunkt dieser Frage heraus und meine: Frauenarbeit in der Kirche, ob sie sich Frauenhilfe, Frauengruppe oder Frauenkreis nennt, ist wohl schon deshalb sinnvoll, weil es Frauen in einer noch immer weitgehend von Männern bestimmten Gesellschaft schwerer haben, ihren eigenen Wünschen und Sehnsüchten entsprechend zu leben bzw. ihre eigenen Möglichkeiten zur Mitverantwortung in Kirche und Gesellschaft zu verwirklichen. Nur ein Beispiel: wir hörten am Donnerstag in der Veranstaltung mit Frau Springe, wie es meist die Männer sind, um deretwillen Familien in eine völlig fremde Umgebung umziehen, weil der Beruf das so mit sich bringt – die Frauen ziehen mit, doch gerade sie fühlen sich in der neuen Umgebung oft sehr einsam.

Manchmal hört man nun aber auch Kritik an der kirchlichen Frauenarbeit, die sich so anhört: ihr wollt ja nur die Frauen in ihren besonderen Gruppen unmündig und abhängig halten. Sie dürfen besondere Dienste in der Gemeinde übernehmen, aber mitbestimmen – das sollte nicht überhandnehmen. Sie sollen ruhig Gebetstage und Gespräche über die Bibel abhalten, aber über ihre Probleme als Frauen in unserer Gesellschaft nachzudenken – das sollten sie doch lieber den feministischen Gruppen, den Frauenrechtlerinnen überlassen.

Worum geht es nun also in der kirchlichen Frauenarbeit? Um Bestätigung der Frauen in ihren althergebrachten Wirkungs- und Verantwortungsbereichen – oder auch um ein Ernstnehmen der Frauen, die in mancher Hinsicht unter den ihnen auferlegten Rollenzwängen und Schwierigkeiten leiden?

Ich finde Antworten auf diese Frage in dem Text aus dem Johannesevangelium, den Sie alle im Innenteil Ihres Liedblattes vor sich haben. Wir haben den Text vorhin gehört. Ein langer Text, ein vielschichtiger Text. Am Ende des Textes heißt es, dass viele Leute in Sychar zu Jesus Vertrauen fassten. Aber wie kam es dazu? Er macht sich nicht so in Sychar als Retter, als Messias, bekannt, dass er zum Dorfältesten geht und sagt: ich möchte bei euch eine Missionsveranstaltung machen. Nein, es fängt alles an mit einem Gespräch, das Jesus eigentlich gar nicht hätte führen dürfen.

Nach den damals gültigen gesellschaftlichen und religiösen Anschauungen war es nicht üblich, dass ein Mann auf einem öffentlichen Platz einfach eine Frau ansprach. Erst recht ungewöhnlich war es, dass er die Frau sogar als Gesprächspartnerin in religiösen Fragen ernst nahm. Die Jünger Jesu, also selbst seine engsten Freunde, waren höchst erstaunt, ihn im Gespräch mit einer Frau anzutreffen. Wenn es nicht Jesus gewesen wäre, der das tat, dann hätten sie ihn auch wohl gefragt: „Warum redest du mir ihr?“ Oder sie hätten die Frau angefahren: „Was willst du denn von ihm?“

Was Jesus tat, war aber eigentlich auch aus anderen Gründen verboten. Er als Jude, noch dazu als jüdischer Rabbi, hätte sich nun schon gar nicht in eine allzu enge Berührung mit einer samaritanischen Frau einlassen dürfen. Man fürchtete, unrein zu werden, nicht sauber zu bleiben, wenn man mit Leuten aus Samarien zu tun bekam. Es war so, wie es früher oft im Verhältnis evangelischer und katholischer Christen zueinander zuging, oder im Verhältnis der Christen zu den Juden, oder auch heute vielfach in der Beziehung zu ausländischen Mitbürgern, die dem Islam angehören.

Und zu guter Letzt: was war das für eine Frau! Sie geht zur Zeit der größten Mittagshitze, um zwölf Uhr, Wasser holen, zu einer Zeit, in der sonst niemand aus dem Dorf am Brunnen ist. Auch wenn der Zug der Erzählung, dass Jesus wie ein Hellseher genau die Vergangenheit der Frau kannte, eine Ausschmückung des Evangelisten ist, so konnte Jesus mit Sicherheit annehmen: diese Frau ist aus irgendeinem Grund ausgestoßen. Oder sie traut sich nicht, mit den anderen Frauen gemeinsam am kühlen Morgen oder Abend Wasser zu holen, wie es üblich war, mit lärmender Ausgelassenheit und Fröhlichkeit. Ob sie eine jener Frauen war, die aus wirtschaftlicher Not der Familie heraus sich prostituieren ließen, sich benützen ließen von oft angesehenen Männern? Oder ob sie ein Opfer jenes Gesetzes war, dass ein Mann seiner Frau nur einen Scheidebrief ausstellen mußte, um sich von ihr zu trennen? Oder ob sie aus sich selber nicht die Fähigkeit hatte, sich in einer Beziehung der Liebe und gegenseitigen Verantwortung zu binden? Wie auch immer: das Ergebnis war, dass sie eine war, auf die man mit dem Finger zeigte.

Allein schon die Tatsache, dass Jesus dieses verbotene Gespräch führt, mit einer Frau, mit einem religiös und gesellschaftlich rechtlosen Wesen, mit einer Ausländerin, mit einer Andersgläubigen, mit einer moralisch nach den üblichen Maßstäben nicht einwandfreien und also verachteten Frau – allein diese Tatsache sagt schon eine Menge über kirchliche Frauenarbeit aus, die sich an Jesus orientieren will. Da spielen z. B. konfessionelle oder religiöse Grenzen keine Rolle mehr – wir haben es ja ein wenig am Donnerstag erlebt, als wir im Kreise von evangelischen, katholischen und auch einzelnen islamischen oder aus der Kirche ausgetretenen Frauen zusammen waren. Und auch Männer waren gleichberechtigt zu Gast. Außerdem wird deutlich, dass kirchliche Frauenarbeit eng mit der Frage in Berührung steht, wer in unserer Gesellschaft oben oder unten ist, etwas zu sagen hat oder nicht, wer mitplanen und mitbestimmen kann und wer verplant wird, wer anerkannt wird und sich wohlfühlt in seiner Rolle und wer zu kurz kommt, aber trotzdem oft nicht klagt. Frauen, die in der Regel wohl etwas weiter unten in dieser Skala sich einordnen würden, könnten vielleicht sensibler sein für die Probleme mancher Menschen, die ganz unten sind: ob es Bewohner der Elendsviertel von Nicaragua oder San Salvador sind oder Behinderte in der Bundesrepublik. Frauen könnten vielleicht eher das Recht beanspruchen, zu diesen Problemen wie auch zu ihren eigenen den Mund aufzumachen, als viele der sogenannten Experten, die in ihrer Mehrzahl noch Männer sind.

Einen kurzen Blick möchte ich nun aber doch noch auf das Gespräch Jesu mit der samaritanischen Frau selbst werfen. Wovon reden die beiden eigentlich miteinander? Auf den ersten Blick scheinen sie oft aneinander vorbeizureden. Aber in Wirklichkeit kommen sie einander sehr nahe. Vielleicht gerade weil in diesem Gespräch verschiedene Ebenen durcheinander- und ineinandergehen.

Eine alltägliche Ebene: Jesus ist müde, leidet in der Hitze unter Durst, bittet um Wasser.

Eine Beziehungsebene, in der es um die Beziehung von Jesus zu dieser Frau geht: er spricht mit ihr, nimmt sie ernst, spricht sie auf ihr Lebensproblem an.

Und eine religiöse Ebene: die Frau sieht Jesus als Propheten, spricht vom Retter, der kommen soll; Jesus spricht vom lebendigen Wasser und von der Überwindung der religiösen Gegensätze

Dabei sind alle drei Ebenen wichtig: z. B. dass die Frau Jesus helfen kann, indem sie ihm etwas zu trinken gibt – er hat ja schließlich keinen Eimer, um selber Wasser zu schöpfen -, das zeigt gleich zu Anfang, dass Jesus und die Frau damals und auch wir heute als Christen eben in unserer alltäglichen Welt leben, müde, hungrig, durstig sein können, und dass sich christliches Leben nicht in einer davon getrennten Sonderwelt abspielt.

Allerdings: in eben unserer Alltagswelt haben wir, weil wir Menschen sind, auch noch andere Bedürfnisse. Wir wünschen uns – auf der Beziehungsebene – Anerkennung und Zuwendung von anderen Menschen, echte Nähe und echtes Vertrauen.

Und darin oder darüber hinaus suchen wir außerdem Sinnerfüllung für unser Leben, Anerkennung in einem absoluteren Sinn, Hoffnung angesichts des Scheiterns, Versagens, Leidens und des Todes. Die Erfüllung dieser Sehnsüchte spricht Jesus an, als er zu der Frau vom lebendigen Wasser spricht. Wer sich ohne Vorleistung anerkannt weiß, bedingungslos geliebt weiß, wem sein Versagen nicht mehr angekreidet wird, wem die Lähmung durch die Angst vor dem Tod genommen wird – ja, so sähe einer aus, der dieses lebendige Wasser getrunken hat. Und weiter im Bild gesprochen: das ist dann einer, der vor Ideen sprüht, dessen Tatendrang unerschöpflich ist, bei dem es wirklich ist, als ob in seinem Innern eine Quelle sprudelt. Oder einer, der stiller ist, aber aus einer geheimen Quelle Kraft schöpft, um immer das gerade Naheliegende tun zu können, ertragen zu können oder eine Herausforderung annehmen zu können.

Die Frau reagiert auf Jesu Rede vom lebendigen Wasser zunächst so, wie viele, die den Glauben an Gott missverstehen: „Gib mir von diesem Wasser, dann werde ich keinen Durst mehr haben und kein Wasser mehr schöpfen müssen.“ Sie meint, Gott müsse ihr durch ein Wunder übernatürlicher Art helfen. Dann braucht sie nicht mehr jeden Tag, abseits von den anderen Frauen in der Mittagshitze Wasser zu holen. Aber in dieser alltäglichen, materiellen Ebene lässt sich das Lebensproblem dieser Frau nicht lösen. Gott will nicht durch ein Eingreifen in dieser Ebene, also durch ein Aufheben der von ihm geschaffenen Naturgesetze, eine Wunscherfüllungsmaschine oder ein Zauberer werden. Jesus lenkt das Gespräch durch einen scheinbar abrupten Bruch vielmehr auf die Beziehungsebene. Er fängt an, zu der Frau von ihrem Mann zu reden. Sie möchte das nicht, sie schämt sich. Und doch freut sie sich schließlich, dass Jesus sie auf ihre Situation angesprochen hat – und sie nicht verurteilt, nicht verachtet, nicht links liegen lässt wie all die anderen. Und dadurch kommt nun Leben in diese Frau! Sie hat wirklich lebendiges Wasser zu trinken bekommen im Gespräch mit Jesus, in der Anerkennung durch Jesus. Sie lässt alles stehen und liegen, sie rennt zum Dorf zurück, sie spricht alle die an, die sie verachten, sie wird zur Missionarin für ihr Dorf. „Kommt mit und seht euch den Mann an, der mir alles gesagt hat, was ich jemals getan habe. Vielleicht ist er der versprochene Retter.“

Etwas Ähnliches haben wohl gerade viele Frauen in der Arbeit einer Frauenhilfsgruppe erlebt: dass sie in eine Verantwortung hineinwachsen, die sie sich vorher nie zugetraut haben, dass sie neue Möglichkeiten in sich entdecken, für sich und andere etwas zu tun, dass durch irgendeinen Anlass, durch eine neue eigene Entscheidung an irgendeinem Punkt plötzlich eine innere Quelle zu sprudeln anfängt, die dem eigenen Denken und Fühlen und Tun eine neue Richtung und einen neuen Sinn gibt. Das ist es, was Jesus der Samaritanerin in seinem ganzen Verhalten und seinem Gespräch mit ihr übermittelt: Ich nehme dich ernst, du bist wichtig, du kannst dich selbst akzeptieren, du kannst auch anderen etwas geben, du kannst dich auch mit anderen auseinandersetzen, du brauchst nicht bei Schwierigkeiten von einer Beziehung in die andere zu flüchten. So ist erfülltes Leben möglich, wenn wir erfahren, dass es Gott selber ist, dem wir wichtig sind, der uns so liebt, wie wir sind, der uns nicht verlässt im Leben und im Sterben, der uns begegnen kann an jedem Ort, z. B. hier und heute im Gottesdienst, aber auch im Gespräch mit einem Freund oder in der Zeit einer Krankheit im Krankenbett; diesem Gott ist zuzutrauen, dass er uns umkrempelt, als wenn wir neu geboren wären, so dass wir plötzlich innerlich eine sprudelnde Quelle werden, von der wir selbst leben und von der wir im Zusammensein mit anderen auch abgeben können. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
Lied EKG 51, 2-4 (EG 553, nur Strophe 4 in den Anhängen von Baden/Elsaß/Lothringen und der Pfalz):

2. Gottes Rat war uns verborgen, seine Gnade schien uns nicht; Klein und Große mussten sorgen, jedem fehlt’ es an dem Licht, das zum rechten Himmelsleben seinen Glanz uns sollte geben.

3. Aber wie hervorgegangen ist der Aufgang aus der Höh, haben wir das Licht empfangen, welches so viel Angst und Weh aus der Welt hinweggetrieben, dass nichts Dunkles übrig blieben.

4. Jesu, reines Licht der Seele, du vertreibst die Finsternis, die in dieser Sündenhöhle unsern Tritt macht ungewiss. Jesu, deine Lieb und Segen leuchten uns auf unsern Wegen.

Abkündigungen: An dieser Stelle möchte ich Sie nun alle einladen, im Anschluss an diesen Gottesdienst zur Jubiläumsfeier mit in die Mehrzweckhalle Reichelsheim zu kommen. Denn wir sind noch nicht fertig mit dem Feiern: im geselligen Beisammensein mit Kaffee und Kuchen, mit Musik der Jugendkapelle, mit Glückwünschen und Rückblicken, mit einem kleinen Diavortrag eines Dorn-Assenheimer Gemeindeglieds und auch noch Zeit für Gespräche hoffen wir einen Nachmittag zu verbringen, an den wir gern zurückdenken werden. In den nächsten Wochen trifft sich die Frauenhilfe immer mittwochs um 14.00 Uhr im Gemeinderaum; vielleicht geben sich einige einen Ruck, die bisher nicht dabei waren, jetzt einmal dazuzustoßen. Wann sich die jüngeren Frauen das nächste Mal treffen, entnehmen Sie bitte dem nächsten Kirchenblättchen, das wohl in der übernächsten Woche erscheint!

Herr, unser Gott, mach unsere Augen auf, dass wir sehen, wer uns braucht, dass wir sehen, wo eine offene Tür für uns ist, dass wir aus der Miene des anderen schließen können, ob wir ihm zu nahe getreten sind oder ihm Unrecht getan haben. Herr, mach unsere Ohren auf, dass wir auch die leisen oder unausgesprochenen Hilferufe vernehmen, dass wir zuhören können, ohne gleich selbst reden zu müssen, dass wir uns auch für uns selbst Zeit nehmen können, in uns hineinhören können, was wir eigentlich für uns selbst wünschen und ersehnen und was wir zu geben bereit sind, dass wir schließlich auch dein leises, aber klares Wort hören und beherzigen können. Herr, gib uns ein Gespür, mach uns sensibel für die Leiden anderer Menschen, für Situationen und Verhältnisse, die Menschen krank machen oder ins Elend stürzen, hier bei uns oder in anderen Ländern der weltweiten Ökumene. Wir bitten dich für unsere Frauenhilfe: dass ihre Mitglieder in ihr Hilfe finden für sich selbst, dass sie aber auch Hilfe weitergeben können, im Reden und Tun, im Besuchen und Beten, im Nachdenken und im Organisieren. Wir bitten dich auch für die Frauen, die eine andere Art von Frauenarbeit suchen, abseits zunächst vom Dach der Frauenhilfe, dass sie sich trauen, etwas gemeinsam mit anderen zu tun, was für sie selbst und vielleicht auch für andere ein Stück Lebenshilfe ist. Nimm von uns die Angst und gib uns Mut! Amen.

Vater unser und Segen
Lied EKG 208, 1-4+6 (EG 347):

1. Ach bleib mit deiner Gnade bei uns, Herr Jesu Christ, dass uns hinfort nicht schade des bösen Feindes List.

2. Ach bleib mit deinem Worte bei uns, Erlöser wert, dass uns sei hier und dorte dein Güt und Heil beschert.

3. Ach bleib mit deinem Glanze bei uns, du wertes Licht; dein Wahrheit uns umschanze, damit wir irren nicht.

4. Ach bleib mit deinem Segen bei uns, du reicher Herr; dein Gnad und alls Vermögen in uns reichlich vermehr.

6. Ach bleib mit deiner Treue bei uns, mein Herr und Gott; Beständigkeit verleihe, hilf uns aus aller Not.

Orgelnachspiel

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