Zerreißender Himmel – zerfließende Berge

Was Gott bei uns in Bewegung bringt, ist wie ein mächtiger Vulkanausbruch. Ich denke bei diesem Bild an Menschen, die erstarrt sind in ihrem Denken und Fühlen. Wer allzuoft an der Seele verletzt wurde, baut eine Mauer auf gegen jeden, der ihm zu nahe kommt. Nur sehr mächtige Liebe kann verfestigte Gesteinsformationen unserer Seele zum Schmelzen bringen.

Der Vulkan Merapi in Indonesien - mit roter Lava vor einem großen Vollmond

Der Vulkan Merapi in Indonesien (Foto: pixabay.com)

direkt-predigtAbendmahlsgottesdienst am 2. Sonntag im Advent, den 5. Dezember 1993, um 9.30 Uhr in der Kapelle der Landesnervenklinik Alzey

Herzlich willkommen im Gottesdienst am 2. Advent! Advent ist Erwartungszeit – Warten auf Weihnachten, Warten auf den, der vom Himmel her zu uns kommt.

Wir beginnen unseren Gottesdienst mit einem bekannten Adventslied, im Gesangbuch Nr. 6, 1-3:

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit! Es kommt der Herr der Herrlichkeit, ein König aller Königreich, ein Heiland aller Welt zugleich, der Heil und Leben mit sich bringt, derhalben jauchzt, mit Freuden singt: Gelobet sei mein Gott, mein Schöpfer reich von Rat.

Er ist gerecht, ein Helfer wert, Sanftmütigkeit ist sein Gefährt, sein Königskron ist Heiligkeit, sein Zepter ist Barmherzigkeit; all unsre Not zum End er bringt, derhalben jauchzt, mit Freuden singt: Gelobet sei mein Gott, mein Heiland groß von Tat.

O wohl dem Land, o wohl der Stadt, so diesen König bei sich hat. Wohl allen Herzen insgemein, da dieser König ziehet ein. Er ist die rechte Freudensonn, bringt mit sich lauter Freud und Wonn. Gelobet sei mein Gott, mein Tröster früh und spat.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten mit den Worten des Psalms 96:

1 Singet dem HERRN ein neues Lied; singet dem HERRN, alle Welt!

2 Singet dem HERRN und lobet seinen Namen, verkündet von Tag zu Tag sein Heil!

3 Erzählet unter den Heiden von seiner Herrlichkeit, unter allen Völkern von seinen Wundern!

4 Denn der HERR ist groß und hoch zu loben, mehr zu fürchten als alle Götter.

5 Denn alle Götter der Völker sind Götzen; aber der HERR hat den Himmel gemacht.

6 Hoheit und Pracht sind vor ihm, Macht und Herrlichkeit in seinem Heiligtum.

10 Er hat den Erdkreis gegründet, dass er nicht wankt. Er richtet die Völker recht.

11 Der Himmel freue sich, und die Erde sei fröhlich, das Meer brause und was darinnen ist;

12 das Feld sei fröhlich und alles, was darauf ist; es sollen jauchzen alle Bäume im Walde

13 vor dem HERRN: denn er kommt, denn er kommt, zu richten das Erdreich. Er wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit und die Völker mit seiner Wahrheit.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Wenn du kommst, o Gott, müssen wir uns dann fürchten oder dürfen wir uns freuen? Viele Menschen haben tief innen drin Angst vor dir, denn sie konnten nie spüren, wie sehr du alle Menschen liebhast. Komm zu uns mit deiner Liebe! Komm zu uns im Jesuskind! Lass uns spüren, dass du in Jesus wirklich unser Bruder wirst und unser Schicksal mit uns teilst! Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Lesung aus dem Brief des Jakobus 5, 7-8:

7 So seid nun geduldig, liebe Geschwister, bis zum Kommen des Herrn. Siehe der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen.

8 Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Wir singen aus dem Liederheft das Lied Nr. 15:
Lobt den Herrn, lobt den Herrn, unter uns erblüht sein Stern
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

unser Predigttext steht heute im Buch Jesaja 63 und 64. Es ist ein gar nicht so einfacher Abschnitt, und wir werden ihn versweise hören. Zunächst einmal will ich eine Frage stellen, die uns hinführen kann zum Predigttext.

Wo ist der Himmel, möchte ich fragen? Ist er oben, wenn wir draußen nach oben gucken, über den Wolken, über der Sonne, über dem blauen Himmel am Tage, über den Sternen, über dem Mond, über dem schwarzen Himmel bei Nacht? Früher hat man das gedacht, man hat sich vorgestellt, dass Gott dort oben eine herrliche Wohnung hat, so wie auf Erden die Könige ihren Palast bewohnen.

Wie können wir dieses „Oben“ heute verstehen? Wir leben ja auf einer Erde, die eine Kugel ist. „Oben“ heißt für uns Erdenmenschen immer die Richtung von der Erde weg. Für uns ist das die Richtung dorthin (nach oben zeigen). Aber jemand, der z. B. in Australien lebt, auf der entgegengesetzten Seite der Erde, einmal halb um unsere Erdkugel herum (mit der Hand einen Halbkreis von oben nach unten beschreiben), für den liegt „oben“ natürlich auch in Richtung von seinem Erdboden weg, nämlich von ihm aus gesehen in dieser Richtung (nach unten zeigen). Wenn der Himmel also von der Erde aus gesehen „oben“ ist, sagen wir damit eigentlich nichts anderes als das, was der Psalm 139, 5 einmal so beschreibt:

„Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“

Als die ersten Menschen vor ungefähr dreißig Jahren in den Weltraum geflogen sind, da meinten einige von ihnen: Wir haben Gott da oben nicht gefunden. Da ist nur der leere Weltraum mit Sternen und Planeten, aber kein Himmel, wie ihn die Bibel beschreibt. Andere Weltraumfahrer sagten genau das Gegenteil: Als wir von dort oben unseren Planeten Erde sehen konnten, so wie wir sonst von hier aus den Mond betrachten, da kam uns erst zum Bewusstsein, wie wunderbar Gottes Schöpfung ist. Er hat uns diesen kleinen Erdball anvertraut, und wir sollen ihn gut behüten und für unsere Nachkommen aufbewahren.

Der Himmel, in dem Gott wohnt, ist offenbar kein Ort in unserem Weltall, den wir sehen und äußerlich beschreiben könnten. Wir können nicht mit Raketen hinfahren, und mit Fernrohren können wir ihn auch nicht beobachten. Gottes Himmel umgibt uns vielmehr wie eine unsichtbare Hand, die uns hält, wie eine geistige Kraft, die alles durchdringt.

Allerdings, wenn der Gotteshimmel unsichtbar ist, dann können wir Menschen auch daran zweifeln, dass es ihn überhaupt gibt. Oder, wenn es diesen Himmel auch geben, dann sagen sich doch manche Menschen: Der Himmel ist oben, wir Menschen sind unten, was haben wir mit dem Himmel zu tun, der Himmel kann warten, bis wir gestorben sind! Andere Menschen wiederum leiden darunter, dass der Himmel so weit weg ist, sie fragen sich: Will Gott gar nichts mit uns Menschen zu tun haben? Kümmert er sich nicht um uns? Zieht er sich zurück in seine himmlische Luxuswohnung? Solch eine Frage an Gott hören wir nun in unserem Predigttext:

15 So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich.

Harte Zeiten kannte das Volk Israel immer wieder, genau wie unser Volk schlechte Zeiten kannte und wie auch viele einzelne unter uns Schicksalsschläge und Zeiten des Unglücks kennen. Und in solch einer harten Zeit klagt ein Prophet vor Gott seine Not, das heißt, er klagt nicht nur vor Gott, er klagt sogar Gott an: „Wo ist nun dein Eifer für dein Volk?“ Setzt du dich überhaupt nicht mehr ein für uns? Sind wir dir egal? Oder kannst du uns etwa gar nicht helfen? „Wo ist denn deine Macht?“ Solche Gedanken über Gott kennen wir noch heute. Wie kann Gott all das Unrecht in der Welt zulassen, warum habe ich solche Schmerzen, hat Gott mich im Stich gelassen, ist er vielleicht gar nicht allmächtig?

Der Prophet weiß zwar noch etwas von Gottes Barmherzigkeit, weiß sogar, dass sie groß ist und voller Herzlichkeit sein kann. Aber er selber spürt nichts von ihr – er sieht sich einem Gott gegenüber, der immer noch „barmherzig“ genannt wird, den er selbst aber als unnahbar und hart erlebt: „Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich!“

Wie viele Menschen mag es auch unter uns Christen geben, denen man zwar vom „lieben Gott“ erzählt, doch gleichzeitig impft man ihnen eine Heidenangst vor diesem Gott ein: „Der liebe Gott sieht alles, der wird dich strafen, wenn du Böses tust!“

Aber der Prophet der Bibel will das nicht auf sich beruhen lassen. Er will wissen, wie Gott wirklich ist. Er betet direkt zu seinem Gott und redet ihn so an, wie er insgesamt rund zwanzigmal im Alten Testament genannt wird und wie er später ganz liebevoll von Jesus angesprochen wird: als Vater der Menschen. Er ruft zu Gott:

16 Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, HERR, bist unser Vater; »Unser Erlöser«, das ist von alters her dein Name.

Das Volk Israel hatte lange Zeit seinen Gott den Gott Abrahams und Isaaks und Jakobs genannt. Den Gott, der sein Volk zahlreich gemacht, aus Ägypten befreit, durch die Wüste geführt hatte. Dann hatte es sogar die Zeit der Könige David und Salomo gegeben – Israel wurde ein zwar kleiner, aber blühender Staat im Nahen Osten. Aber diese Zeit war nun lange vorbei – fremde, stärkere, gut bewaffnete Völker hatten das Gottesvolk unterworfen, zum Teil waren die Menschen Israels auch in ferne Länder weggeführt worden. Die Erinnerung an Abraham und an die großen Zeiten des Volkes Israel können daran nichts mehr ändern. Der Prophet klammert sich einzig und allein an Gott selbst, zweimal nennt er ihn „unser Vater“ und einmal „unser Erlöser“.

Ganz konkret klagt der Prophet diesem Vater, diesem Erlöser die Not des ganzen Volkes:

17a Warum lässt du uns, HERR, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten?

18 Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsre Widersacher haben dein Heiligtum zertreten.

In dieser Klage geht es nicht nur um das, was die Fremden dem eigenen Volk angetan haben, nein, der Prophet erwähnt auch die Irrwege des Gottesvolkes selbst: Wir sind abgeirrt von den Wegen Gottes, wir haben unser Herz verstockt, uns zugemacht für die Liebe Gottes.

Und ist es nicht ein schreckliches Gefühl, das der Prophet über sich selbst, über sein eigenes Volk empfindet? Auch viele Menschen in unserer christlichen Kirche kennen wohl diese Empfindung, wenn ihnen ihr Kinderglaube fragwürdig wird, wenn ihnen die Kirche unglaubwürdig und Gott als ein fremder Gott erscheint:

19a Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde.

Der Prophet bleibt bei seiner Klage aber nicht stehen. Nachdem er genug geklagt hat, schreit er zu Gott um Hilfe. Er bittet Gott, dass er sich seinem Volk wieder zeigt, dass seine Liebe hier unten auf der Erde wieder zu spüren ist, dass Gott selbst vom Himmel auf die Erde herabkommt:

17b Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind!

19b Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab…!

Diese Erwartung, diese Hoffnung ist es, die auch in unseren Adventsliedern noch zum Ausdruck kommt. Eins davon singen wir nun, das Lied Nr. 5:

O Heiland, reiß die Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf. Reiß ab vom Himmel Tor und Tür, reiß ab, wo Schloss und Riegel für.

O Gott, ein Tau vom Himmel gieß, im Tau herab, o Heiland, fließ. Ihr Wolken, brecht und regnet aus den König über Jakobs Haus.

O Erd, schlag aus, schlag aus, o Erd, dass Berg und Tal grün alles werd. O Erd, herfür dies Blümlein bring, o Heiland, aus der Erden spring.

Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt? O komm, ach komm vom höchsten Saal, komm, tröst uns hier im Jammertal.

O klare Sonn, du schöner Stern, dich wollten wir anschauen gern; o Sonn, geh auf! Ohn deinen Schein in Finsternis wir alle sein.

Liebe Gemeinde, wie ist es nun, wenn Gott vom Himmel auf die Erde herabkommt? Die Bilder, in denen der Prophet das beschreibt, können uns schon einen Schreck einjagen. Da scheint allerhand kaputtzugehen, nichts bleibt beim alten. Müssen wir vor dem barmherzigen Gott, vor dem Vater im Himmel denn nun doch alle Angst bekommen? Was meint der Prophet, wenn er vor Gott diesen Wunsch ausspricht:

19 Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen,

1 wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kund würde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten,

2 wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten – und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen! –

3a und das man von alters her nicht vernommen hat.

Der Prophet wünscht sich offenbar, dass all das kaputtgehen soll, was sich nicht mit dem verträgt, was Gott eigentlich will.

Zuerst stellt er sich vor, dass Gott den Himmel selbst zerreißt – einfach durchreißt wie ein Tuch. Gott sitzt dann nicht mehr einfach oben im Himmel auf einem Thron, sondern er wohnt hier bei uns bei seinen Menschenkindern.

Dann steht ihm zweimal das Bild vor Augen, wie Gott auf die Erde herabfährt und wie dabei die Berge vor ihm zerfließen – also das, was am stärksten, am majestätischsten erscheint auf unserer Erde, die hohen Berge, die fast in den Himmel ragen, die Berge, auf denen die Menschen sich Gott oft sehr nahe gefühlt haben. Mächtiger als die Berge ist Gott, stärker als die stärksten Mächte auf Erden ist der, der selber die Berge erschaffen hat.

Wir wissen, wie schnell ein Feuer draußen im Wald dürres Reisig entzünden kann, wie schnell durch das Feuer im Herd Wasser zum Kochen gebracht werden kann. Doch vulkanische Kräfte aus dem Erdinnern, für die man sich damals noch überhaupt keine Erklärung denken konnte, können selbst Berge zum Schmelzen bringen.

Der Prophet benutzt dieses Bild dazu, um deutlich zu machen: Gott kann viel mehr bewirken auf Erden, als wir ihm zutrauen. Was Gott bei uns in Bewegung bringt, ist nicht nur wie ein rasch verglimmendes Papier- oder Reisigfeuer, nicht nur wie schnell zum Kochen gebrachtes Wasser, sondern wie ein mächtiger Vulkanausbruch.

Ich denke bei diesem Bild an Menschen, die erstarrt sind in ihrem Denken und Fühlen, die niemals in ihrem Leben zulassen durften, dass sie etwas empfinden von ihren innersten Gefühlen und Wünschen. Wer niemals liebgehabt wurde, wer allzuoft an der Seele verletzt wurde, der baut eine Mauer auf gegen jeden, der ihm zu nahe kommt, und sucht zugleich hintenherum nach einem Ersatz für Liebe, nach irgendeiner Form von Zuwendung oder Anerkennung. Wer niemals weinen durfte, wer seinem Ärger keinen freien Lauf zu lassen wagte, wer sich nicht traute, seine Angst zu zeigen, der sucht sein Leben durch ein System von Ersatzgefühlen in den Griff zu bekommen. Wir haben wohl alle manche solcher Charaktereigenschaften erworben im Laufe unseres Lebens, die wie erstarrte Lava sind in einem längst erkalteten Vulkan. Da sagen wir: Ich war schon immer so, daran kann ich nichts ändern, auch wenn wir an manchen Stellen selber an uns selbst leiden.

Nur eine sehr mächtige Liebe kann die verfestigten Gesteinsformationen unserer Seele aufweichen und sogar zum Schmelzen bringen. Ich will damit sagen: Wir können uns seelisch nur verändern, wenn wir aufhören, uns zuzumachen, wenn wir anfangen, uns zu öffnen. Öffnen für Liebe, für Zuwendung.

Aber wenn uns bewusst wird, dass wir Liebe brauchen, dass wir Liebe auch bekommen können, dann werden wir zugleich auch aufmerksam auf das, was wir entbehrt haben, auch auf die, die uns entbehren ließen, was wir gebraucht hätten. Der Prophet nennt deutlich beim Namen, dass es Feinde gibt für das Volk Gottes und oft auch für einzelne Menschen, und diese Feinde können manchmal sogar die nahestehendsten Menschen sein. Für Liebe offen werden heißt also zugleich: wachsam werden für Unterscheidungen: wer will mir gut, wer will mich nur ausnutzen? Wen lasse ich nahe an mich heran, und wen halte ich auf Abstand?

Wenn es keine Liebe gäbe, dann wäre sowieso alles egal, dann bräuchte ich auch nicht zu unterscheiden, dann müsste ich mein altes Spiel weiterspielen. Aber es gibt Liebe in der Welt. Denn Gott zerreißt den Himmel und begibt sich unter die Menschen auf der Erde. Er lässt seine Liebe bei uns Wurzeln schlagen.

Und in diesem Zusammenhang steht da noch dieser Satz, der Herr möge Furchtbares tun, was wir nicht erwarten. Ich lese das so: Es kann weh tun, wenn wir Liebe an uns heranlassen. Wenn Gefühle, wenn Wünsche in uns wach werden, die lange wie eingefroren waren, dann bleiben seelische Schmerzen nicht aus. Jeder, der eine seelische Therapie oder Beratung mitgemacht hat, kann das nur bestätigen. Dennoch meint es Gott gut mit uns, seine Liebe führt uns auf einen heilsamen Weg, das weiß der Prophet ganz genau:

3b Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohl tut denen, die auf ihn harren.

Wir wissen noch etwas mehr als der Prophet des Alten Testaments im Buch Jesaja. Wir wissen, dass Gott selber auf die Erde kam in einem Kind. Das war die mächtigste Tat der Liebe, die Gott sich ausdenken konnte: selbst ein Kind zu werden, verletzbar und voller Gefühle und Bedürfnisse wie wir alle. Advent heißt: Offen werden für dieses Kind, das in Bethlehem geboren wird, für diesen Jesus, der auch als erwachsener Mann nicht aufhörte, die Kinder zu verstehen und kindlich auf Gott zu vertrauen. Advent heißt außerdem: Offen werden für das Kind, das in uns lebt, für alles in uns, was menschlich fühlt und sich sehnt nach Liebe und Geborgenheit. Gott will sie uns schenken, ganz umsonst. Er will uns auf einen Weg führen, auf dem Vertrauen und Liebe auch in uns wachsen. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Wir singen aus dem Gesangbuch das Lied Nr. 8, 2+3+6:

Auf, ihr betrübten Herzen, der König ist gar nah; hinweg all Angst und Schmerzen, der Helfer ist schon da. Seht, wie so mancher Ort hochtröstlich ist zu nennen, da wir ihn finden können im Nachtmahl, Tauf und Wort.

Auf, auf, ihr Vielgeplagten, der König ist nicht fern. Seid fröhlich, ihr Verzagten, dort kommt der Morgenstern Der Herr will in der Not mit reichem Trost euch speisen, er will euch Hilf erweisen, ja dämpfen gar den Tod.

Frischauf, ihr Hochbetrübten, der König kommt mit Macht; an uns, sein Herzgeliebten, hat er schon längst gedacht. Nun wird kein Angst noch Pein noch Zorn hinfort uns schaden, dieweil uns Gott aus Gnaden lässt seine Kinder sein.

Nun feiern wir – wie immer am ersten Sonntag des Monats – das heilige Abendmahl miteinander. Wer kommen will, mag gleich nach vorn kommen, wer nicht mitmachen will, mag auf seinem Platz bleiben.

Du, heiliger Gott, du reißt den Himmel auf und kommst zu uns. Lass uns aufrecht vor dir stehen, lass uns vor dir verantworten, was wir wirklich getan haben, Gutes und Böses, lass uns vertrauen auf deine Vergebung. Du vergibst unsere Schuld und nimmst von uns auch die Schuld, die wir stellvertretend für andere tragen. Schenke uns das Gefühl, rein zu sein! Gib uns Kraft durch dein Abendmahl, durch Brot uns Saft, lass uns schmecken und spüren, dass du uns wirklich liebhast. Amen.

Einsetzungsworte und Abendmahl

Danke, guter Gott, für alles, was du uns schenkst! Lass uns nun gestärkt hinausgehen in unser Leben am Sonntag und Alltag und lass uns jeden Tag die guten Schritte tun, die uns möglich sind. Lass uns nie vergessen: Dein Himmel ist offen, er ist aufgerissen, du bist auf dem Weg zu uns, jeden Tag neu, alle Jahre wieder. Wie schön ist es, zu wissen: Du lässt uns nicht allein! Amen.

Alles, was uns heute bewegt, schließen wir im Gebet Jesu zusammen:

Vater unser

Zum Schluss singen wir aus dem Liederheft das Lied Nr. 62:

Freu dich, Erd und Sternenzelt, Halleluja, Gottes Sohn kommt in die Welt

Im Singkreis am Donnerstag dieser Woche um 16.00 Uhr hier in der Kapelle können wir solche und ähnliche Lieder zur Advents- und Weihnachtszeit singen, alte und neue, bekannte und unbekannte. Und zum Bibelkreis am Mittwoch um 16.00 Uhr im Haus Jakobsberg lade ich ebenfalls herzlich ein. Treffpunkt im Eingangsbereich vom Haus Jakobsberg.

Nun lasst uns mit Gottes Segen in den Sonntag und in die neue Woche gehen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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