„Stille Nacht“ zur Schonung aller Welt

Dass Jesus im ursprünglichen Text des Liedes „Stille Nacht“ als Bruder die Völker der Welt umschloss – das passte in die Zeit der traditionell deutsch-französischen Feindschaft nicht hinein. Dass Gott aller Welt Schonung verhieß, stimmte wohl nicht mit dem Bild vom Weihnachtsmann zusammen, der „kommt mit seinen Gaben: Trommel, Pfeifen und Gewehr, Fahn und Säbel und noch mehr…“

direkt-predigtGottesdienst an Heiligabend, Donnerstag, 24. Dezember 1981, um 16.00 in Dorn-Assenheim und um 17.00 in Reichelsheim
Das Kruzifix an der Rückwand der Reichelsheimer Kirche

Das Kruzifix an der Rückwand der Reichelsheimer Kirche

Glockengeläut und Orgelvorspiel

Herzlich willkommen in der Kirche am Heiligen Abend! Vielen Dank dem Musikverein, der nachher einige Lieder begleitet. Heute ist der Abend, an dem die Kinder alle gespannt auf die Bescherung unter dem Tannenbaum zu Hause warten, viele sagen: sie warten aufs Christkind.

Ich habe unserem Sohn … einmal erzählt, dass das Christkind Jesus heißt, und da hat er gefragt: Ist das Christkind der, der hinten in der Kirche hängt? Das hatte ich ihm nämlich auch einmal gesagt, dass das dort hinten ein Bild von Jesus ist. Und das ist ja wirklich derselbe.

Dieser Mann, der Jesus hieß, wurde als ganz kleines Baby geboren wie wir alle. Und an seinen Geburtstag denken wir heute. In Gedanken und in Liedern wollen wir ihn heute besuchen und sehen, wo er geboren wurde.

Wir singen das Lied „Ihr Kinderlein kommet!“ (EG 43):

1. Ihr Kinderlein, kommet, o kommet doch all, zur Krippe her kommet in Bethlehems Stall und seht, was in dieser hochheiligen Nacht der Vater im Himmel für Freude uns macht.

2. O seht in der Krippe im nächtlichen Stall, seht hier bei des Lichtleins hell glänzendem Strahl in reinlichen Windeln das himmlische Kind, viel schöner und holder, als Engel es sind.

3. Da liegt es, das Kindlein, auf Heu und auf Stroh, Maria und Joseph betrachten es froh, die redlichen Hirten knien betend davor, hoch oben schwebt jubelnd der Engelein Chor.

Lieber Gott, die Kinder fragen: Wo wohnt denn das Christkind. Erwachsene antworten: Im Himmel! Kinder fragen weiter: Aber fällt es da nicht runter? Es fällt uns schwer, zu begreifen, dass das Christuskind, dein Sohn, heute noch bei uns sein kann, obwohl es noch keiner gesehen hat. Es fällt uns schwer, zu glauben, dass es den Himmel gibt, wo du mit dem Sohn wohnst, obwohl doch keiner weiß, wo dieser Himmel ist und keiner ihn beschreiben kann. Doch das ist auch nicht so wichtig. Wichtig ist, dass wir mit dir sprechen können und dass du da bist, auch wenn wir dich nicht sehen können. Du bist da, wenn wir uns freuen oder wenn wir traurig sind oder wenn wir Angst oder Wut haben, du verstehst uns und bist genau so, wie Jesus gewesen ist, der die Menschen auch verstanden und sogar alle lieb gehabt hat. Und wenn wir daran denken, dann ist für uns das Christkind auch heute noch bei uns, auch wenn wir es nicht sehen. Dafür danken wir dir, Gott. Amen.

Vom Christuskind, das bei uns ist, auch wenn wir es nicht sehen, singen wir ein Lied, das nicht im Gesangbuch steht:
Alle Jahre wieder

Wie war es, als Jesus geboren wurde, der Mensch, der so war wie Gott? Wir hören, was Lukas davon erzählte (Kapitel 2):

1 Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde.

2 Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war.

3 Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt.

4 Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war,

5 damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger.

6 Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte.

7 Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.

8 Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde.

9 Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr.

10 Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird;

11 denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.

12 Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.

13 Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen:

14 Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

EG 24, 1-2+5+12+6:

1. »Vom Himmel hoch da komm ich her, ich bring euch gute neue Mär; der guten Mär bring ich so viel, davon ich singn und sagen will.

2. Euch ist ein Kindlein heut geborn von einer Jungfrau auserkorn, ein Kindelein so zart und fein, das soll eu’r Freud und Wonne sein.

5. So merket nun das Zeichen recht: die Krippe, Windelein so schlecht, da findet ihr das Kind gelegt, das alle Welt erhält und trägt.«

12. Das hat also gefallen dir, die Wahrheit anzuzeigen mir, wie aller Welt Macht, Ehr und Gut vor dir nichts gilt, nichts hilft noch tut.

6. Des lasst uns alle fröhlich sein und mit den Hirten gehn hinein, zu sehn, was Gott uns hat beschert, mit seinem lieben Sohn verehrt.

15 Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat.

16 Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen.

17 Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war.

18 Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten.

19 Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.

20 Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.

21 Und als acht Tage um waren und man das Kind beschneiden mußte, gab man ihm den Namen Jesus, wie er genannt war von dem Engel, ehe er im Mutterleib empfangen war.

EG 48, 1-3:

1. Kommet, ihr Hirten, ihr Männer und Fraun, kommet, das liebliche Kindlein zu schaun, Christus, der Herr, ist heute geboren, den Gott zum Heiland euch hat erkoren. Fürchtet euch nicht!

2. Lasset uns sehen in Bethlehems Stall, was uns verheißen der himmlische Schall; was wir dort finden, lasset uns künden, lasset uns preisen in frommen Weisen. Halleluja!

3. Wahrlich, die Engel verkündigen heut Bethlehems Hirtenvolk gar große Freud: Nun soll es werden Friede auf Erden, den Menschen allen ein Wohlgefallen. Ehre sei Gott!

Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen! Amen.

Liebe Gemeinde, liebe große weihnachtliche Gemeinde!

Wir haben die altvertraute Weihnachtsgeschichte nach dem Evangelium des Lukas gehört. Wir haben einige der schönsten deutschen Weihnachtslieder gesungen. Wir sind in einer weihnachtlich geschmückten Kirche versammelt, draußen liegt – nach Jahren einmal wieder – an Heiligabend Schnee, es ist „weiße Weihnacht“, und nachher wird zu Hause in den meisten Familien und auch bei vielen, die allein sind, der Weihnachtsbaum stehen, und Geschenke werden ausgepackt. Kinder freuen sich, bei Älteren werden Erinnerungen wach; manche werden sich ihrer Zuneigung zueinander besonders bewusst, andere leiden allerdings an diesem Abend besonders unter ihrer Einsamkeit.

Fühlen wir uns weihnachtlich? Geht es weihnachtlich zu bei uns? Wenn wir auf diese Frage zu antworten versuchen, wird herauskommen, dass vielen eine Weihnachtsstimmung, auch wenn sie vorübergeht, viel bedeutet, eine feierliche Stimmung, in der sie auch etwas hören, was sie erhebt und was in den oft grauen Alltag hineinleuchtet. Anderen ist wichtig, dass nicht nur Weihnachten vom Frieden die Rede sein soll, dass nicht nur Weihnachten die Waffen ruhen sollen, dass das, was die Engel verkünden, durch uns weitergetragen wird, durch jeden von uns, dorthin wo wir leben und Verantwortung tragen. Und wieder anderen ist Weihnachten eine traurige Zeit, weil Freude und Glück und Friede anscheinend an ihnen vorbeigehen.

Wenn wir heute an Polen denken, das ein unfriedliches Weihnachtsfest erlebt, die Niederkämpfung eben errungener Bürgerrechte mit Gewalt, dazu eine nahezu ausweglose wirtschaftliche Lage – dann wird uns so augenfällig deutlich wie selten zuvor – denn Polen ist ja ganz in unserer Nachbarschaft im Gegensatz zu Vietnam, El Salvador, Somalia oder Indien -, dass die Weltprobleme an Weihnachten keine Pause einlegen, ja schon gar nicht zum Zeitpunkt des Weihnachtsfestes alle gelöst sind. Wie wird man in diesem Jahr in Polen Weihnachten feiern? Wie weihnachtlich wird man sich dort fühlen?

Und auch in unserer Gemeinde sind Einsame und Trauernde, Kranke und Verzweifelnde, Fremde und Außenseiter, hier jetzt unter uns oder zu Hause, unterwegs oder auf der auch heute von vielen abverlangten Arbeit – viele, die eher sagen würden: weihnachtlich ist mir gar nicht zumute. Oder die an Weihnachten nur mit Wehmut denken können.

Nun denken wir einmal genau nach: Könnte es vielleicht sein, dass gerade die Polen in diesem Jahr, gerade die Bedrückten und vom Glück Verlassenen auch unter uns und bei uns – dass gerade die besser Weihnachten feiern, tiefer Weihnachten verstehen als wir, soweit es uns gut geht? Josef unterwegs mit seiner schwangeren Verlobten Maria, ausgeliefert den Erlassen der fernen Staatsmacht des Kaisers und seines Statthalters, ausgeliefert auch der Gleichgültigkeit und Hartherzigkeit derer, die ihnen hätten Unterkunft geben können, die aber kein hergelaufenes Gesindel in ihre Stube hineinlassen wollten – die sind doch auch in einer elenden Lage. Die müssten sie gut verstehen können, die vertrieben worden sind, die als Flüchtlinge Asyl suchen, die als Fremde in einem Land, das ihnen Arbeit gibt, ungeliebt sind. Gott wird als armes Kind geboren, zählt auf unserer Erde von Anfang an zu den Armen – das will Lukas mit seiner Weihnachtsgeschichte sagen! Für Gott bleibt in unserer Welt als angemessener Platz die Futterkrippe der Tiere im Stall von Bethlehem. Die Weihnachtsgeschichte hatte von Anfang an etwas mit denen zu tun, die arm dran waren. Auch dass es gerade die Hirten waren, die zuerst die Engel hören und zum Kind gehen, will uns sagen: Jesus ist zuallererst für das arme, ungebildete, hart arbeitende Volk geboren, und die von den Städtern verachteten Hirten auf dem Land werden froh darüber, dass der von den Engeln verkündete Retter einer von ihnen ist, einer, der zum armen Volk gehört. Hier liegt auch der tiefere Grund dafür, dass Kaiser Augustus und andere von denen da oben in der Weihnachtsgeschichte erwähnt werden: auch Augustus ließ sich Retter nennen, Retter des Vaterlandes – so wie sich heute Militärdiktaturen in Chile, in der Türkei oder in Polen als Regierungen der nationalen Rettung bezeichnen -, doch diese Retter, von denen das Volk nichts Gutes zu erwarten hat, haben mit dem Retter in der Krippe nichts zu tun – außer: dass dieses sanfte Kind, dieser Jesu der Liebe sie alle auf seine Weise entmachten wird. Jesus wird gegen die Macht der Gewalt seine Macht der Liebe, der Vergebung und des Leidens setzen.

„Christ, der Retter ist da!“ können wir daher singen, und damit sind wir bei dem Text von einem Lied, bei dessen Entstehung es auch so buchstäblich weihnachtlich zuging wie in den Tagen von Maria, Josef und Jesus. Zu Weihnachten 1818 ist es geschrieben und komponiert, erstmals gespielt und gesungen worden. Wie im Stall von Bethlehem beherrschten Armut und Improvisationskunst die Szene. Da ist eine armselige österreichische Vorstadtgemeinde, die durch die willkürliche Grenzziehung des Jahres 1816 von der Stadt Laufen an der Salzach und damit auch von ihrer Pfarrkirche abgetrennt war: Oberndorf auf dem Ostufer des Flusses. Die Gemeinde versammelt sich in der schon halb verfallenen St. Nikolauskirche. Die Orgel in der Kirche ist schadhaft und verstimmt: sehr schlecht, fast unbrauchbar. Seelsorger in Oberndorf ist ein Hilfspriester, Joseph Mohr, Organist ein junger Lehrer, Franz Gruber. Sie tragen das neue Weihnachtslied zur Christmette vor: Mohr, der den Text geschrieben hat, singt Tenor und begleitet auf der Gitarre, Gruber, der Komponist der Melodie, singt Bass. Den Refrain greift der Kirchenchor auf. Arme Flößer, Waldarbeiter, Taglöhner, Grenzer sind die Zuhörer. Das Lied von Mohr und Gruber kam auf verschlungenen Wegen nach Tirol, später nach Leipzig; ein Vierteljahrhundert später nimmt es der königliche Domchor in Berlin in sein Repertoire auf. Bald ist es in ganz Deutschland bekannt und schließlich in der ganzen Welt. Und das ist es bis heute, das Lied „Stille Nacht, Heilige Nacht“.

Bekannt ist allerdings nur die eine Hälfte des Liedes, die der Hilfspriester Mohr gedichtet hatte und die wir jetzt singen werden. Danach werde ich noch etwas zu den anderen Strophen sagen, die damals bis heute nicht zu Ehren gekommen sind.

EG 46, 1-3:

1. Stille Nacht, heilige Nacht! Alles schläft, einsam wacht nur das traute, hochheilige Paar. Holder Knabe im lockigen Haar, schlaf in himmlischer Ruh, schlaf in himmlischer Ruh.

2. Stille Nacht, heilige Nacht! Hirten erst kundgemacht, durch der Engel Halleluja tönt es laut von fern und nah: Christ, der Retter, ist da, Christ, der Retter, ist da!

3. Stille Nacht, heilige Nacht! Gottes Sohn, o wie lacht Lieb aus deinem göttlichen Mund, da uns schlägt die rettende Stund, Christ, in deiner Geburt, Christ, in deiner Geburt.

Liebe Gemeinde, so kennen wir das wohl meistgesungene deutsche Weihnachtslied, das für die einen zu Weihnachten einfach dazugehört, von anderen als sentimental und kitschig abgelehnt wird. Kein anderes Lied hat wohl so sehr zu Begeisterung einerseits und zu Auseinandersetzungen andererseits herausgefordert.

Das fing schon beim scheinbaren Siegeszug dieses Liedes durch Österreich und Deutschland bis in alle Welt an. Denn die Hälfte der Strophen fiel bei der weiten Verbreitung unter den Tisch. Der Dichter Joseph Mohr hat vom Teilerfolg seines Liedes nichts mehr erfahren. Als Aushilfspriester in seiner Diözese hin- und hergeschoben, starb er 1848 als Pfarrvikar von Wagrain. Nach seinem Tode wurde er zu den berühmten Österreichern gezählt. Doch ist ihm durch seinen frühen Tod eine Enttäuschung erspart geblieben: dass auf den Wegen seines Liedes zum Ruhm ausgerechnet die Strophen verlorengegangen sind, in denen er das Weihnachtsgeschehen gedeutet, nicht nur beschrieben hatte. Gerade mit diesen Versen hat Joseph Mohr seiner und unserer Zeit etwas zu sagen. Der Hilfspriester stellt Bischöfe und Professoren des 19. Jahrhunderts in den Schatten: „Der Geist ist bei den Bedrängten.“

Dass Jesus als Bruder die Völker der Welt umschloss – das war anscheinend eine Aussage, die in die Zeit der traditionell deutsch-französischen Feindschaft nicht hineinpasste. Dass Gott aller Welt Schonung verhieß, stimmte wohl nicht mit dem Bild vom Weihnachtsmann zusammen, der „kommt mit seinen Gaben: Trommel, Pfeifen und Gewehr, Fahn und Säbel und noch mehr…“ Weihnachten wurde im 19. Jahrhundert zu einer ausschließlich privaten Angelegenheit: zum Fest der deutschen Familie; so ist leicht verständlich, weshalb nur die Strophen des Liedes „Stille Nacht“ zu Ehren kamen, die die Heilige Familie beschreiben. Die drei Strophen, in denen das Heil für die Welt, die Liebe Jesu zu den Völkern der Welt, die Schonung für die Welt besungen wird, haben eher gestört.

Heute sind diese drei alten Strophen im neuen Beiheft zum Kirchengesangbuch wieder aufgenommen worden und erinnern uns daran, dass es beim Frieden Gottes nicht nur um eine Stimmung geht, nicht nur um das Gefühl des Weihnachtsfriedens in einer verschneiten Landschaft. Gott will wirklichen Frieden. Die Erde kann heute total zerstört werden. Doch Gott will keine zweite Sintflut, die Unschuldige und Schuldige verschlingt. Joseph Mohr hat offenbar schon die Überschwemmung Europas durch die Armeen der Kriege Napoleons als Zeichen einer neuen Flut empfunden. In der Strophe seines Liedes, die wir gleich als letzte singen werden, beruft er sich auf den Bund, den Gott mit Noah nach der Sintflut geschlossen hatte, auf Gottes Versprechen, keine neue Sintflut mehr kommen zu lassen:

Stille Nacht, heilige Nacht,
lange schon uns bedacht,
als der Herr, vom Grimme befreit,
in der Väter urgrauer Zeit
aller Welt Schonung verhieß,
aller Welt Schonung verhieß.

Um diese Welt zu verschonen, gibt Gott seinen Sohn in den Tod. Heil und Schonung widerfahren der Menschheit nicht durch ein Zauberwort. Schonung, das heißt: Verzicht auf Gewalt, Vertrauen in die Macht der Liebe. Jesus hat gezeigt, dass man so leben kann, um den Preis der Unbequemlichkeit, des Leidens, ja des Todes, aber mit der Verheißung erfüllten Lebens. Schonung bedeutet Rücksichtnahme, Toleranz, Anerkennung dessen, dass andere Menschen anders sind und anders sein dürfen. Schonung heißt vor allem auch: Es lohnt sich, Menschen das Leben zu erhalten. Wir warten miteinander auf eine gute Zukunft, eine brüderliche Welt ohne Krieg und Tod.

Wir sind geneigt, das für eine Illusion zu halten, eine Sehnsucht, die kaum erfüllbar ist. Weihnachten ist aber auch die Herausforderung an jeden von uns, an unserem Platz uns für die Sache Jesu einzusetzen und mitzuarbeiten. Das, was Jesus begonnen hat, muss und kann von uns fortgesetzt werden. Ausreden wie: keine Zeit, es geht uns zu schlecht, ich habe keine besonderen Fähigkeiten, zählen nicht. Wer etwas tun will, nimmt sich einfach Zeit, der sucht einfach nach Möglichkeiten, seine Fähigkeiten auszubilden und zu üben, und dem geht es vielleicht gar nicht mehr so schlecht, wenn er in seinem Einsatz neben aller Anstrengung auch Freude erfahren hat.

Gott in Menschengestalt, der uns die Fülle der Gnaden sehen lässt, dem ging es nicht gut. Er gehörte zum armen Volk und wollte es sich auch nicht gut gehen lassen, auf Kosten anderer. Er wurde angefeindet, hatte kein Dach über dem Kopf, wenn man ihn nicht aufnahm, kehrte lieber bei Verachteten als bei angesehenen Leuten ein. Aber da wird deutlich, dass es ihm und denen, die sich zu ihm zählen, auf eine andere Weise doch gut geht: in der Gemeinschaft mit Jesus ist jeder etwas wert, da bekommt jeder, was er an Liebe und Wärme und Zurechtweisung braucht, da sitzt der Arme neben dem Reichen (wenn der es nicht vorzieht, sich auszuschließen) und der Glaubende neben dem Zweifler, der Kranke neben dem Gesunden und der Sünder neben dem Gerechten (wenn er nicht mehr selbstgerecht ist). Und selbst der politische Eiferer, der Zelot, sitzt an einem Tisch mit dem, der politisch ganz anders denkt – und sie werden beide durch das Beispiel Jesu darüber belehrt, dass Gewalt nicht das Mittel Gottes ist, um Probleme zu lösen – sei es von oben oder von unten.

Weihnachtlich wird es bei uns, wenn wir zusammenbleiben und zusammenkommen – auch über unsere Familiengrenzen hinaus, auch über nationale und religiöse Überzeugungsunterschiede hinweg. Wenn auch an Weihnachten unter uns mit den Fröhlichen gelacht und mit den Traurigen geweint wird. Wenn die, die selber Unglück erleben, sich an das Unglück Gottes in Menschengestalt erinnern, an die armselige Geburt im Stall von Bethlehem, und sich fragen, wozu sie in ihrer besonderen Situation berufen sind, was Gott mit ihnen wohl noch vorhat. Weihnachtlich wird es dann, wenn die, die meinen, sie seien nichts wert, etwas von der Freundschaft merken, die Gott jedem von uns zugedacht hat. Und wenn viele unter uns dabei mithelfen, einander solche Freundlichkeit zu zeigen und Freundschaft erfahren zu lassen. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
(Im neuen EG von 1993 fehlen die Strophen 4 bis 6 wieder:)

4. Stille Nacht, heilige Nacht, die der Welt Heil gebracht, aus des Himmels goldenen Höhn uns der Gnaden Fülle lässt seh’n Jesus in Menschengestalt, Jesus in Menschengestalt.

5. Stille Nacht, heilige Nacht, wo sich heut alle Macht väterlicher Liebe ergoss und als Bruder huldvoll umschloss Jesus die Völker der Welt, Jesus die Völker der Welt.

6. Stille Nacht, heilige Nacht, lange schon uns bedacht, als der Herr vom Grimme befreit, in der Väter urgrauer Zeit aller Welt Schonung verhieß, aller Welt Schonung verhieß.

Gedicht: Wer nach Bethlehem gehen will
Beiheft 623, 5-6: Das Kindlein, das zittert

Dem Christkind konnten die Hirten damals etwas geben. Wir werden nachher etwas geschenkt bekommen, doch auch wir können anderen etwas geben. Als Jesus ein Mann wurde, hat er gesagt; Alles, was ihr anderen Menschen Gutes tut, das ist so, als wenn ihr mir Gutes tut. Wir sammeln heute in der Kirche Geld. Jedes Jahr an Heiligabend ist dieses Geld für die Aktion „Brot für die Welt“ bestimmt. Das Geld wird Kirchen und Dörfern und anderen Gruppen von Menschen in armen Ländern gegeben, damit sie sich selber helfen können, ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Lieber Herr und Gott! In der Welt mag es noch so trostlos aussehen, in Polen, in den Flüchtlingslagern, in den Kriegsgebieten, doch lass uns daran denken, dass du in die Trostlosigkeit hineingeboren bist. In unserer Umgebung mag es noch so trostlos aussehen, mag es viel Oberflächlichkeit und Lieblosigkeit geben, mögen viele ihr Leben als sinnlos empfinden oder keinen Menschen kennen, der sie wirklich ernst nimmt, doch lass uns daran denken, dass du in die Trostlosigkeit hineingeboren bist. In unseren Herzen mag es noch so trostlos aussehen, mag eine Sehnsucht nach weihnachtlichen Gefühlen mit innerer Leere oder einem Übersättigtsein kämpfen, mag uns eine merkwürdige Scham daran hindern, anderen zu zeigen, wie gern wir sie mögen, und mag ein starker Drang uns dahin bringen, dass wir möglichst viel nur für uns selbst haben wollen, doch lass uns daran denken, dass du in die Trostlosigkeit hineingeboren bist. Lass uns nicht nur daran denken, sondern lass uns umdenken. Lass uns Abschied nehmen von den geheuchelten Gefühlen, und lass uns wahrnehmen, was wir wirklich empfinden. Mach uns stark, uns selbst und die, die mit uns sind, anzunehmen, so wie wir sind. Du hältst es aus, wenn wir verzweifelt oder zornig, traurig oder mutlos zu dir kommen. Wo wir uns lieben, halten wir das auch aus in unseren Familien und Freundschaften, und wir werden merken, dass dann auch die Freude echt wird, die wir miteinander haben. Wir brauchen Liebe und wir können Liebe schenken. Alle Trostlosigkeit, ob fern oder nah, kann uns nicht daran hindern, dass wir selber Liebe üben, dass wir die Zuwendung suchen, die wir brauchen. So kann es bei uns Weihnachten werden. Amen.

Vater unser und Segen
EG 44

1. O du fröhliche, o du selige, Gnaden bringende Weihnachtszeit! Welt ging verloren, Christ ist geboren: Freue, freue dich, o Christenheit!

2. O du fröhliche, o du selige, Gnaden bringende Weihnachtszeit! Christ ist erschienen, uns zu versühnen: Freue, freue dich, o Christenheit!

3. O du fröhliche, o du selige, Gnaden bringende Weihnachtszeit! Himmlische Heere jauchzen dir Ehre: Freue, freue dich, o Christenheit!

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