Fressen und Gefressenwerden

Wir nennen es ein Naturgesetz: Fressen und Gefressenwerden! Das eine Leben kann nur überleben, indem anderes Leben dafür stirbt. Leben funktioniert nicht ohne Nahrung. Selbst Vegetarier leben auf Kosten pflanzlicher Lebewesen. Viele Tiere haben keine Wahl, sie müssen sich von anderen Tieren ernähren.

Fressen und Gefressenwerden: Eine Löwin und ihr Junges fressen ein Gnu

Eine Löwin und ihr Junges teilen sich ein erlegtes Gnu (Bild: MonikaP – pixabay.com)

#gedankeTurmgebet am Freitag, 23. März 2007, 18.00 Uhr im Stadtkirchenturm Gießen

Herzlich willkommen beim Turmgebet im Stadtkirchenturm Gießen!

Wir sind versammelt im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Wir hören zu Beginn die biblische Tageslese für den heutigen 23. März 2007 aus dem Brief des Paulus an die Römer 11, 25-32:

25 Ich will euch, liebe [Geschwister], dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist;

26 und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht (Jesaja 59,20; Jeremia 31,33): »Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob.

27 Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.«

28 Im Blick auf das Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber im Blick auf die Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen.

29 Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.

30 Denn wie ihr zuvor Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams,

31 so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen.

32 Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.

Gott, wir bringen vor dich die Hektik, den Stress, den Druck dieses Tages. Anforderungen, die uns belasten und manchmal überlasten. Herausforderungen, die uns über den Kopf wachsen. Wir rufen zu dir (178.11):

Herr, erbarme dich, erbarme dich. Herr, erbarme dich, Herr, erbarme dich.

Gott, wir bringen vor dich unseren Kummer und unsere Sorgen. Die Verzweiflung der unheilbar Kranken, den Schmerz der Trauernden, die bange Frage, ob in diesem Leben ein Sinn zu finden ist. Wir rufen zu dir:

Herr, erbarme dich, erbarme dich. Herr, erbarme dich, Herr, erbarme dich.

Gott, wir bringen vor dich die Ungewissheit über den Frieden in der Welt: die Bedrohung durch Strukturen der Ungerechtigkeit und des Terrors, die Feindschaft zwischen Israel und der arabisch-islamischen Welt, die Angst vor sozialen Unruhen und vor dem Krieg der Kulturen. Wir rufen zu dir:

Herr, erbarme dich, erbarme dich. Herr, erbarme dich, Herr, erbarme dich.

Doch wir erinnern uns in der Stille auch an Gutes, das uns geschenkt ist, an Halt und Orientierung, die wir im Glauben gewinnen, an Liebe, die wir in der Familie oder von Freunden erfahren, an Gottes Eingreifen in der Welt, wenn wir es am wenigsten erwarten, wie zum Beispiel beim Fall der Mauer zwischen Ost- und Weltdeutschland, an Zeiten des Alleinseins, in denen wir Gott begegnen:

Stille

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat! (Psalm 103, 2)

In der Passionszeit denken wir an das Leiden Christi. Christus leidet nicht nur sein eigenes Leiden, er leidet unser aller Leiden mit, er leidet sogar mit am Seufzen aller Kreatur. Ich möchte heute einige Gedanken über die Schöpfung mit Ihnen teilen, nämlich über das Gesetz vom Fressen und Gefressenwerden.

Wir nennen es ein Naturgesetz: Wir leben nun einmal in einer Schöpfung, die so eingerichtet ist, dass das eine Leben nur überleben kann, indem anderes Leben dafür stirbt. Leben funktioniert nicht ohne Nahrung. Selbst Vegetarier leben auf Kosten pflanzlicher Lebewesen. Viele Tiere haben keine Wahl, sie müssen sich von anderen Tieren ernähren. Das beschreibt die Bibel in einem Schöpfungspsalm ganz realistisch (Psalm 104):

20 Du machst Finsternis, dass es Nacht wird; da regen sich alle wilden Tiere,

21 die jungen Löwen, die da brüllen nach Raub und ihre Speise suchen von Gott.

22 Wenn aber die Sonne aufgeht, heben sie sich davon und legen sich in ihre Höhlen.

Das Raubtier hat also im Schöpfungslob der Bibel seinen Platz, und die Kinder der Löweneltern dürfen ihre Speise von Gott erwarten, die im Raub anderer Lebewesen besteht.

Doch der Psalmbeter sieht darin ein dunkles Geheimnis der Schöpfung, darum findet die Nahrungssuche der Raubtiere in der Finsternis der Nacht statt, zwischen der Abenddämmerung und dem Aufgang der Sonne. Und der Prophet Jesaja hofft auf eine neue Schöpfung, die anders aussieht als die bisherige (Jesaja 65):

25 Wolf und Schaf sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange muss Erde fressen.

Noch heute leiden viele Menschen darunter, dass die Welt grausam eingerichtet ist, und sehnen sich nach einer Welt ohne Gewalt und Leid, nach einer Welt des Friedens. Wäre es nicht schön, wenn wir Menschen wenigstens im Bereich unserer menschlichen Verantwortung unseren Beitrag zu einer solchen Welt leisten würden? Paulus meint im Brief an die Galater 5, 14-15, dass wir das durchaus können. Er sagt:

14 Das ganze Gesetz ist in einem Wort erfüllt, in dem: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!«

15 Wenn ihr euch aber untereinander beißt und fresst, so seht zu, dass ihr nicht einer vom andern aufgefressen werdet.

Das Gesetz vom Fressen und Gefressenwerden, mag es auch in der Natur gelten, unter uns Menschen soll es abgeschafft werden. Unter uns soll das Gesetz der Liebe gelten: Respekt und Rücksicht voreinander, Solidarität gegenüber den Schwächeren. Damit macht Paulus ernst mit dem, was Jesus im Evangelium nach Markus 8 so gesagt hat:

35 Wer sein Leben erhalten will, der wird‘s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird‘s erhalten.

Es geht hier nicht um Masochismus, nicht um Freitod, sondern um Hingabe. Die Situation, in der einer sein Leben für einen anderen opfert, kommt selten vor. Aber alltäglich ist die Herausforderung in jeder Familie, wenn es darum geht: Wer kommt zuerst, die Bedürfnisse der Eltern oder der Kinder? Für einen Menschen, den ich liebe, tue ich alles; es kommt mir nicht einmal als Verzicht vor, wenn ich zurückstecke.

Wenn in unserer Welt das Gesetz der Liebe herrscht, dann muss die Tatsache, dass eins vom andern lebt, nicht unbedingt als grausam empfunden werden.

Auf einer Tagung mit Pfarrern unserer Landeskirche erklärte uns der Astrophysiker Andreas Burkert vor zwei Wochen: Wir Menschen würden nicht existieren, wenn nicht irgendwann vor sehr sehr langer Zeit Sterne gestorben wären. Denn die Elemente, aus denen wir Menschen bestehen, vor allem Kohlenstoff, Stickstoff und Sauerstoff, gab es im Universum nicht von Anfang an, sie sind erst entstanden, im Innern von Risensternen, im Laufe vieler Millionen Jahre. Als manche dieser Sterne alt wurden und in einer gigantischen Explosion starben, wurden die Baustoffe freigesetzt, aus denen später Planeten entstanden und viel viel später wir selbst. Für Andreas Burkert ist diese Einsicht zum Staunen: Sterne vergehen und lassen andere Sterne und am Ende sogar Leben entstehen. So wunderbar ist unsere Schöpfung eingerichtet!

Man muss wohl ein gläubiger Mensch sein, um die Schöpfung als Wunder Gottes bestaunen zu können.

Wer durch die Schule Jesu geht, lernt jedenfalls, dass in den scheinbar so tödlichen Gesetzen der Natur die lebendige Schöpferkraft Gottes wirksam sein kann.

Jesus gibt seine Liebe, sein Leben, seine heilsamen Worte, damit wir leben und lieben, damit wir getrost und zuversichtlich leben können, auch in dieser so widersprüchlichen Welt.

EG 579: Das Weizenkorn muss sterben, sonst bleibt es ja allein

Schenke uns die Einsicht, Gott, dass wir von dir Trost und Kraft bekommen.

Und manchmal nimmst du uns die Kraft, damit wir spüren: Es ist nicht selbstverständlich, stark zu sein.

Schenke uns deine Liebe, damit wir wissen: Wir sind nicht allein auf der Welt.

Unser Leben hat seinen Sinn in dir. In dir finden wir Ruhe und die Erfüllung, nach der wir uns sehnen. Und wenn wir sterben müssen, dann lass uns selig sterben und getrost Abschied nehmen von dieser Welt.

Zeige uns die Aufgabe, die du für uns vorgesehen hast. Und lass uns nicht unzufrieden sein, wenn es nur eine bescheidene Rolle ist, die wir spielen sollen.

Du ersparst uns nicht Leid und Tränen – aber lass uns in allen Sorgen und Nöten nicht allein! Amen.

Vater unser

Es segne dich Gott, der Vater. Er sei der Raum, in dem du lebst. Es segne dich Jesus Christus. Er sei der Weg, auf dem du gehst. Es segne dich der Heilige Geist. Er sei das Licht, das dich zur Wahrheit führt. Amen.

EG 483: Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden

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