Mose im Gespräch mit seinem Urenkel

So ähnlich könnten sie miteinander gesprochen haben, Mose und sein Urenkel damals auf dem Berg Nebo. Im alten Israel war es durchaus üblich, dass sich die Jüngeren in Fragen des Glaubens bei den Älteren erkundigten. Der Junge mit seinen Fragen und der alte Mann mit dem, was er erlebt hat, sie kommen ins Gespräch miteinander.

Mose und sein Urenkel - eine Zeichnung

Ich stelle mir vor, wie Mose mit seinem Urenkel ins Gespräch kommt (Bild: OpenClipart-Vectors – pixabay.com)

#predigtGottesdienst am 18. Sonntag nach Trinitatis, 21. Oktober 1984, um 9.30 Uhr in Weckesheim und um 10.30 Uhr in Reichelsheim

Ich begrüße alle herzlich im Gottesdienst. In diesem Gottesdienst geht es um die Gebote Gottes. Was will Gott von uns – wie ist er für uns da?

Dieser Gottesdienst soll nun mit einem Lied beginnen, das ein Gebet um Glauben und Liebe ist.

Lied EKG 244 (EG 343), 1-3:

1. Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ, ich bitt, erhör mein Klagen; verleih mir Gnad zu dieser Frist, lass mich doch nicht verzagen. Den rechten Glauben, Herr, ich mein, den wollest du mir geben, dir zu leben, meim Nächsten nütz zu sein, dein Wort zu halten eben.

2. Ich bitt noch mehr, o Herre Gott – du kannst es mir wohl geben -, dass ich nicht wieder werd zu Spott; die Hoffnung gib daneben; voraus, wenn ich muss hier davon, dass ich dir mög vertrauen und nicht bauen auf all mein eigen Tun, sonst wird‘s mich ewig reuen.

3. Verleih, dass ich aus Herzensgrund den Feinden mög vergeben; verzeih mir auch zu dieser Stund, schaff mir ein neues Leben; dein Wort mein Speis lass allweg sein, damit mein Seel zu nähren, mich zu wehren, wenn Unglück schlägt herein, das mich bald möcht verkehren.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Der Apostel Paulus sagt (Galater 5, 1 – GNB):

Christus hat uns befreit, er will, dass wir auch frei bleiben. Steht also fest und lasst euch nicht wieder zu Sklaven machen.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Barmherziger Vater, unser Gott! Wir können mit dir sprechen, obwohl wir dich nicht sehen. Wir hören von dir in den Geschichten deines Volkes und in den Worten von Jesus Christus. Doch es fällt uns oft so schwer, mit dir wirklich ernst zu machen, dich ernstzunehmen, unser Leben auf dich hin auszurichten. Wir scheuen uns, uns auf dich einzulassen. Du bist anders als unsere vorgefassten Meinungen von dir. Du willst uns neu begegnen. Mach uns offen für dich! Das bitten wir dich durch Jesus Christus, unseren Herrn!

Schriftlesung – 5. Buch Mose – Deuteronomium 6, 4-7 und 20-25:

4 Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein.

5 Und du sollst den HERRN, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.

6 Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen

7 und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst.

20 Wenn dich nun dein Sohn morgen fragen wird: Was sind das für Vermahnungen, Gebote und Rechte, die euch der HERR, unser Gott, geboten hat?,

21 so sollst du deinem Sohn sagen: Wir waren Knechte des Pharao in Ägypten, und der HERR führte uns aus Ägypten mit mächtiger Hand;

22 und der HERR tat große und furchtbare Zeichen und Wunder an Ägypten und am Pharao und an seinem ganzen Hause vor unsern Augen

23 und führte uns von dort weg, um uns hineinzubringen und uns das Land zu geben, wie er unsern Vätern geschworen hatte.

24 Und der HERR hat uns geboten, nach all diesen Rechten zu tun, dass wir den HERRN, unsern Gott, fürchten, auf dass es uns wohlgehe unser Leben lang, so wie es heute ist.

25 Und das wird unsere Gerechtigkeit sein, dass wir alle diese Gebote tun und halten vor dem HERRN, unserm Gott, wie er uns geboten hat.

Lied EKG 143 (EG 194), 1-3:

1. O Gott, du höchster Gnadenhort, verleih, dass uns dein göttlich Wort von Ohren so zu Herzen dring, dass es sein Kraft und Schein vollbring.

2. Der einig Glaub ist diese Kraft, der fest an Jesus Christus haft‘; die Werk der Lieb sind dieser Schein, dadurch wir Christi Jünger sein.

3. Verschaff bei uns auch, lieber Herr, dass wir durch deinen Geist je mehr in dein‘r Erkenntnis nehmen zu und endlich bei dir finden Ruh.

Die Liebe des EINEN Gottes, der sich uns bekanntgemacht hat als Vater Jesu Christi durch seinen heiligen Geist, sei und bleibe bei uns allen. Amen.

Zur Predigt hören wir heute einen Text aus dem 2. Buch Mose – Exodus 20, 2-6, den wir zum Teil wohl alle einmal auswendig lernen mussten; es ist der Beginn der Zehn Gebote, wo Gott spricht:

2 Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.

3 Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

4 Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist:

5 Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen,

6 aber Barmherzigkeit erweist an vielen Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.

Liebe Gemeinde!

Vierzig Jahre waren sie unterwegs gewesen in der Wüste. Vierzig lange Jahre. Endlich waren sie am Ziel. Fast am Ziel. Ganz allein stieg der alte Mose auf einen hohen Berg. Er schaute sich um. Zu seinen Füßen lag Jericho, die Palmenstadt, eine blühende Oase. Und dahinter, jenseits des Jordans, im Dunst verschwimmend und doch zum Greifen nahe, das gelobte Land. Das Land, das Gott vor langer Zeit schon dem Volk Israel als Eigentum versprochen hatte.

Ich versuche mir auszumalen, was ihm in dieser Stunde durch den Kopf gegangen ist. Und ich stelle mir vor: Als Mose nachdenklich hinüberblickte in das Land der Verheißung, da spürte er plötzlich eine kleine Hand in seiner Hand. Einer seiner Urenkel war hinter ihm hergelaufen.

„Ich bin unheimlich gespannt, wie es dort drüben aussieht“, keuchte der Junge, noch außer Atem, „ich kann die Zeit kaum noch erwarten, bis wir endlich dort angekommen sind. Freust du dich nicht auch?“ „Ach, weißt du, ich bin ein alter Mann“, entgegnete Mose, „ich werde das nicht mehr erleben.“ Fragend schaute der Junge zu ihm auf: „Wie kommst du bloß darauf, so etwas zu sagen?“ „Das ist eine lange Geschichte“, meinte Mose, „es ist gar nicht so leicht, dir das alles zu erklären.“ „Erzähl doch bitte“, bedrängte ihn sein Urenkel. Und Mose gab nach.

Er fing an zu berichten: „Dass wir im Land der Ägypter gelebt haben, als ich so alt war wie du jetzt, das weißt du ja wohl. Dort ging es uns gar nicht gut. Von früh bis spät mussten wir schwer arbeiten. Mit der Peitsche wurden wir angetrieben. Wie Vieh wurden wir behandelt. Bis Gott das nicht länger mit ansehen konnte.“ „Natürlich weiß ich das“, warf der Junge ein, „aber wie ging es dann weiter?“

Da schilderte ihm Mose die aufregende Sache mit dem brennenden Dornbusch. Das müsse er schon zugeben: Zuerst habe er mächtige Angst davor gehabt, nahe heranzugehen. Tief erschrocken sei er gewesen, als ein Unbekannter, den er nicht sehen konnte, ihn mit lauter Stimme angerufen hätte. „Stell dir das bloß einmal vor: ich habe dort Gott selbst gehört. ‚Ich bin da!‘, hat er gesagt. ‚Ich bin, der ich bin!‘ So hat er sich mir vorgestellt. Und dann hat er mich damit beauftragt, das Volk Israel aus Ägyptenland, aus der Unterdrückung, herauszuführen.“

Es dauerte ziemlich lange, bis er dem Jungen von den schrecklichen Plagen erzählt hatte, vom gefährlichen Durchzug durch das Rote Meer, und von den Anfängen der Wüstenwanderung, vierzig Jahre zuvor. „Ich bin damals, weil Gott es so wollte, schon einmal auf einen Berg gestiegen. Der war noch viel höher als der hier. Und dort habe ich die Worte noch einmal zu hören bekommen, mit denen sich Gott mir vorgestellt hatte. ‚Ich bin…‘“

„Ach ja“, fiel ihm der Junge ins Wort, „das hat mir schon mein Vater beigebracht. ‚Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter haben neben mir‘ – so geht es doch weiter?“ „Das hast du ja tadellos auswendig gelernt. Und doch hast du etwas ganz Wichtiges weggelassen: ‚…der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.‘ Das hat der Herr, unser Gott, ausdrücklich hinzugefügt. Ich denke, nur wenn wir das nicht vergessen, können wir die Gebote Gottes erfüllen, die er uns damals mit auf den Weg gegeben hat.“

Liebe Gemeinde, so ähnlich könnten sie miteinander gesprochen haben, Mose und sein Urenkel damals auf dem Berg Nebo. Im alten Israel war es durchaus üblich, dass sich die Jüngeren in Fragen des Glaubens bei den Älteren erkundigten. Die eben geschilderte Szene ist zwar frei erfunden, aber aus der Luft gegriffen ist sie nicht. Sie ist ein Beispiel für religiöse Erziehung. Der Junge mit seinen Fragen und der alte Mann mit dem, was er erlebt hat, sie kommen ins Gespräch miteinander. Es bleibt nicht dabei, dass der Junge ein Gebot auswendig kann, sondern ihm wird auch erklärt, wieso Gott solche Gebote den Menschen gegeben hat.

Für viele Menschen besteht religiöse Erziehung bis heute hauptsächlich im Lernen der Gebote. Wenigstens das sollen die jungen Leute im Konfirmandenunterricht lernen. Kein Wunder, dass einmal ein Kind unserer Tage gesagt haben soll: „Christentum, das ist, was man nicht darf.“ Kommt das vielleicht daher, dass auch bei uns, wenn die Gebote gelernt werden, der scheinbare Nebensatz „der ich dich aus der Knechtschaft geführt habe“ einfach weggelassen wird? Was dann übrigbleibt, klingt wie ein Befehl. Und dann wird der erhobene Zeigefinger zum Sinnbild des Christentums.

Aber bevor die Gebote gegeben wurden, hat es eine bewegte Geschichte gegeben. Gott hat seine Gebote den Israeliten nicht schon in Ägypten verordnet, er wollte nicht, dass sie sich unter die Zwangsherrschaft beugen und mit ihrem Elend abfinden. Vielmehr hat sich Gott als der gezeigt, der aus Zwängen befreit. Es ist wichtig, dass das in der Überschrift der Zehn Gebote steht und dass wir uns das auch immer wieder bewusst machen: Bevor Gott etwas von uns fordert, beschenkt er uns, macht er uns frei.

Nur wer frei ist, kann Verantwortung übernehmen, nur wer frei ist, kann sich einer sozialen Aufgabe oder seinem Ehepartner oder seinen Kindern ganz verpflichten, nur wer frei ist, kann von ganzem Herzen glauben und lieben. Glaube und Liebe sind keine Sache des Zwangs, sondern einer freiwilligen Bindung. Das wird leider häufig verwechselt, obwohl Zwang und Bindung nur äußerlich ähnlich aussehen.

Was Gott uns schenkt, wie Gott uns frei macht, das wird in jedem Menschenleben anders aussehen. Wir können an Abhängigkeiten von anderen Menschen und an die Zwänge gesellschaftlicher Strukturen denken, denen wir uns nicht einfach anpassen müssen. Wir können auch an unsere eigene Verstrickung in schuldhaftes Versagen denken oder an unsere Ohnmachtsgefühle angesichts der fortschreitenden Zerstörung unserer Erde oder an unsere Todesangst.

Jesus „ist gekommen, um zwei Probleme der Menschheit zu lösen, die Schuld und den Tod“, hat der französische Schriftsteller Albert Camus einmal bemerkt. An der Geschichte Israels und an der Geschichte Jesu können wir ablesen, worauf es Gott ankommt. Paulus hat diese gute Botschaft knapp zusammengefasst (Galater 5, 1):

Zur Freiheit hat uns Christus befreit!

Um nun auch frei zu bleiben, sind uns die Gebote als eine Hilfe gegeben. Als eine Hilfe, um bei dem einen, lebendigen, freimachenden Gott zu bleiben und nicht länger nach anderen Göttern oder hohen Herren Ausschau zu halten.

An dieser Stelle möchte ich Sie dazu einladen, mir in Gedanken ein zweites Mal auf den Berg Nebo zu folgen. So könnte das Gespräch Moses mit seinem Urenkel weitergegangen sein:

„Daran solltest du dich immer erinnern, dass Gott uns befreit hat, ehe er von uns verlangt hat, wir sollten von nun an keinen anderen Göttern mehr nachlaufen. Doch stell dir das bloß einmal vor: Als ich von dem hohen Berg herunterkam und die auf Steintafeln eingemeißelten Gebote Gottes mitbrachte, da war etwas Schlimmes geschehen! Während meiner Abwesenheit hatten sie Gold eingeschmolzen. Sie hatten ein Standbild daraus geformt, das sah aus wie ein Kalb. Und sie bildeten sich ein, das sei ein größerer und besserer Schutz für sie als der unsichtbare Gott.“

„Das finde ich aber komisch“, antwortete der Junge, „dachten sie denn wirklich, so ein toter Gegenstand könnte ihnen helfen?“ „Ja, das haben sie sich tatsächlich eingebildet“, entgegnete Mose. „Ich war entsetzt. Auf den Gesetzestafeln, die Gott mir mit auf den Weg gegeben hatte, standen nämlich auch die Worte: ‚Du sollst dir kein Gottesbild machen, keinerlei Abbild von Gott!‘“ „Haben sie denn wenigstens gemerkt“, wollte der Junge wissen, „dass sie da einen großen Fehler gemacht hatten?“

Das ist in der Tat die Frage, ob wir uns darüber im Klaren sind, dass wir Ersatzgöttern nachlaufen oder uns auf alles mögliche andere verlassen als auf den einen Gott. Im Verlauf der Geschichte Israels haben Teile des Volkes immer wieder gemeint, mit den Fruchtbarkeitskulten des Baal und der Aschera sei mehr Erfolg zu erzielen als mit dem Glauben an einen unsichtbaren, schwer verstehbaren Gott. Im Verlauf der Geschichte der Kirche wurde immer wieder die Macht und die Gewalt der Fürsten und Bischöfe dem Evangelium übergeordnet. Vor fünfzig Jahren wurde ein Führer und die germanische Herrenrasse sozusagen zum Gott erklärt.

Heute sind wir gefangen im Streben nach Wohlstand, Sicherheit, Wachstum der Wirtschaft, und zugleich wie gelähmt vor den Problemen, die sich daraus ergeben: Arbeitslosigkeit, Kriegsgefahr, Umweltzerstörung. Vielleicht heißt unser Hauptgötze Egoismus, die Angst, zu kurz zu kommen. Vielleicht trägt unser Ersatzgott auch den Namen „alles ist sinnlos“; und der ermöglicht es uns, einfach so dahinzuleben, vieles hinzunehmen, was eigentlich nicht akzeptiert werden dürfte. Fragen wir uns selbst, welche Einstellungen und Überzeugungen für uns selbstverständlich sind; es kann sein, dass darunter manche Glaubenssätze sind, die im Gegensatz stehen zu dem Glauben an Gott.

Und nun kommen Sie bitte ein letztes Mal in Gedanken mit auf den Berg Nebo. Ich versuche, mir auszumalen, wie das Gespräch zwischen Mose und seinem Urenkel wohl ausgegangen ist.

„Du warst entsetzt“, sagt der Junge, „als du – mit Gottes Geboten in den Händen – plötzlich dem Goldenen Kalb gegenüberstandest.“ „Ja“, pflichtete Mose ihm bei. „Ich fiel aus allen Wolken. Und für Gott ist das eine bittere Enttäuschung gewesen. Sie haben es ihm wirklich nicht leicht gemacht, damals in der Wüste. Als wir weiterzogen, fingen sie sogar an, ihm schwere Vorwürfe zu machen. Sie beschuldigten ihn, er habe sie ins Verderben geführt, in eine ausweglose Wüste. Da wäre es ja immer noch besser gewesen, er hätte sie in der Knechtschaft in Ägypten gelassen. Dort wäre wenigstens ihr Magen noch einigermaßen zu seinem Recht gekommen. So trauten sie Gott überhaupt nicht mehr über den Weg.“

Und Mose berichtete weiter, dass Gott schließlich aus Enttäuschung und Zorn über dieses Verhalten des Volkes beschlossen habe: „Nun gut, wenn ihr gar nicht mehr damit rechnet, das versprochene Land jemals zu erreichen, werdet ihr auch nicht hineinkommen. Vierzig Jahre müsst ihr in der Wüste zubringen, um zu lernen, euch ganz auf mich zu verlassen.“ An dieser Stelle fiel der Junge Mose ins Wort. „Aber ich verstehe immer noch nicht, warum du nicht dort hinüberkommen sollst, wo die schönen Palmen stehen. Du hast doch das goldene Tier nicht gemacht!“

Mose schwieg eine Weile. Dann sagte er: „Das stimmt. Aber später habe ich auch eine schwache Stunde gehabt. Ich bin auch nur ein Mensch. Ich habe an Gott gezweifelt, weil alles so lange dauerte und jede Hoffnung vergeblich schien… Und so darf ich zwar von weitem unser schönes Land sehen, aber ich werde nicht hineinkommen.

Weißt du, ich sehe das so: Wir merken oft gar nicht, was wir uns selbst einbrocken mit unserem Zweifel an Gott. Wir setzen unsere eigene Tüchtigkeit oder unser Wissen höher als Gott – und wundern uns, dass wir nur Zerstörung hervorrufen. Wir setzen unsere Hoffnungslosigkeit, unsere Resignation, unsere Verzweiflung höher als Gott – und verlieren dabei unser gelobtes Land, verlieren die Freude, die Gott uns jeden Tag schenken will, leben an der Verantwortung vorbei, die Gott uns für unsere großen und kleinen Aufgaben auferlegt.

Und das ist Gott nicht gleichgültig, wie wir so ins Unglück rennen. Deshalb heißt es auch in den Zehn Geboten: ‚Ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott, der die Schuld der Väter heimsucht, bis ins dritte und vierte Geschlecht…‘“

Da hielt Mose plötzlich inne, wie einer, der merkt, dass er schon zu viel gesagt hat. Aber der Junge hatte ein helles Köpfchen. Er entgegnete bestürzt: „Da hat er ja auch von mir gesprochen. Ich bin dein Urenkel, das ist die vierte Generation in unserer Familie. Aber ich habe doch mit der ganzen Sache nichts zu tun.“

Da schloss ihn der grauhaarige Mann in die Arme und sagte zu ihm: „Siehst du – wenn wir in einer Familie zusammenleben, du mit deinen Eltern und Großeltern und mit mir, dann wirkt sich alles auch auf die anderen aus, was jeder von uns tut oder nicht tut. Wenn wir euch Jüngeren ein gutes Vorbild sind, ist es gut, wenn wir euch etwas Schlechtes vormachen, dann könnt ihr daran Schaden nehmen.

Nun wollte Gott uns aber nicht mutlos machen mit seinen Geboten. Der Satz, den ich vorhin angefangen hatte, war noch nicht zu Ende. Gott meint nämlich, dass ein gutes Vorbild viel schwerer wiegt als ein schlechtes. Deswegen hat er gesagt: ‚Ich bin ein Gott, der Gnade übt bis ins tausendste Geschlecht an den Kindern derer, die mich lieben und meine Gebote halten.‘ Bis zur tausendsten Generation! Da gehörst du doch auch mit dazu. Und du wirst jetzt bald unser neues Land sehen und erleben, wie schön es dort ist. Aber nun geh wieder heim, ich möchte noch ein bisschen allein sein hier oben auf dem Berg, bis die Sonne untergeht.“

Der Junge schaute noch einmal hinüber zu den Bergen jenseits des Jordans. Dann sprang er über Steine und Felsspalten hinab, unbeschwert und unbekümmert wie einer, der sich um den kommenden Tag keine Sorgen zu machen braucht.

Aus dem biblischen Bericht wissen wir, dass Mose auf dem Berg geblieben ist und dort starb. „Seine Augen waren nicht schwach geworden, und seine Kraft war nicht verfallen“, das ist das einzige, was die Bibel darüber berichtet.

Und nun stehe ich hier auf der Kanzel und finde keinen rechten Schluss für die Predigt. Ich habe eine Geschichte von Mose und seinem Urenkel zu erzählen versucht, das 1. Gebot zu erläutern versucht. Aber ist es mir gelungen zu zeigen, dass dieses Gebot noch heute so aktuell ist wie zur Zeit des Mose? Ist uns dieser eifersüchtige Gott, den die Bibel so menschlich darstellt in seinen Gefühlen, nicht sehr fremd?

Ja, das ist er. Es ist ein Gott, mit dem wir nie fertig werden, der uns immer wieder überrascht, wenn wir uns auf ihn einlassen. Nur eins steht fest: dieser Gott steht zu uns wie ein Mensch, der uns liebhat. Und wir können mit Gott sprechen wie mit einem Menschen, den wir lieben. In dieser Beziehung zu Gott haben alle Gedanken und Gefühle Platz, die uns bewegen.

Zwei, die sich lieben, sagen sich auch mal die Meinung. Die fordern sich heraus. Und sie trösten sich wieder. Und selbst wenn der eine den anderen im Stich lässt, kann der andere seine Liebe trotzdem bewahren. So wartet Gott auf uns, selbst wenn wir ihn lange Zeit nicht sehr ernstgenommen haben.

Er möchte, dass unsere Lebensgeschichte mit ihm weitergeht. Dabei verspricht er uns kein bequemes Leben. Mit ihm werden wir ein sinnvolles Leben führen, geprägt von Menschlichkeit im Sinne der Zehn Gebote, im Sinne der Liebe zum Nächsten. Wenn wir unser Herz an andere Dinge hängen, verlieren wir unsere Menschlichkeit und den Sinn unseres Lebens. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
Lied EKG 244 (EG 343), 4-5:

4. Lass mich kein Lust noch Furcht von dir in dieser Welt abwenden; beständig sein ans End gib mir, du hast‘s allein in Händen; und wem du‘s gibst, der hat‘s umsonst, es mag niemand erwerben noch ererben durch Werke deine Gunst, die uns errett‘ vom Sterben.

5. Ich lieg im Streit und widerstreb, hilf, o Herr Christ, dem Schwachen; an deiner Gnad allein ich kleb, du kannst mich stärker machen. Kommt nun Anfechtung her, so wehr, dass sie mich nicht umstoße; du kannst machen, dass mir‘s nicht bringt Gefähr. Ich weiß, du wirst‘s nicht lassen.

Gott, du bist unser Herr, jedoch ein anderer Herr als die Herren in unserer Welt. Du bist ein Herr, der sich nicht die Menschen unterwirft, sondern einer, der mitleidet und den Armen nahe ist, der das Seufzen der Verlassenen hört und zum Dienen bereit ist. Du bist ein Herr, der machtlos scheint, weil du nicht mit Waffengewalt gegen Unrecht einschreitest, weil du nicht mit Zauberkraft die heile Weit herbeiführst. Vielmehr lehrst du uns das Zutrauen zu einer anderen Art Macht: zur Macht der Liebe, zur Macht des Glaubens, zur Macht der Hoffnung. Wie oft erscheinst du fehl am Platz in unserer Welt, in der ganz andere Herren an der Macht sind! Wie oft fühlen wir uns mutlos und verzweifelt, weil Geld und Gewalt, Egoismus und Dummheit, Leiden und Tod die Welt zu regieren scheinen! Daher bitten wir dich: Gib uns die Kraft, als Christen zu leben, an unserem Platz, am heutigen Tag. Ob wir uns einsetzen können, ob wir etwas erdulden müssen – gib uns die Kraft, die gerade in Schwachen mächtig ist.

Stilles Gebet und Vater unser und Segen
Lied EKG 139 (EG 421):

Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott, zu unsern Zeiten. Es ist doch ja kein andrer nicht, der für uns könnte streiten, denn du, unser Gott, alleine.

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