Wellness für die Seele

Heilwerden durch Vertrauen.

Sie, die Unreine, berührt Jesus – und spürt sogleich, dass sie geheilt ist. Es sieht aus wie Magie. Aber es ist mehr. Dieser Mann gibt ihr das Gefühl: Den kann ich berühren, ohne dass er mir wehtut. Den kann ich um Hilfe bitten, ohne dass er mich ausnutzt, mir zu nahe tritt oder mir mein Geld abknöpft.

Ein vereister Nadelbaumzweig

Zu Beginn des Gottesdienstes wurden Winterimpressionen gezeigt

direkt-predigtGottesdienst am 3. Sonntag nach Epiphanias, den 23. Januar 2005, um 17.30 Uhr in der evangelischen Thomasgemeinde Gießen. Es war der erste (und einzige) Gottesdienst „um halb 6 in Paulus”, den wir noch einmal „wiederholt“ haben; zum ersten Mal hatten wir ihn am 3. Sonntag nach Epiphanias, den 26. Januar 2003, um 17.30 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen gefeiert.
Robert Schumann: „Winterszeit“
Begrüßung und Abkündigungen

Auch wir begrüßen Sie herzlich im „Gottesdienst abends“ in der Thomaskirche. Wir – das ist das „Team halb 6“ aus der Paulusgemeinde, das seit über zwei Jahren Abendgottesdienste in der Pauluskirche vorbereitet. Einer davon, der ursprünglich im Januar 2003 stattfand, gefiel uns so gut, dass wir ihn heute noch einmal gemeinsam mit Ihnen in der Thomaskirche feiern möchten. Sein Thema lautet: „Wellness für die Seele“.

Mit Klaviermusik von Robert Schumann wurden wir empfangen, „Winterszeit“ hieß das Stück, und „Eisbilder“ waren zu sehen. Alles, um entspannt im Gottesdienst anzukommen – Wellness heißt ja übersetzt: „Wohlergehen“ oder „Wohlfühlen“, „Gesundheit für Körper, Geist und Seele“.

Von Wellness ist schon in der Bibel die Rede, z. B. im Buch der Sprüche 17, 22:

Ein fröhliches Herz tut dem Leibe wohl; aber ein betrübtes Gemüt lässt das Gebein verdorren.

Und der Prophet Jesaja 64, 3 betet:

Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohl tut denen, die auf ihn harren.

Wir stellen heute die Frage der „Wellness“ in einen Zusammenhang mit dem Glauben. Hat das Wohlergehen von Seele und Leib etwas mit dem Glauben zu tun? Können wir heil werden durch Vertrauen?

Wir singen aus dem Lied 374 die Strophen 1, 3 + 5:

1) Ich steh in meines Herren Hand und will drin stehen bleiben; nicht Erdennot, nicht Erdentand soll mich daraus vertreiben. Und wenn zerfällt die ganze Welt, wer sich an ihn und wen er hält, wird wohlbehalten bleiben.

3) Und was er mit mir machen will, ist alles mir gelegen; ich halte ihm im Glauben still und hoff auf seinen Segen; denn was er tut, ist immer gut, und wer von ihm behütet ruht, ist sicher allerwegen.

5) Und meines Glaubens Unterpfand ist, was er selbst verheißen, dass nichts mich seiner starken Hand soll je und je entreißen. Was er verspricht, das bricht er nicht; er bleibet meine Zuversicht, ich will ihn ewig preisen.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten den 1. Psalm – im Gesangbuch unter 702 – die Frauen lesen bitte die linksbündigen Verse und die Männer mit mir die eingerückten Verse:

Der Herr kennt den Weg der Gerechten

1 Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen noch tritt auf den Weg der Sünder noch sitzt, wo die Spötter sitzen,

2 sondern hat Lust am Gesetz des HERRN und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht!

3 Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit,

und seine Blätter verwelken nicht. Und was er macht, das gerät wohl.

4 Aber so sind die Gottlosen nicht, sondern wie Spreu, die der Wind verstreut.

5 Darum bestehen die Gottlosen nicht im Gericht noch die Sünder in der Gemeinde der Gerechten.

6 Denn der HERR kennt den Weg der Gerechten, aber der Gottlosen Weg vergeht.

Kommt, lasst uns Gott anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Wohl dem Gerechten, weh dem Gottlosen? Wer sich an Gott hält, „wird wohlbehalten bleiben“? Nur was der Gerechte macht, „das gerät wohl“? Ist Wohlergehen abhängig vom Wohlverhalten? Sind wir selber schuld, wenn es uns nicht gut geht?

Wir kennen die Frage: Warum bin ich so gestraft? Wir kennen den Zweifel am Sinn des Lebens, fühlen uns wie Spreu, die der Wind verweht. Wir wissen nur zu gut, wie unmöglich es ist, das Gesetz des Mose vollkommen zu erfüllen (5. Buch Mose – Deuteronomium 4, 40):

[Du] sollst halten … [Gottes] Gebote…; so wird’s dir und deinen Kindern nach dir wohlgehen und dein Leben lange währen.

Wir rufen zu Gott: Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Gut, dass die Bibel nicht nur ein Gesetzbuch ist! In erster Linie ist sie eine Anleitung zum Vertrauen auf Gott. Vielleicht kennen Sie Psalm 37, 5, der uns unser Wohlergehen als Geschenk Gottes zusagt:

Befiehl dem HERRN deine Wege und hoffe auf ihn, er wird’s wohl machen.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist gross Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende.

Der Herr sei mit euch! „Und mit deinem Geist!“

Guter Gott, wer möchte nicht, dass es ihm gut geht, wer wollte sich nicht wohlfühlen? Wer sehnt sich nicht nach Heilung, wenn er krank ist? Hat die Sehnsucht nach dem Wohl auch mit dem Heil zu tun, das du den Menschen anbietest? Hilf uns unsere Gedanken zu klären und rühre uns an in unserer Seele. Darum bitten wir dich im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Im Evangelium nach Markus 5, 24-34, steht die Geschichte einer Frau, die sich seit 12 Jahren nach Heilung sehnt (das Bild hat Ingrid Walpert, ein Mitglied des „Team halb 6“, gemalt):

24 Und es folgte [Jesus] eine große Menge, und sie umdrängten ihn.

25 Und da war eine Frau, die hatte den Blutfluss seit zwölf Jahren

26 und hatte viel erlitten von vielen Ärzten und all ihr Gut dafür aufgewandt; und es hatte ihr nichts geholfen, sondern es war noch schlimmer mit ihr geworden.

27 Als die von Jesus hörte, kam sie in der Menge von hinten heran und berührte sein Gewand.

28 Denn sie sagte sich: Wenn ich nur seine Kleider berühren könnte, so würde ich gesund.

Die blutflüssige Frau berührt Jesu Gewand (Bild: Ingrid Walpert)

Die blutflüssige Frau berührt Jesu Gewand (Bild: Ingrid Walpert)

29 Und sogleich versiegte die Quelle ihres Blutes, und sie spürte es am Leibe, dass sie von ihrer Plage geheilt war.

30 Und Jesus spürte sogleich an sich selbst, dass eine Kraft von ihm ausgegangen war, und wandte sich um in der Menge und sprach: Wer hat meine Kleider berührt?

31 Und seine Jünger sprachen zu ihm: Du siehst, dass dich die Menge umdrängt, und fragst: Wer hat mich berührt?

32 Und er sah sich um nach der, die das getan hatte.

33 Die Frau aber fürchtete sich und zitterte, denn sie wusste, was an ihr geschehen war; sie kam und fiel vor ihm nieder und sagte ihm die ganze Wahrheit.

34 Er aber sprach zu ihr: Meine Tochter, dein Glaube hat dich gesund gemacht; geh hin in Frieden und sei gesund von deiner Plage!

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Wir sprechen gemeinsam die Worte des Glaubensbekenntnisses – alte Bilder des Vertrauens auf den Gott, der sich in Jesus als Mensch von Fleisch und Blut offenbarte:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde; und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

Wir singen das Lied 383:

Herr, du hast mich angerührt. Lange lag ich krank danieder
Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, die Sehnsucht nach Wellness ist groß – ein riesiger Markt ist entstanden, mit Dienstleistungen und Produkten für körperliches und seelisches Wohlfühlen und Wohlergehen. Hier im Gottesdienst geht es nicht darum, diesen Markt zu kritisieren oder zu fördern oder gar ein eigenes kirchliches Produkt gegen andere Wellness-Produkte zu stellen.

In der Vorbereitungsgruppe kamen wir auf die Idee, diesen Gottesdienst unter das Thema „Wellness“ zu stellen, weil auch die Bibel Antworten auf die Sehnsucht enthält, die dem heutigen Wellness-Markt zugrundeliegen.

Die Geschichte, die wir gehört haben, ist eine Heilungsgeschichte besonderer Art. Am Schluss sagt Jesus: „Dein Vertrauen hat dir geholfen“. Doch am Anfang steht das anstößige Verhalten einer Frau – eine verbotene Berührung. Kann eine Berührung heilen? Führt hautnaher Kontakt zu besserem Wohlergehen, leben wir gesünder mit mehr Streicheleinheiten?

Michelangelo: Die Erschaffung des Menschen

Michelangelo: Die Erschaffung des Menschen (Foto: pixabay.com)

Auf dem Bild von der Erschaffung Adams von Michelangelo berühren sich die Fingerspitzen von Gott und Mensch nur fast. Abstand zu haben ist unser Schicksal, selbständig in unserer eigenen Haut zu leben, auf uns selber angewiesen zu sein. Zugleich sehnen wir uns nach Berührung, strecken uns nach ihr aus, wünschen uns als Kind das Streicheln, und wir fürchten Berührungen, wenn wir geschlagen oder eingeengt werden, wenn wir uns überrumpelt fühlen, wenn jemand in unseren ureigenen intimen, privaten Bereich eindringt.

In der Vorbereitungsgruppe kamen wir darauf, dass die Sache mit dem Berühren in verschiedenen Kulturen ganz unterschiedlich gehandhabt wird – die einen begrüßen sich mit Küsschen und Umarmungen, andere geben die Hand. In manchen Familien werden die Kinder viel gestreichelt und geküsst, woanders lebt man viel mehr auf Distanz; allerdings können auch Worte zärtliche Nähe ausdrücken, oder es kann auch eine allzu dichte Nähe als Einengung und Umklammerung empfunden werden.

Michelangelo: Gottes und des Menschen Finger

Michelangelo: Gottes und des Menschen Finger (Foto: pixabay.com)

Wer darf uns überhaupt anfassen und berühren? Familienangehörige, enge Freunde, außerdem unter bestimmten Umständen der Arzt, Krankengymnast, Masseur oder Therapeut. Immer spielt es eine Rolle, wie man berührt wird, denn eine Berührung kann gut tun oder auch wehtun. Schon wenn man kleine Kinder beobachtet, sieht man, wie leicht aus dem „Ei-Machen“ ein „Au-Machen“ werden kann.

Oder, was noch schlimmer ist – zärtliche Berührungen können auch als Übergriffe gemeint und empfunden werden, wenn die Grenzen nicht klar sind: Will der andere die Berührung, will er sie in dieser Weise? Kinder werden massiv in ihrer Seele verletzt, wenn man ihnen zärtliche Berührungen aufdrängt, die ihnen zuwider sind und gegen die sich sich aus irgendwelchen Gründen nicht zu wehren wagen.

In manchen Kirchen wird man vor dem Abendmahl beim Friedensgruß dazu aufgefordert, dem Menschen neben sich die Hand zu geben und Frieden zu wünschen. Eigentlich eine schöne Geste. Aber wie kann man verhindern, dass man sich dabei unter Druck fühlt – ich muss jetzt jemandem so nahe kommen, wie ich es eigentlich nicht will?

Wollen Sie jetzt, in diesem Augenblick, einmal ein kleines Experiment probieren?

Wenn nein, dann tun Sie einfach nichts. Das ist OK. Wenn ja, dann schauen Sie mal nach rechts oder links, nach hinten oder vorn. Erwidert jemand ihren Blick oder schaut da jemand gerade in die andere Richtung? Wenn Sie angeschaut werden, auf welche Weise? Freundlich oder prüfend oder neutral? Entdecken Sie jemanden, dem Sie in diesem Augenblick gern die Hand geben würden? Tun Sie es nicht sofort! Vielleicht sitzt ja sowieso Ihr Ehepartner neben Ihnen oder dein Konfi-Kumpel. Aber vielleicht auch jemand ganz Fremdes. Wenn Sie den Impuls haben, ja, dem würde ich gern die Hand reichen, dann fragen Sie: „Darf ich Ihnen, darf ich dir die Hand geben?“ Wenn Sie gefragt werden, antworten Sie, wie Ihnen zumute ist: „Ja, gern.“ Oder sie schütteln den Kopf und wahren Abstand: „Nein, lieber nicht.“ Das ist normal. Nein sagen ist erlaubt.

Wir in Deutschland geben einander oft die Hand. Vielleicht haben Sie eben gemerkt, dass selbst eine so vertraute und unverfängliche Art der Berührung mit unterschiedlichsten Gefühlen verbunden sein kann.

Man kann nicht allgemein sagen, was besser ist: Abstand halten oder die Berührung suchen. Im Abstandhalten atmen wir vielleicht auf und fühlen uns frei.

Im Berühren vertrauen wir uns an, fühlen ein Stück Wärme und Geborgenheit. Berührung und Abstand halten – beides hat mit dem Wohlergehen zu tun.

In unserem Bibeltext ging es auch um das Thema „Berührung“. Eine Frau berührt Jesus – und wie geht er damit um?

Gehen wir doch mal dem Text entlang, den wir vorhin gehört haben…

24 Und es folgte ihm eine große Menge, und sie umdrängten ihn.

25 Und da war eine Frau, die hatte den Blutfluss seit zwölf Jahren.

Um Jesus drängt sich eine Menschenmenge. Mittendrin eine Frau, die seit zwölf Jahren ständig Blutungen hat, niemals nur ihre normale Regel. Nach dem Gesetz des Mose ist sie daher ständig unrein; sie darf nicht unter die Leute, niemanden anfassen, nichts berühren, was ein anderer berühren könnte, denn sonst wäre auch der bis zum Abend unrein. Zwölf Jahre blutiger Ausfluss – niemand darf ihr nahe sein, niemand darf sie lieben.

Jesus und die blutflüssige Frau (Bild: Ingrid Walpert)

Jesus und die blutflüssige Frau (Bild: Ingrid Walpert)

Das Reinheitsgesetz des Mose gilt für uns zwar nicht mehr. Aber auch heute kennen viele das Gefühl: „Mit mir stimmt etwas nicht. Ich bin anders. Ich traue mich mit meinem Leiden nicht unter die Leute.“ Das geht seelisch Kranken so, das kann einem so gehen, wenn man sich als zu klein, zu groß, zu dick empfindet, ja sogar, wenn man nicht ganz „in“ ist, nicht die teuersten Klamotten trägt oder das neueste Handy hat.

Diese Frau damals sucht verzweifelt nach Hilfe, seit Jahren, aber vergebens.

26 Sie hatte viel erlitten von vielen Ärzten und all ihr Gut dafür aufgewandt; und es hatte ihr nichts geholfen, sondern es war noch schlimmer mit ihr geworden.

Schon damals war es teuer, krank zu sein. Nicht immer halfen teure Ärzte. Die berufsmäßig ausgeübte Medizin kommt mit dem Problem der Frau nicht klar, was aber die Ärzte, an die sie gerät, nicht daran hindert, sie zusätzlich noch arm zu machen.

Was tut man, wenn man so verzweifelt ist wie diese Frau? Man klammert sich an jeden Strohhalm. Sie will es mit diesem Wunderheiler versuchen, der durchs Dorf kommt. Man nennt ihn Jesus.

Aber ihn offen anzusprechen wagt sie nicht – sie ist ja unrein. Sie dürfte sich ihm nicht einmal nähern.

Also schmiedet sie einen anderen Plan. Sie will Jesus nur von hinten anfassen, ganz heimlich, nur an seinen Kleidern, nur ein bisschen, er muss es gar nicht merken, das müsste schon helfen.

27 Als die von Jesus hörte, kam sie in der Menge von hinten heran und berührte sein Gewand.

28 Denn sie sagte sich: Wenn ich nur seine Kleider berühren könnte, so würde ich gesund.

Was tut die Frau da? In ihr paaren sich Mut und Angst. Mut, dass sie den heiligen Mann anzufassen wagt, – und zugleich Angst, denn sie weiß genau: Wenn irgendjemand wüsste, dass sie ihn absichtlich berührt – sie müsste mit schlimmsten Vorwürfen, wenn nicht sogar Bestrafung, rechnen.

Sie, die Unreine, berührt Jesus – und was geschieht?

29 Und sogleich versiegte die Quelle ihres Blutes, und sie spürte es am Leibe, dass sie von ihrer Plage geheilt war.

Was geschieht hier, im gleichen Augenblick, in dem die Frau es wagt, Jesus anzufassen?

Es sieht aus wie Magie. Aber es ist mehr. Sie hat zum erstenmal seit zwölf Jahren, vielleicht zum erstenmal in ihrem Leben einen anderen Menschen so angefasst, so vertrauensvoll, so voller Erwartung: Hilf mir doch! Hier ist ein Mann, der ihr das Gefühl gibt: Den kann ich berühren, ohne dass er mir wehtut. Den kann ich um Hilfe bitten, ohne dass er mich ausnutzt oder mir zu nahe tritt oder mir mein allerletztes Geld abknöpft. Jesus weckt in ihr ein Vertrauen, das sie vorher in sich nicht gekannt hat.

Sie kann Nähe zu Jesus zulassen – und braucht den Schutz nicht mehr, den sie zwölf Jahre lang gebraucht hat. Denn Blutfluss kann ein genialer Schutz vor zu viel Nähe sein: „Komm mir nicht zu nahe – ich bin unrein!“ Das fühlt sich besser an als zu spüren, dass man die Nähe anderer Menschen nicht nur sehnlich wünscht, zugleich aber eine panische Angst davor hat.

Der Schutzwall vor zu viel Nähe bricht zusammen, das Blut hört auf zu fließen. Die Frau ist geheilt.

Aber die Geschichte ist noch nicht fertig.

30 Und Jesus spürte sogleich an sich selbst, dass eine Kraft von ihm ausgegangen war, und wandte sich um in der Menge und sprach: Wer hat meine Kleider berührt?

31 Und seine Jünger sprachen zu ihm: Du siehst, dass dich die Menge umdrängt, und fragst: Wer hat mich berührt?

Wieder klingt das magisch. Wie kann man merken, dass einen mitten im Gedränge jemand ganz zart berührt? Die Jünger schütteln den Kopf. Aber Jesus ist sensibler als die Männer, die ihm nachfolgen. Er fühlt sich sozusagen angezapft in seiner Energie, die er ausstrahlt.

Etwas Ähnliches kenne ich auch. Manchmal fange ich während eines Seelsorgegesprächs an zu frieren, obwohl es eigentlich gar nicht kalt ist. Das kommt vor, wenn jemand mir sein Herz ausgeschüttet hat, ohne dass ich genau weiß, wie kann ich eigentlich helfen, was möchte dieser Mensch eigentlich von mir? Jemand möchte Hilfe, traut sich aber nicht, um Hilfe zu bitten.

Es ist so ähnlich wie in dem kleinen „Baby Blues“ Comic, den ich in der Zeitung fand: Das kleine Mädchen versucht allein, etwas vom hohen Küchenregal zu holen, alles fällt um, Mehltüten sind kaputt, Kleidung schmutzig, und die Mutter fragt: „Warum hast du nicht um Hilfe gebeten?“ Und das Mädchen kleinlaut: „Ich wollte dir keine Arbeit machen.“

Jesus möchte nicht einfach von hinten anonym angezapft werden, er will wissen, wer ihn berührt hat.

32 Und er sah sich um nach der, die das getan hatte.

33 Die Frau aber fürchtete sich und zitterte, denn sie wusste, was an ihr geschehen war; sie kam und fiel vor ihm nieder und sagte ihm die ganze Wahrheit.

Nun kommt, nachdem die Frau so viel Mut aufgebracht hat, um zu Jesus wenigstens heimlich Kontakt aufzunehmen, doch noch die ganze Angst der Frau heraus.

Die Frau berührt Jesu Gewand (Bild: Ingrid Walpert)

Jesus und die Frau (Bild: Ingrid Walpert)

Als er Augenkontakt zu ihr aufnehmen will, fängt sie an zu zittern und schämt sich.

Wird sie bestraft? Wird Jesus ihr vorwerfen, sie habe sich in unanständiger Weise an ihn heranmachen wollen? Oder wird er ihr glauben, wenn sie ihm die ganze Wahrheit sagt?

34 Er aber sprach zu ihr: Meine Tochter, dein Glaube hat dich gesund gemacht; geh hin in Frieden und sei gesund von deiner Plage!

Jesus glaubt ihr. Jesus bestätigt auch, dass die Frau nicht durch Magie geheilt wurde, sondern durch ihr eigenes Vertrauen. Er redet sie als Tochter an, wie ein liebevoller Vater, und geht auch väterlich mit ihr um: Er ist ihr unbefangen und unverkrampft nahe, spricht ihr Trost und Mut zu. Indirekt, indem er ihr Frieden zuspricht, stärkt er ihr auch den Rücken für die Rückkehr in die Reihen der normalen Gesellschaft. Denn nach den damaligen Vorschriften muss sich die Frau beim priesterlichen Gesundheitsamt melden, und die stellen dann offiziell fest, die Frau ist rein und darf wieder unter die Leute.

„Geh hin im Frieden! Dein Glaube hat dich gesund gemacht!“ So liebevoll wird die Frau von Jesus in ihr neues gesundes Leben entlassen. Ihr Glaube hat sie gesund gemacht.

Dabei hat sie kein Bekenntnis zu ihm abgelegt und keine frommen Sprüche aufgesagt. Sie hat einfach nur Vertrauen gehabt und den Mut gehabt, ihn anzufassen – und dann noch mehr Mut aufgebracht, ihm auch die Wahrheit ins Gesicht zu sagen.

Jesus spricht ihr Frieden zu – den Schalom – das hebräische Wort für Wellness, für ein Wohlergehen des ganzen Menschen mit Leib und Seele im Einklang mit sich selbst, mit den Menschen und mit Gott. Amen.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

R: Leg die Hand in die Hand von dem Mann, der stillt die Stürme. Leg die Hand in die Hand von dem Mann, der dem Meer gibt Ruh. Nimm dich an, und du kannst auch die andern lieben, so wie er dich liebt, wenn du legst die Hand in die Hand von dem Mann, der die Angst besiegt.

1. In der Bibel berührt mich vor allem die Geschichte, wo die blutende Frau, die sich schmutzig und schuldig fühlt, sich ein Herz fasst und heimlich von hinten Jesus anfasst am Gewand. Sie traut Jesus zu, dass er hilft, doch zu bitten traut sie sich nicht.

2. Als die Frau mit der Hand das Gewand von Jesus anfasst, diese unreine Frau, die verzweifelt Hilfe sucht, da spürt sie eine Kraft, die von Jesus ausgeht, und sie fühlt sich heil. Ihr Körper ist rein! Kann das sein? Sie ist frei und nicht mehr verflucht.

3. Jesus spürt ihre Hand am Gewand in dem Gedränge, und er dreht sich zu ihr, zu erfahren, wer ihn berührt. Was die Frau heimlich tut, das stellt er vor aller Augen offen dar, und da schämt sie sich und fühlt sich von dem Mann peinlich vorgeführt.

4. „Meine Tochter“, so sagt er ihr freundlich wie ein Vater, „ich bin keiner, der dir irgendeine Rüge erteilt. Weißt du, ich habe nur so gestaunt darüber, wie du mir vertraust. Das darf jeder sehn, was geschehn, dein Vertrauen hat dich geheilt.“

R: Leg die Hand in die Hand von dem Mann, der stillt die Stürme. Leg die Hand in die Hand von dem Mann, der dem Meer gibt Ruh. Nimm dich an, und du kannst auch die andern lieben, so wie er dich liebt, wenn du legst die Hand in die Hand von dem Mann, der die Angst besiegt.

Lasst uns beten. Wir singen nach den drei Teilen der Fürbitte das Lied 631.

Du, Gott, bist ein Gott zum Anfassen geworden in Jesus Christus. Wo wir verletzt sind, berühre sanft unsere wunden Stellen und mach uns fähig zu neuem Vertrauen. Wo wir uns nicht trauen, uns selber liebzuhaben, lass uns den liebevollen Blick spüren, mit dem Jesus uns anschaut und zu uns sagt: Meine Tochter, mein Sohn, dein Vertrauen macht dich gesund! Lasst uns gemeinsam singen:

In Gottes Namen wolln wir finden, was verloren ist

Du Gott, bist ein Schöpfer, dem unsere Erde am Herzen liegt als einem liebevollen Vater. Du hältst sie in deiner Hand, diese von Menschenhand durch Kriege und Ausbeutung zerschundene kleine Erdkugel und willst nicht, dass sie für das Leben von Mensch und Natur endgültig verloren geht. Hilf uns, Gott, dass wir fähig werden, sorgsam nicht nur mit uns, sondern auch mit der Erde und all ihren Geschöpfen umzugehen. Lasst uns gemeinsam singen:

In Gottes Namen wolln wir finden, was verloren ist’

Du, Gott, bist der Geist des Friedens. Wir bitten um Frieden. Wir bitten um die Fähigkeit, über den Frieden nachzudenken und die richtigen Entscheidungen zu treffen, in einer Welt, die durch Terror und Massenvernichtungsmittel bedroht ist, in einer Zeit, in der die Versuchung groß ist, den Krieg wieder als normales Mittel der Politik einzusetzen. Wir bitten, dass nach dem Krieg gegen den Irak nicht noch weitere Kriege gegen sogenannte Vorposten der Tyrannei vom Zaun gebrochen werden. Hilf uns, nicht zu resignieren und zu denken, dass es auf uns und unseren Einsatz nicht ankäme. Lasst uns gemeinsam singen:

In Gottes Namen wolln wir finden, was verloren ist

In der Stille bringen wir vor dich, Gott, was wir außerdem auf dem Herzen haben:

Gebetsstille und Vater unser

Empfangt Gottes Segen:

Gott, du Quelle des Lebens…

Es segne dich Gott, der Allmächtige und Barmherzige, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. „Amen, Amen, Amen.“

Wir singen das Lied 630:
Wo ein Mensch Vertrauen gibt, nicht nur an sich selber denkt
Klaviernachspiel: Robert Schumann

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