Maskerade: Der König und die Hexe

Die Hexe tritt in Aktion. Sie ist der letzte Mensch, der dem König Saul freundlich begegnet; im Verhalten dieser Frau begegnet ihm die Barmherzigkeit Gottes, die er durch Orakel und Betrug und Totenbeschwörung nicht gewinnen konnte. Einen Tag später wird er tot sein. Doch heute hat er noch einmal unerwartete Liebe erlebt, in der Aufmerksamkeit einer menschlich fühlenden Totenbeschwörerin.

Das Gesicht einer gothic geschminkten und gekleideten geheimnisvollen jungen Frau

Wer war die Hexe von Endor, die König Saul von Israel aufsuchte? (Bild: pixabay.com)

Gottesdienst um halb 6 in Paulus am Sonntag Sexagesimae, den 23. Februar 2003, um 17.30 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Abend, liebe Gemeinde!

Ich begrüße Sie herzlich zum Gottesdienst um halb 6 Uhr in Paulus mit dem Thema „Maskerade“. Allerdings geht es nicht um fröhliche Masken, die man sich in der Fastnacht aufsetzt, sondern um einen König, der in Verkleidung eine Hexe aufsucht, um sich die Zukunft vorauszusagen. „Der König und die Hexe“ – wie die Geschichte ausgeht, wird die Predigt zeigen, zu der Konfirmanden einige Spielszenen beisteuern.

Nachdem wir zur Einstimmung ein Stück aus dem Musical „Phantom der Oper“ gehört haben, singen wir aus dem Lied 428 die Strophen 1, 3, 5:

Komm in unsre stolze Welt, Herr, mit deiner Liebe Werben
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Maskerade im Fasching: Man setzt Masken auf, man experimentiert – wie sehe ich aus mit einem anderen Gesicht, wie wäre es, wenn ich ein anderer wäre?

Maskerade im Alltag: Könnten auch meine Alltagsgesichter Masken sein? Verstecke ich meine Traurigkeit hinter aufgesetzter Heiterkeit, meine Angst hinter einem Wutausbruch oder meinen Zorn hinter einem schüchternen Lächeln?

Warum will ich oft nicht so gesehen werden, wie ich bin? Darf ich nicht sein, wie ich bin? Warum zeige ich mich nicht einfach so, wie mich Gott geschaffen hat?

Kommt, lasst uns Gott anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Wir zeigen uns nicht gern, wie wir sind, wenn wir uns für etwas schämen.

Ein Jugendlicher wird ausgelacht, wenn er keine Markenklamotten trägt.

Eine Hausfrau lässt nicht gern jemand in ein unaufgeräumtes Wohnzimmer.

Ein Arbeitsloser schämt sich, wenn seine Freunde die Fotos aus der Brieftasche kramen: Mein Auto, mein Haus, meine Segelyacht – und er nicht mithalten kann.

Darf keiner unser Gesicht ohne Schminke sehen, so wie es ist? Darf keiner mitkriegen, wenn wir irgendwo versagt haben? Darf keiner sehen, wie es in uns aussieht?

Gott, dir können wir nichts vormachen. Sieh uns an, wie wir sind – und bitte, Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Wie groß ist eigentlich der, der es nötig hat, zu beweisen, wie cool er ist? Wer Fotos zeigt: Seht, was ich alles habe – wie mag es in seiner Seele aussehen? Wer sich schämt, zu sein, wie er ist, sucht Zuflucht in falschem Stolz, möchte größer sein, als er ist.

Dabei haben wir falschen Stolz überhaupt nicht nötig. Auch ohne ihn sind wir wer. Mit Psalm 139 und 131 beten wir selbstbewusst und gelassen:

14 Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.

1 HERR, mein Herz ist nicht hoffärtig, und meine Augen sind nicht stolz. Ich gehe nicht um mit großen Dingen, die mir zu wunderbar sind.

2 Fürwahr, meine Seele ist still und ruhig geworden wie ein kleines Kind bei seiner Mutter; wie ein kleines Kind, so ist meine Seele in mir.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende.

Der Herr sei mit euch! „Und mit deinem Geist!“

Gott, erkenne uns hinter unseren Masken und hilf uns dazu zu stehen, wie wir wirklich sind. Lass uns Abschied nehmen von falschem Stolz und falscher Scham. Darum bitten wir dich im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Lesung aus dem Buch der Sprüche 30, 29-33 (Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift © 1980 by Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart):

29 Drei sind es, die stolz einherschreiten, vier haben einen stolzen Gang:

30 der Löwe, der Held unter den Tieren, der vor keinem umkehrt;

31 der Hahn, der einherstolziert, und der Leitbock und der König, wenn er vor seinem Volk auftritt wie ein Gott.

32 Wenn du dich stolz erhoben und dabei blamiert hast oder wenn du nachdenkst – so leg die Hand auf den Mund!

33 Denn stößt man Milch, so gibt es Butter, stößt man die Nase, so gibt es Blut, stößt man den Zorn, so gibt es Streit.

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Lied 235: O Herr, nimm unsre Schuld, mit der wir uns belasten
Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, als wir für diesen Gottesdienst mitten in der Fastnachtszeit das Thema „Maskerade“ auswählten, fiel mir die biblische Geschichte von Saul ein, wie er verkleidet die Hexe von En-Dor aufsucht. Der Zwei-Meter-Mann Saul ist der erste König von Israel, eine schillernde Persönlichkeit. Als der Prophet Samuel ihn zum König salbt, heißt es von ihm (1. Samuel 9 – Bibelzitate in dieser Predigt nach der Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift © 1980 by Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart):

2 Saul [war] jung und schön…; kein anderer unter den Israeliten war so schön wie er; er überragte alle um Haupteslänge.

Groß ist Saul, in einer Menschenmenge kann er sich nicht verstecken – aber ist er auch menschlich groß? Voller Widersprüche ist er: Himmelhochjauchzend – zu Tode betrübt; ein guter Feldherr, doch aufgrund seines Jähzorns nicht immer zuverlässig. Die Bibel sagt es so: Wenn Saul nicht im Einklang mit Gott lebt, nicht auf die Stimme Gottes hört, sondern allein auf eigene Einsicht und Kraft baut, dann gerät auch seine Seele aus dem Gleichgewicht. Niedergeschlagenheit und Selbstzweifel kommen wie böse Geister über ihn. Doch so lange er sich vom Geist Gottes leiten lässt, ist sein Herz wie verwandelt (1. Samuel 16, 14 und 19, 9).

Schwer zu begreifen ist für uns heute der Anlass, warum Sauls Geschichte tragisch endet. Saul hat es endlich geschafft, das Volk Amalek vollständig zu besiegen, das Israel schon seit Jahrhunderten mit Vernichtung bedroht hat. Über einen solchen Krieg denken die Israeliten damals so: „Nicht wir Menschen führen den Krieg, sondern Gott ist der Kriegsheld. Entweder gibt er uns den Sieg oder er lässt uns verlieren. Er steht keineswegs immer auf unserer Seite, und er erwartet, dass wir die Regeln einhalten.“ Zu den Regeln, die für uns Christen heute nicht ins Bild eines barmherzigen Gottes passen, gehört damals, dass keine Beute gemacht werden darf – Feinde Gottes müssen getötet werden, auch ihr Vieh, denn der Krieg soll nur die Vernichtung des Gottesvolkes verhindern und auf keinen Fall dazu dienen, sich irgendeinen wirtschaftlichen Vorteil zu verschaffen.

Gegen diese Regel verstößt Saul, indem er denkt: „Warum sollen wir nicht auch ein wenig von unserem Sieg profitieren?“ Die besten Rinder und Schafe aus den Herden der Feinde nimmt er mit. Als der Prophet Samuel ihm eigensüchtige Beutegier vorwirft, meint er scheinheilig: „Ich hätte von diesen Tieren ja auch Gott ein paar geopfert.“ Darauf reagiert Samuel scharf und verurteilt Saul (1. Samuel 15):

22 Wahrhaftig, Gehorsam ist besser als Opfer, Hinhören besser als das Fett von Widdern.

23 Denn Trotz ist ebenso eine Sünde wie die Zauberei, Widerspenstigkeit ist ebenso (schlimm) wie Frevel und Götzendienst. Weil du das Wort des Herrn verworfen hast, verwirft er dich als König.

In eine fremde Welt tauchen wir da ein – und doch: auch heute noch denken Menschen in Begriffen von Heiligen Kriegen und absoluten Feindbildern und Achsen des Bösen, auch heute noch wird versucht, Terror mit Kriegsdrohungen zu bekämpfen.

Erst recht die seelische Verfassung dieses Saul – in ihr finden sich vielleicht gerade moderne Menschen sehr gut wieder: Der Kontakt zu Gott ist einfach abgebrochen: „Kein Anschluss unter dieser Nummer!“ Als Christ frage ich mich, wieso es im Alten Testament heißt, dass Gott mit Saul einfach nichts mehr zu tun haben will. Aber vielleicht ist das nur sein Eindruck – die Kehrseite dessen, dass er selbst sich von Gott abgewendet hat. Er erlebt Gott nicht mehr als persönliches Gegenüber. Wenn er ihn überhaupt erlebt, dann als schicksalhaftes Verhängnis. Und damit beginnt das Drama der Geschichte, die wir nun erzählen.

Saul weiß also vom alten Propheten Samuel, dass sein Schicksal besiegelt ist. Einige Zeit darauf stirbt Samuel. Saul gibt sein Amt als König aber nicht auf, sondern verfolgt seinen Konkurrenten David, der sich zu den feindlichen Philistern rettet. Als die Philister Israel angreifen, hat Saul das Gefühl, diesen Krieg nicht gewinnen zu können.

Es kommt mir vor wie in der klassischen griechischen Tragödie: Wo der lebendige Gott schweigt, muss das Schicksal des Menschen tragisch enden – egal, was er macht, er kann es nicht ändern. Oder doch? König Saul will sich nicht mit seinem Schicksal abfinden. Als Gott sich vor ihm versteckt, versteckt er sich auch hinter einer Verkleidung. Mit einer Maskerade versucht er Gott zu überlisten. Wie er das macht, steht im 1. Buch Samuel 28. Wir hören die Geschichte, und zugleich wird sie uns von drei Konfirmanden vorgespielt (Texte von Saul in Blau, von seinen Dienern in Pink, von der Hexe in Rot, von Samuel in Grün):

3 Samuel war gestorben, und ganz Israel hatte die Totenklage für ihn gehalten und ihn in seiner Stadt Rama begraben. Saul aber hatte die Totenbeschwörer und die Wahrsager aus dem Land vertrieben.

Im Land Israel gibt es nur EINEN Gott. Darum müssen alle Hexen und Totenbeschwörer und Wahrsager das Land verlassen!

4 Als sich die Philister gesammelt hatten, rückten sie heran und schlugen bei Schunem ihr Lager auf. Saul versammelte ganz Israel, und sie schlugen ihr Lager im (Bergland von) Gilboa auf.

5 Als Saul das Lager der Philister sah, bekam er große Angst, und sein Herz begann zu zittern.

6 Da befragte Saul den Herrn.

Gott, bist du noch bei mir?

Aber der Herr gab ihm keine Antwort.

Gott, gib mir doch im Traum eine Antwort: Sind wir stärker als unsere Feinde?

Saul schlief in der Nacht, doch er träumte nichts.

Gott, lass mich eine Sechs würfeln, dann weiß ich, dass ich den Krieg gewinne!

Saul würfelte und würfelte, 5 – 2 – 4 – 1 – 3 – aber er würfelte einfach keine Sechs.

Ich gehe zu den Propheten, die werden mir sagen, wer den Krieg gewinnt.

Aber die Propheten blieben stumm und sagten nichts.

Das ist eine feige Bande, die haben Angst vor mir.

Aber der Herr gab ihm keine Antwort, weder durch Träume, noch durch die Losorakel, noch durch die Propheten.

7 Daher sagte Saul zu seinen Dienern:

Sucht mir eine Frau, die Gewalt über einen Totengeist hat, ich will zu ihr gehen und sie befragen.

Seine Diener antworteten ihm:

In En-Dor gibt es eine Frau, die über einen Totengeist Gewalt hat.

8 Da machte sich Saul unkenntlich, zog andere Kleider an und ging mit zwei Männern zu der Frau. Sie kamen in der Nacht bei der Frau an, und er sagte zu ihr:

Wahrsage mir durch den Totengeist! Lass für mich den [Toten] heraufsteigen, den ich dir nenne.

9 Die Frau antwortete ihm:

Du weißt doch selbst, was Saul getan hat: Er hat die Totenbeschwörer und die Wahrsager im Land ausgerottet. Warum stellst du mir eine Falle, um mich zu töten?

10 Saul aber schwor ihr beim Herrn und sagte:

So wahr der Herr lebt: Es soll dich in dieser Sache keine Schuld treffen.

11 Wen soll ich für dich heraufsteigen lassen?

Lass Samuel für mich heraufsteigen!

12 Als die Frau Samuel erblickte, schrie sie laut auf und sagte zu Saul:

Warum hast du mich getäuscht? Du bist ja Saul!

13 Hab keine Angst! Was siehst du denn?

Ich sehe einen Geist aus der Erde heraufsteigen.

14 Wie sieht er aus?

Ein alter Mann steigt herauf; er ist in einen Mantel gehüllt.

Da erkannte Saul, dass es Samuel war. Er verneigte sich mit dem Gesicht zur Erde und warf sich zu Boden.

15 Und Samuel sagte zu Saul:

Warum hast du mich aufgestört und mich heraufsteigen lassen?

Ich bin in großer Bedrängnis. Die Philister führen Krieg gegen mich, und Gott ist von mir gewichen und hat mir keine Antwort mehr gegeben, weder durch die Propheten noch durch die Träume. Darum habe ich dich gerufen, damit du mir sagst, was ich tun soll.

16 Warum fragst du mich? Der Herr ist doch von dir gewichen und ist dein Feind geworden.

Aber du hast doch den guten Draht zu Gott, ich dachte, du könntest ihn noch umstimmen.

Nein, durch Tricks machst du alles noch schlimmer. Du hast doch selbst die Totenbeschwörung verboten. Und jetzt weckst du mich aus meiner Totenruhe.

Aber Samuel, hilf mir doch! Du selbst hast mich doch zum König gesalbt.

Nein, das gilt nicht mehr, weil du ungehorsam warst. Ein anderer ist zu deinem Nachfolger bestimmt. Du wirst nicht mehr König sein, sondern David.

Aber ist denn daran nichts mehr zu ändern?

Nein, deine Feinde werden den Krieg gewinnen. Und schon morgen wirst du mit deinen Söhnen bei mir im Totenreich sein. Und dann wird David König werden.

20 Da fiel Saul der Länge nach jäh zu Boden; so sehr war er über die Worte Samuels erschrocken. Es war auch keine Kraft mehr in ihm, weil er den ganzen Tag und die ganze Nacht keinen Bissen gegessen hatte.

21 Die Frau ging zu Saul hin und sah, dass er ganz verstört war.

Hör zu, Saul. Ich habe getan, was du wolltest.

21 Ich habe mein Leben aufs Spiel gesetzt, als ich auf das hörte, was du zu mir gesagt hast.

22 Jetzt aber höre auch du auf [mich]! Ich will dir ein Stück Brot zum Essen geben. Dann wirst du wieder zu Kräften kommen und kannst deines Weges gehen.

Ich esse nichts.

Nun iss schon, ich bestehe darauf!

Na gut, wenn es unbedingt sein muss.

23 [Saul] erhob sich vom Boden und setzte sich aufs Bett.

24 Die Frau hatte ein Mastkalb im Haus. Sie schlachtete es in aller Eile, nahm Mehl, knetete Teig und backte ungesäuerte Brote.

25 Das alles setzte sie Saul und seinen Knechten vor; sie aßen, standen auf und gingen noch in der gleichen Nacht zurück.

Danke, liebe S., lieber B. und lieber C., für eure Spielszene!

Lied 631: In Gottes Namen wolln wir finden, was verloren ist

Liebe Gemeinde, als der stolze König Saul sich der Rückendeckung seines Gottes nicht mehr sicher ist, befällt ihn die nackte Angst. Und je mehr Gott schweigt, muss Saul annehmen, dass Gott wirklich das letzte Wort über ihn gesprochen hat: Absetzung, Verurteilung, Vollstreckung des Todesurteils. Angst steigert sich zur Verzweiflung. Alle möglichen Wege probiert er aus, um doch noch Antwort von Gott zu erhalten, Gebet, Orakel, Traumdeutung, Prophetenbefragung, doch alles ist vergeblich. Ausweglos ist sein Schicksal.

Doch so viel Angst, so viel Ausweglosigkeit kann der Mensch auf Dauer nicht ertragen. König Saul sucht einen Strohhalm der Rettung. Samuel – der Prophet, der das Urteil über ihn gesprochen hat, könnte der es nicht auch wieder zurücknehmen? Ihn will, ihn muss er befragen. Aber Samuel ist tot…

Saul geht so weit, dass er zum Mittel des Betrugs greift. Was er selbst als König Israels verboten hat, Tote zu beschwören, ist ihm jetzt als letztes Mittel recht. Gibt Gott nicht freiwillig sein Schweigen auf, dann will er ihn oder das Schicksal zu einer Auskunft zwingen. Wer das Vertrauen zu Gott verloren hat, greift auch heute gern zu magischen und okkulten Praktiken – wenn man die Welt der Geister nutzt, ist man dem eigenen Schicksal vielleicht nicht ganz so hilflos ausgeliefert.

Doch dieser Versuch, das Schicksal und Gott zu betrügen, schlägt fehl, schon im Ansatz. Die Hexe von En-Dor merkt den Betrug sehr schnell. Sie ist offenbar eine sehr kluge und einfühlsame Frau, erkennt den König hinter seiner Maske und ist entsetzt über seine Absicht, den Propheten Samuel aus der Totenwelt heraufzuholen.

Saul versichert der Frau: „Dir soll nichts geschehen!“ So setzt er sich als selbstbewusster König in Pose und findet zurück zu seinem Stolz. Offen steht er nun für seine Entscheidung ein, den Geist des toten Samuel zu beschwören. Aber wenn Saul auch seine Verkleidung abgelegt hat, er versucht immer noch, das Schicksal und Gott zu überlisten, doch er betrügt sich damit selbst, denn die Kontrolle über das Schicksal kann er nicht gewinnen.

Der Geist aus der Totenwelt selbst ist es, der ihm das unmissverständlich klarmacht. Dass es die Welt der Geister gibt, ist für die Bibel kein Thema – aber in Ruhe lassen soll man die Geister. Was Gott einem nicht freiwillig sagen will, darüber soll man auch durch Magie nichts erfahren wollen. Sonst schadet man sich selbst. Samuel wiederholt einfach, was er bereits zu Lebzeiten gesagt hatte: „Dein Urteil ist besiegelt, Saul! Du kannst Gott nicht austricksen. Morgen schon wirst du tot sein.“

Egal wie man zur Welt der Geister und der Zauberei steht; eins ist klar: unser unbewusstes Fühlen lässt sich gern auf Magie ein. Für den, der nicht an einen barmherzigen Gott glaubt, der „Wege findet, wo unser Fuß gehen kann“, ist die Versuchung groß, einen hellseherischen Blick in die Zukunft zu verschaffen. Dabei passiert häufig das, was man eine sich selbst erfüllende Prophezeihung nennt: Ein Wahrsager sagt ein Unglück voraus, und alles, was man danach verzweifelt tut, um das Unglück doch noch abzuwenden, führt genau zu dem Unglück, das man verhindern wollte. Genau so geschieht es in Sauls Fall – seine tragische Verstrickung in Schuld und Verzweiflung wird nur größer durch seinen Versuch, seinem Schicksal zu entgehen.

Als am folgenden Tag klar ist, dass er im Krieg unterlegen ist, tötet er sich selbst, aus Angst vor dem, was die Feinde mit ihm machen könnten. So vollstreckt Saul selbst das Urteil, gegen das er sich verzweifelt gewehrt hat.

Nun ist das, was wir hier feiern, ein Gottesdienst, und keine Aufführung einer griechischen Tragödie. Und deshalb erlaube ich mir die Frage: War das Schicksal von Saul wirklich so unausweichlich?

Erstaunlicherweise hält das Ende unserer Geschichte, die wir vorhin gelesen und gespielt haben, diese Frage noch offen. Hätte das Urteil über Saul vielleicht doch nicht vollstreckt werden müssen, wenn er sich nicht so verzweifelt dagegen gewehrt hätte? Wenn er anders reagiert hätte?

Wie reagiert Saul denn auf das, was Samuel ihm sagt? Reagiert er wie ein Mann?

Nein, von seinem Stolz ist nichts mehr zu erkennen. Er fällt, so lang er ist, zu Boden, ein Bild der Verzweiflung und des Selbstmitleids. Das ist die letzte Maske, die Saul sich aufsetzt, nachdem sein Betrug aufgeflogen ist und sein Stolz sich als hohl entpuppt hat. Die Kehrseite dessen, der immer nur ein Gewinner sein will, ist der Loser, der Verlierer, der am Boden liegt und keine Kraft mehr hat aufzustehen.

Erstaunlich ist an der Geschichte, dass sie hier noch nicht zu Ende ist. Die Hexe tritt in Aktion. Wie eine fürsorgliche und energische Mutter sorgt sie dafür, dass der Junge gefälligst etwas isst. Erst bietet sie ihm ein Stück Brot an, doch dann setzt sie ihm ein regelrechtes Festmahl vor, Mastkalb und ungesäuerte Brote wie beim Passafest. Tröstlich finde ich das: Nachdem die Hexe dem König mit der erfolgreich durchgeführten Totenbeschwörung nicht wirklich helfen konnte, hilft sie ihm nun einfach nur menschlich mit ihrer herzlichen Gastfreundschaft. Sie ist der letzte Mensch, der dem König Saul freundlich begegnet; ich wage sogar zu sagen: im Verhalten dieser Frau begegnet ihm die Barmherzigkeit Gottes, die er durch Orakel und Betrug und Totenbeschwörung nicht gewinnen konnte.

Wir wissen nicht, wie es jetzt in Saul aussieht, ob er dankbar ist, ob er alle Masken absetzen kann, hinter denen er sich versteckt hat, ob er sein Selbstmitleid wenigstens für den Augenblick aufgeben kann. Immerhin steht er vom Boden auf, setzt sich auf das Bett der Frau und fängt an zu essen. Dann geht er – und muss sich seinem Schicksal stellen. Einen Tag später wird er tot sein. Doch heute hat er noch einmal Liebe erlebt, die er nicht erwartet hätte, in der Aufmerksamkeit einer menschlich fühlenden Hexe. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen aus dem Lied 361 die Strophen 1, 2 + 8:

1) Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.

2) Dem Herren musst du trauen, wenn dir’s soll wohlergehn; auf sein Werk musst du schauen, wenn dein Werk soll bestehn. Mit Sorgen und mit Grämen und mit selbsteigner Pein lässt Gott sich gar nichts nehmen, es muss erbeten sein.

8) Ihn, ihn lass tun und walten, er ist ein weiser Fürst und wird sich so verhalten, dass du dich wundern wirst, wenn er, wie ihm gebühret, mit wunderbarem Rat das Werk hinausgeführet, das dich bekümmert hat.

Gott, hilf uns, Masken abzusetzen, die wir nicht nötig haben. Die Maske des falschen Stolzes, wenn wir größer erscheinen wollen, als wir sind. Die Maske des Selbstmitleids, wenn wir uns weniger zutrauen, als du uns zutraust. Schenke uns genug Selbstbewusstsein, dass wir nicht von der Meinung der Leute abhängig sind, sondern unseren eigenen Weg gehen: frei und offen, verantwortungsbewusst und liebevoll. Lass uns unser Schicksal annehmen, denn du hilfst uns, es zu meistern. Gott, gib uns den Mut, zu ändern, was wir ändern können. Gib uns Gelassenheit, zu ertragen, was wir nicht ändern können. Und gib uns die Weisheit, das eine vom andern zu unterscheiden. Amen.

In der Stille bringen wir vor Gott, was wir außerdem auf dem Herzen haben:

Gebetsstille und Vater unser
Abkündigungen

Wir singen das Lied 612:

Fürchte dich nicht, gefangen in deiner Angst, mit der du lebst

Vor dem Ausklang mit noch einem Klavierstück aus dem „Phantom der Oper“ empfangt Gottes Segen:

Der Gott Abrahams und Saras behüte dich. Das Angesicht Jesu Christi blicke dich an mit liebevollen Augen. Der Segen Gottes leuchte wie die Sonne in dein Leben. „Amen, Amen, Amen.“

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