Ernten ohne Aufhören

Trauerfeier für einen alten Landwirt, dessen Konfirmationsspruch von einem Ernten ohne Aufhören handelt – ein Bild nicht nur für eine verantwortungsvolle Landbewirtschaftung, sondern auch für unseren Weg durch die Zeit hin zur Ewigkeit.

Ernten ohne Aufhören: Ein Bauernhof in der Abenddämmerung

Ein Bauernhof in der Abenddämmerung (Bild: pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Erneut sind wir betroffen von plötzlichem Tod. Ein Jahr nach seiner Ehefrau ist Herr Z. ebenso rasch und ohne vorherige Anzeichen gestorben. Bestürzt und traurig nehmen wir Abschied von ihm, der im Alter von [über 79] Jahren starb, und gehen miteinander den schweren Weg zum Grab. Und wir besinnen uns in dieser Stunde auf Gott, der zu uns spricht (Jesaja 66, 13):

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

Lasst uns beten mit Worten aus Psalm 90 (rot markierter Text aus der Lutherbibel 1912, blau markierter Text in eigener Übertragung):

1 Herr, du bist unsre Zuflucht für und für.

2 Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit.

3 Der du die Menschen lässest sterben und sprichst: Kommt wieder, Menschenkinder!

4 Denn tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache.

5 Du lässest sie dahinfahren wie einen Strom, sie sind wie ein Schlaf, wie ein Gras, das am Morgen noch sprosst,

6 das am Morgen blüht und sprosst und des Abends welkt und verdorrt.

10 Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind‘s achtzig Jahre, und wenn‘s köstlich gewesen ist, so ist‘s Mühe und Arbeit gewesen; denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon.

11 Wer aber fragt nach deinem Willen, und wer fürchtet sich vor dir mehr als vor den Menschen?

12 Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.

13 HERR, kehre dich doch endlich wieder zu uns und sei deinen Knechten gnädig!

14 Fülle uns frühe mit deiner Gnade, so wollen wir rühmen und fröhlich sein unser Leben lang.

15 Erfreue uns nun wieder, nachdem du uns so lange plagest, nachdem wir so lange Unglück leiden.

16 Zeige deinen Knechten deine Werke und deine Herrlichkeit ihren Kindern.

17 Und der Herr, unser Gott, sei uns freundlich und fördere das Werk unsrer Hände bei uns. Ja, das Werk unsrer Hände wollest du fördern!

Liebe Familie Z., liebe Trauergemeinde!

Wir haben wieder einmal bestätigt bekommen, was es heißt, dass keiner von uns weiß, ob er den morgigen Tag noch erleben wird. Bis vorgestern früh war Herrn Z. nichts anzumerken von irgendeiner akuten Krankheit, und dann ging alles so schnell. Von einer auf die andere Stunde. Es war ja ein Wunsch von ihm gewesen, im Sterben sich nicht noch lange quälen zu müssen; aber niemand hätte gedacht, dass Herr Z. so bald seiner Ehefrau nachfolgen würde. Für die engsten Angehörigen ist es ein nochmaliger schwerer Schock, die ja Tag für Tag mit dem Vater und Großvater zusammengelebt, Arbeit und Freizeit, Freude und Mühe geteilt haben. Es wird einige Zeit brauchen, um zu spüren, wie der Verstorbene nun fehIt, und damit fertigzuwerden, wie weh das tut.

Eine große Hilfe ist es in der Trauer, wenn man weiß: man ist nicht allein. Wenn Familienangehörige da sind, an die man sich anlehnen, auf die man sich verlassen kann, und wenn man auch im Glauben einen Halt hat an dem Gott, der ein menschenfreundlicher Gott ist.

Und es ist auch gut, wenn man dankbar zurückblicken kann auf gemeinsame Jahre, die geprägt waren von einem guten Miteinander, wenn man Liebe und Bewahrung erfahren hat. Sicher mag es auch manches geben, was versäumt wurde und was nun nicht mehr nachgeholt werden kann. Aber das können wir – im Vertrauen auf Vergebung – Gott anheimstellen.

Erinnerungen an das Leben des Verstorbenen

Unterbrochen wurde sein ruhiges Leben in außerordentlicher Weise eigentlich nur durch den Zweiten Weltkrieg; in der Nachkriegszeit baute er sich mit seiner eigenen jungen Familie eine neue Existenz auf dem Bauernhof auf; den Sie bis heute bewirtschaften. Herr Z. hat nicht nur sein Leben lang hier im Ort gewohnt, sondern er war dem öffentlichen Leben auch stark verbunden; nicht allein durch verwandtschaftliche und nachbarschaftliche Beziehungen, nicht allein durch die Zusammenarbeit mit anderen Landwirten und die Kontakte über den Gartenzaun, sondern euch durch seine über 50-jährige aktive Tätigkeit im Musikverein.

Nun ist er abgerufen worden, im Grunde trotz seines verhältnismäßig fortgeschrittenen Alters mitten aus der Arbeit, mitten aus dem Leben herausgerissen worden.

Was bleibt nun nach einem solchen Leben außer den Erinnerungen, den Begegnungen, die einen geprägt haben? Wir wollen ja bei einer Beerdigung nicht ein Fazit über ein Leben ziehen im Sinne von Lob und Tadel, das steht uns nicht zu. Es geht vielmehr darum, diesen Menschen ernstzunehmen als einen von Gott geliebten Menschen und deshalb auch in Würde von ihm Ahschied zu nehmen. Es geht darum, dass wir einander gegenseitig ein wenig dabei helfen, den schweren Weg der Trauer anzutreten und zu bewältigen.

In dem Konfirmationsspruch, den Herr Z. damals von Pfarrer R. mit auf den Lebensweg bekommen hat, wird etwas davon deutlich, worauf es in einem Menschenleben wirklich ankommt. Er steht im Paulusbrief an die Galater 6, 9 und lautet (nach der Lutherbibel 1912):

Lasset uns aber Gutes tun und nicht müde werden, denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten ohne Aufhören.

So einfach kann Paulus den Sinn des Lebens beschreiben: Gutes tun und nicht müde werden. Nicht, weil man als Belohnung etwas erwartet, sondern weil man vom Geist Jesu Christi angerührt und verändert wird, weil man spürt, dass es im Leben auf Liebe und Barmherzigkeit ankommt und nicht auf das Sich-Durchsetzen um jeden Preis.

Es kann dann auch die Zeit des Erntens kommen, des Erntens ohne Aufhören – eine bildliche Beschreibung der himmlischen Herrlichkeit, die wohl einem Landwirt, wie Herr Z. einer war, aus der Seele gesprochen sein könnte. Unser Ernten hier auf der Erde ist immer unvollkommen, so viel wir auch arbeiten, so viel Leistung wir bringen. Wenn wir ehrlich sind, tragen wir ohnehin durch alles, was wir tun, nur unseren Dank ab gegenüber Gott, der uns mit dem beschenkt hat, was wir sind und was wir können und was wir haben. Manchmal ist das, was wir tun, von Zweifeln und Zweideutigkeiten geprägt; niemand weiß das besser als ein Landwirt in unseren Tagen, die so sehr anders geworden sind als zu der Zeit, in der Herr Z. angefangen hat, als Landwirt zu arbeiten.

Ernten ohne Aufhören dagegen – Ernten, ohne Einbußen zu erleiden, Ernten, ohne dabei auf Kosten der Natur zu leben, Ernten, ohne an menschliche Grenzen zu stoßen – das ist die Vorstellung eines ganz anderen Lebens, das uns hier auf der Erde höchstens einmal in kleinen Ansätzen gelingt. Solches Leben hält Gott für uns bereit, wenn er uns nach unserem Tod aufnimmt in sein eigenes Leben hinein. Nur in Bildern können wir davon sprechen; denn uns fehlen die Worte und Begriffe, um angemessen den Himmel zu erfassen. Wir wissen nur, dass der Weg des Glaubens zum Himmel führt. Nicht der Weg irgendwelcher Leistungen – auch der Glaube ist nicht unsere Leistung; sondern gerade der Verzicht darauf, vor Gott etwas Verdienstvolles vorweisen zu wollen.

In diesem Sinne können wir uns Gott anvertrauen, im Leben und im Sterben, in der Freude und in der Trauer, in dem, was unser Leben erfüllt, und auch in dem, was uns Sorgen bereitet. Und in diesem Sinne können wir auch unseren Verstorbenen in die Hände Gottes legen, damit er ihn gnädig aufnehme in sein himmlisches Reich. Für ihn ist dann die Zeit gekommen, „seine Zeit“, die Zeit Gottes, die eigentlich mit unserer Zeit nicht mehrzu vergleichen ist, die Zeit des „Erntens ohne Aufhören“. Mit dem Wort „Ewigkeit“ umschreiben wir, was da auf uns zukommt, wenn wir in den Tod hineingehen müssen: ein neues Leben mit Gott, von dem wir hier auf der Erde dann schon etwas spüren, wenn wir den Heiligen Geist in uns wirken lassen (Galater 6, 9):

Lasset uns aber Gutes tun und nicht müde werden, denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten ohne Aufhören.

Amen.

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