Jesusliebe ist Menschenliebe

Während das Gleichnis Jesu vom Weltgericht bei Konfirmanden auf Unverständnis stieß, konnte das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter in einer Interreligiösen Feier von Christen und Muslimen gleichermaßen als Aufruf zur Menschenliebe begriffen werden.

Menschenliebe: Der barmherzige Samariter kümmert sich um einen Mann, der überfallen worden war.

Das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter (Bild: CCXpistiavos – pixabay.com)

Andacht zur Kirchenvorstandssitzung der Evangelischen Paulusgemeinde Gießen am 12. März 2013

Liebe KV-Mitglieder,

kürzlich las ich unseren Konfis das Gleichnis Jesu vom Weltgericht vor und fragte sie anschließend, ob sie diesen Text schon einmal gehört hätten. Kein einziger kannte ihn. Warum war ich überrascht? Selbst wenn das Gleichnis im Gottesdienst des letzten Jahres vorgekommen wäre, hätte sich vermutlich kaum ein Konfirmand erinnert.

In dem Gleichnis spricht Jesus ja von dem Menschensohn, der am Ende der Zeit über die Menschen richten wird. Mit diesem Menschensohn meint er sich selbst. Er wird als König auf dem Thron sitzen und die Menschen danach beurteilen, was sie für ihn getan haben. Er war hungrig, und sie haben ihm zu essen gegeben. Oder sie haben es nicht getan. Er war krank, und sie haben ihn besucht. Oder auch nicht. Die Freigesprochenen oder Verurteilten fragen verwundert nach: „Wann haben wir denn dir geholfen?“ „Wann sollen wir dich im Stich gelassen haben?“ Und die Pointe des Gleichnisses ist, dass Jesus sagt: „Was ihr den geringsten unter meinen Geschwistern getan habt, das habt ihr mir getan.“

Als ich diese Geschichte den Konfis erzählte, habe ich mich gefragt, ob sie diese Pointe überhaupt nachvollziehen können. Dass man anderen helfen soll, wissen sie. Aber normalerweise hilft man sich gegenseitig in der Familie oder unter Freunden. Jesus ist für kaum einen unter den Konfirmanden eine persönlich so wichtige Person, dass man sich Mühe geben würde, für ihn etwas Besonderes zu tun. Würde Jesus den Konfis heute also vielleicht ganz andere Gleichnisse erzählen?

Im Unterricht haben wir uns in den letzten beiden Wochen mit Songs aus der modernen Musikszene befasst, die religiöse Inhalte haben. Konfirmandinnen, die auf Justin Bieber stehen, wollten, dass wir uns mit seinem Song „Pray“, „Beten“, beschäftigen. Und ein anderer Song stellt die Frage, ob Gott „einer von uns“ sein könnte… Impulse aus diesen Unterrichtsstunden kommen nächsten Sonntag im Gottesdienst vor.

Größere Offenheit für ein Gleichnis von Jesus habe ich vorgestern bei der Interreligiösen Feier gespürt, als ich den anwesenden Muslimen und Christen zum Thema „Menschenliebe“ vom barmherzigen Samariter erzählte. Ursprünglich erzählt Jesus das Gleichnis einem Mann, der ihn auf die Probe stellen will. Eigentlich weiß der genau, was Gott von ihm verlangt, er kennt das Gesetz des Mose und weiß auch, dass er Gott und seinen Nächsten lieben soll. Aber dann fragt er Jesus: „Wer genau ist denn mein Nächster?“ Er tut es mit dem Hintergedanken: Muss ich auch jeden Fremden, jeden Sünder, vielleicht sogar meinen schlimmsten Feind als Nächsten anerkennen, der auf meine Hilfe Anspruch hat? Ich denke, Sie kennen alle das Gleichnis, das Jesus ihm daraufhin erzählt. Hochangesehene Männer, ein Priester und ein Levit, gehen an einem Mann vorbei, der von Räubern überfallen worden ist, und helfen ihm nicht. Ich habe am Sonntag einen Pfarrer und einen Lehrer daraus gemacht, damit die Kinder sich mehr darunter vorstellen können. Und dann kommt ein Samariter vorbei, ein Fremder auf der Durchreise, er hat eine andere Religion, und eigentlich will man ihn nicht im Land haben. Der steigt ab, kniet sich neben den blutüberströmten Mann, macht sich die Hände schmutzig, bringt ihn ins nächste Gasthaus. „Wer ist dem Hilfebedürftigen ein Nächster geworden?“ fragt Jesus. Der Mann, der Jesus hat herausfordern wollen, muss antworten: „Der Mitleid mit ihm hatte.“ Diese Pointe war auch am Sonntag für alle deutlich, auch die Kinder hatten keine Schwierigkeiten einzusehen, dass nur der Samariter das Richtige tat.

Für mich war es beeindruckend, dass die Beiträge der muslimischen Seite zu diesem Gleichnis sehr gut passten. Abderrahim En-Nosse steuerte die Geschichte vom Testament Saladins bei. Er war Herrscher Jerusalems zur Zeit der Kreuzzüge, und als er starb, stand in seinem Testament, dass alle Armen Jerusalems sein Erbe bekommen sollten, alle – nicht nur die muslimischen, auch die jüdischen und die christlichen unter den Bedürftigen. Herr En-Nosse sprach auch zwei Gebete aus der islamischen Mystik, von den sogenannten Sufis, ein Gebet um Licht für unser Leben und ein Gebet um Liebe. Diese Gebete hätten genauso unserer eigenen christlichen Tradition entnommen sein können. Und der Mädchenchor der Türkisch-Islamischen Gemeinde sang zwei Lieder, die von Frau Faime Okan übersetzt worden waren, so dass wir den Text mitverfolgen konnten – Danklieder für Gott, die wie ohne Abstriche mitvollziehen konnten.

Herr En-Nosse äußerte sich anschließend mir gegenüber noch einmal anerkennend darüber, dass wir als Paulusgemeinde den Mut und den Willen haben, solche interreligiösen Feiern und Begegnungen nicht nur als Eintagsfliege, sondern als ständige Einrichtung zu pflegen.

Ich denke auch, dass wir mit der Feier wieder einen gemeinsamen Schritt mit den muslimischen Bewohnern der Nordstadt gegangen sind, sogar ein wenig über die Kinder und Eltern unseres Kinder- und Familienzentrums hinaus. Unter anderem sprach mich ein junger türkisch-stämmiger Mann an, der sich dafür interessierte, was eigentlich der Unterschied zwischen Evangelisch und Katholisch sei. Und Frau Cihangeri, die Frau des Imams, freute sich besonders über eins der gemeinsam gesungenen Lieder mit dem Refrain: „Gott kennt keine Unterschiede, Gott hat uns alle lieb.“ Soweit ich es mitbekommen habe, wurde dieses Mal sehr kräftig mitgesungen, nicht nur, aber auch von unseren Kindergartenkindern.

Dieses Lied möchte ich jetzt auch mit Ihnen singen, um uns alle noch einmal ein bisschen hineinzunehmen in die Feierstimmung vom Sonntag – und um uns klarzumachen: Auch als Erwachsene sind und bleiben wir Kinder Gottes, und Gott selber macht uns für alle anderen Kinder Gottes mitverantwortlich. Jesu Gleichnisse verpflichten uns zur Barmherzigkeit.

Lied: Menschen aller Religionen, Gott hat sie alle lieb

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