Klassenkampf und Versöhnung

Kirchliches Friedenszeugnis im Klassenkampf ist konkrete und kritische Parteinahme für Opfer der weltweiten Ausbeutung und ihren gerechten Befreiungskampf. Das biblische Wort von der Versöhnung macht frei zum Eingeständnis der eigenen Schuld und zur Solidarität der Liebe.

Heinrich Treblin ist Pfarrer in Alzey. Er leitet die „Arbeitsgemeinschaft für ein christliches Friedenszeugnis“. Der vorliegende Beitrag ist ein Sonderdruck aus „Junge Kirche“ – Eine Zeitschrift europäischer Christen aus dem Jahr 1971, die sich besonders mit Fragen der Verantwortung der Christen für den Frieden befasst.

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Pfarrer Heinrich Treblin, Alzey

Laut „Frankfurter Rundschau“ vom 2. 12. 1970 erklärte der Ratsvorsitzende der EKD, Bischof Dietzfelbinger, nach einem Treffen zwischen Weltkirchenrat und dem Rat der EKD, bei dem es um das Antirassismusprogramm der Ökumene ging, vor der Presse: „Die Kirche müsse unter allen Umständen auf eine Versöhnung zwischen Unterdrückern und Unterdrückten hinwirken.“ Der Generalsekretär des Weltkirchenrates, Eugen Blake, unterstrich dagegen „die Verpflichtung der Kirchen, sich mit den rassisch Unterdrückten solidarisch zu erklären, die sich in revolutionären Bewegungen zusammenschließen“.

Diese gegensätzlichen Stellungnahmen werfen ein helles Licht auf die Unsicherheit, in der sich die Kirche heute befindet, wenn es gilt, in einer konkreten Situation das christliche Friedenszeugnis auszurichten. Es sei darum – über den aktuellen Anlass hinaus – gefragt: Welches ist eigentlich der Auftrag der Kirche angesichts der sozialen Ungerechtigkeit in der Welt?

Soll sie „auf Versöhnung zwischen Unterdrückten und Unterdrückern hinwirken“?

Oder soll sie „sich mit den Unterdrückten solidarisch erklären“ bis zur Bejahung der Revolution?

Oder darf sie sich gar nicht in solch eine falsche Alternative hineinmanövrieren lassen?

1. Der weltweite Klassenkampf

Die gegenwärtige Weltsituation ist dadurch gekennzeichnet, dass sich die „reichen“ und die „armen“ Völker immer stärker polarisieren und dass damit der seit Beginn des Industriezeitalters schwelende Klassenkampf eine unerhörte Ausweitung erfährt. Dieser Klassenkampf kann jederzeit aus regionalen innen- oder außenpolitischen Auseinandersetzungen in einen Weltbürgerkrieg umschlagen und zu einer Weltkatastrophe führen.

Es geht heute nicht mehr wie in früheren Jahrhunderten um Rivalitätskämpfe zwischen verschiedenen Völkern oder Rassen, wie es auch schon im Klassenkampf des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts nicht mehr um die uralte Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Ständen ging.

Der moderne Klassenkampf hat einen qualitativ anderen Charakter, er ist radikaler, totaler, erbarmungsloser geworden. Die mit dem Industriezeitalter gegebene Anhäufung von Kapital und Verfügungsgewalt über die wirtschaftliche und politische Macht in den Händen weniger einerseits, die zunehmende Lohnabhängigkeit und politische Machtlosigkeit der Massen von Arbeitern und Angestellten andererseits sowie die Unfähigkeit der herrschenden Klasse, beim Festhalten am Prinzip der Profitmaximierung und Lohnminimierung allen Lohnabhängigen eine ausreichende Lebensmöglichkeit zu garantieren (man denke an das neuentstehende Proletariat in der Dritten Welt, aber auch an die wachsende „öffentliche“ Armut und die drohende Verpestung von Wasser und Luft in unserer Wohlstandsgesellschaft!), dies alles zwingt die Unterdrückten und Bedrohten zu einem Verzweiflungskampf auf Leben und Tod.

Das „Kommunistische Manifest“ hat das schon vor fast 125 Jahren ausgesprochen: „Die ganze Gesellschaft spaltete sich mehr und mehr in zwei große feindliche Lager, in zwei große, einander direkt gegenüberstehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat … Die Bourgeoisie hat nicht nur die Waffen geschmiedet, die ihr den Tod bringen; sie hat auch die Männer gezeugt, die diese Waffen führen werden – die modernen Arbeiter, die Proletarier.“

Die herrschende Klasse hat von Anfang an versucht, die Selbstbefreiung des Proletariats zu verhindern –, man denke an das Assoziationsverbot für Arbeiter im vorigen Jahrhundert, an die Sozialistengesetze Bismarcks, aber auch an die Versuche, die russische Revolution schon nach 1917 durch militärische Intervention, nach 1945 durch die Einkreisungs- und Roll-back-Politik, durch den kalten Krieg, durch die Propagandathese, der Gegensatz zwischen Kapitalismus und Sozialismus werde von allein verschwinden (Konvergenztheorie), zu ersticken.

Dazu gehört auch die Methode der „kosmetischen Reformen“, die den revolutionären Geist des Proletariats dämpfen soll, indem sie dem Arbeiter einen gewissen Anteil am Konsum gewährt. Das hat allerdings dahin geführt, dass die Arbeiter in manchen Ländern zu systemangepassten Kleinbürgern geworden sind, die sich nicht mehr kämpferisch für eine demokratisch-politische und wirtschaftliche Gleichberechtigung aller Menschen engagieren. Sie verzichten gegen das Linsengericht privater Bequemlichkeiten auf eigene Mitgestaltung der Gesellschaft und lassen zugleich die heutigen Proletarier der Dritten Welt, die Gastarbeiter im eigenen Land und andere unterprivilegierte Klassen ebenso im Stich, wie sie einst von der zur Bourgeoisie gewordenen Bürgerklasse links liegen gelassen wurden.

Der Klassenkampf in der Welt aber geht weiter, er hat sich nur verlagert, hat andere Formen und Dimensionen angenommen, ist vielleicht schwerer zu erkennen. Im Ringen um die Mitbestimmung in den Betrieben wie in den Befreiungsbewegungen der Dritten Welt ist er höchst virulent und straft die Behauptung interessierter Kreise, es gebe keinen Klassenkampf mehr, Lügen.

Es ist an der Zeit, dass auch die – weithin in bürgerlich-kleinbürgerlichem Denken befangene – Kirche in unserem Lande nüchtern erkennt, in welcher Welt sie lebt und welche Aufgabe ihr im weltweiten Klassenkampf zukommt.

2. Versöhnung oder Versöhnlertum?

Was hat die Kirche bisher in dieser Situation getan? Welche Stellung hat sie in dem Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat bezogen? Wie hat sie ihr Friedenszeugnis ausgerichtet?

Die Antwort der Evangelischen Kirche in Deutschland auf die kommunistische Herausforderung von 1848 war die Gründung der „Inneren Mission“. Ihr Initiator, August H. Wichern, hat in seiner berühmten Rede auf dem Wittenberger Kirchentag und in der nachfolgenden Denkschrift bereits die Linie angegeben, die bis heute die kirchliche Haltung bestimmt hat.

Bei allem Erschrecken vor dem zunehmenden „Pauperismus“ der unteren Schichten hat die Kirche weder die tieferen ökonomisch-politischen Ursachen dieser Desintegrierung der Arbeiterklasse erkannt noch hat sie die Notwendigkeit gesehen, sie durch eine grundlegende Änderung der bestehenden Verhältnisse zu beheben. Man durchschaute weder die enge Verknüpfung von staatlicher Ordnung und Klassenherrschaft noch begriff man, welche Verheißung im Aufbruch der Arbeiterklasse zum Kampf für eine wirklich demokratische Gesellschaft, in der keiner von der wirtschaftlichen und politischen Mitverantwortung ausgeschlossen ist, lag.

Gebunden an eine patriarchalische Ordnung, in der es nur „oben“ und „unten“ gab, gewöhnt an die konstantinische Ehe von „Thron und Altar“, die der Kirche staatlichen Schutz gewährte und sie zur Sanktionierung der jeweiligen (im Kampf um die Macht siegreich gebliebenen) staatlichen Herrschaft verpflichtete, konnte sie in der Forderung, die ungerechte bestehende Ordnung zu ändern, nur eine Auflehnung gegen Gott und alle Grundlagen von Recht und Moral sehen. In verhängnisvoller Verkennung von Ursache und Folgeerscheinung bemerkte sie nicht, dass der „Atheismus“ der sozialistischen Arbeiterbewegung nur eine Reaktion auf die unchristlich-unbrüderliche Ausbeutung durch die „christliche“ Oberklasse war, sondern sah in ihm die letzte Ursache der Rebellion und die Rechtfertigung der eigenen gegenrevolutionären Aktionen.

So lautete die Antwort der Kirche auf die kommunistische Herausforderung damals wie später: vermehrte Predigt und organisierte Liebestätigkeit, um alle Getauften aus dem unheilvollen materialistischen Streben nach irdischem Besitz zu Gottvertrauen und Opferbereitschaft zu führen. Man rief die aufsässigen Arbeiter auf, der Obrigkeit zu gehorchen, und erhoffte zuerst von der Rückkehr in die alte vorbürgerlich-feudalistisch-patriarchalische, später von der Eingliederung in die (inzwischen zum Siege gekommene) kapitalistisch-bürgerliche Gesellschaftsordnung eine Befriedung. In diesem Sinne sah es die Kirche als ihre Aufgabe an, die entzweiten Klassen miteinander zu „versöhnen“. (Wichern, der übrigens, das sei ihm zugestanden, in seiner Offenheit für die Nöte des Proletariats haushoch über seinen verständnislosen konservativen wie über seinen der sozialen Frage gegenüber völlig gleichgültigen liberalen Zeitgenossen stand, erhoffte sich von einer solchen Neubelebung der um Thron und Altar gescharten und geeinten Christenheit geradezu den Anbruch eines neuen Zeitalters.)

Ein solcher Versuch der Kirche, die Streitenden miteinander dadurch zu „versöhnen“, dass man beide Seiten gleichermaßen aufforderte, dem materialistischen Streben nach Besitz zu entsagen und, jeder in seinem Stande, ein einig Volk von Brüdern zu sein, konnte nur als Hohn auf die wirkliche Lage verstanden werden und musste völlig unwirksam bleiben. Ein so undifferenziert-abstrakt-unverbindlich-moralischer Appell an beide Seiten ohne Aufdeckung des konkreten Unrechts der Unterdrücker gegen die Unterdrückten war das Gegenteil einer christlichen Predigt des Wortes von der Versöhnung, war lieblos und pervers und in Wahrheit eine Parteinahme der Kirche für die Sache der Unterdrücker, für den Status quo. Die Arbeiterklasse konnte darin nur eine „versöhnlerische“ Vertuschung des im Gange befindlichen Klassenkampfes der Bourgeoisie gegen das Proletariat und einen Versuch der „Klassenkirche“, der kämpfenden Arbeiterklasse in den Arm zu fallen, also eine Waffe des Feindes im Klassenkampf sehen.

Das biblische Wort von der Versöhnung (das hat in unserer Zeit der Reichsbruderrat in seinem „Darmstädter Wort“ von 1947 deutlich, aber bis heute in der EKD kaum beachtet, ausgesprochen) hingegen macht frei zum Eingeständnis der eigenen Schuld und zur Solidarität der Liebe. Eine Kirche, die im weltweiten Klassenkampf „auf Versöhnung zwischen Unterdrückern und Unterdrückten hinwirken“ will, müsste zuerst die eigene Mitschuld an der Unterdrückung der Proletarier durch die kapitalistische Bourgeoisie bekennen. Sie müsste die herrschende Klasse im „christlichen“ Westen ohne Scheu zur Buße rufen, nicht nur zu persönlich-privater christlicher Gesinnung und Opferbereitschaft, sondern zur grundlegenden Änderung ihrer politisch-ökonomischen Herrschaftsmethoden. Nur so gewänne sie das Ohr der Unterdrückten und könnte nun auch ihnen – glaubwürdig – das von Hass, Selbstsucht und gewalttätiger Vergeltung befreiende, zum geduldigen Kampf um volle Gleichberechtigung befähigende Wort von der Versöhnung sagen.

3. Kritische Solidarität mit den revolutionären Befreiungsbewegungen

Parteinahme der Kirche für die Unterdrückten kann freilich nicht bedeuten: blindparteiisch alles gutheißen, was im Namen der Revolution und des Sozialismus geschieht. Parteinahme für die Unterdrückten kann nicht heißen, dass die Kirche bewaffnete revolutionäre Gewaltanwendung unterstützt. Die Kirche wird, gerade weil sie um die von Grund aus revolutionäre, alle Gewaltherrschaft verneinende und durch die gewaltfreie Gewalt der brüderlichen Liebe überwindende Botschaft von der Versöhnung weiß, vor allen Methoden, die vielleicht kurzfristig den Gegner schwächen oder ausschalten, auf lange Sicht aber nur die Sache der Revolution korrumpieren und der Gegenrevolution neuen Auftrieb geben, warnen. Die Kirche wird sich dabei freilich davor hüten müssen, besserwisserisch von oben herab bewaffnete revolutionäre Aktionen moralisch zu verdammen oder gar – wie es Luther noch im Bauernkrieg tat – nun ihrerseits die herrschenden Gewalten zu gegenrevolutionärem bewaffnetem Eingreifen zu ermuntern. Sie wird beide Seiten darauf hinweisen, dass „Sturm erntet, wer Wind sät“, dass Gewalt immer Gegengewalt erzeugt, und wird gleichzeitig an der Seite der Unterdrückten soziales Unrecht anprangern, ihm durch gewaltfreie Methoden (Streiks, Boykott, Protestmärsche) widerstehen und mithelfen, dass die Unterdrückten durch eigene Anstrengung wirtschaftlich und politisch unabhängig werden.

Besondere Probleme hat der Klassenkampf mit sich gebracht, seit das kämpfende Proletariat mit dem Sieg der russischen Oktoberrevolution eine staatliche Basis gewonnen hat. Der innenpolitische Klassenkampf ist nun zur außenpolitischen Auseinandersetzung zwischen „kapitalistischen“ und „sozialistischen“ Staaten und Staatengruppen geworden. Dies kompliziert eine gerechte Beurteilung der Kämpfenden durch die Kirche in unseren westlichen Ländern.

Gegenüber allen Verteufelungen des östlichen Kommunismus durch die westliche Propaganda wird die Kirche daran erinnern, dass die Entwicklung der – längst fälligen – sozialen Revolution in Russland zum „Stalinismus“ mit all seinen bedenklichen Erscheinungsformen (Militarismus, Polizeiterror, Abkapselung, Einschränkung der Informations-, Meinungs- und Konsumfreiheit) teils eine Folge der militärischen Einkreisung durch den kapitalistischen Westen, teils ein Erbe der zaristischen Vergangenheit und eine Hypothek historisch-kultureller Rückständigkeit des Ostens ist, die erst allmählich überwunden werden können. Dazu aber könnte und müsste eben der Westen durch Abbau des militanten Antikommunismus und der fortdauernden kapitalistischen Ausbeutung der ärmeren Länder mithelfen.

Ebenso könnte und müsste die Kirche zu einer Versöhnung der unterdrückten Völker und Klassen in der Dritten Welt mit den weißen Völkern dadurch beitragen, dass sie deutlicher als bisher den Kräften im eigenen Lande widersteht, die mit ihrem Profitdenken auch die Entwicklungshilfe zum Instrument neokolonialistischer Herrschaft und Ausbeutung machen, statt weitsichtig und uneigennützig die Schwachen zu stärken und dahin zu führen, dass sie gleichberechtigte Partner in einer künftigen gesunden Weltgesellschaft werden.

Kirchliches Friedenszeugnis im weltweiten Klassen- und Rassenkampf kann nur konkrete, aber kritische Parteinahme für die Opfer einer weltweiten Ausbeutung und für ihren gerechten Befreiungskampf sein.

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