Gott schauen nach einem schönen Leben

Trauerfeier für eine sehr alte Frau, die ein außerordentlich erfülltes und glückliches Leben geführt hat.

Gott schauen nach einem schönen Leben: Das Gesicht eines Mädchen mit staunenden Augen inmitten einer Collage aus Spiralgalaxien vor einem Bild des Weltalls

Gott schauen – was kann damit gemeint sein? (Bild: spirit111 – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Gemeinde, wir sind hier versammelt, um Abschied zu nehmen von Frau U., die im Alter von [über 90] Jahren gestorben ist.

Wir erinnern uns an ihr Leben, ein erfülltes, energiegeladenes Leben.

Wir stellen uns unseren Gefühlen, die uns bewegen, und gehen gemeinsam ein paar Schritte auf dem Weg der Trauer.

Und wir machen uns bewusst, dass unser Leben von Gott herkommt und im Tode zu ihm wieder zurückkehrt. Zu diesem Gott beten wir mit dem Psalm 103:

1 Lobe den HERRN, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen!

2 Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat:

3 der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen,

4 der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit,

5 der deinen Mund fröhlich macht, und du wieder jung wirst wie ein Adler.

6 Der HERR schafft Gerechtigkeit und Recht allen, die Unrecht leiden.

7 Er hat seine Wege Mose wissen lassen, die Kinder Israel sein Tun.

8 Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte.

9 Er wird nicht für immer hadern noch ewig zornig bleiben.

10 Er handelt nicht mit uns nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat.

11 Denn so hoch der Himmel über der Erde ist, lässt er seine Gnade walten über denen, die ihn fürchten.

12 So fern der Morgen ist vom Abend, lässt er unsre Übertretungen von uns sein.

13 Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten.

14 Denn er weiß, was für ein Gebilde wir sind; er gedenkt daran, dass wir Staub sind.

15 Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde;

16 wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennet sie nicht mehr.

17 Die Gnade aber des HERRN währt von Ewigkeit zu Ewigkeit über denen, die ihn fürchten, und seine Gerechtigkeit auf Kindeskind

18 bei denen, die seinen Bund halten und gedenken an seine Gebote, dass sie danach tun.

19 Der HERR hat seinen Thron im Himmel errichtet, und sein Reich herrscht über alles.

20 Lobet den HERRN, ihr seine Engel, ihr starken Helden, die ihr seinen Befehl ausrichtet, dass man höre auf die Stimme seines Wortes!

21 Lobet den HERRN, alle seine Heerscharen, seine Diener, die ihr seinen Willen tut!

22 Lobet den HERRN, alle seine Werke, an allen Orten seiner Herrschaft! Lobe den HERRN, meine Seele!

Ein Loblied der Bibel haben wir gebetet, ein Loblied aus dem Gesangbuch wollen wir singen, aus dem Lied 331 die Strophen 1, 5 und 11:

1. Großer Gott, wir loben dich, Herr, wir preisen deine Stärke. Vor dir neigt die Erde sich und bewundert deine Werke. Wie du warst vor aller Zeit, so bleibst du in Ewigkeit.

5. Dich, Gott Vater auf dem Thron, loben Große, loben Kleine. Deinem eingebornen Sohn singt die heilige Gemeinde, und sie ehrt den Heilgen Geist, der uns seinen Trost erweist.

11. Herr, erbarm, erbarme dich. Lass uns deine Güte schauen; deine Treue zeige sich, wie wir fest auf dich vertrauen. Auf dich hoffen wir allein: lass uns nicht verloren sein.

Liebe Trauergemeinde!

Wir haben diese Trauerfeier mit einem Lobpsalm und einem Loblied begonnen, denn im Vordergrund dieser Feier steht die Dankbarkeit für das Leben der nun Verstorbenen. Natürlich sind Sie traurig, weil Sie Frau U. loslassen müssen, weil sie Ihnen fehlen wird. Gerade wenn man einander in so intensiver Weise in Liebe verbunden war, fällt der Abschied dann doch schwer. Aber es ist ein starker Trost, dass ihr Leben so erfüllt gewesen ist.

Im Lied selbst ist vom Trost die Rede, den wir vom Heiligen Geist erwarten können. Das heißt, Gott selbst will uns mit seiner Liebe nahe sein; er begleitet uns auf unseren Wegen, er hält und trägt uns, schenkt und Trost und all die Kräfte, die wir brauchen, um Trauer zu bewältigen und unser eigenes Leben zu meistern. In all dem ist Gott uns oft näher, als wir denken.

Erinnerungen an das Leben der Verstorbenen

Auf die Hitlerzeit blickte Frau U. mit gemischten Gefühlen zurück. Sie war als Jugendliche in den neuen starken deutschen Staat hineingewachsen, war beim BDM und war begeistert vom Führer. Zwar hatte sie auch jüdische Freundinnen, aber wenn es hieß, dass sie „wegkamen“, machte man sich darüber keine Gedanken, außer dass sie wohl in Lagern arbeiten mussten oder so. Als die Synagogen brannten, lief man hin und sahe es sich an, aber man dachte nicht weiter drüber nach. Im Nachhinein fand Frau U. aber eine angemessene Distanz zu den Ereignissen und meinte: „Der Hitler hat uns unsere Jugend genommen“. Sie konnte eine Wut bekommen, wenn sie mit Leuten sprach, die sich auch lange nach dem Krieg immer noch für Hitler aussprachen. Was den Krieg betraf, hatte sie nie die Begeisterung anderer geteilt; sie war von Anfang an gegen den Krieg gewesen.

Nicht unbedingt typisch für ihre Generation war ihr Interesse und ihre Aufgeschlossenheit an allem in der modernen Welt. Sie kam gut aus mit jungen Leuten, hatte Verständnis, konnte sich aber auch durchsetzen.

Erst vor wenigen Jahren begannen ihre geistigen Kräfte nachzulassen, damals wurde es dann doch notwendig, ihre Wohnung aufzugeben und in ein Altenheim zu ziehen. Seitdem ließen ihre Kräfte immer mehr nach. Von den Lebensgeistern früherer Jahre war fast nichts mehr zu spüren. Sie hat wenig gelitten; und als sie still und ruhig eingeschlafen ist, war sie nicht allein.

In der letzten Zeit hatte sie sich schon oft gewünscht, dass ihr Leben zu Ende gehen möge. Dann meinte sie: „Ich hab doch so ein schönes Leben gehabt.“ Offenbar konnte sie den Rat des Psalms 103, 2 beherzigen, den wir vorhin gehört haben:

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

Was nicht so schön gewesen war, das blieb ihr gar nicht so intensiv im Gedächtnis wie das Gute und Schöne. Vielleicht lag es auch an der energischen zupackenden Art von Frau U., an ihrer Aufgeschlossenheit und ihrem Interesse an allem Neuen, dass sie ein dankbares Leben führen konnte, statt sich über Vergangenes zu grämen und in Bitterkeit zu versinken.

Zu ihrer Konfirmation hatte sie von Pfarrer M. den Bibelspruch Matthäus 5, 8 auf ihren Lebensweg mitbekommen:

Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.

Natürlich kann nur Gott einem Menschen ins Herz schauen, wir Menschen können das nicht, nicht einmal bei der eigenen Mutter; oft kennen wir nicht einmal uns selbst so gut, wie Gott uns kennt. Aber nach allem, was ich von Frau U. gehört habe, spricht doch viel dafür, dass sie ein Mensch war, die im Einklang mit Gott und der Welt gelebt hat und vor allem mit ihrer Familie und denen, die ihr nahe standen. Sie sind ihr in Liebe verbunden gewesen und bewahren ihr diese Liebe auch über ihren Tod hinaus. Und ich bin gewiss, dass das, was sie an Liebe erfahren und verschenken konnte, auch bei Gott in seiner Ewigkeit nicht verloren geht. Wir können darauf vertrauen, dass sie tatsächlich Gott schauen wird, dass Gott sie mit Ehren aufnimmt in seinem himmlischen Reich. Mit dieser Zuversicht im Herzen können wir sie getrost loslassen und von ihr Abschied nehmen, auch wenn es sehr schwer fällt. Amen.

Wir singen noch ein Lied, das für eine Trauerfeier ungewöhnlich ist, das Morgenlied 449. Es singt in einigen Strophen von der Vergänglichkeit des Lebens und malt das ewige Leben bei Gott in seinem himmlischen Garten in wunderschönen Bildern aus.

1. Die güldne Sonne voll Freud und Wonne bringt unsern Grenzen mit ihrem Glänzen ein herzerquickendes, liebliches Licht. Mein Haupt und Glieder, die lagen darnieder; aber nun steh ich, bin munter und fröhlich, schaue den Himmel mit meinem Gesicht.

2. Mein Auge schauet, was Gott gebauet zu seinen Ehren und uns zu lehren, wie sein Vermögen sei mächtig und groß und wo die Frommen dann sollen hinkommen, wann sie mit Frieden von hinnen geschieden aus dieser Erden vergänglichem Schoß.

7. Menschliches Wesen, was ist’s gewesen? In einer Stunde geht es zugrunde, sobald das Lüftlein des Todes drein bläst. Alles in allen muss brechen und fallen, Himmel und Erden die müssen das werden, was sie vor ihrer Erschaffung gewest.

8. Alles vergehet, Gott aber stehet ohn alles Wanken; seine Gedanken, sein Wort und Wille hat ewigen Grund. Sein Heil und Gnaden, die nehmen nicht Schaden, heilen im Herzen die tödlichen Schmerzen, halten uns zeitlich und ewig gesund.

12. Kreuz und Elende, das nimmt ein Ende; nach Meeresbrausen und Windessausen leuchtet der Sonnen gewünschtes Gesicht. Freude die Fülle und selige Stille wird mich erwarten im himmlischen Garten; dahin sind meine Gedanken gericht‘.

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