Zwei Juden im rabbinischen Dialog: Jesus und der Schriftgelehrte

Ich las den heutigen Predigttext und dachte: Ist dies nicht ein schönes Beispiel eines interreligiösen Gesprächs? Ein Christ spricht auf Augenhöhe mit einem Juden!

Und dann fiel mir auf: Nein. Hier sprechen zwei Juden miteinander. Der Jude Jesus als auch von Gegnern anerkannter Lehrer der Heiligen Schrift und ein weiterer jüdischer Schriftgelehrter tauschen sich über Mose und die Propheten aus.

Ein Jude mit Gebetskapsel auf dem Kopf an der Klagemauer

Ein Jude an der Klagemauer in Jerusalem – wir wissen nicht, wie Jesus und sein Gesprächspartner damals ausgesehen haben (Bild: Aleks Megen auf Pixabay)

#predigtGottesdienst am 10. Sonntag nach Trinitatis, 25. August 2019, um 10.00 Uhr in der evangelischen Johanneskirche Gießen
Orgelvorspiel

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Am heutigen 10. Sonntag nach Trinitatis begeht die evangelische Kirche den Israelsonntag, und ich begrüße alle herzlich mit dem Wochenspruch aus Psalm 33, 12:

Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat!

Wir singen aus dem Lied 290 die Strophe 1 bis 3 und 7:

1. Nun danket Gott, erhebt und preiset die Gnaden, die er euch erweiset, und zeiget allen Völkern an die Wunder, die der Herr getan. O Volk des Herrn, sein Eigentum, besinge deines Gottes Ruhm.

2. Fragt nach dem Herrn und seiner Stärke; der Herr ist groß in seinem Werke. Sucht doch sein freundlich Angesicht: Den, der ihn sucht, verlässt er nicht. Denkt an die Wunder, die er tat, und was sein Mund versprochen hat.

3. O Israel, Gott herrscht auf Erden. Er will von dir verherrlicht werden; er denket ewig seines Bunds und der Verheißung seines Munds, die er den Vätern kundgetan: Ich lass euch erben Kanaan.

7. O seht, wie Gott sein Volk regieret, aus Angst und Not zur Ruhe führet. Er hilft, damit man immerdar sein Recht und sein Gesetz bewahr. O wer ihn kennet, dient ihm gern. Gelobet sei der Nam des Herrn.

Im Namen Gottes, der sein Volk Israel erwählt hat und treu zu seinem Bund steht.

Im Namen Jesu Christi, der die Liebe des Gottes Israels lebt und auch die Völker in seine Nachfolge ruft.

Im Namen des Geistes der Weisheit, der uns über Grenzen hinweg zusammenführt.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten im Wechsel ein altes jüdisches Gebet, das schon König David gesungen haben soll, den Psalm 23. Wer ihn nicht auswendig kann, findet den Text im Gesangbuch unter Nr. 711:

1 Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

2 Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.

3 Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

4 Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

5 Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.

6 Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Früher haben sich Christen vom Judentum abgegrenzt. Oft blickten sie von oben auf Juden herab, verleumdeten, ja, unterdrückten sie. Es gab gewaltsame Pogrome.

Und heute? Wieder gewinnt Antisemitismus in unserem Land an Boden. Kritik an der Politik des Staates Israel, so berechtigt sie sein mag, mischt sich oft mit uralten Vorurteilen gegen Juden. Kein verübtes Unrecht darf eine Rechtfertigung dafür sein, ein Volk oder eine Religion pauschal zu verurteilen, weder Israelis noch Palästinenser, weder Juden noch Muslime, aber auch nicht Deutsche oder Christen. Wir rufen für uns und für alle, die sich in Unrecht verstricken oder sich ihm hilflos ausgeliefert fühlen, um Gottes Erbarmen:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

In den letzten Jahrzehnten fand ein Umdenken statt. Christliche und jüdische Menschen sind sich auf Augenhöhe begegnet. Sie haben entdeckt, wie viel sie gemeinsam haben. Für viele führten diese Begegnungen zu einem echten Neuanfang. Lasst uns Gott loben und singen:

„Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Gott Israels, Vater Jesu Christi, lehre uns, deinen heiligen Namen zu erkennen und zu begreifen, was für ein Gott du bist! Darum bitten wir dich im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Liebe Kinder, geht mit eurer Kerze zur Kinderkirche. Gott segne euch mit seinem Licht, mit seiner Liebe, mit seinem Frieden. Amen.

Wir hören die Schriftlesung aus dem 3. Buch Mose – Levitikus 19:

1 Und der HERR redete mit Mose und sprach:

2 Rede mit der ganzen Gemeinde der Israeliten und sprich zu ihnen: Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der HERR, euer Gott.

3 Ein jeder fürchte seine Mutter und seinen Vater.

11 Ihr sollt nicht stehlen noch lügen noch betrügerisch handeln einer mit dem andern.

13 Du sollst deinen Nächsten nicht bedrücken noch berauben. Es soll des Tagelöhners Lohn nicht bei dir bleiben bis zum Morgen.

14 Du sollst dem Tauben nicht fluchen und sollst vor den Blinden kein Hindernis legen, denn du sollst dich vor deinem Gott fürchten; ich bin der HERR.

15 Du sollst nicht unrecht handeln im Gericht: Du sollst den Geringen nicht vorziehen, aber auch den Großen nicht begünstigen, sondern du sollst deinen Nächsten recht richten.

17 Du sollst deinen Bruder nicht hassen in deinem Herzen, sondern du sollst deinen Nächsten zurechtweisen, damit du nicht seinetwegen Schuld auf dich lädst.

18 Du sollst dich nicht rächen noch Zorn bewahren gegen die Kinder deines Volks. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin der HERR.

32 Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren und sollst dich fürchten vor deinem Gott; ich bin der HERR.

33 Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken.

34 Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland. Ich bin der HERR, euer Gott.

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Schon in den ersten Jahrhunderten n. Chr. entwickelten sich das Judentum und das Christentum immer stärker auseinander. Erst heute wächst die Einsicht, dass Menschen in allen Religionen und Konfessionen auf je ihre Weise Gott nahe sein und seinen Willen tun wollen, und wir haben begonnen, mit denen, die dazu bereit sind, ins Gespräch zu kommen. Dabei ist ein respektvoller Umgang miteinander besonders wichtig, eine Begegnung auf Augenhöhe. Unterschiede im Glauben können wir gerade dann gut aushalten, wenn wir in der eigenen Tradition fest verwurzelt sind.

Unser christlicher Glaube ist jedoch so sehr im jüdischen verwurzelt, dass wir das jüdische Glaubensbekenntnis sogar mitbeten können, wie es im 5. Buch Mose 6, 4-5 steht:

4 Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR ist einer.

5 Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.

Gemeinsam bekennen wir als Christen diesen Herrn mit den Worten unseres Glaubensbekenntnisses:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde; und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

Lied 333, 1+2+4+5: Danket dem Herrn!
Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Der Predigttext zum heutigen Israelsonntag steht im Evangelium nach Markus 12, 28-34 und erzählt von Jesus, der gerade einige Streitgespräche mit jüdischen Gruppierungen hinter sich hatte, mit den Sadduzäern und Pharisäern:

28 Und es trat zu ihm einer der Schriftgelehrten, der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten. Als er sah, dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist das höchste Gebot von allen?

29 Jesus antwortete: Das höchste Gebot ist das: „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein,

30 und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft.“

31 Das andre ist dies: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. Es ist kein anderes Gebot größer als diese.

32 Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Ja, Meister, du hast recht geredet! Er ist einer, und ist kein anderer außer ihm;

33 und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und mit aller Kraft, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer.

34 Da Jesus sah, dass er verständig antwortete, sprach er zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und niemand wagte mehr, ihn zu fragen.

Liebe Gemeinde,

ich las bei der Vorbereitung diesen Abschnitt aus dem Markusevangelium und dachte: Ist dies nicht ein schönes Beispiel eines interreligiösen Gesprächs? Ein Christ spricht auf Augenhöhe mit einem Juden!

Und dann fiel mir auf: Nein. Hier sprechen ja zwei Juden miteinander. Sie verstehen sich bestens miteinander. Der Jude Jesus als ein auch von Gegnern anerkannter Lehrer der Heiligen Schrift und ein weiterer jüdischer Schriftgelehrter tauschen sich darüber aus, wie das, was Mose und die Propheten sagen, auszulegen ist.

Und wir Christen? Wir tun gut daran, einmal diesen beiden Juden zuzuhören. Ganz genau zuzuhören, wie auch dieser Schriftgelehrte zunächst Jesus einfach nur zugehört hatte:

28 Und es trat zu ihm einer der Schriftgelehrten, der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten. Als er sah, dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist das höchste Gebot von allen?

Diese Frage nach dem höchsten Gebot war unter jüdischen Rabbinern eine Standardfrage. Zur Tora, also zur Wegweisung Gottes in den fünf Büchern Mose, gehören ja insgesamt 613 einzelne Gebote, und so war es ganz normal, dass sich die Juden fragten, ob es nicht auch eine Kurzfassung der Tora gibt oder welches Gebot man auf keinen Fall übertreten darf. Wie antwortet nun Jesus?

29 Jesus antwortete: Das höchste Gebot ist das: „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein,

30 und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft.“

Hier zitiert Jesus das zentrale jüdische Bekenntnis zum Einen Gott, wie es im 5. Buch Mose steht. Es beginnt auf Hebräisch mit den Worten: ScheMAˁ JiSsRAˀeL – „Höre, Israel!“

Dann kommt: ˀÄDoNaJ ˀÄLoHeJNU ˀÄDoNaJ ˀÄChaD. Zwei Mal steht hier der Gottesname, die heiligen vier Buchstaben JHWH, die aber nicht ausgesprochen werden. Zwei Mal wird stattdessen ˀÄDoNaJ – „mein HERR“ – gerufen, so wie es auch in unseren Bibeln übersetzt wird: „Der HERR ist unser Gott, der HERR ist Einer.“

Das Entscheidende an diesem Bekenntnis ist nicht der Monotheismus in ganz allgemeinem Sinn, als ob es darauf ankäme, nur einen einzigen selbstgefälligen Gott anzubeten, der in seiner Eifersucht niemanden neben sich dulden würde. Entscheidend ist, dass dieser Eine Gott Israels einen einzigartigen Namen trägt. Keinen, den man beschwören dürfte, das gerade nicht. Er ist ja sogar unaussprechlich in seiner Art, Menschen zu bewegen, zu verändern, herauszufordern, auf neue Wege zu schicken und ungeahnte Freiheit möglich zu machen. So einen Gott hat es in keinem Götterhimmel der Antike je gegeben, und es gibt ihn auch in den Ideologien der Neuzeit nicht: Diesen Gott, der den glimmenden Docht nicht auslöscht und das verletzbarste Menschenkind behütet wie seinen eigenen Augapfel, der als Guter Hirte unsere Seele erquickt, wenn wir in dunklen Tälern der Angst zu verzweifeln drohen.

Den Gott, der diesen Namen trägt, zu lieben, ist nun für einen frommen Juden, auch für Jesus, nicht allein eine Pflicht, sondern eine selbstverständliche Freude. Denn diesem Gott verdankt man alles: die ganze Schöpfung, das eigene Leben, jedes Stück Freiheit und Gerechtigkeit, Liebe und Frieden.

Das 5. Buch Mose findet für die umfassende Liebe zu Gott drei Umschreibungen: „von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft“. Im Deutschen müssen wir uns dabei vor Missverständnissen hüten: „Herz“ meint im Hebräischen nicht die romantische Liebe, die wir damit verbinden, sondern unseren klaren Willen, aus dem heraus wir bereit sind, alles für den oder die zu tun, die wir lieben. Auch das Wort „Seele“ ist nichts quasi Geisterhaftes oder gar Unsterbliches in uns drin, sondern einfach das Leben, das uns von Gott eingehaucht und so leicht auszulöschen ist. Wie sollte eine solche Seele, ein solches verletzbares Leben, nicht den lieben wollen, dem es sich ganz und gar verdankt?

Das dritte Wort „Kraft“ zitiert Jesus nicht wörtlich. Er sagt, wie Luther übersetzt: „von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft“, wobei er auch ein anderes griechisches Wort für „Kraft“ benutzt. Es ist, als ob er betonen wolle, dass es nicht nur um Körperkräfte geht, sondern um unser gesamtes Fühlen, Empfinden und Denken. Jesus macht es wie alle jüdischen Rabbiner: Die Tora hat man wörtlich im Ohr, kein Häkchen an ihr wird in Frage gestellt, und doch zitiert man sie nicht immer nur wörtlich, weil sie in einer neuen Zeit sonst vielleicht nicht mehr richtig verstanden wird.

Aber Jesus ist noch nicht fertig mit seinem Redebeitrag, er zitiert noch ein zweites Gebot als höchstes aller Gebote:

31 Das andre ist dies: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. Es ist kein anderes Gebot größer als diese.

Lange Zeit hat man unter Christen gemeint, dass Jesus die Nächstenliebe erfunden hätte. Tatsächlich hat er auch sie aus seiner jüdischen Bibel, aus dem 3. Buch Mose – Levitikus 19, übernommen. Und er war nicht der erste Rabbiner, der das Gebot der Nächstenliebe an die oberste Stelle der Gebote rückte. Rabbi Hillel, der um die Zeit der Geburt Jesu lebte, hatte das auch schon getan.

Aber kann man Liebe zum Nächsten überhaupt fordern? Muss uns eine solche Liebe nicht überfordern, weil Menschen ja nun einmal nicht alle liebenswert sind? Dazu fand ich eine gute Erklärung von dem bedeutenden Frankfurter Rabbiner Samson Raphael Hirsch aus dem 19. Jahrhundert:

„Die Liebe der Persönlichkeit des Nächsten, eine Liebe, die aus der Quelle eines warmen Herzens strömt, ist eine Forderung, deren Erfüllung außer dem Bereich des Denkbaren liegt. Was die Tora hier von uns fordert, ist nicht, dass wir die Persönlichkeit eines jeden zu lieben haben, als ob die bezaubernde Anziehungskraft einer sympathischen Harmonie der Persönlichkeiten nicht existiere, und als ob es den seelischen Impuls der Antipathie manchen Menschen gegenüber gar nicht gäbe. Was von uns verlangt wird, ist die praktische Förderung des Wohls unserer Nebenmenschen in demselben Maße, wie wir für uns selbst sorgen, d. h. Menschenliebe in die Tat umzusetzen“.

Die Bibel versteht Nächstenliebe also nicht als Gefühl der Sympathie, sondern als Forderung einer praktischen Solidarität. In demselben Sinne sagt Jesus nach Lukas 6:

27 Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen;

28 segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen.

Ich muss meine Feinde nicht mögen. Aber ich soll ihnen nicht mit dem Hass begegnen, den sie in der Welt verbreiten.

Aber zurück zu unserer Markusstelle. Nachdem Jesus fertig geredet hat, ergreift der Schriftgelehrte, der ihn gefragt hat, das Wort:

32 Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Ja, Meister, du hast recht geredet! Er ist einer, und ist kein anderer außer ihm;

33 und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und mit aller Kraft, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer.

Vollkommen einig zeigt sich der Schriftgelehrte mit Jesu Auslegung der höchsten Gebote der jüdischen Tora. Wörtlich sagt er: „Schön, Lehrer, aus der Wahrheit hast du geredet!“ Und im griechischen Urtext wird noch deutlicher als in der Lutherübersetzung, dass er Jesu Wort „Gott ist der Herr allein“ mit seinen Worten „er ist einer“ wörtlich aufgreift – dort steht in beiden Sätzen das Wort „heis“ = „einer“.

Auch der Schriftgelehrte zitiert die drei Arten, Gott zu lieben, nicht ganz wörtlich; er beschränkt sich auf Herz, Gemüt und Kraft, lässt das Wort „Seele“ weg, vielleicht weil es im Hebräischen die allgemeinste Bedeutung hat, die in den drei anderen Worten schon enthalten ist.

Dass er nicht einfach nur Jesus loben will, sondern noch ein Stück weiter mitdenkt, zeigt er, indem er das, was Jesus gesagt hat, noch etwas ergänzt: Die beiden höchsten Gebote, die Jesus erwähnt hat, sind „mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer“.

Mit dieser Kritik an einem bloß äußerlichen Opferkult knüpft der Schriftgelehrte an die jüdischen Propheten Jesaja und Jeremia an. So heißt es bei dem Propheten Jeremia 7, 21-23:

21 So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels…:

22 ich habe euren Vätern an dem Tage, als ich sie aus Ägyptenland führte, nichts gesagt noch geboten von Brandopfern und Schlachtopfern;

23 sondern dies Wort habe ich ihnen geboten: Gehorcht meiner Stimme, so will ich euer Gott sein, und ihr sollt mein Volk sein; wandelt ganz auf dem Wege, den ich euch gebiete, auf dass es euch wohlgehe.

Und wenn diese Forderungen zu allgemein klingen, wird der Prophet Jesaja 1, 11.16-17 um so konkreter:

11 Was soll mir die Menge eurer Opfer?, spricht der HERR. Ich bin satt der Brandopfer von Widdern und des Fettes von Mastkälbern und habe kein Gefallen am Blut der Stiere, der Lämmer und Böcke.

16 Wascht euch, reinigt euch, tut eure bösen Taten aus meinen Augen. Lasst ab vom Bösen,

17 lernt Gutes tun! Trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schafft den Waisen Recht, führt der Witwen Sache!

Gott und den Nächsten zu lieben, besteht also konkret darin, dass man Böses verlernt und Gutes lernt. Als Beispiele nennt Jesaja das Recht der elternlosen Kinder und der rechtlosen Witwen. Zu lernen ist, wie man konkrete Solidarität mit Menschen in Not üben und Unterdrücker in ihre Schranken weisen kann.

Wie reagiert Jesus auf den Schriftgelehrten? Er erkennt in seinen Worten eine durchdachte Argumentation:

34 Da Jesus sah, dass er verständig antwortete, sprach er zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes.

Mit diesem Satz beendet Jesus das Gespräch. Einem Menschen, der die jüdische Tora wie dieser Mann begreift, fehlt in den Augen Jesu offenbar nichts zu seinem Seelenheil. Jedenfalls sagt Jesus ihm nicht: „Jetzt musst du aber auch noch an mich glauben – erst dann kommst du wirklich ins Reich Gottes!“ Anscheinend meint Jesus: „Wenn das, was du gesagt hast, nicht nur leere Worte sind, dann gehörst auch du zum Himmelreich. Du bist unter dem Einfluss der Liebe Gottes, du gehst nicht verloren.“

Der Evangelist Markus fügt noch einen Satz hinzu:

Und niemand wagte mehr, ihn zu fragen.

Warum wäre es ein Wagnis gewesen, Jesus jetzt noch eine Frage zu stellen? Kann man über die Religion, über Gott und seinen Willen gar nicht mehr sagen? Und jeder weitere Streit wäre nur nebensächlich, ja peinlich?

Oder ist es umgekehrt: Wäre es wichtig gewesen, genau an diesem Punkt noch konkreter zu werden? Zu fragen – wie es nach dem Lukasevangelium dann geschieht, wer denn konkret mein Nächster ist, wem ich wann und wo und wie zum Nächsten werden kann? Aber das ist eine andere Geschichte – sie spielt sich in unserem Alltag ab, dort, wo wir uns in kritischen Momenten die Frage des früheren Kirchenpräsidenten Martin Niemöller stellen: „Was würde Jesus dazu sagen?“ Ich wünsche uns den Mut, diese Frage an Jesus zu richten, wo wir vor konkreten eigenen Herausforderungen stehen. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.
Lied 614, 1 bis 3: Lass uns in deinem Namen, Herr
Abkündigungen und Kollekte

Jüdinnen und Juden beten ähnlich wie wir. Alles, was sie bewegt, bringen sie vor Gott: ihren Dank, ihre Bitten und ihre Klagen. Sie beten für sich selbst und für andere, sie rufen Gott an in jeder Lebenslage. So hat es auch Jesus in seinen Gebeten getan. Und so wenden auch wir uns vertrauensvoll an den einen Gott in unseren Gebeten.

Gott, lass uns dich lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit all unserer Kraft. Öffne unsere Herzen, dass wir die fernen und nahen Nächsten lieben – wie auch uns selbst.

Zu dir rufen wir mit den gemeinsamen Worten: „Allmächtiger Gott, erhöre uns!“

Fürbitten
Gebetsstille und Vater unser
Lied 631: In Gottes Namen wolln wir finden, was verloren ist

Empfangt den Segen Gottes, wie er im 4. Buch Mose von den Priestern Israels gespendet wird:

Der HERR segne dich und behüte dich. Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

Orgelnachspiel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.