Das Mut machende Beispiel der Helen Keller

Entscheidend für Helen Keller ist ein Erlebnis am Brunnen, als sie das Fingerzeichen für Wasser mit dem Wasser, was über ihre Hände fließt, in ihrem Kopf zu einer Vorstellung zusammen­bringt. So ist es auch, wenn blitzartig jemandem klar wird: Gott meint ja mich! Gott hat auch mich lieb! Wer blind war für Gottes Liebe – dessen innere Augen werden geöffnet.

Die drei Asiatischen Affen: Nichts sagen, nichts hören, nichts sehen.

Die drei Asiatischen Affen (Bild: pixabay.com)

direkt-predigtGottesdienst am 1. Sonntag nach dem Erscheinungsfest, 8.1.84, um 9.30 Uhr in Beienheim, 10.30 in Heuchelheim, und am 2. Sonntag nach dem Erscheinungsfest, 15.1.84, um 9.30 in Weckesheim, 10.30 Reichelsheim
Glockenläuten und Orgelvorspiel

Herzlich willkommen in der Heuchelheimer Kirche am 1. Sonntag nach dem Fest der Erscheinung. Am 6. Januar war Epiphanias, Erscheinungsfest. Die katholische Kirche hat den Dreikönigstag daraus gemacht. In unserer Kirche ist dieses Fest weitgehend in Vergessenheit geraten. Das Wort „Erscheinung“ klingt in einer Welt der harten Tatsachen nicht sehr kraftvoll, erinnert an „scheinbar“, „vielleicht“, an ungewisse Wahrnehmungen, ja sogar Geistererscheinungen. Ich lade heute im Gottesdienst dazu ein, einmal genauer zu schauen, was es da zu schauen gibt: denn „Er-Scheinung“ bezeichnet etwas, das es zu sehen gibt, und zwar für uns zu sehen. Vor allem unser inneres Auge bekommt allerhand zu sehen – wenn wir uns öffnen lassen für das Licht, das von Gott aus in die Welt strahlt. Vom Morgenstern werden wir singen, vom Stern der Weisen aus dem Morgenland werden wir hören. Epiphanias – Erscheinung – bedeutet, dass Weihnachten in uns selbst weiterwirkt, dass Glaube in uns aufleuchtet, dass Liebe aus uns herausstrahlt; dass im Dunkel unserer Sorgen der kleine Funken Hoffnung neu angefacht wird. In diesem Sinn können wir singen:

Lied EKG 48, 1+4 (EG 70):

1. Wie schön leuchtet der Morgenstern voll Gnad und Wahrheit von dem Herrn, die süße Wurzel Jesse. Du Sohn Davids aus Jakobs Stamm, mein König und mein Bräutigam, hast mir mein Herz besessen; lieblich, freundlich, schön und herrlich, groß und ehrlich, reich an Gaben, hoch und sehr prächtig erhaben.

4. Von Gott kommt mir ein Freudenschein, wenn du mich mit den Augen dein gar freundlich tust anblicken. Herr Jesu, du mein trautes Gut, dein Wort, dein Geist, dein Leib und Blut mich innerlich erquicken. Nimm mich freundlich in dein Arme und erbarme dich in Gnaden; auf dein Wort komm ich geladen.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Ich will den Herrn loben allezeit; sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein. Als ich den Herrn suchte, antwortete er mir und errettete mich aus aller meiner Furcht. Die auf ihn sehen, werden strahlen vor Freude, und ihr Angesicht soll nicht schamrot werden. Der Herr ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben. (Psalm 34, 2.5-6.19)

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem heiligen Geiste, wie es war von Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Herr, da sind wir, noch ganz am Beginn des Neuen Jahres. Du hast das Licht des Lebens in unsere Dunkelheit hineingestellt, doch es droht immer wieder zu verlöschen, zu ersticken in Misstrauen und Gewalt, in Angst und Hoffnungslosigkeit. Schenke uns deine geduldige Liebe zum Leben, damit wir dem Tod in uns und um uns nicht das Feld überlassen, sondern einander aufrichten, damit wir nicht schwarz sehen für unsere Welt, sondern die Flamme deines leben-schaffenden Geistes unter uns entfachen durch Jesus Christus, deinen Sohn, unseren Bruder. Amen.

Schriftlesung: Matthäusevangelium 2, 1-12

1 Als Jesus geboren war in Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen:

2 Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten.

3 Als das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem,

4 und er ließ zusammenkommen alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes und erforschte von ihnen, wo der Christus geboren werden sollte.

5 Und sie sagten ihm: In Bethlehem in Judäa; denn so steht geschrieben durch den Propheten:

6 »Und du, Bethlehem im jüdischen Lande, bist keineswegs die kleinste unter den Städten in Juda; denn aus dir wird kommen der Fürst, der mein Volk Israel weiden soll.«

7 Da rief Herodes die Weisen heimlich zu sich und erkundete genau von ihnen, wann der Stern erschienen wäre,

8 und schickte sie nach Bethlehem und sprach: Zieht hin und forscht fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr’s findet, so sagt mir’s wieder, dass auch ich komme und es anbete.

9 Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie im Morgenland gesehen hatten, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war.

10 Als sie den Stern sahen, wurden sie hoch erfreut

11 und gingen in das Haus und fanden das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe.

12 Und Gott befahl ihnen im Traum, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren; und sie zogen auf einem andern Weg wieder in ihr Land.

Lied EKG 49, 1-3 (EG 71):

1. O König aller Ehren, Herr Jesu, Davids Sohn, dein Reich soll ewig währen, im Himmel ist dein Thron; hilf, dass allhier auf Erden den Menschen weit und breit dein Reich bekannt mög werden zur Seelen Seligkeit.

2. Von deinem Reich auch zeugen die Leut aus Morgenland; die Knie sie vor dir beugen, weil du ihn’ bist bekannt. Der neu Stern auf dich weiset, dazu das göttlich Wort. Drum man zu Recht dich preiset, dass du bist unser Hort.

3. Du bist ein großer König, wie uns die Schrift vermeld’t, doch achtest du gar wenig vergänglich Gut und Geld, prangst nicht auf stolzem Rosse, trägst keine güldne Kron, sitzt nicht im steinern Schlosse; hier hast du Spott und Hohn.

Gnade und Friede strahlen über uns auf von Gott, unserem Vater, durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.

Wir hören den Predigttext zur Epiphaniaszeit aus dem Buch Jesaja 42, 1-4.

1 Siehe, das ist mein Knecht – ich halte ihn – und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geist gegeben; er wird das Recht unter die Heiden bringen.

2 Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen.

3 Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. In Treue trägt er das Recht hinaus.

4 Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen, bis er auf Erden das Recht aufrichte; und die Inseln warten auf seine Weisung.

Schaffe Licht in dunkler Nacht. Erbarm dich, Herr! Amen.

Liebe Gemeinde!

Kennen Sie die drei asiatischen Affen? Vielleicht stehen sie bei manchem zu Hause in der Vitrine. Sie halten sich die Hände vor die Augen, vor die Ohren, vor den Mund. Nicht sehen, nichts hören, nichts sagen? Mag dies auch verständlich sein als menschliche Haltung angesichts der vielfältigen Probleme eines neuen Jahres, dieses Jahres 1984, zu dem die Schreckensvisionen schon vor Jahren sozusagen druckreif waren. Unser Predigttext ermutigt zum Gegenteil: „Siehe!“ Seht doch! Schaut hin! So beginnt er.

Das ist wie ein lauter Wecker am frühen Morgen. Aufrüttelnd, vielleicht auch unbequem, aber nötig, wenn wir am Beginn dieses Jahres nicht verschlafen wollen, was unsere Hoffnung und was unser Auftrag als Getaufte in der Nachfolge Jesu ist. „Siehe“, ruft unser Wecker. Steck den Kopf nicht in den Sand. Sondern siehe: mein Knecht. Das geknickte Rohr bricht er nicht; den glimmenden Docht löscht er nicht aus. So beginnt unser Text, ein Gottesknechtslied, wie die Gelehrten es nennen – ein Lied vom wahren Christenmenschen.

Wie wäre es, wenn unsere Zeitungen, Fernsehen, Radio nicht mehr vor allem auf Sensationen aus wären, auf Mord und Bosheit, auf das Außerordentliche, das Schreiende, ins Auge Springende? Wie wäre es, wenn sie viel öfter lauter Berichte brächten, aus denen wir sehen, erfahren, lernen könnten, wie Christenmenschen in der Art dieses Gottesknechts leben. Wie Menschen überall auf der Welt, oft sehr still, sehr verborgen, diese behutsame und geduldige, oft gefährliche Arbeit tun: Mit langem Atem eine Flamme, die schon am Verlöschen ist, wieder anzufachen, z. B. einen Lebenswillen, einen Widerstandswillen. Oder mit fester Hand Gebeugtes wieder aufzurichten, z. B. ein gebeugtes Rückgrat, dass der Kopf wieder oben ist, oder ein gebeugtes Recht, so dass der Getretene nicht zertreten werden kann. Würde es dann nicht heller in der Welt? Würden nicht viele Menschen ermutigt, aufrechten Ganges zu gehen?

„Siehe!“ Wer die Augen dazu hat, der wird überall, wo er genauer hinsieht, mitten in der hoffnungslosesten Finsternis, einen Knecht Gottes geduldig, im Einsatz für das Leben, am Werk sehen. Manchmal zeigt das Fernsehen solche Mut machenden Filme. Der Film über das Kind Helen Keller, der in der vergangenen Woche gezeigt wurde, war so einer. Es ging um das Schicksal der blinden und gehörlosen Helen Keller, die zunächst verwöhnt und ohne Erziehung aufwuchs, weil niemand ihr irgendetwas zutraute. Es ging um die Hauslehrerin dieses taubblinden Mädchens, die in einem harten Kampf mit sich, mit den Eltern und mit dem Mädchen selbst schließlich Erfolg hatte:

„Helen lernte, sich an bestimmte Grenzen und Regeln zu gewöhnen, weil endlich jemand da war, der in ihr nicht nur das bemitleidenswerte, arme Geschöpf sah, das zu nichts fähig war. Wer‛s gesehen hat, konnte mitgehen, mitzittern, manchmal auch mitlachen oder mitweinen in diesem oft nervenaufreibenden Erziehungsbemühen, in dieser spannenden Schlacht zwischen der Lehrerin und dem Mädchen. Dann schließlich geschieht der entscheidende Durchbruch: Helen ertastet, erfühlt, begreift ihr erstes Wort ‚Wasser!‛ und dann ihr zweites, drittes, viertes: ‚Mutter, Vater, Lehrerin‛!“

Obwohl sie blind ist, kann sie sich nun mit Worten eine innere Welt aufbauen und die äußere Welt in sich abbilden. Obwohl sie gehörlos ist, kann sie sich nun durch das Tastalphabet mit anderen Menschen verständigen. Später wird sie sogar studieren und ihren Doktorgrad erwerben.

All das beginnt mit dem einen unscheinbaren Erlebnis am Brunnen, als sie blitzartig das schon lange gelernte Fingerzeichen für Wasser mit dem Wasser, was über ihre Hände fließt, in ihrem Kopf zu einer Vorstellung zusammenbringt. So ist es auch, wenn blitzartig jemandem klar wird: Gott meint ja mich! Gott hat ja auch mich lieb! Gott macht mir Mut! Gott reißt mich aus dem Trübsinn heraus! Gott traut mir eine Menge zu! Wenn wir blind waren für Gottes Liebe – dann können uns so unsere inneren Augen geöffnet werden. Wenn wir taub waren für Gottes Wort – dann können uns so seine Worte plötzlich Sinn machen. Ein solches Erlebnis kann uns zu Tränen rühren – es kann uns in Bewegung setzen – es kann uns neugierig machen, immer noch mehr zu lesen und zu hören von Gott – es kann uns aktiv machen, so dass wir nach Aufgabenfeldern suchen, die wir ausfüllen können.

Helen Kellers Erlebnis am Brunnen hatte eine anstrengende Vorgeschichte – anstrengend vor allem für ihre Lehrerin. Ähnlich anstrengend und mühsam, ähnlich wenig erfolgversprechend sieht auch manchmal die Erziehung im Glauben aus, die Begleitung von Kindern im Unterricht, die einfach keinen sinnvollen Zusammenhang zwischen dem Wort der Bibel und ihrem Leben zu erkennen scheinen. Ähnlich hoffnungslos erscheint manchmal das allsonntägliche Predigen – wo so viele aus Desinteresse wegbleiben und das übrig gebliebene Häuflein einschließlich mir selbst oft Mühe hat, selbst den Mut nicht zu verlieren.

Aber nun hört her: auch der Gottesknecht der Bibel war nicht laut zu hören auf den Gassen, der hat nicht geschrien und gerufen. Der hatte eine leise Stimme, und die ihn hören wollten, denen die Ohren geöffnet waren, die hörten ihn schließlich doch. Und warum hörten sie ihn? Weil er noch mehr tat als nur zu reden. Er zerbrach das geknickte Rohr nicht und löschte den glimmenden Docht nicht aus. Er ging nicht rücksichtslos über die Menschen hinweg, die schon einen Knacks hatten, nicht so wie ein schwerer Stiefel das Schilfrohr nieder tritt. Er machte denen, die schon fast am Ende waren, nicht noch Vorwürfe wegen ihrer Schwachheit, er ging nicht so mit ihnen um wie mit einer Kerze, deren Docht einfach nicht brennen will und die man beiseitelegt. Dieser Gottesknecht kümmert sich um die, die nicht weiterwissen. In dieser Beschreibung des Gottesknechts werden wir Jesus wiederfinden, aber auch jeder andere Christenmensch kann gemeint sein, der sich von Christus anleiten lässt.

So kann also – wie im Beispiel der taubblinden Helen – gerade dann, wenn man es schon gar nicht mehr für möglich hielt, plötzlich der Durchbruch da sein. Der Niedergeschlagene fühlt sich wieder aufgerichtet. Der Zerbrochene fühlt, dass Heilung beginnt. Der fast am Verlöschen war, spürt, dass aus seinem nur noch glimmenden Lebensfunken wieder eine kräftige Flamme wird. Der Sinnlos-Dahindämmernde erfährt eine neue, sinnvolle Aufgabe.

Und wie der Durchbruch eine Vorgeschichte hatte, so folgt eine Nachgeschichte. Helen Keller hatte noch viel zu lernen, musste Rückschritte meistern. Auch wenn wir einmal erfasst waren von der Ausstrahlung Jesu Christi, auch wenn wir einmal für uns erkannt hatten: der Glaube an Gott ist für mein Leben wichtig – so haben wir doch auch noch einen langen Weg vor uns. Da werden wir immer wieder neu die Erfahrung brauchen: Gott ist ja da! Mein Leben hat ja Sinn! Durchzuhalten hat einen Zweck! Es wird so sein, dass wir auf diesem Weg manchmal mehr zu denen gehören werden, die niedergeschlagen und fast am Verlöschen sind, und manchmal mehr zu denen, die den Geknickten aufhelfen und einen Lebensfunken wieder anfachen können. In beiden Fällen sind wir nicht verloren, wenn auch gefährdet. Vielleicht sind wir sogar gefährdeter, wenn wir uns stärker fühlen – weil wir dann leicht die Angeschlagenen, die Mutlosen, diejenigen auf der Schattenseite des Lebens vergessen.

Oder sehen wir etwa nur die eigene Not – und wollen von den Sorgen der anderen nichts wissen? Unser Predigttext weist uns über die eigenen Sorgen hinaus: Drei Mal heißt es: Er wird das Recht Gottes unter die Völker bringen. Er wird nicht verlöschen oder zerbrechen, bis er auf Erden das Recht aufgerichtet hat. Die fernen Inseln warten auf seine Weisung. Es geht also nicht nur um das selbstlose Tun im Verborgenen, sondern auch um den Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden, so weit unsere Kräfte reichen. Glaube will sich überall auswirken. Wir können die Welt nicht aufteilen in einen Bezirk, in dem wir aus Glauben handeln, und in einen anderen Bezirk, in dem wir so leben und handeln, als hätten wir nie etwas von Gott gehört.

Aber wenn wir uns einsetzen für Frieden, einsetzen für das Recht der Armen, dann bleiben wir ja doch die verwundbaren, leicht ermüdenden Menschen. Auch dann sind wir oft eher wie geknickte Schilfrohre und glimmende Kerzendochte, als dass wir aufrecht und voller Begeisterung für eine gute Sache eintreten. Enttäuschungen lassen uns leicht verbittern. Der Gottesknecht sagt uns leise, ganz leise, aber wir hören es, wenn wir die Ohren dazu haben: lass dich nicht verhärten, sondern lass dich anrühren von der Not der Welt; du wirst nicht zerbrechen, auch wenn du auf Ablehnung stoßen wirst; du wirst nicht verlöschen, auch wenn du dich hinauswagst in die stürmischen Auseinandersetzungen um Frieden und Gerechtigkeit.

Was das konkret für jeden einzelnen bedeutet, kann ich hier nicht ausmalen. Den Glauben kann ich niemandem schenken, das muss der Heilige Geist Gottes selber tun. Als einzelne einander aufrichten, einander helfen, den Lebensfunken zu entfachen – dazu brauchen wir das Gespräch miteinander, die Bitte um Hilfe, das Aufeinanderzugehen. Im Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit die eigene Müdigkeit überwinden, die gangbaren Schritte zu sehen und zu gehen – dazu brauchen wir das Gespräch in der Gruppe, dazu müssen wir uns diese Zeit nehmen.

Dietrich Bonhoeffer hat aus dem Gefängnis zum Thema „Hoffnung mitten im Verlöschen“ geschrieben: „Es ist klüger, pessimistisch zu sein: vergessen sind die Enttäuschungen und man steht vor den Menschen nicht blamiert da… Optimismus ist… eine Lebenskraft, eine Kraft der Hoffnung, wo andere resignierten, eine Kraft, den Kopf hochzuhalten, wenn alles fehlzuschlagen scheint, eine Kraft, Rückschläge zu ertragen… Es gibt gewiss auch einen dummen, feigen Optimismus… Aber den Optimismus als Willen zur Zukunft soll niemand verächtlich machen, auch wenn er hundertmal irrt; er ist die Gesundheit des Lebens, die der Kranke nicht anstecken soll. Es gibt Menschen, die es für unernst, Christen, die es für unfromm halten, auf eine bessere irdische Zukunft zu hoffen und sich auf sie vorzubereiten. Sie glauben an das Chaos, die Unordnung, die Katastrophe als den Sinn des gegenwärtigen Geschehens und entziehen sich in Resignation oder frommer Weltflucht der Verantwortung für das Weiterleben, für den neuen Aufbau, für die kommenden Geschlechter. Mag sein, dass der jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht.“

Licht für unser einzelnes kleines Leben, Licht für unsere großen Weltprobleme – beides geht von der Erscheinung Jesu Christi aus. Nehmen wir es wahr? Nehmen wir es auf? Hüten wir den kleinen Funken, bis er zur begeisternden Flamme wird? Strahlen wir etwas von diesem Licht aus? Diese Fragen gehen mit uns durch die Epiphaniaszeit. Amen.

Lied EKG 51, 1-4 (EG 553, nur 1+4 in den Anhängen von Baden/Elsaß/Lothringen und der Pfalz):

1. Werde licht, du Stadt der Heiden, und du, Salem, werde licht! Schaue, welch ein Glanz mit Freuden über deinem Haupt anbricht. Gott hat derer nicht vergessen, die im Finstern sind gesessen.

2. Gottes Rat war uns verborgen, seine Gnade schien uns nicht; Klein und Große mussten sorgen, jedem fehlt’ es an dem Licht, das zum rechten Himmelsleben seinen Glanz uns sollte geben.

3. Aber wie hervorgegangen ist der Aufgang aus der Höh, haben wir das Licht empfangen, welches so viel Angst und Weh aus der Welt hinweggetrieben, dass nichts Dunkles übrig blieben.

4. Jesu, reines Licht der Seele, du vertreibst die Finsternis, die in dieser Sündenhöhle unsern Tritt macht ungewiss. Jesu, deine Lieb und Segen leuchten uns auf unsern Wegen.

Herr, unser barmherziger Vater im Himmel! In diesem unseren Jahrhundert, bis in dieses Jahr 1984 hinein, bis zum heutigen Tag, starben Millionen Menschen, vergast, ermordet, gefallen, mit Napalm verbrannt. Dennoch finden wir immer wieder am Wegrand unseres Lebens Menschen und abermals Menschen, die trotz starker Winde ein Licht anzünden und unbeschadet durch hohe Wogen hinaussegeln. Darum glaube ich: Das geknickte Rohr wirst du nicht zerbrechen. Den glimmenden Docht wirst du nicht auslöschen. Heute, in Soweto, der riesigen Vorstadt von Johannesburg, stehen schwarze Kinder mit leeren Händen, dürsten und hungern nach Gerechtigkeit. Wenn nicht Menschen da wären, die trotz Verfolgung, Folterung und Gefangenschaft nicht aufhören, ein Freund der Armen, ein Bruder der Unterdrückten, ein Anwalt der Entrechteten zu sein, dann wäre mein Glaube umsonst, und wie sollte ich dann sagen: Das geknickte Rohr wirst du nicht zerbrechen. Den glimmenden Docht wirst du nicht auslöschen. Zwischen Krippe und Kreuz wanderte dein Sohn, ein Mensch unter Menschen, lehrte und heilte. Menschen und Menschen, sie hörten ihn, wunderten sich über ihn, umjubelten ihn. Aber nur wenige wollten sein Freund sein. Und doch bleibt das Gerücht über diesen einen, den verlassenen Wanderer, der tot war und noch wirkt, Menschen und Menschen, sie begreifen ihn nicht mehr, oder noch nicht. Nur einige, und immer wieder einige möchten ganz fest sein Freund sein. Du lädst uns ein, auf deinen Sohn zu hören und ihm zu folgen. Er hat es uns vorgemacht: Das geknickte Rohr hat er nicht zerbrochen. Den glimmenden Docht hat er nicht ausgelöscht. Du zerschlägst uns nicht, wo wir angeschlagen sind. Hilf uns auch, behutsam mit unseren Nächsten umzugehen. Du fachst den glimmenden Docht in uns an und bläst ihn nicht ganz aus. Hilf uns auch, unserem Nächsten immer wieder Mut zu machen. Amen.

Vater unser
Lied EKG 51, 6 (EG 553, 4 in den Anhängen von Baden/Elsaß/Lothringen und der Pfalz):

6. Dein Erscheinung müss’ erfüllen mein Gemüt in aller Not. Dein Erscheinung müsse stillen meine Seel auch gar im Tod. Herr, in Freuden und im Weinen müsse mir dein Licht erscheinen.

Abkündigungen und Segen
Orgelnachspiel

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