„Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen“

Trauerfeier für eine Frau, die früh ihre Eltern verloren und kein leichtes Leben hatte. Ich lege Worte aus dem Johannesevangelium und aus den Psalmen der Bibel aus.

Jesus will uns nicht als Waisen zurücklassen: Bronze-Skulptur einer Hand, in der ein kleines Kind geborgen schlafen kann

Ein Kind, geborgen in einer liebenden und schützenden Hand (Bild: Myriams-Fotos – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Trauergemeinde, wir sind hier zusammengekommen, um von Frau C. Abschied zu nehmen, die im Alter von [über 60] Jahren gestorben ist.

Wir erinnern uns an die Verstorbene, zeichnen ihren Lebenslauf nach, versuchen, ihr gerecht zu werden.

Wir besinnen uns auf uns selbst, was wir empfinden bei diesem Abschied, was der Gedanke an den Tod bei uns auslöst.

Wir denken auch an Gott, von dem unser Leben herkommt und zu dem es im Tode zurückkehrt.

Zu ihm beten wir mit Worten aus dem Psalm 9:

10 Der HERR ist des [Bedrückten] Schutz, ein Schutz in Zeiten der Not.

11 Darum hoffen auf dich, die deinen Namen kennen; denn du verlässest nicht, die dich, HERR, suchen.

14 HERR, sei mir gnädig, … der du mich erhebst aus den Toren des Todes,

15 dass ich erzähle all deinen Ruhm.

19 Denn [du wirst die nicht] für immer vergessen[, die Hilfe brauchen]; die Hoffnung [derer, die am Ende sind,] wird nicht ewig verloren sein.

EG 533: Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand

Liebe Trauergemeinde!

Frau C. hat kein leichtes Leben gehabt; um so wichtiger ist es, ihr Leben aus dem Blickwinkel des Glaubens zu betrachten. Gottes Ehre besteht darin, dass er der Schutz des Bedrückten ist; Gott setzt seine Macht für die ein, die am Ende sind, damit ihnen ein neuer Anfang geschenkt wird. So ist selbst der Tod, den wir erleiden, in Gottes Augen nicht das endgültige Ende, sondern er ist Durchgang: in ein neues, vollendetes Leben im Frieden.

Erinnerungen an das Leben der Verstorbenen

Für alle in ihrer Verwandtschaft blieb sie, wie ein Familienmitglied es ausdrückte, „eine knorrige, liebenswerte Person“. Wenn Sie das so ausdrücken, dann entnehme ich daraus, dass es ihr in ihrem Leben so ging wie mancher alten Eiche, die man auch „knorrig“ nennt: Die Stürme und Schläge des Schicksals lassen sie nicht unberührt, sie sind aber auch eine Herausforderung, um an ihnen zu wachsen und eine Stärke zu entwickeln, die ein anderer Mensch, der auf Rosen gebettet ist, gar nicht im gleichen Maße braucht. Liebenswert, das heißt ja wohl, dass sie nicht hart und verbittert wurde; die Fotos, die ich von ihr gesehen habe, machen auf mich den Eindruck, dass sie in Ruhe und Gelassenheit auf sich nehmen konnte, was nun einmal nicht zu ändern war.

Bei ihrer Konfirmation hatte sie von ihrem Pfarrer den Bibelvers Johannes 14, 18 mit auf den Lebensweg bekommen, der darauf Bezug nahm, dass sie beide Eltern verloren hatte:

Jesus Christus spricht: Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch.

Dieses Versprechen macht Jesus ursprünglich seinen Jüngern, kurz bevor er sterben muss. Das ist paradox, denn tatsächlich lässt er sie ja als Hinterbliebene zurück, er, der Meister und Lehrer, der so etwas wie ein geistlicher Vater seiner Lehrlinge und Schüler ist. Wie soll er, der im Begriff ist, am Kreuz zu sterben, sein Versprechen einlösen können: „Ich komme zu euch!“?

Sinn macht dieser Vers nur im Vertrauen darauf, dass Jesus der Sohn Gottes ist, den Gott aus dem Tode auferweckt, so dass er im Himmel zur Rechten Gottes sitzt und von dort aus unsichtbar im Heiligen Geist immer und überall bei uns sein kann.

Ja, Jesus ist der Sohn des Höchsten, der Messias des Gottes Israels, der das, was Gott zuerst dem Volk Israel versprochen hat, auch den Völkern in aller Welt, auch uns zugutekommen lässt. Von ihm hatte der Beter von Psalm 27, 10 voller Zuversicht gesagt:

Mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber der HERR nimmt mich auf.

Frau C. hat es früher und schmerzlicher als andere erfahren müssen, was der normale Lauf der Dinge in der Abfolge der Generationen ist: Wir müssen irgendwann die Eltern hergeben, müssen selber unser Leben in die eigene Hand nehmen. Wenn das zu früh geschieht, mag es sein, dass es schwerer fällt, sich in dieser Welt unbeschwert zurechtzufinden, das Gefühl des Alleinseins zu überwinden und intensive Kontakte zu pflegen. Was der Psalm und was Jesus ausdrücken wollen, ist eine gewisse Zuversicht: dass wir Menschen in dieser Welt nicht so allein sind, wie wir manchmal denken. Gott ist ein Vater, den wir niemals verlieren; vorhin haben wir es im Lied so gesungen: „Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand.“ In barmherzige Hände fallen wir da, in Hände, die uns auffangen, retten, Geborgenheit schenken.

Unmittelbar nachdem Jesus diesen Satz sagt:

Ich komme zu euch

– sagt er im nächsten Vers im Evangelium nach Johannes 14, 19 ein anderes Wort:

Ich lebe, und ihr sollt auch leben.

Damit gibt er seinen Jüngern eine doppelte Botschaft mit auf den Weg.

Wenn der Gott Israels seinem Volk einen solchen Satz sagte, dann meinte er: „So wahr ich lebe, will ich auch, dass ihr ein Leben führt, das diesen Namen verdient. Ihr sollt auf guten Wegen gehen, ihr sollt so leben, dass es nicht nur euch gut geht, sondern dass auch der Mensch neben euch in Gerechtigkeit und Frieden leben kann.“ Jesus ist der Messias und Sohn dieses Gottes und sagt auch uns: „So wahr ich auferstanden bin und lebe, steht auch ihr auf aus all dem, was das wahre Leben bedroht.“

Die zweite Bedeutung des Jesuswortes bezieht sich auf das Leben, das nicht aufhört an der Grenze des Todes. Wir können nicht hinüberblicken auf die andere Seite, wenn ein Mensch gestorben ist. Aber Jesus als der Sohn Gottes konnte uns in Vollmacht versprechen, dass im Tod mit uns nicht alles aus ist. Im Gegenteil: Wir dürfen Vollendung erhoffen und erwarten, ein ewiges Leben, das alle Bruchstücke unseres Lebens auf dieser Erde zusammenfügt und zu einem Ganzen werden lässt, das wir uns schöner nicht erträumen können. Jesus lebt, mit ihm werden auch wir leben.

In dieser Zuversicht dürfen wir von Frau C. getrost Abschied nehmen. Wir haben uns an sie erinnert. Wir haben uns klargemacht, was sie für ein Mensch war, was uns mit ihr fehlen wird. Nun müssen und dürfen wir sie loslassen. Sie werden ihr die Liebe über den Tod hinaus bewahren, Sie werden traurig und doch in Dankbarkeit an sie zurückdenken. Und heute tun wir noch etwas für sie: Wir gehen mit ihr den Weg zum Grab und erweisen ihr die letzte Ehre. Gott kann mehr tun als wir, er nimmt sie am Ende in Ehren bei sich auf. Das Gefühl, ein verlassenes Waisenkind zu sein, liegt für immer hinter ihr. Jetzt kann Jesus zu ihr ganz persönlich sagen: „Ich lasse dich nicht als Waisenkind zurück; ich bin bei dir.“ Amen.

Wir singen das Lied 376:

1. So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich. Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt: wo du wirst gehn und stehen, da nimm mich mit.

2. In dein Erbarmen hülle mein schwaches Herz und mach es gänzlich stille in Freud und Schmerz. Lass ruhn zu deinen Füßen dein armes Kind: es will die Augen schließen und glauben blind.

3. Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht, du führst mich doch zum Ziele auch durch die Nacht: so nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich!

Barmherziger Gott, nimm Frau C. gnädig auf in deinem Himmel und lass sie dort für immer Ruhe und Frieden finden, wo alle Schmerzen und alle Schwermut und alle Einsamkeit aufhören und wo du alle unsere Tränen abwischst, selbst die ungeweinten Tränen, die wir herunterschlucken.

Wir sind dankbar für alles, was uns mit dem Leben von Frau C. geschenkt war. Wir bitten um Vergebung für alles, was wir einander schuldig geblieben sind. Gib uns genug Kraft, um füreinander da zu sein, wo wir gebraucht werden. Hilf uns, Gott, dass wir unseren eigenen Weg finden, durch den unser Leben erfüllt wird. Du machst uns Mut zum Leben miteinander und füreinander, denn du lebst, und wir sollen auch leben. Amen.

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