Abschied vom Supermann-Gott

Ein Sechsjähriger sagt zu einem Bild von Jesus am Kreuz: „Wenn das der Batman gewesen wäre, der hätte sich losgerissen und die Nägel nur so aus den Händen und Füßen raus­geschleudert!“ Aber den Soldaten unter dem Kreuz, diesen gemeinen, zynischen Menschen­vernichtern, wird bewusst: Wir haben Gottes Sohn getötet; Gott ist nicht auf unserer Seite, sondern auf der Seite unserer Opfer.

Batman, Superman und Wonderwoman

Kinder sind fasziniert von Batman, Superman und Wonderwoman – aber Gottes Macht ist anders (Bild: pixabay.com)

direkt-predigtAbendmahlsgottesdienst zum Karfreitag, 1. April 1983, um 9.30 Uhr in Heuchelheim, 10.30 Uhr in Reichelsheim, 13.00 Uhr in Dorn-Assenheim
Glockenläuten und Orgelvorspiel

Ich begrüße Sie zum Karfreitagsgottesdienst. Ich lade Sie ein, das Sterben Jesu zu bedenken, zu erinnern, nachzuerleben. Wozu musste er sterben? Konnte er auf diese Weise die Welt erlösen? Was hat Jesu Tod mit uns zu tun? Auf diese Fragen werde ich Antworten vorschlagen, Versuche von Antworten, die jeder bei sich selbst prüfen muss, ob er sie übernehmen und nach ihnen leben will.

Das Abendmahl feiern wir innerhalb dieses Gottesdienstes, heute mit Wein. Wer nicht teilnehmen möchte, wird gebeten, trotzdem in der Kirche zu bleiben. Wer keinen Wein trinken möchte oder darf, kann ohne Hemmungen auch nur das Brot empfangen.

Zum Zeichen des Gedenkens an Jesu Tod werde ich heute während der Schriftlesung die Altarkerzen, die Sinnbilder des Lebens, löschen, und wir werden statt des sonst gewohnten Halleluja ein einfaches Amen nach der Schriftlesung singen.

Lied EKG 66, 1-3 (EG 87):

1. Du großer Schmerzensmann, vom Vater so geschlagen, Herr Jesu, dir sei Dank für alle deine Plagen: für deine Seelenangst, für deine Band und Not, für deine Geißelung, für deinen bittern Tod.

2. Ach das hat unsre Sünd und Missetat verschuldet, was du an unsrer statt, was du für uns erduldet. Ach unsre Sünde bringt dich an das Kreuz hinan; o unbeflecktes Lamm, was hast du sonst getan?

3. Dein Kampf ist unser Sieg, dein Tod ist unser Leben; in deinen Banden ist die Freiheit uns gegeben. Dein Kreuz ist unser Trost, die Wunden unser Heil, dein Blut das Lösegeld, der armen Sünder Teil.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Gott liebte die Menschen so sehr, dass er seinen einzigen Sohn hergab. Nun wird jeder, der sein Vertrauen auf den Sohn Gottes setzt, nicht zugrunde gehen, sondern ewig leben. (Johannes 3, 16 – GNB)

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem heiligen Geiste, wie es war von Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Herr, wir möchten jetzt an dein Leiden denken, an dein Alleinsein, an die Schritte, die du auf deinem Weg ans Kreuz gehen musstest; wir möchten nachempfinden, was du getragen hast, was dich die Liebe gekostet hat, die du in unsere Welt gebracht hast; wir möchten besser verstehen, was diese Geschichte bedeutet, wie unser eigenes Leben in sie verwoben ist und wie wir durch sie die Wahrheit über unser eigenes Leben erfahren. Herr, mach uns bereit zu diesem Nachdenken, Nachempfinden und Verstehen, schenke uns die Stille und Geduld, öffne uns so, dass unsere Angst vor dem Leiden, unsere Abscheu vor allem, was uns die dunklen Seiten unsres Lebens zeigt, uns nicht hindern, dass wir dir ganz nahe sein können. Darum bitten wir dich: Jesus Christus, unseren Herrn.

Wir hören die Lesung aus dem Evangelium nach Matthäus 27, 33-54:

33 Und als sie an die Stätte kamen mit Namen Golgatha, das heißt: Schädelstätte,

34 gaben sie ihm Wein zu trinken mit Galle vermischt; und als er’s schmeckte, wollte er nicht trinken.

35 Als sie ihn aber gekreuzigt hatten, verteilten sie seine Kleider und warfen das Los darum.

36 Und sie saßen da und bewachten ihn.

37 Und oben über sein Haupt setzten sie eine Aufschrift mit der Ursache seines Todes: Dies ist Jesus, der Juden König.

38 Und da wurden zwei Räuber mit ihm gekreuzigt, einer zur Rechten und einer zur Linken.

39 Die aber vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe

40 und sprachen: Der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, hilf dir selber, wenn du Gottes Sohn bist, und steig herab vom Kreuz!

41 Desgleichen spotteten auch die Hohenpriester mit den Schriftgelehrten und Ältesten und sprachen:

42 Andern hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen. Ist er der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz herab. Dann wollen wir an ihn glauben.

43 Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, wenn er Gefallen an ihm hat; denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn.

44 Desgleichen schmähten ihn auch die Räuber, die mit ihm gekreuzigt waren.

45 Und von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde.

46 Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

47 Einige aber, die da standen, als sie das hörten, sprachen sie: Der ruft nach Elia.

48 Und sogleich lief einer von ihnen, nahm einen Schwamm und füllte ihn mit Essig und steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken.

49 Die andern aber sprachen: Halt, laß sehen, ob Elia komme und ihm helfe!

50 Aber Jesus schrie abermals laut und verschied.

Löschen der Kerzen und kurze Stille

51 Und siehe, der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus.

52 Und die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen, und die Gräber taten sich auf, und viele Leiber der entschlafenen Heiligen standen auf

53 und gingen aus den Gräbern nach seiner Auferstehung und kamen in die heilige Stadt und erschienen vielen.

54 Als aber der Hauptmann und die mit ihm Jesus bewachten das Erdbeben sahen und was da geschah, erschraken sie sehr und sprachen: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!

Lied EKG 63, 1-4 (85):

1. O Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn, o Haupt, zum Spott gebunden mit einer Dornenkron, o Haupt, sonst schön gezieret mit höchster Ehr und Zier, jetzt aber hoch schimpfieret: gegrüßet seist du mir!

2. Du edles Angesichte, davor sonst schrickt und scheut das große Weltgewichte: wie bist du so bespeit, wie bist du so erbleichet! Wer hat dein Augenlicht, dem sonst kein Licht nicht gleichet, so schändlich zugericht’?

3. Die Farbe deiner Wangen, der roten Lippen Pracht ist hin und ganz vergangen; des blassen Todes Macht hat alles hingenommen, hat alles hingerafft, und daher bist du kommen von deines Leibes Kraft.

4. Nun, was du, Herr, erduldet, ist alles meine Last; ich hab es selbst verschuldet, was du getragen hast. Schau her, hier steh ich Armer, der Zorn verdienet hat. Gib mir, o mein Erbarmer, den Anblick deiner Gnad.

Gnade und Friede sei mit uns allen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, unserem gekreuzigten Herrn. Amen.

Wir hören aus dem Text zur Predigt, den wir vorhin gehört haben, noch einmal den letzten Vers (Matthäus 27, 54 – GNB):

Sie erschraken sehr und sagten: „Er war wirklich Gottes Sohn!“

Amen.

Liebe Gemeinde!

Was fällt uns an diesem Bericht des Matthäus über das Sterben Jesu am schwersten zu glauben? Dass Gottes Sohn wirklich wie ein Geächteter, wie ein Verbrecher, unter dem Hohn und Spott der Leute stirbt, ohne sich zu wehren? Oder dass unmittelbar nach dem Tod Jesu der Vorhang im Tempel zerrissen, Tote auferstanden und aus ihren Gräbern gekommen sein sollen? Oder fällt es uns am schwersten zu glauben, dass dieser Tod die Erlösung für die Welt bedeuten soll, ja die Erlösung auch für uns selbst?

Um mit der ersten Frage zu beginnen: wir machen uns oft gar nicht klar, wenn wir an Gott denken oder gedankenlos von ihm reden, dass Gott eins ist mit Christus, eins mit diesem gekreuzigten Jesus. Wir fragen uns oft: warum greift Gott nicht ein in den Lauf unserer Welt? Warum fällt er den Bösen nicht in den Arm und warum verhindert er nicht, dass Menschen schuldlos leiden müssen? Dabei vergessen wir, dass Gott massiv in den Gang unserer Welt eingegriffen hat. Er wurde als Mensch in unsere Welt hineingeboren, ging in ihr konsequent seinen Weg der Liebe, und zwar bis zur letzten Konsequenz. Er verriet die Liebe nicht, auch nicht, als die Leute „Kreuzigt ihn!“ schrien, als ein Jünger ihn verriet und ein anderer ihn verleugnete, als Kaiphas und Pilatus ihn verurteilten und als die Soldaten ihn verspotteten und ans Kreuz nagelten. Er verfluchte weder die, die ihm das antaten, noch fluchte er gegen Gott. Noch am Kreuz betete er mit Worten eines Psalms zu Gott: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ So und nicht anders griff Gott gegen das Böse und das Leiden ein: Indem er das Böse nicht mit Bösem vergalt und das Leiden auf sich nahm, das ihm zugefügt wurde.

Ich glaube, wir wünschten uns eher einen anderen Gott. Einen, der – nach unseren Maßstäben – stärker wäre. Einen, der den Bösen richtig das Handwerk legt, der es dem Herodes und dem Kaiphas und dem Pilatus mal richtig zeigt. Einen, der uns vor unserem Leid bewahrt. Einen, der die straft, die uns im Unterschied zu uns selber schuldig vorkommen.

Im Elternseminar erzählte uns eine Frau, dass ihr sechsjähriger Sohn ein Kreuzigungsbild gesehen habe. „Das ist der Gott, der da hängt“, meinte er. Und dann kam er in Fahrt: „Wenn das der Batman gewesen wäre, der hätte sich losgerissen und die Nägel nur so aus den Händen und Füßen rausgeschleudert! Dem hätten sie noch viel mehr Nägel reinschlagen können, dem hätte das gar nichts ausgemacht!“ Ich finde es faszinierend und bestürzend zugleich, wie ehrlich und bezeichnend dieser Junge seine Empfindungen zum Tod Jesu äußert, stellvertretend auch für viele Erwachsene, die im Grunde ähnliche Vorstellungen, Wunschvorstellungen von Gott haben.

Wir sind damit auch ganz nahe an dem biblischen Bericht über die Kreuzigung Jesu, wie wir ihn von Matthäus gehört haben. Keiner kann sich zunächst vorstellen, dass dieser gequälte, zerschundene Jesus, der alles mit sich machen lässt, wirklich Gottes Sohn sein soll. Die Soldaten, das Hinrichtungskommando, sie treiben ihren Spaß mit Jesus, so wie auch heutzutage noch Menschen in vielen Ländern ihre grausame Lust im Foltern und Menschenquälen finden. Sie geben ihm ungenießbaren Wein. Sie verspotten ihn mit dem Schild „Dies ist Jesus, der König der Juden!“ Sie kreuzigen zwei weitere Opfer ihrer Henkersgewalt rechts und links neben Jesus, als seien es die Ehrenplätze neben einem König. Aber wenn sie sich‛s auch nicht vorstellen können und darüber lachen: sie haben gegen ihren Willen die Wahrheit ausgedrückt: Den wahren König der Juden haben sie gekreuzigt.

Und die Schaulustigen, die es überall dorthin zieht, wo es eine Sensation zu bestaunen gibt, wo Blut fließt, wo man etwas erfährt, was man weitererzählen kann? Sie sind enttäuscht von Jesus, und ihre Enttäuschung schlägt in Hass und Hohn um: Befrei dich doch und komm herunter vom Kreuz! Und zugleich sind sie insgeheim froh, sich und den anderen bestätigen zu können, dass wieder einmal alles beim alten geblieben ist: so nach dem Motto: ich hab‛s ja gleich gesagt – das war auch nur ein Scharlatan, es haben schon viele behauptet, der Messias zu sein! Aber doch drücken auch diese Menschen ungewollt die Wahrheit über Jesus aus: „Wenn du Gottes Sohn bist…“. Er ist Gottes Sohn, sie machen sich nur völlig falsche Vorstellungen von ihm.

Ähnlich reden die, die Jesu Tod betrieben haben: die Mächtigen in Staat und Religion: „Anderen hat er geholfen, sich selbst kann er nicht helfen…; er hat doch auf Gott vertraut, der soll ihm jetzt helfen.“ Auch sie sagen Wahres über Jesus: er hat anderen geholfen, er hat auf Gott vertraut. Aber sie verstehen nicht, warum der Vater diesen Leidenskelch nicht an seinem Sohn vorbeigehen lässt. Sie verstehen nicht, dass Jesu Weg ans Kreuz, sein Festhalten an der Liebe bis zum Letzten, gerade der höchste Ausdruck seines Vertrauens zu Gott ist, und dass ein Leben, das er sich durch Zugeständnisse an den Selbstbehauptungswillen und den Egoismus erkaufen würde, schlimmer wäre als der Tod.

Auch die beiden Verbrecher, die Leidensgenossen Jesu, beschimpfen ihn. Das Matthäusevangelium weiß nichts davon, dass einer von beiden bereut und um Vergebung bittet. Jesus wird als ein ganz Verlassener beschrieben. Selbst von seinen ganzen Jüngern und Jüngerinnen wird an anderer Stelle nur berichtet, dass Frauen aus der Ferne alles beobachtet hätten.

Selbst von Gott, seinem Vater, fühlt sich Jesus, der Sohn Gottes, verlassen. Doch er flucht ihm nicht, er schreit zu ihm ein verzweifeltes Gebet. Und mit einem weiteren Schrei stirbt er.

Wir dürfen nicht zu schnell an Ostern, an Auferstehung denken, als ob damit doch noch dieses Bild vom leidenden Gott korrigiert würde, als ob an Ostern doch noch Batman oder Supermann zu seinem Recht kommen würde. Schauen Sie sich mal auf Ihrem Kirchenblättchen zu Hause die Osterdarstellung an: Sie werden am Auferstandenen die Wunden von den Nägeln in den Händen finden. Auferstehung macht den Kreuzestod nicht rückgängig. Sie bestätigt vielmehr, dass die Liebe, die sogar den Tod auf sich nimmt, wirklich der einzige Weg zum Leben ist. Und dass der scheinbar schwache Gott alle Macht hat.

Wenn Sie nun Schwierigkeiten haben, zu glauben, was Matthäus unmittelbar nach Jesu Tod berichtet: dass der Vorhang im Tempel zerriss, Tote auferstehen – so kann ich das verstehen. Nur Matthäus erzählt davon, kein anderer Evangelist, auch der ältere Markus nicht. Ich denke, dass Matthäus die Wahrheit ausdrücken möchte, dass schon mit dem Tod Jesu am Kreuz im Grunde zwei Siege errungen sind: ein Sieg über das Böse, weil Jesus sich nicht vom Bösen zum Bösen verleiten ließ und lieber starb als seine Sache zu verraten oder anderen Menschen Leid zuzufügen; und ein Sieg über den Tod – weil der eigentlich gefährliche, uns alle schon mitten im Leben bedrohende und beherrschende Tod die Lieblosigkeit, die Selbstsucht ist. Und so sieht Matthäus mit der Phantasie des Glaubens das Bild vom Zerreißen des Vorhangs im Tempel, weil Sündenvergebung nun nicht mehr den Priestern durch ihre Opfer vorbehalten ist, und das Bild von den Toten, die aus ihren Gräbern hervorkommen kommen und nach Jerusalem ziehen. Er nimmt vorweg, was nach Ostern die Freunde Jesu erfuhren: neues Leben nach tiefster Verzweiflung. Er nimmt in seiner inneren Schau auch vorweg, was uns allen einmal blüht: uns allen blüht das ewige Leben, von Liebe erfülltes Leben, beginnend hier auf der Erde, vollendet in Gottes zukünftiger, neuer Welt.

Ich komme zur dritten, zur letzten Frage, die ich anfangs stellte. Können wir glauben, dass Jesu Tod am Kreuz die Erlösung für die Welt und für uns bedeuten soll?

Um das glauben zu können, müssen wir uns von der Vorstellung des Supermann-Gottes befreien: Von den Fragen: Wie kann Gott das nur zulassen, warum tut Gott nichts dagegen. Indem Gott selbst am Kreuz gelitten hat, hat er andere Maßstäbe gesetzt. Und indem wir irgendeine Stellung zum Kreuz Jesu beziehen, lassen wir erkennen, ob und wie wir Erlösung an uns heranlassen. Wir werden nichts von Erlösung spüren, wenn wir bei den Spöttern und abwartenden Beobachtern stehenbleiben, die sich fragen: Warum hilft er eigentlich nicht sich selbst? Wir werden Erlösung nicht erfahren, wenn wir am Kreuz einfach vorbeigehen – so wie wir auch anderswo dem Leid gern ausweichen, sei es nun fremdes oder auch eigenes. Die ersten, die nach dem Matthäusevangelium Erlösung erfuhren, waren die Soldaten unter dem Kreuz. Ausgerechnet diese gemeinen, zynischen Menschenverächter und Menschenvernichter. Ihnen wurde schlagartig bewusst: Wir haben Gottes Sohn getötet; Gott ist ja gar nicht auf unserer Seite, sondern auf der Seite unserer Opfer. Und sie erschraken über diese Erkenntnis. Sie erschraken über das, was sie getan hatten, was sie Gott angetan hatten. Sie erschraken, weil sie merkten, dass sie ihr Leben würden völlig ändern müssen. So war es vielen gegangen schon zu Lebzeiten Jesu, dem Zöllner Zachäus, der Ehebrecherin und vielen anderen, und so ging es vielen nach Jesu Tod, die im Anschauen des Gekreuzigten merkten, was in ihrem Leben faul war.

Anderen übel mitspielen aufgrund eigener Enttäuschungen; Menschen verächtlich machen, die sich nicht wehren können; die eigene Gesundheit ruinieren, die wir doch von Gott geschenkt bekommen haben, indem wir von irgendeiner Sucht nicht lassen wollen: Arbeitssucht, Esssucht, Tabletten-, Alkohol- oder Drogensucht; all das sind Beispiele für ein Verhalten, mit dem wir uns denen zugesellen, die unter dem Kreuz stehen und Jesus doch nicht zu Hilfe kommen. Glücklich sind wir zu preisen, wenn einmal unsere Erleuchtung kommt, wenn wir einmal – wie die römischen Soldaten – merken, dass wir auf die Seite Jesu, auf die Seite Gottes gehören. Das ist Erlösung: wenn wir es annehmen und danach leben, dass Gott aus uns gleichgültigen Menschen seine Freunde machen will, dass er uns sündige, egoistische, lieblose Zeitgenossen als Mitarbeiter seiner Liebe in der Welt gewinnen will. Erlösung kann bei ganz kleinen Dingen anfangen: z. B. sich selbst zu überwinden und auf religiösem Gebiet zu tun, was man will und sich keine Ausreden zu erlauben. Oder es sind größere Entscheidungen, die vielleicht sogar fremde, beraterische Hilfe erforderlich machen – im Interesse der Bewältigung der eigenen Lebensenttäuschungen und um eine neue Lebenstüchtigkeit und Fähigkeit, für andere Menschen voll da zu sein, zu entwickeln.

Das Erkennen dessen, was bei uns selbst veränderungsbedürftig ist, kann ein schmerzhafter Vorgang sein. Das ist auch der Hauptgrund für den Ernst und die Trauer, die mit dem Karfreitag verbunden sind: es ist vor allem die Trauer darüber, dass Jesus auch stellvertretend für die eigenen Sünden gestorben ist, darüber, dass ich selbst damals vermutlich auch – aus Enttäuschung, Bosheit, Angst oder Gleichgültigkeit – Jesus nicht beigestanden hätte, vielmehr beigetragen hätte zu seinem Tod.

Diese Trauer, dieser Schmerz über die eigenen wunden Punkte, will ausgehalten werden. Mit Galgenhumor darüber hinwegzugehen, das haben wir nicht mehr nötig, weil Jesus die Strafe für alles, was wir falsch machen, schon getragen hat. Und weil er uns den neuen Weg zeigt, an dem wir alles messen können, was wir tun: den Weg der Liebe. „Denn Nichtlieben ist Tod und Lieben ist Leben.“ Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
Lied EKG 71, 4-8 (EG 91, 4+6+5+10 – die 6. Strophe aus dem EKG fehlt im EG):

4. Gott ist gerecht, ein Rächer alles Bösen; Gott ist die Lieb und lässt die Welt erlösen. Dies kann mein Geist mit Schrecken und Entzücken am Kreuz erblicken.

5. Es schlägt den Stolz und mein Verdienst darnieder, es stürzt mich tief, und es erhebt mich wieder, lehrt mich mein Glück, macht mich aus Gottes Feinde zu Gottes Freunde.

6. O Herr, mein Heil, an dessen Blut ich glaube, ich liege hier vor dir gebückt im Staube, verliere mich mit dankendem Gemüte in deine Güte.

7. Seh ich dein Kreuz den Klugen dieser Erden ein Ärgernis und eine Torheit werden: so sei’s doch mir, trotz allen frechen Spottes, die Weisheit Gottes.

8. Wenn endlich, Herr, mich meine Sünden kränken, so lass dein Kreuz mir wieder Ruhe schenken. Dein Kreuz, dies sei, wenn ich den Tod einst leide, mir Fried und Freude.

Wir feiern zusammen das Heilige Abendmahl unseres Herrn und bekennen zuvor unsere offene Schuld: Wir sind zu stolz, um einzugestehen, dass wir auf Gnade angewiesen sind. Wir sind zu träge, um uns wirklich zu ändern. Wir belügen uns, über uns selbst. Oder sind wir schon einen Schritt weiter? Wir sind erschrocken über dein Leiden, Jesus. Wir sind erschüttert über das, wozu wir selbst auch fähig sind. Wir sind betroffen, weil wir schon an die Ausreden denken, die uns morgen einfallen werden, um uns doch nicht ändern zu müssen.

Herr, in Brot und Wein gibst du dich uns hin. Nicht an uns ist es, krampfhaft zu versuchen, uns zu ändern. Du willst in uns wirksam werden. Du machst uns Mut, mit dem Krampf aufzuhören, durch den wir unsere Lebenslüge aufrechterhalten wollen und durch den wir viel Lebensenergie vergeuden. Wir müssen nicht viel tun. Nur loslassen, Christi Kraft in uns hineinlassen. Die Gemeinschaft derjenigen suchen, auf die wir uns verlassen können und die uns nicht zum Weitergehen auf unguten Wegen überreden. Es ist nicht viel, was wir tun müssen, aber wenn wir es tun, werden wir irgendwann die Kraft in uns spüren, sehr viel tun zu können, für uns und für andere; wir werden unseren Nächsten lieben wie uns selbst! Herr, schenk uns deine Liebe, deine Vergebung, deine Kraft zur Veränderung in Brot und Wein. Amen.

Einsetzungsworte
Lied 136
Austeilung
Lied EKG 66, 4-6 (EG 87):

4. O hilf, dass wir auch uns zum Kampf und Leiden wagen und unter unsrer Last des Kreuzes nicht verzagen; hilf tragen mit Geduld durch deine Dornenkron, wenn’s kommen soll mit uns zum Blute, Schmach und Hohn.

5. Dein Angst komm uns zugut, wenn wir in Ängsten liegen; durch deinen Todeskampf lass uns im Tode siegen; durch deine Bande, Herr, bind uns, wie dir’s gefällt; hilf, dass wir kreuzigen durch dein Kreuz Fleisch und Welt.

6. Lass deine Wunden sein die Heilung unsrer Sünden, lass uns auf deinen Tod den Trost im Tode gründen. O Jesu, lass an uns durch dein Kreuz, Angst und Pein dein Leiden, Kreuz und Angst ja nicht verloren sein.

Herr, stärke uns, dein Leiden zu bedenken: denn wir sind schwach und wollen die Augen abwenden von deinem Kreuz und Leiden; wir wollen dich vergessen und verlassen, weil wir so enttäuscht sind von deiner Schwäche und bewussten Wehrlosigkeit.

Herr, stärke uns, dein Leiden zu bedenken: denn wir verdrängen aus unserem Leben alles, was nach Verzichten, Leiden, Hingabe ohne Gegenleistung aussieht. Wir achten am meisten auf Gesundheit, Kraft, Selbstbewusstsein, Erfolg. So verdrängen wir dich, unseren leidenden Herrn.

Herr, stärke uns, dein Leiden zu bedenken: denn wir lassen andere leiden, wo wir auf fremde Kosten leben, wo wir Leid schaffen, anstatt Leid abzuwenden und selber zu übernehmen. So verdunkeln wir das Leben der Mitmenschen und verfälschen deinen menschenfreundlichen Willen.

Herr, stärke uns, dein Leiden zu bedenken: denn im Lichte deines Leidens finden wir Trost in unserem Gedanken an unsere eigenen Verstorbenen. Heute schließen wir in unsere Fürbitte ein: … . Als der leidende Gott bist du, Herr, allen nahe, die leiden und sterben, Abschied nehmen und trauern müssen. Herr, wir dürfen dich nicht allein lassen, wir dürfen uns nicht vor jedem Leiden drücken, wir dürfen den Nächsten nicht leiden lassen. Amen.

Vater unser
Schlussvers EKG 279, 3 (EG 406):

3. Wo ist solch ein Herr zu finden, der, was Jesus tat, mir tut: mich erkauft von Tod und Sünden mit dem eignen teuren Blut? Sollt ich dem nicht angehören, der sein Leben für mich gab, sollt ich ihm nicht Treue schwören, Treue bis in Tod und Grab?

Abkündigungen und Segen

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