Zärtliche Fußsalbung

Vielleicht ist die Frau vorher schon Jesus begegnet. Und hat Jesus völlig anders als andere Männer erlebt. Andere nutzen sie aus – und verachten sie zugleich. Jesus sieht sie mit anderen Augen an. Er sieht sie nicht als Sünderin, die sie ist und bleibt – und die man darum behandeln darf, wie man will. Er sieht, in ihr steckt mehr.

Jesus lässt bei einem Gastmahl eine zärtliche Fußsalbung von einer Frau zu

Eine Frau salbt Jesus zärtlich die Füße (Foto des Gemäldes: pixabay.com)

Konfirmandeneinführungsgottesdienst am 11. Sonntag nach Trinitatis, den 26. August 2001, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen
Lieder: 455 / 640 / 268 / 614

Die Liturgie gestaltet Pfarrer Frank-Tilo Becher gemeinsam mit Konfirmanden, und zwar mit ausgeschnittenen Fußspuren in mehreren Schritten:

1. einen Weg gehen,
2. im Kreis zusammenstehen,
3. einen Standpunkt haben.

Der Predigttext kommt bereits als Schriftlesung vor – Lukas 7, 36-50 (Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift © 1980 by Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart):

36 Jesus ging in das Haus eines Pharisäers, der ihn zum Essen eingeladen hatte, und legte sich zu Tisch.

37 Als nun eine Sünderin, die in der Stadt lebte, erfuhr, dass er im Haus des Pharisäers bei Tisch war, kam sie mit einem Alabastergefäß voll wohlriechendem Öl

38 und trat von hinten an ihn heran. Dabei weinte sie, und ihre Tränen fielen auf seine Füße. Sie trocknete seine Füße mit ihrem Haar, küsste sie und salbte sie mit dem Öl.

39 Als der Pharisäer, der ihn eingeladen hatte, das sah, dachte er: Wenn er wirklich ein Prophet wäre, müsste er wissen, was das für eine Frau ist, von der er sich berühren lässt; er wüsste, dass sie eine Sünderin ist.

40 Da wandte sich Jesus an ihn und sagte: Simon, ich möchte dir etwas sagen. Er erwiderte: Sprich, Meister!

41 (Jesus sagte:) Ein Geldverleiher hatte zwei Schuldner; der eine war ihm fünfhundert Denare schuldig, der andere fünfzig.

42 Als sie ihre Schulden nicht bezahlen konnten, erließ er sie beiden. Wer von ihnen wird ihn nun mehr lieben?

43 Simon antwortete: Ich nehme an, der, dem er mehr erlassen hat. Jesus sagte zu ihm: Du hast recht.

44 Dann wandte er sich der Frau zu und sagte zu Simon: Siehst du diese Frau? Als ich in dein Haus kam, hast du mir kein Wasser zum Waschen der Füße gegeben; sie aber hat ihre Tränen über meinen Füßen vergossen und sie mit ihrem Haar abgetrocknet.

45 Du hast mir (zur Begrüßung) keinen Kuss gegeben; sie aber hat mir, seit ich hier bin, unaufhörlich die Füße geküsst.

46 Du hast mir nicht das Haar mit Öl gesalbt; sie aber hat mir mit ihrem wohlriechenden Öl die Füße gesalbt.

47 Deshalb sage ich dir: Ihr sind ihre vielen Sünden vergeben, weil sie (mir) so viel Liebe gezeigt hat. Wem aber nur wenig vergeben wird, der zeigt auch nur wenig Liebe.

48 Dann sagte er zu ihr: Deine Sünden sind dir vergeben.

49 Da dachten die anderen Gäste: Wer ist das, dass er sogar Sünden vergibt?

50 Er aber sagte zu der Frau: Dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden!

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde!

Auf unseren Füßen gehen wir einen Weg. Auf unseren Füßen stehen wir zusammen. Auf unseren Füßen beziehen wir einen festen Standpunkt.

Mit dem Konfirmanden-Jahr-GANG gehen wir einen Weg, aufgeteilt in Kursgruppen. Hier und da kommen wir zusammen und bleiben stehen – heute zum Beispiel und nächste Woche auf der Konfi-Freizeit. Werden wir am Ende einen gemeinsamen Standpunkt gefunden haben? Das wohl kaum. Werdet ihr genau wissen, was euer christlicher Standpunkt ist? Manche würden sagen: Dazu werdet ihr auch nächstes Jahr noch viel zu jung sein.

Was ist überhaupt ein christliche Standpunkt? Der müsste etwas mit Jesus Christus zu tun haben. Wir haben vorhin eine Geschichte von Jesus gehört, die hatte etwas zu tun mit Standpunkten – und mit Füßen.

Jesus ist zum Essen eingeladen. Sein Gastgeber Simon ist ein Pharisäer, das ist ein Mann mit einem klaren religiösen Standpunkt. Er fragt nach Gott und will nichts Unrechtes tun. Dass Jesus sich zum Essen hinlegt, ist damals normal. Am niedrigen Tisch liegt er seitlich ausgestreckt auf einem flachen Polster und stützt sich mit dem linken Arm ab. Dabei winkelt er die Beine an, und seine Füße liegen hinten.

So liegt Jesus mit anderen Männern beim Essen. Ihre Füße bilden einen Kreis, so wie auf dem Bild von den Füßen, die zusammenstehen. Doch die Männerrunde wird gestört. Eine stadtbekannte Sünderin kommt herein und hockt sich auf ihren Füßen hinter Jesus, in die Nähe seiner Füße. Zielbewusst sucht sie Jesus auf. Kostbare Salbe hat sie mitgebracht. Was will sie von Jesus?

Die anderen Männer sind erregt, empört. Sie ist Sünderin – Ehebrecherin oder Hure – wer ihr als Mann zu nahe kommt, verliert seinen guten Ruf. Als ob das Ganze nicht schon peinlich genug wäre – fängt die Frau auch noch an zu weinen! Ihre Tränen fallen auf die Füße von Jesus, und sie trocknet sie mit ihren Haaren ab, die sie offen trägt. Eine ehrbare Frau würde das niemals tun. Peinlich, peinlicher, am peinlichsten – zum Schluss küsst sie ihm sogar noch die Füße und salbt sie mit teurem Öl. So hockt sie auf ihren Füßen dicht bei den Füßen Jesu. Sehr nahe ist sie ihm, sie fasst ihn sogar an. Bestimmte Grenzen wahrt sie. Sie fällt Jesus nicht um den Hals. Sie küsst ihn nicht auf Wange oder Mund. Sie berührt ihn von hinten, zurückhaltend, wie eine Dienerin, die ihm die Füße wäscht. Doch man spürt, da ist mehr – zärtliche Zuneigung, Tränen, ihre Haare, mit denen sie Jesus abtrocknet, kostbare Salbe, die sie an Jesus verschwendet. Diese Nähe begreifen die Männer nicht. Man sieht förmlich, wie ihre nicht ganz saubere Phantasie arbeitet. Überdeutlich stehen dem Pharisäer Simon unausgesprochene Gedanken auf der Stirn geschrieben: „Jesus müsste doch wissen, was das für eine ist – und er lässt sich von ihr berühren!“ Es ist offensichtlich, was er und die anderen Männer denken: „Diese Frau tut, was eine Geliebte tun würde!“ Sie haben ihren Standpunkt – sie sind entrüstet. Jesus steht ihnen als einzelner gegenüber, gemeinsam mit der Frau, die sowieso nicht dazugehört.

Da nimmt Jesus die Herausforderung an, wendet sich offen an Simon und erzählt ihm eine Geschichte.

„Ein Geldverleiher hat zwei Schuldner, der eine schuldet ihm viel, der andere wenig. Der Geldverleiher hat ein gutes Herz. Als beide nicht zahlen können, treibt er das Geld nicht ein, sondern sagt: OK, ihr müsst nicht zahlen!“ Jesus fragt den Simon: „Wer von den beiden Männern wird den Geldverleiher nun mehr lieben?“ Der antwortet: „Ich nehme an, der, dem er mehr Schulden erlassen hat“, und Jesus sagt: „Du hast recht.“

Nun wendet sich Jesus von Simon weg, schaut die Frau an. Simon soll lernen, sie mit seinen Augen zu sehen. Sie zeigt Jesus in der Tat, wie sehr sie ihn liebt. Aber Simon hat nicht Recht, wenn er bei ihrer Liebe nur an das eine denkt, an Verführung und Sex. An ihrer Liebe ist nichts Schmutziges. Was tut sie denn? Was ein aufmerksamer Gastgeber getan hätte! Es ist damals normal, zur Begrüßung dem Gast die Füße mit Wasser zu übergießen; in Sandalen werden die Füße staubig. Dem Ehrengast salbt man außerdem die Stirn und begrüßt ihn mit einem Kuss auf die Wange. Simon hat das alles nicht getan, so nahe steht er Jesus offenbar nicht. Näher steht ihm ausgerechnet diese Frau! Doch warum liebt sie ihn so sehr?

Vielleicht ist die Frau vorher schon Jesus begegnet. Oder sie hat von ihm gehört. Jedenfalls hat sie Jesus völlig anders als andere Männer erlebt. Andere nutzen sie aus – und verachten sie zugleich. Jesus sieht sie mit anderen Augen an. Er sieht sie nicht als Sünderin, die sie ist und bleibt – und die man darum behandeln darf, wie man will. Er sieht, in ihr steckt mehr.

Das muss die Frau gespürt haben. Da traut einer mir etwas Gutes zu. Der nagelt mich nicht auf meinem Standpunkt fest, auf dem, was ich in den Augen der anderen bin. Der lässt mich auf eigenen Füßen neue Schritte gehen – als Frau, die lieben kann. So muss sie Jesus liebgewonnen haben, wie einen großen Bruder, der zu ihr hält, wie einen Stiefvater, der für die Stieftochter da ist. Jesus merkt: Sie ist eine Sünderin, der viele Sünden vergeben sind. Sonst wäre sie nicht so voll Liebe, sonst würde sie nicht ohne Rücksicht auf das, was die anderen denken, ihren Gefühlen freien Lauf lassen. Ihre Tränen zeigen, wie aufgewühlt sie ist, traurig über ihr bisheriges Leben, dankbar für den Weg, den sie in Zukunft gehen kann. Auf diese Liebe antwortet Jesus nun auch ohne Rücksicht auf das, was die Männer denken. Er schaut die Frau offen an und bestätigt ihr: „Deine Sünden sind dir vergeben.“ Auch das finden die Männer unerhört, nur Gott kann Sünden vergeben, denken sie, und selbst er würde nicht dieser Frau vergeben! Aber Jesus bleibt in seinem Standpunkt klar bei der Frau stehen und distanziert sich von den Männern, die sie wegstoßen wollen. „Dein Glaube hat dir geholfen“, sagt er zu ihr. „Du hast Vertrauen zu mir. Das tut nicht nur mir gut, sondern auch dir selbst. Ein anderer Mensch bist du. Du bist keine Sünderin mehr. Geh in Frieden!“

Liebe verändert Menschen. Die Frau lebt nicht mehr mit der Gier, kriegen zu müssen, was sie nur kriegen kann, und mit dem Gefühl, dass sie sowieso schmutzig ist. Ein Schläger muss nicht draufschlagen, nur um zu beweisen, dass er der Stärkste ist. Wer geschlagen und gekränkt wurde, muss nicht verzweifelt Rache suchen. Liebe findet Wege, um Menschen, die getrennt waren, zusammenzubringen. Liebe verändert Standpunkte.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

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