Streit um die Auferstehung

Sind die Auferstehungsberichte Tatsachenberichte oder nicht? Es geht gewiss um ein Wunder, aber nicht um einen Verstoß gegen Naturgesetze. Gott macht das Kreuz des leidenden Sohnes zu einem Zeichen der Hoffnung. Er schenkt Hoffnung, die lebenserfüllende Aufgaben entdecken lässt. Liebe ist stärker als alle Mächte unserer Welt, sogar stärker als Tod und Schuld.

Helles Kreuz vor einem Hintergrund von Grün, Gelb und Rot

Das Kreuz als Zeichen der Hoffnung (Bild: pixabay.com)

Gottesdienst am 22. April 1979 (Beienheim und Reichelsheim)
Lieder aus dem EKG:
85, 1-2+6-7
81, 1-3
75, 1-3
89, 5
Ich bitte Gott, uns immer mehr mit Gnade und Frieden zu erfüllen!

Der Predigttext des heutigen Sonntags steht im Evangelium nach Johannes 20, 19-21.24-29 (GNB):

Es war spät abends an jenem Sonntag. Die Jünger hatten Angst vor den führenden Männern, deshalb hatten sie die Türen abgeschlossen. Da kam Jesus und trat in ihre Mitte. „Ich bringe euch Frieden!“ sagte er. Dann zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Sie freuten sich sehr, als sie den Herrn sahen. Noch einmal sagte Jesus zu ihnen: „Ich bringe euch Frieden! Wie der Vater mich gesandt hat, so sende ich nun euch.“

Als Jesus kam, war Thomas, genannt der Zwilling, einer der zwölf Jünger, nicht dabei gewesen. Später erzählten ihm die anderen: „Wir haben den Herrn gesehen!“ Thomas sagte zu ihnen: „Ich werde es so lange nicht glauben, bis ich die Spuren von den Nägeln an seinen Händen gesehen habe. Ich will erst mit meinem Finger die Spuren von den Nägeln fühlen und meine Hand in seine Seitenwunde legen.“

Eine Woche später waren die Jünger wieder im Haus versammelt, und Thomas war bei ihnen. Die Türen waren abgeschlossen. Jesus kam, trat in ihre Mitte und sagte: „Ich bringe euch Frieden!“ Dann wandte er sich an Thomas: „Leg deinen Finger hierher und sieh dir meine Hände an! Streck deine Hand aus und lege sie in meine Seitenwunde! Hör auf zu zweifeln und glaube, dass ich es bin!“ Da antwortete Thomas: „Mein Herr und mein Gott!“ Jesus sagte zu ihm: „Bist du jetzt überzeugt, weil du mich gesehen hast? Freuen dürfen sich alle, die mich nicht sehen und mir trotzdem vertrauen!“

Herr, hilf uns zu diesem Vertrauen. Amen.

Liebe Gemeinde!

Als ich zehn Jahre jünger war, stand für mich außer Frage, dass die Berichte über Jesu Auferstehung Tatsachenberichte waren. Dass also Jesus, zwar in unvorstellbarer, völlig neu geschaffener Gestalt, aber dennoch sichtbar und greifbar für vierzig Tage zwischen Ostern und Himmelfahrt auf der Erde gelebt hat und mal hier, mal dort seinen Jüngern erschienen ist. Dass ein Toter wieder lebendig geworden ist.

Schon damals kannte ich Leute, die anders dachten, z. B. Arbeitskollegen meines Vaters in der Fabrik. Die sagten: Auferstehung, daran kann man doch nicht glauben. Es ist noch keiner wieder gekommen, der einmal tot im Grab gelegen hat.

Später lernte ich dann auch unter bewussten Christen manchen kennen, der sagte: eine körperliche Auferstehung kann ich als vernünftig denkender Mensch nicht akzeptieren. Wer klinisch tot ist, kann nicht wieder belebt werden. Solche Gedanken haben mich damals erschreckt.

Und nicht nur in mir riefen diese Zweifel, von Christen vorgetragen, dunkle Gefühle wach: ja, wenn Auferstehung nicht so geschehen ist, wie sie in der Bibel beschrieben ist – ist sie dann überhaupt geschehen? Woran soll man sich dann halten? Dann ist doch Christus umsonst gestorben, dann gibt es auch keine Hoffnung für uns, wenn wir sterben, dann hat es doch keinen Sinn mehr zu glauben.

Ich erlebte erbitterte Streitgespräche um diese Frage, die alle von dieser Angst begleitet waren. Ich begann mich aber auch zu fragen: wenn die anderen nun doch Recht haben, oder wenigstens teilweise der Wahrheit näher sind als ich, fällt dann wirklich der Kern des Glaubens hin? Steht und fällt der christliche Glaube damit, dass ich meinen kritischen Verstand ausschalte oder nicht? Muss ich etwas glauben, was gegen die Naturgesetze unserer Welt, wie sie Gott geschaffen hat, verstößt? Vor allem machte mich die Angst stutzig, die ich um meinen Tatsachenglauben empfand: war das ein freimachender Glaube?

Ich will nun diesen Streit nicht als Schiedsrichter oder als Parteigänger entscheiden. Als Schiedsrichter nicht, weil ich nicht außerhalb des Streits stehe und nicht weiß, wer Recht hat: die einen, denen die Auferstehungsberichte Tatsachenberichte sind und die darin eine Hilfe für ihren Glauben finden, und die anderen, denen die übernatürlichen Elemente in diesen Geschichten ein Hindernis zum Glauben sind, wenn sie sie als Tatsachenberichte nehmen sollten, und die in ihnen eine noch heute gültige Wahrheit bildlich ausgedrückt finden.

Ich weiß nicht, wer Recht hat, wenn ich auch heute mehr der zweiten Anschauung zuneige. Keiner von uns kann sich Auferstehung vorstellen, weder unter den Bedingungen dieser Welt, noch unter den Bedingungen einer neuen Welt, die Gott zu schaffen versprochen hat, die wir aber auch nicht mit unseren Denkmöglichkeiten erfassen können. Auswirkungen der Auferstehung können wir allerdings erfassen und beschreiben und uns zum Anlass fürs Umdenken dienen lassen; was Auferstehung selbst ist, darüber sollten wir nicht trübsinnig grübeln oder erbittert streiten.

Ich will den Streit auch deshalb nicht entscheiden, weil es ein fruchtloser Streit ist. Er schürt nur Gegensätze in der Gemeinde zwischen den sogenannten Frommen hier, den sogenannten Mitmenschlichkeitschristen dort, und wie die Bezeichnungen alle heißen. Andere Streitfragen sind es wert ausgetragen zu werden, diese nicht. Denn in der Gemeinde können gut Menschen zusammenleben und zusammenarbeiten, die in dieser Frage gegensätzlich denken.

Es geht nämlich im Kern des Evangeliums gar nicht um diese Frage: Sind die Auferstehungsberichte Tatsachenberichte oder nicht? Es geht gewiss um ein Wunder, aber nicht um einen Verstoß gegen Naturgesetze. Ein Wunder, das unser Leben in der Welt verändert. Wir tragen bewusst oder unbewusst Fragen in uns: Sind wir in unserer Welt geborgen oder sind wir ausgeliefert? Ist unser Leben letztlich sinnvoll oder nicht? Ist das Schicksal gnadenlos oder erwartet uns ein gnädiges Schicksal auf unserem Weg durch die Zeit? Das Wunder, das Auferstehung genannt wird, ist eine Antwort auf diese Fragen.

Die Jünger Jesu haben Angst. Sie haben sich eingeschlossen, die Türen verrammelt. Sie fühlen sich hilflos den Menschen ausgeliefert. Keiner soll zu ihnen vordringen, sie wollen sich wenigstens vor den Gefahren absichern, die von den anderen Menschen drohen.

Jesus kommt doch, wie das auch immer geschieht. Seine Macht ist stärker als die verschlossenen Türen oder als unsere Abkapselung ins Privatleben. Seine Worte sind: „Ich bringe euch Frieden!“ Das ist der übliche jüdische Gruß, aber er sagt nicht nur eine Floskel so dahin, sondern seine Worte bedeuten auch etwas. Deshalb wiederholt er sie noch einmal: „Ich bringe euch Frieden!“ Er beschreibt, was im selben Augenblick geschieht: die Jünger sehen ihn, hören seine Worte und werden verwandelt: sie freuen sich.

Wie konnten sie nur denken, mit dem Tod Jesu am Kreuz sei alles aus gewesen, was er ihnen verkündigt hatte? Wie konnten sie sich, die doch zu Jesu Lebzeiten mit allen Gemeinschaft gesucht hatten, plötzlich so von den anderen Menschen, abschließen? Wie konnten sie so in ihrer Angst versinken? Sie konnten es, genau wie wir es auch immer wieder tun.

Nun bringt Jesus Frieden, ihnen und uns: Grund zur Freude. Friede heißt: ein ruhiges Herz, vergebene Schuld, geschenkte Freude, überwundene Angst.

Friede heißt aber noch mehr: „Wie der Vater mich gesandt hat, so sende ich nun euch!“ Friede ist auch ein Auftrag: Geht, sagt es allen weiter, helft mit, dass alle Menschen von diesem Frieden erfahren, lebt den anderen vor, was es heißt, auf Gott zu vertrauen, baut mit am Frieden in dieser Welt, übt Kritik an Zuständen der Ungerechtigkeit und Unfreiheit, die sich nicht mit dem Frieden vertragen.

Dieser Satz: „Ich bringe euch Frieden!“ und die Sendung, die daraus folgt, das ist das eigentliche Osterwunder. Gegen alle menschliche Hoffnung wurden aus ängstlichen Jüngern mutige; aus Leuten, die sich einschlossen, wurden tatkräftige Helfer in der Gemeinde und im Missionsdienst.

Wer hätte damals nicht gedacht: wenn Jesus stirbt, dann kann er doch nicht Gott nahe gewesen sein, dann kann er doch nicht Gottes Beauftragter gewesen sein, dann ist er gescheitert. Aber auf eine wunderbare Weise kamen die Jünger zu der Überzeugung: in Jesus war Gott am Werk, so wie es selbst der Zweifler Thomas schließlich in seinem Bekenntnis zu Jesus ausdrückt: „Mein Herr und mein Gott!“

In unserer Welt muss Gott so enden, muss ein vollkommen Unschuldiger so enden, muss einer, der einen unbequemen Frieden bringt, so enden – und dennoch fängt damit eigentlich alles erst an. Gott ist bei diesem Ende nicht am Ende. Gott macht das Kreuz des leidenden Sohnes zu einem Zeichen der Hoffnung. Er schenkt die Hoffnung auf neues Leben, auf unvorstellbares Zukunftsglück für alle – eine Hoffnung, die in unser Leben zurückwirkt, Freude aufflammen lässt, Begeisterung weckt, lebenserfüllende Aufgaben entdecken lässt. Die Liebe, die Jesus gelebt hat, in deren Konsequenz er ans Kreuz gehängt wurde, sie erweist sich als stärker als alle Mächte unserer Welt, sogar stärker als Tod und Schuld.

Das Wunder, das aus den ängstlichen Jüngern fröhliche machte, aus zweifelnden vertrauende, kann auch auf uns übergreifen. Wenn so etwas geschieht, ist es ein Wunder.

Wir können uns das vergegenwärtigen, wenn wir überlegen, wem wir es eigentlich zutrauen oder nicht zutrauen, dass er sich für eine Aufgabe in dieser unserer Gemeinde Reichelsheim einsetzt. Oder wenn wir daran denken, wie wir selbst waren, bevor wir dem Anstoß, uns zu engagieren, nachgegeben haben.

Wie solch ein Wunder geschieht, können wir beschreiben; wir hören, wie es den Jüngern erging, wir wägen ab, wir werden erfasst von der Gewissheit: Jesus bringt auch uns Frieden, Jesus sendet auch uns zu den anderen, Jesus ist lebendig unter uns, auch wenn wir ihn nicht sehen! Solche Wunder geschehen, wenn sich Mutter und Tochter nach einem tiefen Konflikt am Ostersonntag wieder verstehen, oder wenn ein Grübler, der immer unsicher nach der Meinung der anderen fragte, plötzlich seine eigenen Gedanken und Handlungen zu verantworten wagt.

Brauchen wir einen Beweis, dass solche Wunder möglich sind? Dass Gott dem Leben wirklich zum Sieg verholfen hat? Dass Jesus wirklich auferstanden ist? Diesen Wunsch haben wir mit dem Thomas gemeinsam. Jesus, so hören wir, verurteilt ihn nicht. Aber uns wird er nicht erfüllt, weder denen, die im Glauben an die Auferstehung Halt finden, noch denen, die an der Möglichkeit eines Lebens nach dem Tode oder an der Vorstellung eines persönlichen Gottes zweifeln. Beide haben wir aber ein Wort Jesu als Verheißung: „Freuen dürfen sich alle, die mich nicht sehen und mir trotzdem vertrauen!“ Denn diese Welt ist nicht gnadenlos den Mächten der Zerstörung verfallen, sondern eine Welt, in die Jesus Frieden gebracht hat. Amen.

Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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