Dein Reich komme – dein Wille geschehe!

Das Reich Gottes beginnt nicht erst nach einem Umsturz, sondern mit euch, sagt Jesus den Ungeduldigen. Ihr braucht nicht zu warten, bis ihr einmal tot seid, sagt er den Mutlosen: das Reich Gottes beginnt schon hier auf dieser Erde. Dein Wille geschehe – die Ergebenheit in Gottes Willen und die Bitte um die Bereitschaft, etwas zu tun, widersprechen sich nicht.

Das englische Vaterunser an der Paternoster-Kirche in Jerusalem

Das englische Vaterunser an der Paternoster-Kirche in Jerusalem (Foto: pixabay.com)

Ökumenischer Gottesdienst mit modernen Liedern am 20. März 1980 um 20.00 Uhr in der Reichelsheimer Kirche
Vorspiel mit Einübung der neuen Lieder

Wir begrüßen Sie und Euch alle herzlich in diesem Ökumenischen Gottesdienst mit modernen Liedern. Es ist ein Versuch, die Gemeinsamkeit der Konfessionen auch einmal in der Gottesdienstfeier deutlich zu machen, und ein Versuch, in etwas anderen Formen als gewohnt als christliche Gemeinde zusammenzusein. Wir hoffen, dass sich hier jeder wohlfühlen kann. Wenn etwas besonders gut oder nicht so gut gefallen hat, wenn Fragen offen geblieben sind, oder wenn Anregungen da sind, es ein anderes Mal besser zu machen – wir sind dankbar für jede Äußerung zu unserem Gottesdienst. Zum Beginn singen wir nun das Lied „Kumbayah, my Lord“, begleitet von der Schola und der Band der Katholischen Gemeinde Dorn-Assenheim.

Kumbayah, my Lord, kumbayah

War es richtig, zu singen: Bleib bei uns, Herr? Haben wir das Gefühl, dass Gott bei uns ist? Wäre es nicht richtiger, wenigstens zu singen: Komm wieder zu uns, Herr? Oder wäre auch das gar nicht der Wunsch von jedem unter uns? Erwarten wir, dass uns jemand hört, wenn wir beten? Viele beten nicht mehr regelmäßig. Einige kennen noch ihre alten Kindergebete, aber können nichts mehr damit anfangen. Manchen Älteren tut es weh, wenn viele der Jüngeren von Religion so wenig wissen wollen. Wenn Ihnen Kirche und Glaube so wenig zu bedeuten scheinen. Wenn sie vom Beten nichts mehr halten. Und die Jüngeren? Erleben sie an den Älteren, wie man bewusst beten kann? Beten, ohne dass es zu einem äußerlichen Zwang wird? Ohne dass es zu einer leeren Gewohnheit wird, bei Tisch, vor dem Einschlafen? Beten in der Kirche, so dass man merkt: das hat mit unserem alltäglichen Leben zu tun?

Herr, unser Gott, wir alle, alt oder jung, haben unsere Schwierigkeiten mit dem Gebet. Ob wir noch Gebete können oder ob wir nicht mehr beten. Herr, befreie uns dazu, einfach zu dir sprechen zu können. Nicht mit vielen Worten, sondern so, dass wir in Kontakt mit dir kommen und in Kontakt auch mit den anderen Menschen. Amen.

So hat Jesus zu seinen Jüngern vom Beten gesprochen (Matthäus 6, 5-13 – davon 5-8 nach GNB):

5 Wenn ihr betet, dann tut es nicht wie die Scheinheiligen. Sie stellen sich gern in den Synagogen und an den Straßenecken zum Beten auf, damit sie von allen gesehen werden. Ich versichere euch: sie haben ihren Lohn schon kassiert.

6 Wenn du beten willst, dann geh in dein Zimmer, schließ die Tür zu, und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist. Dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird dich dafür belohnen.

7 Wenn ihr betet, dann leiert nicht endlose Gebetsworte herunter wie die Heiden. Sie meinen, sie könnten bei Gott etwas erreichen, wenn sie besonders viele Worte machen.

8 Ihr sollt es anders halten. Euer Vater weiß, was ihr braucht, bevor ihr ihn bittet.

9 Darum sollt ihr so beten:

Vater unser in Himmel!

Dein Name werde geheiligt.

10 Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.

11 Unser tägliches Brot gib uns heute.

12 Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Amen.

Dieses Gebet, das Jesus seinen Jüngern vortrug, das kennen wir alle. Wir beten es oft, das Vaterunser, im Gottesdienst, auf Beerdigungen, Hochzeiten. Es wird noch heute gelernt, in der Schule, im Kommunion- oder Konfirmandenunterricht. Aber kennen wir es wirklich? Beten wir seinen Inhalt bewusst mit? Müsste das Vaterunser nicht erst übersetzt werden? Wir wollen das Vaterunser nun singen und uns dabei fragen: verstehen wir es ohne Übersetzung?

Vater unser, der du bist im Himmel

In einer kleinen Vorbereitungsgruppe haben wir uns gefragt, wie wir die Bitten des Vaterunser eigentlich verstehen. Zwei Bitten haben wir uns besonders gut angesehen: „Dein Reich komme“ und „Dein Wille geschehe“.

„Dein Reich komme“ – ein Mitglied unserer Vorbereitungsgruppe hat einmal in ihrem Bekanntenkreis herumgefragt, woran denn die einzelnen denken, wenn sie beten: „Dein Reich komme“. Einige dachten ans Totenreich. An Gottes Himmelreich, das für uns nach dem Tode offensteht. Andere dachten an ein Reich der Liebe Gottes. Reich Gottes als Ausdruck für das Gute, das wir anderen tun oder selbst erleben.

Woran denken wir, wenn wir „Reich Gottes“ hören? An ein „Reich“ im politischen Sinn, so wie es früher Königreiche und Kaiserreiche oder das sog. Dritte Reich gab? An einen bestimmten Raum, in dem Gott wohnt und herrscht, den man früher über den Wolken des Himmels gesucht hat?

Wir sollten das Wort „Reich“ anders hören. Doch mehr im Sinne des Reichs der Liebe Gottes. Wenn Jesus vom Reich Gottes redete, sprach er in Gleichnissen. Er verglich das Reich Gottes mit dem Verhalten von Menschen. Mit dem Reich Gottes verhält es sich wie… mit einem Weinbergbesitzer, einer Frau, die etwas verloren hat, und und und…

Wir sollten das Wort „Reich“ für uns anders übersetzen. Vielleicht mit dem Wort „Einfluss“ oder „Herrschaftsbereich“. Das Reich Gottes ist überall da, wo Gott unter den Menschen Einfluss gewinnt. Jesus sagte einmal zu seinen Jüngern (Lukas 17, 21b):

Das Reich Gottes ist mitten unter euch.

Ihr braucht nicht zu warten, sagte er zu den Ungeduldigen, bis es nach einem großen Umsturz beginnen wird: es beginnt hier und jetzt mit euch. Ihr braucht nicht zu warten, sagte er zu den Mutlosen, bis ihr einmal tot seid: das Reich Gottes beginnt schon hier auf dieser Erde.

Wie sieht denn aber dieses Reich Gottes, dieser Einfluss Gottes auf der Erde überhaupt aus? Oder, anders gefragt, indem wir schon an die nächste Bitte denken: was ist denn eigentlich Gottes Wille? Was ist das für ein Gott, der auf uns und unser Zusammenleben Einfluss gewinnen will? Was ist das für ein Wille, dem wir uns unterwerfen sollen?

Ich glaube, dass Gott nichts anderes will, als dass wir ernst machen mit der Anrede des Vaterunser. Sein Wille ist, dass wir nicht nur im Gebet sagen: Vater unser, sondern dass wir uns auch wirklich so verhalten, als wären wir alle Geschwister, alle Menschen auf der Erde – nicht immer einig, aber verantwortlich füreinander. Wo das geschieht, da entstehen Spuren des Reiches Gottes.

An dieser Stelle wollen wir zwei Strophen aus dem Lied von dem neuen Menschen singen:

Die Erde ist schön, es liebt sie der Herr, neu ist der Mensch, der liebt

Aber wie geschieht das? Reichen solche Spuren aus? Warum setzt Gott sich nicht mit aller Macht durch? Warum beseitigt er nicht das Böse und alles Leiden? Stattdessen lehrt er uns beten: „Dein Wille geschehe!“ Wie sollen wir das verstehen?

Im Vorbereitungskreis fanden wir zwei sehr unterschiedliche Weisen, diese Bitte zu verstehen: die eine Möglichkeit ist die: ich lasse alles auf mich zukommen; ich füge mich in Gottes Willen, was immer auch geschieht; was Gott tut, das ist richtig, mein Tun ist nicht so wichtig, ich suche Ruhe und Ausgeglichenheit, und die finde ich, wenn ich lerne, alles von Gott anzunehmen, wie es kommt.

Und die andere Möglichkeit: Dein Wille geschehe – Gott möchte, dass wir einverstanden sind mit seinem Willen. Er möchte uns nicht führen wie Marionetten am Schnürchen. Oder wie ein Feldherr sein Heer mit Befehlen führt. Er möchte, dass wir aus freien Stücken wollen, was er will, dass wir auch etwas tun dafür, weil es uns innerlich dazu drängt. Er möchte, dass da, wo wir leben, ein neuer Geist einzieht, der Geist seiner Liebe. Und der kann sich nicht gewaltsam durchsetzen, sondern nur so, dass Menschen sich freiwillig dafür einsetzen.

Dein Wille geschehe – als Bitte um Ergebenheit in Gottes Willen oder als Bitte um die Bereitschaft, etwas zu tun, beides muss sich nicht widersprechen. Wir sollten beides nicht auseinanderreißen. Wir müssen nicht warten, bis wir mit uns selbst ins Reine gekommen sind, um etwas für andere zu tun.

Aber wollen wir überhaupt, was Gott will? Wollen wir überhaupt verantwortlich füreinander sein wie Geschwister? Verantwortlich für welche, die wir gar nicht kennen, denen wir in keiner Weise nahe stehen, vielleicht sogar für Menschen, die mit uns konkurrieren oder die wir gar nicht leiden können? Wir haben Zeit, darüber nachzudenken, während wir eine Meditationsmusik hören.

Musik zur Meditation

Unser Wille geschehe – denken wir oft. Unser Wille heißt: Egoismus. Ich komme zuerst. Sonst werde ich an die Wand gedrückt. Was soll ich anderes tun? Ich muss doch mitmachen. Im Wettbewerb der Noten an der Schule. Oder wenn sich alle über einen sonderbaren Schüler lustig machen. Oder in der Unsicherheit, die uns befällt, wenn wir einem Behinderten gegenüberstehen: Gut, dass wir nicht so sind.

Leistung zählt in unserer Gesellschaft, manchmal auch nur das große Geld und entsprechender Einfluss, man muss sich bemühen, nach oben zu kommen. Das schafft nicht jeder. Nun ja, muss es nicht Unterschiede geben?

Unser Wille geschehe – aber wollen wir das wirklich? Wollen wir eine Gesellschaft aus lauter Konkurrenten? Wollen wir die Unbrüderlichkeit wirklich? Wollen wir uns wirklich im Egoismus einer ganzen Generation treiben lassen, die in wenigen Jahren Energiequellen und Rohstoffe aufbraucht, die unseren Nachfahren später fehlen?

Nein, das wollen wir eigentlich nicht. Aber schwer fällt es uns doch, aus dem Egoismus auszusteigen. Ja zu sagen zu Gottes Willen mit unseren Taten.

Vielleicht können wir uns frei singen, um leichter Ja sagen zu können zur Brüderlichkeit und Nein zum Egoismus mit dem nächsten Lied:

Bruder aller Menschen wollte Christus sein

Wir wollen alle gemeinsam beten mit dem Gebet von Franz von Assisi:

O Herr, mach mich zum Werkzeug deines Friedens: dass ich Liebe übe, wo man sich hasst, dass ich verzeihe, wo man sich beleidigt, dass ich verbinde, da wo Streit ist, dass ich die Wahrheit sage, wo der Irrtum herrscht, dass ich den Glauben bringe, wo der Zweifel drückt, dass ich die Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält, dass ich dein Licht anzünde, wo die Finsternis regiert, dass ich Freude mache, wo der Kummer wohnt. Ach, Herr, lass du mich trachten, nicht dass ich getröstet werde, sondern dass ich andere tröste, nicht dass ich verstanden werde, sondern dass ich andere verstehe, nicht dass ich geliebt werde, sondern dass ich andere liebe. Denn wer da hingibt, der empfängt, wer sich selbst vergisst, der findet, wer verzeiht, dem wird verziehen, und wer da stirbt, der erwacht zum ewigen Leben. Amen.

Stille
Die Erde ist schön, es liebt sie der Herr, neu ist der Mensch, der liebt

Auf jede der einzelnen Fürbitten antwortet die Gemeinde: „Wir bitten dich, erhöre uns!“

Wir beten für die Ärmsten der Armen in der Welt…

Wir beten für die Verfolgten und die Flüchtlinge…

Wir beten für die Völker, die unter Unruhen und Kriegen zu leiden haben…

Wir beten für die Kinder, die nicht genug zu essen haben…

Wir beten für die Kinder, die keine Schule besuchen können …

Wir beten für die Opfer von Korruption und Ausbeutung…

Wir beten für alle, die Macht haben in dieser Welt…

Wir beten für alle, die Verantwortung tragen für den Frieden unter den Völkern…

Wir beten für die Entwicklungshelfer…

Wir beten um eine gerechtere Verteilung der Güter dieser Erde…

Wir beten um den Frieden in der Welt…

Wir beten gemeinsam das Vaterunser; dabei fügen wir heute an jede einzelne Bitte eine auslegende Umschreibung an:

Vater unser im Himmel – und Herr deiner Kirche auf der ganzen Erde, du bist dort gegenwärtig, wo deine Kirche in deinem Namen redet und handelt, in allen Erdteilen, bei Menschen aller Hautfarben.

Geheiligt werde dein Name – mit vielen Stimmen, in vielen Sprachen, mit vielfältigem Tun deiner Kirche in allen Bereichen des Alltags und unseres Lebens.

Dein Reich komme – auch in deiner Kirche. Lass sie auch bei uns Anfang deiner Herrschaft sein. Gib, dass wir uns der Herrschaft deiner Liebe nicht entziehen.

Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden – so auch in deiner Kirche und durch deine Kirche. Zeig deinen Willen. Verhindere unseren allzumenschlichen Willen, der nur will, was uns selber nützt. Zeig uns den Willen, der Liebe ist, für uns und andere.

Unser tägliches Brot gib uns heute – gib uns den Blick für die Not und den Hunger in der Welt, dass wir bei allen Sorgen um unser eigenes Brot die nicht vergessen, die ohne uns kein Brot haben.

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern – vergib uns alles Versäumen der Liebe, alles Nichttun des Nötigen, alles Nichtsehen der Not, alles Schweigen, wo Reden nötig gewesen wäre. Bewahre uns vor neuer Schuld. Lass uns aber auch denen vergeben, die an uns schuldig werden.

Und führe uns nicht in Versuchung – durch unser gutes Leben und durch unseren Reichtum, dass wir nicht lau werden im Glauben, kalt werden in der Liebe und lässig in der Hoffnung. Bewahre uns davor, auch als Gemeinde und Kirche nur die einfachen und leichten Wege zu gehen.

Sondern erlöse uns von dem Bösen – vom Überschätzen des Vergänglichen, vom blinden Vertrauen auf Althergebrachtes, vom Sichabfinden mit Krieg und Gewalt, vom Liebäugeln mit der Untreue und von der panischen Angst vor der Zukunft und dem Tod.

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Herr und Vater: am Ende dieses Gottesdienstes danken wir dir für diese Weggemeinschaft, dass wir den nächsten Schritt erkennen, den wir zu gehen haben. Lass unser Reden zur Antwort werden, unsere Antwort zum Gespräch, unser Gespräch zur Tat, damit eine gerechtere Welt unter uns Gestalt gewinnt. Herr, unsere Erde ist nur ein kleines Gestirn im großen Weltall. An uns liegt es, daraus einen Planeten zu machen, dessen Geschöpfe nicht von Kriegen gepeinigt werden, nicht von Hunger und Furcht gequält, nicht zerrissen sind in sinnloser Trennung nach Rasse, Hautfarbe oder Weltanschauung. Gib uns den Mut und die Voraussicht, schon heute mit diesem Werk zu beginnen, damit unsere Kinder und Kindeskinder einst mit Stolz den Namen Mensch tragen. Ergreife du, Vater, Partei für uns und vollbringe das, wo wir versagen durch Christus, unsern Herrn. Amen.

Segen

Im letzten Lied scheint zwar nur von dem zukünftigen Reich Gottes die Rede zu sein, wenn der Herr einst wiederkommt, wir können darin aber auch die Freude ausdrücken, schon jetzt dabei zu sein, wenn wir in unserer Umwelt Spuren den Reiches Gottes hinterlassen:

Ja, wenn der Herr einst wiederkommt

Abkündigungen: Wir laden herzlich ein zu den beiden noch ausstehenden Veranstaltungen des ökumenischen Monats: zur Podiumsdiskussion zum Thema „Landbau und Umweltschutz“ am Donnerstag, 27. März 1980, um 20.00 Uhr in der Mehrzweckhalle Reichelsheim und zum Seniorentreffen mit einem Vortrag zum Thema „Das Grabtuch von Turin“ am Mittwoch, 2. April 1980, um 15.00 Uhr im Pfarrheim Dorn-Assenheim!

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