Gott kennt uns besser als wir selber

Gebete sind nicht nötig, um Gott darüber zu informieren, was mit uns los ist. So hoch Gott über uns steht, er interessiert sich für unsere kleinen Probleme, für unsere verzweifelten Versuche, unser Leben irgendwie zu meistern. Wozu sind dann Gebete überhaupt nötig? Nicht Gott braucht sie, sondern wir – um zu merken, dass Gott längst mit uns im Kontakt ist.

Zum Beten gefaltete Hände auf einer geöffneten Bibel

Was ist, wenn wir nicht beten können? (Foto: pixabay.com)

#predigtGottesdienst am Sonntag Exaudi, den 19. Mai 1996, um 9.30 Uhr in der Kapelle der Landesnervenklinik Alzey

Herzlich willkommen im Gottesdienst in der Zeit zwischen Himmelfahrt und Pfingsten am Sonntag „Exaudi“, das heißt auf deutsch: „Höre!“ Dieses Wort stammt aus einem Psalm, das wir gleich nach dem ersten Lied beten werden, und es ist eine Bitte an Gott: „Höre uns doch zu, wenn wir zu dir rufen! Erhöre doch unser Gebet, wenn wir uns nach Hilfe und Trost und Wegweisung von dir sehnen!“

Lied 361, 1-4:

Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.

Dem Herren musst du trauen, wenn dir’s soll wohlergehn; auf sein Werk musst du schauen, wenn dein Werk soll bestehn. Mit Sorgen und mit Grämen und mit selbsteigner Pein lässt Gott sich gar nichts nehmen, es muss erbeten sein.

Dein ewge Treu und Gnade, o Vater, weiß und sieht, was gut sei oder schade dem sterblichen Geblüt; und was du dann erlesen, das treibst du, starker Held, und bringst zum Stand und Wesen, was deinem Rat gefällt.

Weg hast du allerwegen, an Mitteln fehlt dir’s nicht; dein Tun ist lauter Segen, dein Gang ist lauter Licht; dein Werk kann niemand hindern, dein Arbeit darf nicht ruhn, wenn du, was deinen Kindern ersprießlich ist, willst tun.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten mit Worten aus Psalm 27:

1 Der HERR ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten? Der HERR ist meines Lebens Kraft; / vor wem sollte mir grauen?

7 HERR, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und erhöre mich!

10 Denn mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber der HERR nimmt mich auf.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Gott, Menschen beten zu dir und fühlen sich bei dir geborgen. Andere Menschen suchen nach dir und finden dich nicht, manche haben den Kontakt zu dir verloren. Wieder andere beten zu dir mit gemischten Gefühlen, sehnen sich nach deiner Güte, haben aber Angst vor deiner Strenge. Barmherziger Gott, lass dich finden, so wie du bist, ein Gott, auf den man bauen und vertrauen kann. Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Schriftlesung aus dem Prophetenbuch Jesaja 41, 8-14:

8 Du aber, Israel, mein Knecht, Jakob, den ich erwählt habe, du Spross Abrahams, meines Geliebten,

9 den ich fest ergriffen habe von den Enden der Erde her und berufen von ihren Grenzen, zu dem ich sprach: Du sollst mein Knecht sein; ich erwähle dich und verwerfe dich nicht -,

10 fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.

11 Siehe, zu Spott und zuschanden sollen werden alle, die dich hassen.

12 Die mit dir hadern, sollen werden wie nichts, und die wider dich streiten, sollen ein Ende haben.

13 Denn ich bin der HERR, dein Gott, der deine rechte Hand fasst und zu dir spricht; Fürchte dich nicht, ich helfe dir!

14 Fürchte dich nicht, du Würmlein Jakob, du armer Haufe Israel. Ich helfe dir, spricht der HERR, und dein Erlöser ist der Heilige Israels.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja.“

Lied 620: Gottes Liebe ist wie die Sonne
Gnade und Friede sei mit uns allen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

Wir hören den Predigttext aus dem Brief des Paulus an die Römer 8, 26-28:

26 Der Geist [hilft] unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen.

27 Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist; denn er vertritt die Heiligen, wie es Gott gefällt.

28 Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind.

Liebe Gemeinde!

In meine seelsorgerliche Sprechstunde sind schon mehrmals Frauen oder auch einmal ein Mann gekommen, die gesagt haben: „Ich kann nicht mehr glauben. Ich kann auch nicht mehr beten. Früher konnte ich das. Aber seit ich krank bin, spüre ich Gott nicht mehr. Ich glaube, Gott hört mich nicht. Vielleicht gibt es ihn ja auch gar nicht.“

Ihr Kinderglaube, den sie sich auch als Erwachsene bewahren wollten, ist zerbrochen – und bisher hat er nicht nachreifen können. Der Gott, zu dem man betet und automatisch wird alles gut, den gibt es für sie nicht mehr. Aber heißt das, dass es überhaupt keinen Gott gibt?

Schon der Apostel Paulus wusste, dass Menschen manchmal am Glauben zweifeln und verzweifeln. Er wusste sogar von sich selbst, dass es Zeiten gibt, in denen man nicht beten kann, in denen man einfach keine Worte findet, in denen man sich nicht einmal auf Gott konzentrieren kann. Menschen können auch so sehr von Leid und Unrecht betroffen sein, dass sie keine Kraft mehr haben, ein Gebet zu formulieren oder auf Besserung zu hoffen.

Paulus geht sogar noch einen Schritt weiter. Seiner Auffassung nach können Menschen von sich aus überhaupt keinen Kontakt zu Gott aufnehmen. In Wirklichkeit ist es genau umgekehrt: Gott kommt von sich aus auf uns zu. Gott schenkt sich uns, ohne dass wir eine Vorleistung erbringen müssen. Er erwartet keine regelmäßigen Gebete, keinen regelmäßigen Kirchgang, kein tadelloses Leben, bevor er uns hört. Nein, er hört, was unsere Seele schreit, manchmal schon bevor es uns selber bewusst ist, dass wir Grund zum Schreien haben.

Wie nahe uns Gott ist, das wird in der Bibel oft mit dem Wort „Geist“ umschrieben. „Heiliger Geist“, das ist der Name für Gott, wenn er uns ganz nahe ist, wenn er in uns hineinkommt als eine Kraft, die uns hilft, etwas auszuhalten, als eine Liebe, die uns hilft, einen anstrengenden Menschen zu ertragen, als eine Hoffnung, die uns überleben lässt. Das meint Paulus wenn er schreibt:

26 Der Geist [hilft] unsrer Schwachheit auf.

Irgendwie stellt dieser Satz vieles von dem auf den Kopf, was landläufig unter Religion verstanden wird. Was ist ein religiöser, frommer Mensch? Religiöse Menschen beten regelmäßig, sie haben ein starkes Gottvertrauen, sie wissen genau, was Gott von den Menschen will – denken wir. Paulus setzt dagegen: Wir haben es alle nötig, dass unserer Schwachheit aufgeholfen wird. So stark sind wir nicht, dass wir ohne die Hilfe von Gottes Kraft vertrauen und hoffen und barmherzig sein könnten.

Offenbar hat eine bestimmte Art von Religion gar nichts mit wirklicher Religion zu tun: Wenn nämlich Menschen nur scheinbar religiös oder fromm sind, wenn Menschen unduldsam gegen andere sind, fanatisch ihre Religion vertreten. Es gibt Menschen, die sagen: Ich glaube an Gott, ich habe mich für Christus entschieden – und sie erwarten von anderen dieselbe Art von Glauben. Sie erkennen nicht an, dass man auch auf eine andere Art sein Vertrauen auf Gott leben kann und setzen andere seelisch unter Druck.

Und so bekommen Menschen, die sich auf das Beten nicht oder nicht mehr konzentrieren können, ein schlechtes Gewissen. Ich bete nicht regelmäßig, also ist Gott wahrscheinlich böse mit mir. Er wird wohl nicht auf mich hören, wenn ich nur selten bete. Wie soll er mich auch überhaupt verstehen, wenn ich das Beten verlernt habe?

Diese Art von Religion geht von einer falschen Voraussetzung aus: als ob das Beten unsere Leistung wäre. Als ob wir nur besonders gut sein müssten im Beten – und schon klappt es mit dem direkten Draht nach oben – zu Gott im Himmel.

Mit der wirklichen Religion ist es anders. Wirklich religiöse Menschen sind ganz normale Menschen, die keinen besonderen Draht nach oben haben. Paulus, der zu einem wirklich religiösen Menschen wurde, als er von der Eingebung regelrecht umgeworfen wurden: „Jesus liebt mich, obwohl ich ihn bisher verfolgt habe!“ – dieser Paulus wusste es besser: Wenn es einen Draht zwischen Gott und den Menschen gibt, dann geht diese Verbindung von Gott aus, nicht von uns. Paulus drückt das so aus:

Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen.

Ich entnehme diesem Satz des Paulus, dass ein Gebet nicht in wohlgesetzten schönen Worten bestehen muss. Gebet, Kontakt zu Gott, das Empfinden: Gott ist mir nahe – das kann dort stattfinden, wo überhaupt nichts ausgesprochen wird, wo man am Ende ist, ohne Hoffnung, ohne Worte, wo man nicht einmal mehr seufzen kann. Wenn schon ein Stoßseufzer ein Gebet sein kann und wir manchmal selbst dazu nicht in der Lage sind, ist es gut zu wissen, dass uns der Geist Gottes im Beten selbst vertritt mit unaussprechlichem Seufzen. Selbst wenn wir es nicht wissen, ist Gott uns nahe und hält uns fest, begleitet uns durch unsere schwersten Stunden.

Manchmal machen wir uns das zu wenig klar: Gott hört uns, selbst wenn wir gar nichts sagen. Gott weiß ja, was wir empfinden, was wir fühlen, was wir denken. Paulus sagt das in seinen Worten so:

27 Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist; denn er vertritt die Heiligen, wie es Gott gefällt.

Gebete sind also gar nicht zu dem Zweck nötig, um Gott darüber zu informieren, was mit uns los ist. Denn Gott kennt uns und erforscht uns, wie es im 139. Psalm heißt. Etwas macht diesen Vers ein wenig kompliziert: Paulus beschreibt, wie ein Teil Gottes das weiß, was in einem anderer Teil von Gott vorgeht: Der Gott über uns, der Vater, der Erforscher der Herzen, der weiß genau darüber Bescheid, was der Heilige Geist, der in uns wohnt, sozusagen über unser innerstes Empfinden und unsere tiefste Sehnsucht herausfindet.

Einfacher gesagt: Gott kennt uns besser, als wir selber uns kennen. So hoch Gott über uns steht, so weit seine Macht reicht, er interessiert sich dennoch für unsere kleinen Probleme, für unser Streben nach Glück, für unsere verzweifelten Versuche, unser Leben irgendwie zu meistern. Gott ist uns so nahe, dass er uns sogar in unserem eigenen Geist aufsucht.

Wozu sind dann Gebete überhaupt noch nötig? Nicht Gott braucht sie, sondern wir brauchen sie – um zu merken, dass Gott längst mit uns im Kontakt ist. Wir Menschen brauchen das Beten, um dessen gewiss zu bleiben, dass Gott unser Vater ist und bleibt, dass wir seine Kinder sind und bleiben.

Das Gebet in diesem Sinn muss nicht immer laut formuliert sein, so wie hier in der Kirche, oder leise in Worte gefasst sein in unserem Kopf. Es kann auch einfach das Empfinden sein: Ich bin von Gott umgeben, ich bin von Gott geliebt. Und manchmal kann es auch das Wissen sein: Auch wenn ich nichts von Gott fühle, wenn ich ganz am Ende bin – Gott ist dennoch da und begleitet mich auf meinem Weg.

Lied 376:

So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich. Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt: wo du wirst gehn und stehen, da nimm mich mit.

In dein Erbarmen hülle mein schwaches Herz und mach es gänzlich stille in Freud und Schmerz. Lass ruhn zu deinen Füßen dein armes Kind: es will die Augen schließen und glauben blind.

Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht, du führst mich doch zum Ziele, auch durch die Nacht. So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich.

Liebe Gemeinde, eben hatten wir von Paulus gehört, dass Gottes Geist die Heiligen im Gebet zu Gott vertritt. Dieses Wort „die Heiligen“ habe ich eben einfach übergangen. Ich habe dafür einfach „uns“ gesagt. Der Geist hilft uns beim Beten. Gott kommt uns entgegen, nimmt von sich aus mit uns Kontakt auf.

Aber kann ich einfach so sagen, dass wir die Heiligen sind? Nun, das sind wir nicht in dem Sinne, wie man normalerweise von „Heiligen“ spricht: Menschen, die überdurchschnittlich gut sind, die nie etwas Böses tun, die man sich in allem als Vorbild nehmen kann. Aber wieder versteht Paulus unter den „Heiligen“ etwas anderes als sozusagen perfekte Christen. Für ihn sind heilige Menschen die, die von Gott berührt wurden und deren Leben sich durch das Vertrauen auf Gott verändert hat. Paulus kann dasselbe auch noch etwas anders in Worte fassen:

28 Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind.

Immer wieder kehrt Paulus unseren Blickwinkel um: Hier spricht er von Menschen, „die Gott lieben“, und betont zugleich: diese Liebe zu Gott ist nicht unsere eigene fromme Leistung, sondern sie ist ein Geschenk Gottes an uns – sein Ratschluss war es, uns zu berufen, uns zu sich zu rufen, und wenn wir an ihn glauben und ihn liebgewinnen, dann ist das einfach unsere Antwort auf seine Liebe. So wie auch ein Kind automatisch die Liebe der Eltern erwidert, wenn es gute Eltern sind, die ihrem Kind auch wirkliche Liebe schenken.

Was meint nun Paulus damit, dass „dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen“? Er ist davon überzeugt: Auch das Böse, das wir erfahren, Enttäuschungen, Unrecht, Krankheit und Leid, können uns nicht endgültig ins Unglück stürzen. Aber es ist schwer zu glauben, dass uns auch böse Dinge „zum Besten dienen sollen“. Paulus will ja nicht das Böse rechtfertigen, das Menschen anderen Menschen antun. Er will auch nicht sagen, dass das Böse irgendeinen tieferen Sinn habe und von Gott gewollt sei. Aber er denkt, dass auch die furchtbaren Erfahrungen im Menschenleben zur Geschichte eines Menschen dazugehören – und verarbeitet oder verkraftet werden können.

Dietrich Bonhoeffer, der wegen seines Glaubens im Gefängnis Hitlers saß, hat zu dieser Bibelstelle geschrieben:

„Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen“.

Das schreibt Bonhoeffer über das Böse, das uns von außen überfallen kann, von anderen Menschen oder vom unabwendbaren Schicksal.

Dann geht er noch einen Schritt weiter und schreibt von dem Bösen, das von uns selber ausgeht. „Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten“. Denen, die Gott lieben, können also sogar die eigenen Fehltritte zum Besten dienen.

Damit kann gemeint sein, dass wir ja immer aus Fehlern auch lernen. Wir müssen etwas Schlimmes, das wir getan haben, nicht noch einmal tun, wenn wir klarkriegen, warum es geschehen konnte und wie wir unser Verhalten ändern können.

Vielleicht wollen Paulus und Bonhoeffer uns aber auch einfach helfen, barmherzig mit uns und anderen umzugehen: Schaut nicht krampfhaft auf eure Sünden, bemüht euch nicht zwanghaft um gute Taten. Nehmt euch erst einmal an, so wie ihr seid, wie Gott das auch tut, und macht euch nicht kleiner oder größer, als ihr seid. Niemand ist perfekt und niemand ist ein totaler Versager – und vor Gott sind nicht diese Fragen interessant, sondern da gilt schlicht uns einfach die Tatsache: Er hat uns lieb. Ohne Wenn und Aber.

Es gibt allerdings auch Christen, die vertreten die Auffassung, dass man als Christ nach einer ganz bestimmten eng umgrenzten Moral leben muss. Meist geht es da um eine strenge Sexualmoral, so dass manche jungen Männer oder Frauen schon denken, sie wären auf ewig verdammt, wenn sie in der Partnerschaft zu früh intim werden oder wenn sie sich selbst befriedigen. Es gibt christliche Gemeinschaften, die Mitglieder aus ihren Reihen ausschließen, wenn sie zum Beispiel Geschlechtsverkehr vor der Ehe haben. Oder sie dürfen nicht zum Abendmahl gehen, wenn sie als Geschiedene wieder einen neuen Partner haben.

Ich denke, Jesus würde diese Menschen nicht einfach ausschließen und wegschicken. Denn auch sexuelle Normen und Gebote verändern sich im Laufe der Jahrhunderte. Das war schon zur Zeit Jesu so, da gab es nicht mehr die Vielehe wie zur Zeit Abrahams oder Jakobs, sondern normalerweise hatte ein Mann nur eine Frau. Und es ging Jesus nicht darum, die Sexualität als etwas Böses abzustempeln, sondern er wollte, dass Menschen auch im Bereich von Liebe, Ehe und Sex menschlich miteinander umgehen. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, war für ihn das entscheidende Gebot. Ansonsten hat Jesus gesagt: Gesetze sind für den Menschen da und nicht umgekehrt. Also wenn es nach Jesus geht, muss ich mich fragen, ob ich mit dem, was ich tue oder lasse, einem Menschen schade oder ihm Gutes tue, ob ich ihn als Person achte oder demütige, ob ich ihm menschlich begegne oder meine Menschlichkeit schuldig bleibe. Um diese Fragen geht es, auch in der Sexualität – und es schadet zum Beispiel niemandem, wenn jemand sich selber befriedigt. Ob das einen Menschen auf Dauer wirklich glücklich macht, ist eine andere Frage, aber jedenfalls keine Frage von Schuld oder Sünde.

Bei der Frage, ob es gut ist, außerhalb oder vor der Ehe Sexualverkehr zu haben, spielen viele Überlegungen eine Rolle, aber jedenfalls können wir heute keine starren, eindeutigen Regeln mehr für alle festlegen. Jeder ist selber für seine eigenen Handlungen verantwortlich. Jeder muss sich fragen, ob er beim Sex einen anderen Menschen nur zu seinem Vergnügen benutzt oder ob beide Partner mit Lust und Freude dabei sind.

Natürlich muss man sich auch über die eventuellen Folgen im Klaren sein: Es kann eine starke Bindung entstehen, und es wird wehtun, wenn sie zerbricht, auch wenn man nicht verheiratet ist. Es ist außerdem heute sehr wichtig, sich vor ansteckenden Krankheiten zu schützen. Und wenn ein Kind kommt, ist man dafür verantwortlich, dass es gute Eltern bekommt und nicht als ein ungewolltes, ungeliebtes Kind aufwachsen muss.

Ich hoffe, es ist an diesem Beispiel deutlich geworden, dass ein Christ nicht einer zwanghaften Moral folgen muss. In unserer Welt gelten angeblich keine Werte mehr. Das stimmt nicht. Aber viele Werte und Normen sind nicht mehr so starr wie früher, und das ist gut so. Jesus will von uns Barmherzigkeit, so kann man seine Menschlichkeit auch nennen, nicht die Erfüllung von starren Normen, die sich angeblich nie verändern.

Wenn Paulus diesen Satz hinschreibt: „Denen, die Gott lieben, dienen alle Dinge zum Besten“, dann hat er offenbar von Jesus gelernt. Wir können zur Gemeinschaft der Heiligen gehören, zu den von Gott geliebten Menschen, auch wenn wir einmal in die Irre gehen, Fehler machen oder schuldig werden. Gott wird damit fertig, denn er gibt uns nicht auf, er traut uns zu, dass wir immer wieder neu anfangen können, zu hoffen, zu vertrauen, zu lieben. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
Lied 621: Ins Wasser fällt ein Stein

Wir beten mit einem Gebet von Dietrich Bonhoeffer:

Gott, hilf mir beten und meine Gedanken sammeln zu Dir; ich kann es nicht allein.

In mir ist es finster, aber bei Dir ist das Licht; ich bin einsam, aber Du verlässt mich nicht; ich bin kleinmütig, aber bei Dir ist die Hilfe; ich bin unruhig, aber bei Dir ist der Friede; in mir ist Bitterkeit, aber bei Dir ist die Geduld; ich verstehe Deine Wege nicht, aber Du weißt den Weg für mich.

Herr Jesus Christus, Du warst arm und elend, gefangen und verlassen. Du kennst alle Not der Menschen, Du bleibst bei mir, wenn kein Mensch mir beisteht, Du vergisst mich nicht und suchst mich, Du willst, dass ich Dich erkenne und mich zu Dir kehre. Herr, ich höre Deinen Ruf und folge, hilf mir!

Heiliger Geist, gib mir den Glauben, der mich vor Verzweiflung, Süchten und Laster rettet, gib mir die Liebe zu Gott und den Menschen, die allen Hass und Bitterkeit vertilgt und gib mir die Hoffnung, die mich befreit von Furcht und Verzagtheit. Amen.

Wir beten gemeinsam mit den Worten Jesu:

Vater unser
Lied 501:

Wie lieblich ist der Maien aus lauter Gottesgüt, des sich die Menschen freuen, weil alles grünt und blüht. Die Tier sieht man jetzt springen mit Lust auf grüner Weid, die Vöglein hört man singen, die loben Gott mit Freud.

Herr, dir sei Lob und Ehre für solche Gaben dein! Die Blüt zur Frucht vermehre, lass sie ersprießlich sein. Es steht in deinen Händen, dein Macht und Güt ist groß; drum wollst du von uns wenden Mehltau, Frost, Reif und Schloß‘.

Herr, lass die Sonne blicken ins finstre Herze mein, damit sich’s möge schicken, fröhlich im Geist zu sein, die größte Lust zu haben allein an deinem Wort, das mich im Kreuz kann laben und weist des Himmels Pfort.

Mein Arbeit hilf vollbringen zu Lob dem Namen dein und lass mir wohl gelingen, im Geist fruchtbar zu sein; die Blümlein lass aufgehen von Tugend mancherlei, damit ich mög bestehen und nicht verwerflich sei.

Abkündigungen

Gott, der Herr, segne euch, und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Frieden. Amen.

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