Gott möge seiner Seele gnädig sein!

Trauerfeier für einen Mann, mit dem es viele nicht leicht hatten. Ich denke nach über seine geheime Sehnsucht und ob Gott ihm vergeben wird. Kommt Reue nicht zu spät, wenn man gestorben ist?

"Gott möge seiner Seele gnädig sein!" Terrakotta-Skulptur eines Vaters, der seinen Sohn in seine Arme nimmt

Gott nimmt den verlorenen Sohn in seine Arme (Bild: bosco_lee1310 – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe kleine Trauergemeinde, Sie sind hier versammelt, weil Herr J. im Alter von [über 50] Jahren gestorben ist.

Wir sind gemeinsam zum Grab gegangen und erweisen ihm die letzte Ehre. Wir denken an sein Leben und beten für seine Seele. Wir besinnen uns auf Gott, der unser Trost ist angesichts von Krankheit und Tod und von dem es heißt (Psalm 103, 3):

[Er vergibt] dir alle deine Sünde … und heilet alle deine Gebrechen.

Wir beten mit Worten aus dem Psalm 38:

2 HERR, strafe mich nicht in deinem Zorn, und züchtige mich nicht in deinem Grimm!

3 Denn deine Pfeile stecken in mir, und deine Hand drückt mich.

4 Es ist nichts Gesundes an meinem Leibe wegen deines Drohens und ist nichts Heiles an meinen Gebeinen wegen meiner Sünde.

5 Denn meine Sünden [wachsen mir über den Kopf]; wie eine schwere Last sind sie mir zu schwer geworden.

7 Ich gehe krumm und sehr gebückt; den ganzen Tag gehe ich traurig einher.

8 Meine Lenden sind ganz verdorrt; es ist nichts Gesundes an meinem Leibe.

9 Ich bin matt geworden und ganz zerschlagen; ich schreie vor Unruhe meines Herzens.

10 Herr, du kennst all mein Begehren, und mein Seufzen ist dir nicht verborgen.

11 Mein Herz erbebt, meine Kraft hat mich verlassen.

12 Meine Lieben und Freunde scheuen zurück vor meiner Plage, und meine Nächsten halten sich ferne.

16 Aber ich harre, HERR, auf dich; du, Herr, mein Gott, wirst erhören.

18 Ich bin dem Fallen nahe, und mein Schmerz ist immer vor mir.

19 So bekenne ich denn meine Missetat und sorge mich wegen meiner Sünde.

22 Verlass mich nicht, HERR; mein Gott, sei nicht ferne von mir!

23 Eile, mir beizustehen, HERR, du meine Hilfe!

Liebe Gemeinde!

Wenn ein Mensch stirbt, dann blicken wir zurück auf sein Leben. Wir sehen aber nur, was vor unseren Augen liegt. In das Herz eines Menschen können wir nicht schauen. Gott allein kennt uns durch und durch; ihm vertrauen wir heute auch den Verstorbenen an; Gott kannte ihn besser als wir alle und sogar besser, als er sich selber kannte.

„Herr, du kennst all mein Begehren, und mein Seufzen ist dir nicht verborgen“, so haben wir mit Psalm 38, 10 gebetet, und ich bin gewiss, dass Gott auch die geheimen Wünsche und Seufzer von Herrn J. nicht verborgen waren.

Erinnerungen an das Leben des Verstorbenen

Man versuchte immer wieder, seiner Seele zu helfen, man gab ihm Anlass, seinen Weg zu überdenken, damit er in ein geregeltes Leben finden konnte. Aber so richtig gelang das nie. Jetzt ist er gestorben, allein in seiner Wohnung.

„Gott möge seiner Seele gnädig sein,“ so haben Sie für Herrn J. gebetet, und ich denke, wir können in der Tat auf Gottes Gnade vertrauen. Ich möchte das unterstreichen, indem ich noch einmal auf zwei Psalmverse von vorhin eingehe.

Wir hörten Psalm 38, 10:

Herr, du kennst all mein Begehren, und mein Seufzen ist dir nicht verborgen.

Wenn das so ist, und ich bin davon fest überzeugt, dann ist Gott immer auch bei Herrn J. gewesen, auch wenn er selbst das nicht wahrgenommen hat. Es kommt vor, dass ein Mensch sich nicht eingestehen mag, was er wirklich im Innersten begehrt, wonach er sich von Herzen sehnt, vielleicht merkt er nicht einmal, was er eigentlich für seine Seele braucht.

Da verliert ein Junge seinen Papa, und er weiß nicht, wohin mit seiner uneingestandenen Trauer und vielleicht auch seinem heimlichen Zorn. Ein Junge soll stark sein, aber was ist, wenn er sich innen drin viel schwächer fühlt, als er irgend einem anderen Menschen zeigen mag? Ich weiß nicht, wie es wirklich war, aber ich bin überzeugt, dass Gott in das Herz jedes Menschen blickt. Gott kennt auch Herrn J. in seiner innersten Sehnsucht und hat sein Seufzen gehört. Und solche Seufzer kommen bei Gott an wie ein Gebet.

Außerdem hörten wir Psalm 103, 3. Dieses Bibelwort ist davon überzeugt, dass Gott stärker ist als all unser Fehlverhalten und alles, was an und in uns körperlich oder seelisch kaputt ist:

[Gott vergibt] dir alle deine Sünde … und heilet alle deine Gebrechen.

OK, das muss man sicher noch etwas erläutern, denn so offensichtlich scheint zumindest das Letztere nicht zu stimmen. Die Krankheiten von Herrn J. wurden ja eben nicht geheilt, sie führten am Ende zu seinem Tod.

Und die Sache mit der Vergebung, die ist auch nicht so einfach. Muss man nicht erst einmal einsehen und bereuen, was nicht in Ordnung war, und dann Vergebung auch annehmen? Ist es dafür nicht zu spät, wenn man gestorben ist? Beide Fragen sind nicht einfach zu beantworten, aber ich stelle sie trotzdem, weil sie uns ja beschäftigen. Und ich versuche auch, Antworten zu geben.

Ich denke, die Tatsache, dass hier einige Menschen versammelt sind, die Herrn J. die letzte Ehre erweisen, ist ein Zeichen dafür, dass Sie ihn nicht als einen Menschen sehen, der nur alles verbockt hat. Sie fühlen sich ihm ja in irgendeiner Weise verbunden; und ich denke, wenn ein Mensch solche Gefühle der Verbundenheit in anderen hervorzurufen vermag, dann kann er nicht einfach verloren sein.

Ein Mensch ist mehr als das, was er nach außen zeigt, ein Mensch hat viele Seiten. Und zur Innenseite jedes Menschen gehört auch, dass er geschaffen ist von Gott nach Gottes eigenem Bild. Das gehört zur Würde jedes Menschen. Niemand von uns kann das verlieren. Darauf spricht Gott uns zeitlebens an, und ich denke, dass er uns darauf sogar noch nach unserem Tode anspricht.

Das heißt: Gott wird auch Herrn J. in der Ewigkeit fragen: „Was hast du nur aus deinem Leben gemacht? Wie bist du mit deinen Mitmenschen umgegangen?“ Er wird sich damit auseinandersetzen müssen, er wird nicht ausweichen können.

Und er wird auch nicht ausweichen müssen, denn er wird spüren, dass er in der Tat vor einem gnädigen Richter steht, der ihn von innen kennt, nicht nur von außen, der nicht nur seine verzweifelten Taten kennt, sondern auch die Enttäuschungen seiner Kindheit und Dinge, die wir alle von ihm nicht wissen. Ich stelle mir vor, dass Gott ihn nicht nur zur Rede stellt, sondern ihn dabei in den Arm nimmt wie ein starker, liebevoller Vater, den er schon früh nicht mehr hatte und doch so nötig gebraucht hätte.

Ich denke, durch Liebe heilt Gott auch unsere Gebrechen. Manchmal erfahren wir Heilung hier im Leben; andere lernen es, mit einer Behinderung, einer Krankheit, einer seelischen Störung zu leben und schaffen es, trotz allem ihre Art von Erfüllung im Leben zu finden. Es kann aber auch sein, dass erst Gott in seiner Ewigkeit die Scherben eines zerbrochenen Lebens wieder zusammenfügt und heilt, was hier durch unsere menschlichen Möglichkeiten nicht geheilt werden konnte.

Ich möchte daher meine Ansprache mit einem Gebet beschließen, das Sie jetzt vielleicht nicht erwarten würden, nämlich mit einem Lobpsalm für Gott, dem Psalm 103:

1 Lobe den HERRN, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen!

2 Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat:

3 der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen,

4 der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit,

5 der deinen Mund fröhlich macht, und du wieder jung wirst wie ein Adler.

6 Der HERR schafft Gerechtigkeit und Recht allen, die Unrecht leiden.

8 Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte.

9 Er wird nicht für immer hadern noch ewig zornig bleiben.

10 Er handelt nicht mit uns nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat.

12 So fern der Morgen ist vom Abend, lässt er unsre Übertretungen von uns sein.

13 Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten.

14 Denn er weiß, was für ein Gebilde wir sind; er gedenkt daran, daß wir Staub sind.

15 Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde;

16 wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennet sie nicht mehr.

17 Die Gnade aber des HERRN währt von Ewigkeit zu Ewigkeit über denen, die ihn fürchten.

Vater im Himmel, in der Zuversicht, dass Herr J. in seinem Tode dir gegenübertritt und dich in deiner Gnade und Liebe kennenlernt, wollen wir ihn getrost loslassen und deinen barmherzigen Händen anvertrauen.

Wir alle stehen ja in deiner Hand. Keine Macht ist stärker als deine Macht, nicht unsere Sünde, nicht das Böse in der Welt und nicht der Tod. Tröste uns, lass unser Herz nicht vor dem Tod erschrecken und schenke uns Vertrauen zu dir.

Nimm Herrn J. gnädig auf im Himmel und lass ihn Ruhe und Frieden finden.

Dankbar sind wir für alles, was uns mit dem Leben des Verstorbenen geschenkt war. Um Vergebung bitten wir für alles, was wir einander schuldig geblieben sind.

Uns, die wir zurückbleiben, schenke die Kraft, um zu bewältigen, was uns belastet. Begleite uns auf dem Weg der Trauer und hilf uns, im Vertrauen auf dich unser eigenes Leben zu meistern. Hilf uns klarzukommen mit den Gedanken an den Tod und schenke uns die Einsicht, wie kostbar das uns geschenkte Leben ist. Mach uns bewusst, dass wir von dir geschaffen sind, um auf dieser Erde Liebe zu empfangen und zu geben. Amen.

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