„Taube werden hören die Worte des Buches“

Hoffen auf Gottes Wunder.

Wir waren taub für gute Worte, und auf einmal können wir annehmen, dass jemand zu uns sagt: Du darfst dich liebhaben! Wir waren blind für Gottes Liebe, und auf einmal spüren wir Angenommensein in einem Gespräch, Geborgensein, wo uns jemand in den Arm nimmt, Verständnis in einer Gruppe Gleichgesinnter. Wir können heil werden in unserer Seele.

Nicht die drei Affen, sondern drei Männer, die sich Augen, Ohren und Mund zuhalten

Von der Überwindung welcher Blindheit und Taubheit spricht der Prophet Jesaja? (Bild: pixabay.com)

#predigtGottesdienst am 12. Sonntag n. Trinitatis, den 29. August 1993, um 9.30 Uhr in der Kapelle der Landesnervenklinik Alzey

Am 12. Sonntag nach Trinitatis grüße ich Sie mit einem Vers des Propheten Jesaja 42, 3:

Das geknickte Rohr wird Gott nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.

Von Jesaja ist heute auch der Predigttext, und wir werden von der Hoffnung hören, die Jesaja verkündet.

Zu Beginn singen wir ein bekanntes Loblied zu dem Gott, auf den wir hoffen, im Gesangbuch Nr. 236, 1 und 5 und 6 und 11:

Großer Gott, wir loben dich; Herr, wir preisen deine Stärke. Vor dir neigt die Erde sich und bewundert deine Werke. Wie du warst vor aller Zeit, so bleibst du in Ewigkeit.

Auf dem ganzen Erdenkreis loben Große und auch Kleine dich, Gott Vater; dir zum Preis singt die heilige Gemeine; sie verehrt auf deinem Thron deinen eingebornen Sohn.

Sie verehrt den Heilgen Geist, der uns allen Trost gewähret, der mit Kraft die Seelen speist und uns alle Wahrheit lehret, der mit dir, Herr Jesu Christ, und dem Vater ewig ist.

Herr, erbarm, erbarme dich! Über uns, Herr, sei dein Segen! Deine Güte zeige sich, Herr, auf allen unsern Wegen. Auf dich hoffen wir allein, lass uns nicht verloren sein!

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten mit Worten des Psalms 147:

3 Gott heilt, die zerbrochenen Herzens sind, / und verbindet ihre Wunden.

4 Er zählt die Sterne / und nennt sie alle mit Namen.

5 Unser HERR ist groß und von großer Kraft, / und unbegreiflich ist, wie er regiert.

6 Der HERR richtet die Elenden auf / und stößt die Gottlosen zu Boden.

11 Der HERR hat Gefallen an denen, die ihn fürchten, / die auf seine Güte hoffen.

12 Preise, Jerusalem, den HERRN; / lobe, Zion, deinen Gott!

13 Denn er macht fest die Riegel deiner Tore / und segnet deine Kinder in deiner Mitte.

14 Er schafft deinen Grenzen Frieden / und sättigt dich mit dem besten Weizen.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Großer Gott, manchmal fällt es uns schwer, an dich zu glauben. Wenn wir krank sind, Schmerzen haben, uns gequält fühlen, und es tritt keine Besserung ein. Wenn wir immer wieder schlechte Nachrichten hören, im persönlichen Umfeld und in der weiten Welt. Wenn wir so sehr auf deine Hilfe gehofft haben, und wir wurden immer wieder enttäuscht. Komm uns heute wieder nahe, Gott, in den Worten eines Propheten Israels, deines Gottesvolkes, und in dem, was wir hören von dem, was dein Sohn Jesus Christus unter uns tat. Lass in uns neues Vertrauen zu dir wachsen! Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Lesung aus dem Evangelium nach Markus 7, 31-37:

31 Und als [Jesus] wieder fortging aus dem Gebiet von Tyros, kam er durch Sidon an das Galiläische Meer, mitten in das Gebiet der zehn Städte.

32 Und sie brachten zu ihm einen, der taub und stumm war, und baten ihn, dass er die Hand auf ihn lege.

33 Und er nahm ihn aus der Menge beiseite und legte ihm die Finger in die Ohren und berührte seine Zunge mit Speichel und

34 sah auf zum Himmel und seufzte und sprach zu ihm: Hefata!, das heißt: Tu dich auf!

35 Und sogleich taten sich seine Ohren auf, und die Fessel seiner Zunge löste sich, und er redete richtig.

36 Und er gebot ihnen, sie sollten’s niemandem sagen. Je mehr er’s aber verbot, desto mehr breiteten sie es aus.

37 Und sie wunderten sich über die Maßen und sprachen: Er hat alles wohl gemacht; die Tauben macht er hörend und die Sprachlosen redend.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Liederheft 242: Gott gab uns Atem, damit wir leben
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Zur Predigt hören wir aus dem Prophetenbuch Jesaja 29, 17-24:

17 Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden.

18 Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen;

19 und die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels.

20 Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten,

21 welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurechtweist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen.

22 Darum spricht der HERR, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob soll nicht mehr beschämt dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen.

23 Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände – seine Kinder – in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten.

24 Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen.

Liebe Gemeinde!

Aus weiter Ferne hören wir die Worte des Propheten Jesaja. Sie handeln von einem fernen Land und sie sind gesprochen vor sehr, sehr langer, langer Zeit. Vom Libanon ist da ist Rede, das ist ein kleines Bergland nördlich von Israel, das zu Zeiten des Königs Salomo von dichten Zedernwäldern bedeckt war; aus diesem Land hatte Salomo das kostbare Zedernholz für den Bau des Tempels in Jerusalem holen lassen. Das war aber zur Zeit Jesajas auch schon wieder über 200 Jahre her. Und noch einmal ungefähr 27 mal hundert Jahre sind seitdem bis heute vergangen. Gelten seine Worte eigentlich noch für uns, die wir in einem anderen Land wohnen? Und außerdem meint Jesaja doch, dass es nur noch eine kleine Weile dauert, bis all das erfüllt wird, was er ankündigt!

17 Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden.

Der Libanon war damals ein unwegsames Waldland. Man konnte die besten Bäume fällen und verkaufen, aber Menschen konnten dort nicht leben, sich nicht ernähren. Es gab eben nur Waldboden, kein Ackerland. Und Jesaja spricht nun davon: Das muss nicht für immer so sein. Es braucht gar nicht lange zu dauern, dann wird der Libanon fruchtbar sein, und dafür können andere Landstriche, wo jetzt noch Menschen reiche Ernten einbringen, verwüstet und zerstört daliegen, von Unkraut und Gestrüpp überwuchert.

Jesaja war ein Prophet. Propheten blicken hinter die Dinge. Sie hören auf die Stimme Gottes, die ganz tief in ihrer eigenen Seele zu ihnen spricht, und sie tun zweierlei, je nachdem: entweder sprechen sie Mut zu, wenn Menschen verzweifelt sind und sich selbst und Gott nichts mehr zutrauen. Oder sie legen den Finger auf wunde Punkte, versuchen die Menschen aufzurütteln, wenn sie Unrecht tun, wenn sie blind in ihren Untergang rennen.

Hier macht Jesaja die Menschen darauf aufmerksam, dass die Wirklichkeit gar nicht so festgefügt und unveränderlich ist, wie wir immer meinen.

Wenn es Menschen gut geht, dann halten sie das manchmal für so selbstverständlich, dass sie denken: Das muss für immer so bleiben. Die anderen, denen es nicht gut geht, vergessen sie, sind die nicht selber schuld? Aber Jesaja sagt, dass es ganz schnell anders kommen kann: „Was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden.“ Wie ein Wald, das war für die damaligen Menschen gleichbedeutend mit unfruchtbar, unwegsam, wild, überwuchert, unbrauchbar. Wir wären heute froh, wenn es noch mehr Wälder gäbe, weil wir wissen, wie wichtig sie für das Leben von Menschen, Tieren und Pflanzen sind, aber damals gab es ja überall noch Urwälder, und es gab umgekehrt noch ganz wenig Acker- und Weideland, das von den Menschen genutzt werden konnte. Heute würden wir den Gedanken Jesajas vielleicht so ausdrücken: „Und was jetzt fruchtbares Land ist, wird bald völlig überdüngt und vergiftet sein“, das ist ja die Gefahr in weiten Teilen unseres Landes, oder: „es wird von Wassermassen überflutet werden“, wie es in diesem Jahr in Amerika passierte infolge von Klimaveränderungen, als der Mississippi kilometerweit über seine Ufer trat.

Doch für den Propheten gilt auch die umgekehrte Wahrheit. Arme Länder können reich werden, unwegsames Gelände kann vom Menschen genutzt werden, ungerechte Verhältnisse können sich zum Guten wandeln: „Wohlan“, spricht Jesaja im Auftrag Gottes, „es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden.“ Dass so etwas wahr werden kann, hat unser Volk am eigenen Leibe erfahren. Wir dachten vierzig Jahre lang, die Teilung Deutschlands sei nicht mehr rückgängig zu machen, jedenfalls nicht so schnell. Dann ging es schneller als erwartet, sogar ohne Blutvergießen.

Dann haben wir wieder gedacht: Jetzt kann endlich eine Zeit des Friedens anbrechen, Ost und West stehen nicht mehr gegeneinander, warum soll jetzt nicht alles gut werden in der Welt? Wieder haben wir uns getäuscht. Völker, die im Kommunismus mit Gewalt dazu gezwungen wurden, in einem Staat miteinanderzuleben, die aber im Stillen schon seit vielen Jahren einen Hass gegeneinander angestaut hatten, die begannen, ihren Hass mit blutiger Gewalt auszuleben. Also wieder konnten wir uns nicht darauf verlassen, dass alles automatisch immer besser wird.

Heute sehen wir im Fernsehen die zerstörten Häuser in Sarajevo, die vom Krieg verwüsteten Landstriche in Bosnien. Hat irgendjemand noch Hoffnung, dass dort bald doch noch Friede einkehren könnte? Jesaja würde sagen: Auch die Frauen und Kinder in Bosnien dürfen hoffen. Sie sollen hoffen dürfen, dass es nicht nur diejenigen gibt, die den Krieg wollen, sondern auch viele, die sich immer noch trotz allem für Verhandlungen und ein friedliches Miteinander der Völker einsetzen.

Es ist kaum zu glauben, aber Jesaja wagt es, der Stimme Gottes zu trauen. Diese leise Stimme der Güte, der Liebe, sie hindert ihn daran, alles hinzuschmeißen, alles aufzugeben. Mag es noch so aussichtslos sein, es lohnt sich trotzdem, sich in der Welt einzusetzen für ein Stück mehr Gerechtigkeit, für ein Stückchen mehr Frieden. Denn eigentlich müsste niemand hungern auf unserer Erde, es ist genug zu essen da für alle, es ist lediglich ungerecht verteilt.

Und das gilt nicht nur für die leibliche Nahrung, sondern auch für alles, was unsere Seele braucht. All die Kinder, all die Erwachsenen, die seelisch am verhungern sind, gerade in den äußerlich so reichen Ländern – auch sie sollen satt werden. Gott vergisst die Menschen nicht, sie sind alle seine Kinder.

Lied 233, 5-7:

Der Herr ist noch und nimmer nicht von seinem Volk geschieden; er bleibet ihre Zuversicht, ihr Segen, Heil und Frieden. Mit Mutterhänden leitet er die Seinen stetig hin und her. Gebt unserm Gott die Ehre!

Wenn Trost und Hilf ermangeln muss, die alle Welt erzeiget, so kommt, so hilft der Überfluss, der Schöpfer selbst und neiget die Vateraugen denen zu, die sonsten nirgends finden Ruh. Gebt unserm Gott die Ehre!

Ich will dich all mein Leben lang, o Gott, von nun an ehren, man soll, Gott, deinen Lobgesang an allen Orten hören. Mein ganzes Herz ermuntre sich, mein Geist und Leib erfreue dich! Gebt unserm Gott die Ehre.

Wenn wir überhaupt Veränderungen für möglich halten, liebe Gemeinde, dann sehen wir meist nur die Veränderungen zum Schlechten. An Wendungen zum Guten glauben wir kaum. Zu leicht wird man enttäuscht, denken viele unter uns. Zu glauben, dass in unserer Welt die Armen und Schwachen noch eine Chance haben – das grenzt ja an ein Wunder! Da müsste man ja die Welt schon mit ganz anderen Augen sehen. Da müsste man mit ganz anderen Ohren hinhören. Und genau dies tut der Prophet Jesaja. Er weiß um etwas Wundervolles, was geschehen wird:

18 Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen;

19 und die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels.

Ausgerechnet Menschen, die Probleme haben mit dem Hören, sollen also „die Worte des Buches“, die heilsame, gute Botschaft von Gott besser vernehmen können als die anderen, die gute Ohren haben? Und die Blinden sollen erleben, dass es in ihrem Leben hell wird? Menschen, von denen man sagt: „was für ein Elend!“ – die sollen sich freuen? Ja, sagt Jesaja, und es wird eine Freude sein, die irgendwie mit Gott zu tun hat, mit dem, der hier der „Heilige Israels“ genannt wird, mit dem, der den heillosen Menschen näher ist als denen, die meinen, den Himmel schon auf Erden in der Tasche zu haben.

Wann hat es solche Wunder je gegeben? In welcher Zeit wurden Blinde sehend, Taube hörend und elende Menschen fröhlich? Wer ist dieser „Heilige Israels“? Da gab es einen Mann, der zog durch die Dörfer des Landes Israel. Er begegnete Menschen, die blind waren für die Güte Gottes, und es fiel ihnen wie Schuppen von den Augen: sie begannen zu vertrauen, sie begannen zu ahnen, dass Gott anders ist, als sie zuvor dachten. Er begegnete Menschen, die taub waren für Worte der Liebe, weil sie immer nur harte Worte gehört hatten: Du bist nichts wert, Du hast sowieso kein Recht zu leben. Und bei ihm tauten sie plötzlich auf, spürten etwas davon: Gott hat ja auch mich lieb! Ich bin ja wichtig für ihn! Egal wie es mir geht in der Welt, Gott hat mit mir etwas vor!

Johannes der Täufer hörte von diesem Mann, als er in seiner Todeszelle saß. Jesus hieß dieser Mann, und er selbst hatte ihn am Jordan getauft. Weil er sich nicht ganz sicher war, wer Jesus eigentlich war, schickte er seine Schüler zu Jesus und ließ ihn fragen (Matthäus 11, 3):

Bist du der von Gott gesandte Messias, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?

Und Johannes bekommt genau das zur Antwort, was Jesaja verheißt (Matthäus 11, 5):

Blinde sehen und Lahme gehen, … Armen wird das Evangelium gepredigt.

Jesus zieht durchs Land und hinterlässt eine Spur der Hoffnung. Überall beginnen einzelne Menschen, in ihrem Leben mit Gott zu rechnen. Sie beginnen, ganz anders wahrzunehmen, wozu sie eigentlich auf der Welt sind, wo sie Halt und Trost finden können. Mitten in der scheinbaren Trostlosigkeit des Lebens auf unserer Erde taucht plötzlich einer auf, in dem die ganze Größe Gottes wohnt, aber auf eine einfache und schlichte, menschliche Weise. Er sagt nichts weiter zu uns, als diese Worte, doch sie verändern unsere Welt (Matthäus 11, 28):

Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.

Loblied für Jesus im Liederheft 242: Kommt herbei, singt dem Herrn

Was nun im Predigttext folgt, liebe Gemeinde, das klingt hart in unserem Ohren (Jesaja 29):

20 Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten,

21 welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurechtweist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen.

Einerseits sind das wohl Gedanken, die wir auch schon so ähnlich gehabt haben: Wann macht Gott endlich einmal ein Ende mit den Kriegstreibern in Serbien und im Irak und wo auch immer. Wann wird endlich den Menschen der Mund gestopft, die sich lustig machen über alles, was anderen Menschen heilig ist? Wann werden Kindesmisshandler und Frauenschänder endlich einmal vor Gericht gestellt und empfindlich bestraft, wann werden ihre Opfer aus ihrer Gewalt errettet?

Auf der anderen Seite höre ich da auch einen fast rachsüchtigen Ton heraus: „vertilgt werden alle, die Unrecht tun“. Eins ist klar: für diesen Propheten Jesaja kann Gott nur ein gerechter Gott sein, der kein Unrecht auf ewig hinnehmen kann. Und er nennt auch Unrecht beim Namen, z. B. dass damals reiche Leute sich vor Gericht ihr Recht erkauften, so dass durch falsche Zeugen oft ein Unschuldiger verurteilt wurde; ähnlich erging es ja auch Jesus.

Jesus allerdings sprach nicht mehr davon, dass die Übeltäter vertilgt, vernichtet, getötet werden müssten. Er sagte etwas anderes (Lukas 23, 34):

Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!

Jesus beschönigte auch nicht das Unrecht. Aber er wollte nicht einfach Böses mit Bösem vergelten. Die Unrecht-Tuenden sollten nicht so einfach davonkommen, dass sie so bleiben, wie sie sind und ihre Strafe in Empfang nehmen und dann ist alles vorbei. Nein, Jesus wollte sie mit ihrem Unrecht konfrontieren, wollte, dass sie einsehen, was sie ihren Opfern zufügen, wollte, dass sie den Schmerz darüber empfinden, was es heißt, Unrecht zu erleiden. Er wollte, dass sie in sich selbst den tiefsten Grund dafür erspüren, warum sie so böse geworden sind, warum sie es meinten, nötig zu haben, andere zu verletzen. Er wollte, dass sie in sich selbst spüren, dass sie sich im Grunde nach nichts mehr sehnen, als nach der Liebe, an die sie nicht glauben, die sie grausam mit Füßen treten, die sie in den Menschen ihrer Umgebung zerstören.

Was Jesus da vor Augen hatte, ist wahnsinnig schwer zu praktizieren: Vergebung, Feindesliebe, Böses mit Gutem vergelten. Und doch ist all das ein Kernstück des christlichen Glaubens geworden. Leider nur theoretisch. In der Praxis hat man auch im Christentum oft lieber Glaubenskriege geführt, als mit Andersdenkenden oder -glaubenden friedlich zusammenzuleben. In der Praxis hört man auch unter Christen oft: Das kann ich ihm nicht verzeihen! Und eins ist jedenfalls gewiss: Vergebung kann nicht bedeuten, dass man Unrecht einfach hinnimmt, zumal dann, wenn der Täter sein Unrecht überhaupt nicht einsieht geschweige denn bereut. Man muss ihm nichts Böses tun, aber man hat durchaus das Recht, empört und zornig zu sein über das, was er getan hat.

Worum es eigentlich geht, sagt der Prophet im nächsten Vers (Jesaja 29):

22 Darum spricht der HERR, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob soll nicht mehr beschämt dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen.

Es geht also eigentlich gar nicht um die Bestrafung der Täter, die hilft sowieso niemandem, auch den Opfern nicht. Es geht um die Würde von Opfern und Tätern, dass die Opfer nicht niedergedrückt bleiben, sondern aufrecht stehen können vor Gott und den Menschen, und dass die Täter ihre Untaten bereuen und um Vergebung bitten und ebenfalls wieder Gott und anderen Menschen ins Auge blicken können.

Zum Schluss spricht der Prophet noch einen Wunsch Gottes aus. Ja, auch Gott hat Wünsche, und offenbar werden auch die Wünsche Gottes nicht immer erfüllt, genau wie wir auch bei unseren menschlichen Wünschen manchmal enttäuscht werden. Und trotzdem ist es gut, Wünsche zu haben und auszusprechen, denn ohne Wünsche verbaut man sich doch schon selber von vornherein jede Hoffnung. Gott ist jedenfalls ein hoffender Gott, einer, der uns Menschen mehr zutraut, als wir uns selber zutrauen. Und so drückt Jesaja den Wunsch Gottes aus, so hört Jesaja Gottes Stimme – es ist ein Wunsch, der sich auf seine Kinder, die Kinder Israels, sein Gottesvolk, bezieht, dieses Volk, das inmitten der Völkerwelt fast untergegangen wäre:

23 Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände – seine Kinder – in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten.

Gott wünscht sich, dass man an seinen Kindern, die mitten in der Welt leben, etwas Bestimmtes merkt: nämlich, dass sie auch so leben wie Kinder Gottes! Man soll an ihnen merken, dass sie auf Gott vertrauen, dass sie es nicht nötig haben, nur an sich selbst zu denken. Man soll an ihnen ein bisschen von der Liebe spüren, die Gott ihnen geschenkt hat. Und Gott wünscht sich, dass dann auch diese anderen Menschen sich fragen: „Was sind das eigentlich für Menschen? Was für ein Völkchen ist denn das?“ Gott wünscht sich, dass sie den „Heiligen Jakobs“ kennenlernen und ernstnehmen, den einzigartigen Gesandten Gottes aus dem Volk Israel, in dem Gott selber zur Welt gekommen ist, Jesus Christus. Und all das wünscht sich Gott nicht aus Eitelkeit oder Stolz, nicht um seiner selbst willen. Sondern er möchte einfach, dass alle Menschen sinnvoll und wahrhaftig leben können, dass sie sich nichts mehr vormachen über das Leben, dass sie lernen, was wirklich wichtig ist:

24 Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen.

Ja, Gott wünscht sich, dass wir Menschen umlernen, das Murren aufgeben, dass wir lernen, zu den echten Gefühlen zu stehen, die in uns sind – dass wir traurig sein können und auch fröhlich, dass wir ängstlich sein können und auch voller Vertrauen, dass wir Zorn empfinden können und auch Liebe, dass wir uns unserer Schuld bewusst sein können und auch Vergebung erfahren, dass wir Zweifel spüren können und auch neuen Glauben, dass wir Verzweiflung spüren können und auch neue Hoffnung.

Und wenn wir das lernen, dann geschieht auch bei uns etwas von dem, was der Prophet ankündigt. Wir waren taub für gute Worte, und auf einmal können wir annehmen, dass jemand zu uns sagt: Du darfst dich liebhaben! Wir waren blind für Gottes Liebe, und auf einmal spüren wir Angenommensein in einem Gespräch, Geborgensein, wo uns jemand in den Arm nimmt, Verständnis in einer Gruppe Gleichgesinnter. Vielleicht sah Gott für uns immer so aus wie ein Scharfrichter, der uns vernichtend bestrafen will, und nun sehen wir ihn ganz anders, wie einen Menschen mit freundlichem Gesicht, der nur will, dass wir glücklich werden. Dann beginnt auch für uns eine Zeit, in der wir strahlend lächeln können, froh werden können, in der wir anfangen, heil zu werden in unserer Seele.

18 Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen;

19 und die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
Lied 188, 1+5:

Nun lob, mein Seel, den Herren, was in mir ist, den Namen sein. Sein Wohltat tut er mehren, vergiss es nicht, o Herze mein. Hat dir dein Sünd vergeben und heilt dein Schwachheit groß, errett‘ dein armes Leben, nimmt dich in seinen Schoß, mit reichem Trost beschüttet, verjüngt, dem Adler gleich; der Herr schafft Recht, behütet, die leidn in seinem Reich.

Sei Lob und Preis mit Ehren Gott Vater, Sohn, Heiligem Geist! Der wolle in uns mehren, was er aus Gnaden uns verheißt, dass wir ihm fest vertrauen, uns gründen ganz auf ihn, von Herzen auf ihn bauen, dass unser Mut und Sinn ihm allezeit anhangen. Drauf singen wir zur Stund: Amen, wir werdn’s erlangen, glaubn wir von Herzensgrund.

Gott im Himmel, Vater Jesu Christi, gib uns jeden Tag neuen Mut zum Leben! Schenke uns Hoffnung, wo wir am liebsten aufgeben möchten. Lass Zuversicht in uns wachsen, wo wir uns immer nur Vorwürfe machen und uns nichts mehr zutrauen. Und wenn wir meinen, du wollest von uns nichts wissen? Du hältst doch treu zu uns, egal was geschieht! Denn du hast uns wirklich lieb, wir sind deine Kinder; niemals lässt du uns im Stich. Amen.

Alles, was uns heute bewegt, schließen wir im Gebet Jesu zusammen:

Vater unser
Liederheft 236: Schalom, schalom, wo die Liebe wohnt, da wohnt auch Gott
Abkündigungen: Bibelkreis – Singkreis – Gottesdienst!

Und nun lasst uns mit Gottes Segen in den Sonntag und in die neue Woche gehen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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