Jungfrauengeburt: Metapher oder historisches Faktum

Zum Aufsatz „Marie, die reine Magd“ von Helmut Schütz.

Treblin-Heinrich-1992

Pfarrer i. R. Heinrich Treblin

1. Viele evangelische Christen nehmen heute daran Anstoß, dass sie im Gottesdienst die Formel „geboren von der Jungfrau Maria“ des Apostolikums als ihr persönliches Glaubensbekenntnis mitsprechen sollen. Es handelt sich dabei nicht um ein Ärgernis, das der „natürliche“ Mensch am Evangelium nimmt (1. Kor. 1), auch nicht um einen modern-rationalistischen Zweifel an der „Wahrheit“ biblischer Texte im Blick auf die mythologische Gestalt ihrer Sprache. Sie meinen vielmehr, dass das wahre Wunder der Gottessohnschaft des Juden Jesus von Nazareth angemessen nicht durch das Bild eines Gottes, der seine Allmacht durch besondere mirakulöse Zeichen erweisen muss, bezeugt wird, sondern durch die Begegnung mit dem wirklichen Menschen Jesus, der, erfüllt vom Geiste Gottes, durch sein ganzheitliches Verhalten gegenüber den. ärmsten Mitmenschen, denen er als Unehelich-Geborener von seinen Feinden als Verbrecher Hingerichteter mitleidend-glaubwürdig die Liebe des barmherzigen Gottes zu seinen treulosen Geschöpfen bezeugte.

2. Wir wissen heute, dass die biblischen Texte nicht wortwörtlich als „Gotteswort“ verstanden werden dürfen, sondern dass Menschen aus Fleisch und Blut, geprägt durch die Denkformen und Weltbilder ihrer jeweiligen Epoche und im Bewusstsein ihrer Unzulänglichkeit (als „irdene Gefäße“, „stückwerkhaft“) dennoch sich berufen wussten, als Werkzeuge des Geistes Gottes Zeugnis von ihrem Glauben an Jesus Christus, Sohn und Ebenbild des lebendigen Gottes abzulegen. Beides ist bei der Auslegung dieser Texte zu beachten: Dass das Wunder der in Jesus von Nazareth uns begegnenden göttlichen Zuwendung als solches nur von uns erfasst werden kann, sofern uns Gottes Geist dazu befähigt; dass wir dieses Wunder nicht verwechseln dürfen mit den menschlichen Versuchen, dieses Wunder mit menschlichen Worten zu beschreiben.

3. Wir wissen ferner, dass es sich bei den Berichten der Evangelisten und Apostel über ihre Begegnung mit der ihnen teils durch Augenzeugen, teils durch deren Schüler vermittelten Botschaft Jesu um kein Protokoll historischer Ereignisse handelt, sondern dass sie versuchten, ihren Zeitgenossen ihre Glaubenserfahrung unter Anknüpfung an deren jeweilige Sprache und Denkweise zu vermitteln. Daraus erklären sich die unterschiedlichen Weisen, in denen von Jesus geredet wird. Wie Paulus „den Juden ein Jude“ werden und den „Griechen ein Grieche“, so richteten sich auch die Evangelisten an unterschiedliche Hörer bzw. Leser. Wenn Juden Jesus als Sohn Gottes bezeugt wurde, so wurde das anders verstanden, als wenn Heiden, die ihre Herrscher und Helden als Gottessöhne zu ehren pflegten. Mit zunehmender zeitlicher Entfernung vom irdischen Leben Jesu stellte sich dann zudem eine Überfremdung der christlichen Gemeinde in Form einer Anpassung an heidnisch-hellenistische Religionen ein.

4. Wie steht’s nun mit der „Jungfrauengeburt“? Paulus, 20 Jahre nach dem Tod Jesu, weiß davon nichts zu berichten. Für ihn ist Jesus als „Gottessohn“ erst als der Auferstandene eingesetzt. Über seine Herkunft „aus dem Geschlecht Davids dem Fleische nach“ weiß er nichts Wunderbares. Für Markus, den frühesten Evangelisten, hat Jesus bei seiner Taufe durch den Täufer Johannes Gottes Geist empfangen. Über die Kindheit Jesu war offenbar nichts Näheres oder Wunderbares bekannt. Wenn Lukas und Matthäus trotzdem ihre Evangelien mit den bekannten Geburtsgeschichten beginnen, so war das ein Versuch, die göttliche Vollmacht Jesu schon auf dessen wunderbare Geburt zurückzuführen. Bekannt war ihnen nur, dass Jesus als uneheliches Kind der Maria und eines unbekannten Vaters in Nazareth geboren und unter der Obhut seines Pflegevaters, des Zimmermanns Josef, aufgewachsen war, So füllten sie im Stile damaliger Königslegenden die Lücke durch die Legende von Jesu übernatürlicher Zeugung durch Gottes Geist (statt durch einen unbekannten menschlichen Vater), verlegten die Geburt unter Hinweis auf alttestamentliche Weissagungen nach Bethlehem und schmückten sie märchenhaft aus (Micha 5, 2; Jesaja 9, 6 u. a.). Das noch später entstandene Thomasevangelium steigert die Geschichte noch mehr ins Wunderbare: Das Kind Jesus formt Tontauben, klatscht in die Hände und lässt sie davonfliegen. Der Evangelist Johannes wiederum spricht mehr theologisch von Jesu „Präexistenz“.

5. Ob die damaligen Menschen in ihrer vorwissenschaftlich-naiven Denkweise solche Legenden als Berichte von historischen Fakten oder als Metaphern verstanden haben, ob sie tatsächlich an ein biologisches Mirakel glaubten oder darin nur den (unzulänglichen) Versuch sahen, Jesu Gottessohnschaft zu betonen, sei dahingestellt. Für uns moderne Christen, die durch das Evangelium von heidnisch-religiöser Überfremdung und infantilem Autoritätsglauben befreit worden sind, ist es jedenfalls leichter, damalige Versuche, Jesu wunderbare Vollmacht als Gottes Sohn und Ebenbild in menschlicher Sprache begreiflich zu machen, von dem wahren Wunder der in dem Juden Jesus erfolgten Zuwendung Gottes zu uns Sündern zu unterscheiden. Die altkirchlichen Theologen haben bekannt: Jesus sei vere Deus et vere homo, wahrer Gott und wahrer Mensch, beides ungetrennt, aber auch unvermischt. Wir fragen: wird bei dem Versuch, die Tatsache, dass der lebendige Gott sich diesen wirklichen Menschen Jesus als Werkzeug erwählt hat, um uns seine Liebe zu uns Sündern nahezubringen, solidarisch mit unserer Schwachheit und Erniedrigung durch unsere Mitmenschen (Er trug unsere Krankheit…) zusätzlich dadurch glaubhafter oder begreiflicher zu machen, dass der Mensch Jesus mit überirdischen Zügen ausgestattet wird? Steht dahinter nicht ein anderes Gottesbild, das Bild eines allmächtigen Gottes, wie wir ihn uns wünschen, eines Gottes nach unserem Bilde, groß und stark und alle Hindernisse überwindend? Wird hier nicht Jesu göttliche Vollmacht mit seiner Menschheit, die man mit überirdischen Zügen ausstattet, unerlaubterweise vermischt? Unter diesem Aspekt (dem wirklichen Ärgernis), dass Gott sich durch einen wirklichen Menschen (und keinen Halbgott) als liebender, mit-leidender Vater und Bruder offenbart, begrüße ich die seelsorgerlich erprobte These von H. Schütz.

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