Aufgehoben

Jesus wird aufgehoben in eine Wirklichkeit, die uns vollkommen unbekannt ist. Ein Vater hebt sein Kind auf, wenn es gefallen ist – Gottvater steht zu seinem Sohn. „Aufheben“ heißt außer Kraft setzen – der Kontakt mit dem sichtbaren, körperlich anwesenden Jesus ist zu Ende. „Aufheben“ heißt auch bewahren – was Jesus gesagt und getan hat, davon werden keine Abstriche gemacht.

Kirchenfenster über Christi Himmelfahrt, der von Engeln umgeben ist, die Posaune, Laute und Harfe spielen

Christi Aufnahme in den Himmel, begleitet von einem Engelorchester (Foto: pixabay.com)

direkt-predigtGottesdienst an Christi Himmelfahrt, 31. Mai 1984, um 9.30 Uhr in Heuchelheim, 10.30 in Reichelsheim
Lied EKG 91, 1-3 (im EG nur im Anhang von Württemberg 552
und Rheinland/Westfalen/Lippe sowie der Reformierten Kirche 565):

1. Auf diesen Tag bedenken wir, dass Christus aufgefahren, und danken Gott von Herzen hier und flehn, er woll bewahren uns arme Sünder hier auf Erd, die wir, von mancher Not beschwert, Trost nur in Hoffnung haben. Halleluja, Halleluja.

2. Gott Lob, der Weg ist nun gemacht, uns steht der Himmel offen; Christus schließt auf mit großer Pracht, was vorhin war verschlossen. Wer’s glaubt, des Herz ist freudenvoll; dabei er sich doch rüsten soll, dem Herren nachzufolgen. Halleluja, Halleluja.

3. Wer hier nicht seinen Willen tut, dem ist’s nicht ernst zum Herren, und er wird auch vor Fleisch und Blut sein Himmelreich versperren. Am Glauben liegt’s; ist der nur echt, so wird gewiss das Leben recht zum Himmel sein gerichtet. Halleluja, Halleluja.

Wir hören eine Lesung zum Himmelfahrtstag aus dem Evangelium nach Lukas 24, 36-53. Die Lesung setzt ein bei der Schilderung einer Erscheinung des auferstandenen Jesus, die die versammelte Schar der Jünger Jesu erlebt:

36 Als sie aber davon redeten, trat er selbst, Jesus, mitten unter sie und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch!

37 Sie erschraken aber und fürchteten sich und meinten, sie sähen einen Geist.

38 Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so erschrocken, und warum kommen solche Gedanken in euer Herz?

39 Seht meine Hände und meine Füße, ich bin’s selber. Fasst mich an und seht; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, dass ich sie habe.

40 Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und Füße.

41 Als sie aber noch nicht glaubten vor Freude und sich verwunderten, sprach er zu ihnen: Habt ihr hier etwas zu essen?

42 Und sie legten ihm ein Stück gebratenen Fisch vor.

43 Und er nahm’s und aß vor ihnen.

44 Er sprach aber zu ihnen: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose, in den Propheten und in den Psalmen.

45 Da öffnete er ihnen das Verständnis, so dass sie die Schrift verstanden,

46 und sprach zu ihnen: So steht’s geschrieben, dass Christus leiden wird und auferstehen von den Toten am dritten Tage;

47 und dass gepredigt wird in seinem Namen Buße zur Vergebung der Sünden unter allen Völkern. Fangt an in Jerusalem,

48 und seid dafür Zeugen.

49 Und siehe, ich will auf euch herabsenden, was mein Vater verheißen hat. Ihr aber sollt in der Stadt bleiben, bis ihr ausgerüstet werdet mit Kraft aus der Höhe.

50 Er führte sie aber hinaus bis nach Betanien und hob die Hände auf und segnete sie.

51 Und es geschah, als er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel.

52 Sie aber beteten ihn an und kehrten zurück nach Jerusalem mit großer Freude

53 und waren allezeit im Tempel und priesen Gott.

Lied EKG 452, 1-5 (EG 394):

1. Nun aufwärts froh den Blick gewandt und vorwärts fest den Schritt! Wir gehn an unsers Meisters Hand und unser Herr geht mit.

2. Vergesset, was dahinten liegt und euern Weg beschwert; was ewig euer Herz vergnügt, ist wohl des Opfers wert.

3. Und was euch noch gefangen hält, o werft es von euch ab! Begraben sei die ganze Welt für euch in Christi Grab.

4. So steigt ihr frei mit ihm hinan zu lichten Himmelshöhn. Er uns vorauf, er bricht uns Bahn – wer will ihm widerstehn?

5. Drum aufwärts froh den Blick gewandt und vorwärts fest den Schritt! Wir gehn an unsers Meisters Hand und unser Herr geht mit.

Gottes Liebe und Friede sei mit uns allen. Amen.

Wir hören zwei Texte zur Predigt. Zuerst aus dem Evangelium nach Markus 16, 19-20:

Nachdem der Herr Jesus mit ihnen geredet hatte, wurde er aufgehoben gen Himmel und setzte sich zur Rechten Gottes. Sie aber zogen aus und predigten an allen Orten.

Und dann aus dem Evangelium nach Johannes 20, 28-29:

Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott! Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!

Liebe Gemeinde!

Dass man Himmelfahrt nicht mit Raumfahrt.verwechseln darf, konnte ich in diesem Jahr den Kindern in der Schule und auch den Konfirmanden leicht klarmachen. Der Himmel, in den der auferstandene Jesus zurückkehrt, ist nicht der Weltraum, sondern die ganz andere, unsichtbare Welt Gottes. Aber wo ist die? Und wie kann man sie beschreiben?

Gottes Himmel, Gottes unsichtbare Welt, können wir nicht beschreiben. Jedenfalls nicht so, wie wir eine Reportage machen können über ein fremdes Land. Uns fehlen einfach die Begriffe. Gott umfasst das ganze Weltall – und schon das Weltall ist für uns unfassbar groß, unvorstellbar weit ausgedehnt. Gott hält das alles in der Hand – es ist einfach unmöglich für uns zu sagen: da oder dort in unserer Welt, da über den Wolken, oder dort auf einem Stern, da wohnt Gott. Das geht nicht.

Trotzdem sprechen wir von Gott. Wir benutzen Worte und versuchen, etwas über den Glauben an Gott zu sagen. Es ist ja nicht einerlei, auf welche Weise wir an Gott glauben. Mit Worten versuchen wir, uns darüber klar zu werden, was für ein Gott es ist, an den wir glauben, an dem wir oft zweifeln, oder an den wir lernen wollen, zu glauben.

Die Worte, die wir gebrauchen, wenn wir von Gott reden, benutzen wir auf eine besondere Art: in sinnbildlicher Weise. Das muss für uns genügen, weil Gott für unseren Verstand zu groß ist. Wenn uns das doch endlich klar würde, dass die Bibel voll von Bildern ist – dass dort in bildlicher Sprache ausgedrückt wird, was Menschen mit Gott erfahren haben.

Leider verwechseln wir modernen Menschen häufig Sinnbilder mit platten Tatsachenbehauptungen. Dann kommt es zu den unsinnigen Missverständnissen über die Himmelfahrt Jesu; dann grübelt man hin und her über die Frage, ob der auferstandene Jesus wohl wirklich durch Wände gehen und einfach wie ein Gespenst erscheinen und verschwinden konnte.

Lassen wir also unseren Verstand ruhig zweifeln, was da alles zwischen den Tagen geschehen sein soll, die wir den Ostermorgen und den Himmelfahrtstag nennen. Das ist sein gutes Recht. Doch ganz gleich, zu welchem Ergebnis unser Verstand gelangt: er kann weder beweisen, dass sich alles so zugetragen hat, noch kann er es widerlegen. Und darum geht es auch gar nicht.

Es geht vielmehr darum, dass wir unsere Vorstellungskraft, unser inneres Erleben ansprechen lassen von den Bildern, die in den biblischen Texten uns vor Augen gemalt werden. Wenn wir so an die Erzählungen von der Himmelfahrt herangehen, wird es uns auch nicht mehr so sehr verwirren, wie unterschiedlich diese Berichte sind. Jeder Erzähler hat das, was ihm wichtig geworden ist, eben auf andere Weise zu verdeutlichen versucht.

Ich habe für meine Predigt einmal nicht die bekannteste Himmelfahrtsgeschichte ausgesucht – die mit den Wolken und den Engeln aus der Apostelgeschichte des Lukas, sondern zwei Stellen aus den Evangelien des Markus und des Johannes. Markus – das ist der älteste Bericht über das Leben, Sterben und Auferstehen Jesu. Hier wird die Himmelfahrt ganz knapp und schlicht in dem einen Satz beschrieben: „Und der Herr, nachdem er mit ihnen geredet hatte, ward er aufgehoben gen Himmel und setzte sich zur rechten Hand Gottes.“

„Aufgehoben gen Himmel“ – in diesem Wort klingt vieles an.

Z. B. das Wort „heben“. Jesus wird auf eine höhere Ebene versetzt. Er gelangt aus dem uns vertrauten Bereich der Erde und des Weltalls in eine Wirklichkeit, die uns vollkommen unbekannt ist. Wir nennen diese Wirklichkeit nur deswegen „Himmel“, weil der Himmel über uns die größte Ausdehnung hat, die wir uns überhaupt vorstellen können.

„Aufgehoben“ – das erinnert mich auch an einen Vater, der sein Kind aufhebt, wenn es gefallen ist, und hier an Gott, den Vater, der zu seinem Sohn steht, auch wenn er am Kreuz meinte, von ihm verlassen worden zu sein.

„Aufheben“ heißt auch bewahren – was Jesus in seinem irdischen Leben gesagt und getan hatte, das ist aufgehoben, aufbewahrt im Himmel, davon werden keine Abstriche gemacht. Er ist jetzt nicht auf einmal ein ganz anderer Gott; er bleibt der Freund der Kinder und der Sünder, er bleibt der Freund der Armen und der Verachteten, er bleibt der Gott, der die Menschen liebt und sie nicht von oben herab beherrschen will, wie das die Machthaber der Welt tun.

„Aufheben“ heißt auch außer Kraft setzen – der Kontakt mit dem sichtbaren, körperlich anwesenden Jesus ist zu Ende; mit dem Himmelfahrtstag beginnt eigentlich erst die Zeitrechnung, die wir „nach Christus“ nennen.

Wir merken vielleicht: das Aufgehobenwerden Jesu in den Himmel müssen wir uns gar nicht wie eine Raketenfahrt ins Weltall vorstellen. In dem Wort „Aufheben“ und im Wort „Himmel“ stecken Bedeutungen, die viel mehr Sinn machen.

Das andere Bildwort ist noch einfacher zu erklären: „er setzte sich zur rechten Hand Gottes.“

Zur rechten Hand eines Königs saß sein wichtigster Minister. Zur rechten Hand eines Mächtigen sitzen, das heißt: die gleiche Macht haben wie der Mächtige. Im Markusevangelium wird also gesagt: der Mensch Jesus, der gequält und gekreuzigt wurde, der Gottes Liebe verkündet hatte und bis zur letzten Konsequenz auch vorgelebt hatte, dieser Mensch ist die Verkörperung von Gott selbst gewesen, der hat nun alle Macht über die ganze Welt. Ein für allemal gilt: auf Gottes Thron sitzt nicht ein an den Menschen uninteressierter Gott, der sich seiner Allmacht freut, sondern ein Gott mit Erfahrung, ein Gott, der weiß, was in einem Menschen vorgeht, der sich freuen kann oder leiden muss, der vom Bösen versucht wird und sich manchmal nur unter Schmerzen für die Liebe entscheiden kann.

Das Johannesevangelium, das viel später aufgeschrieben wurde, erzählt zum gleichen Thema die Geschichte vom ungläubigen Thomas. Dieser Thomas war ja ein Mann gewesen, der nur glauben wollte, was er sehen konnte. Und der auferstandene Jesus hatte ihm sogar erlaubt, seine Wunden und Narben zu befühlen. Und da sagt Thomas zu ihm: „Mein Herr und mein Gott!“

Ihm wird blitzartig klar, was der Markustext mit dem Ausdruck „zur Rechten Gottes sitzen“ beschrieben hatte: Jesus Christus kann mit vollem Recht Herr und Gott genannt werden. Als Jude wusste Thomas, was er da sagte, denn das erste Gebot hatte er gelernt und es war ihm in Fleisch und Blut übergegangen: So spricht der Herr, der euch aus Ägypten herausgeführt hat: „Ich bin der Herr, dein Gott! Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!“ Niemand auf der ganzen Welt ist also wichtiger zu nehmen als dieser Jesus.

Der Berliner Pastor Heinrich Albertz hat dazu in einer Predigt gesagt: „Dies 1. Gebot hat getragen und gehalten über so viele Jahre, so viele Brüche und Enttäuschungen, weil es beides bedeutet hatte: Bindung und Freiheit. Denn es hatte an den Einen gebunden, der allein der Herr ist, und es hatte zugleich von allen anderen Herren befreit – von Hitler und allen, die heute und gestern und morgen Menschen unterdrücken wollen, von allen eigenen und fremden Programmen, die uns das Heil der Welt versprechen. Und auch befreit von mir selber, der ich mich immer wieder zum Maß und zur Mitte aller Dinge zu machen versuche.“

So weit Heinrich Albertz zum 1. Gebot, zu dem Satz, mit dem Thomas, der auf einmal glaubende Thomas, Jesus anredet: „Mein Herr und mein Gott!“ Für ihn ist Gott nicht mehr weit weg, für ihn ist der große unbegreifliche Gott plötzlich begreifbar geworden und ganz nahe gekommen. Für ihn hat Gott auf einmal einen Namen: Jesus Christus, und Füße und Hände und einen Mund und Augen und Ohren und ein Herz. Ein menschliches Herz. Das Herz Jesu Christi.

Das kann unser ganzes Leben, unsere ganze Welt verwandeln. Das kann uns so frei und so sicher machen, dass wir uns nicht mehr zu fürchten brauchen. Das kann uns in den Zwängen dieser Welt so unabhängig machen, dass die Herren zu Zwergen und die Kinder zu unseren Freunden werden.

Unserem Verstand wird das sicher wieder zu viel sein! Eben noch habe ich gesagt, dass Gott viel zu groß sei, um von uns begriffen werden zu können. Und jetzt hören wir, dass er einen Namen hat, den Namen eines Menschen, der alle Macht mit ihm teilt. Gott ist gar nicht so weit weg, wie es ursprünglich aussah. Der Himmel kann uns ganz nahe sein, so nahe wie unser eigenes Herz. Denn da spüren wir, ob uns ein Wort von Jesus nahegeht, ob wir im Gebet Kraft bekommen, ob wir uns begeistern lassen und auch etwas tun für die Sache Jesu.

Das ist das Geheimnisvolle an diesem großen Gott: Er ist so groß und kann sich doch so klein machen wie ein Mensch, wie ein Baby, ein Kind, ein Mann. Er ist so mächtig und kann doch seine Macht begrenzen, so dass er als Mensch lieber leidet als Gewalt zu gebrauchen. Das kommt daher, dass dieser Gott die Menschen, uns Menschen lieb hat.

So ist also an Himmelfahrt Jesus nur scheinbar von den Menschen weggegangen. In Wirklichkeit ist der Himmel uns allen nähergekommen. Denn der Himmel ist überall da, wo wir etwas von der Liebe Jesu spüren, von seiner Kraft, seiner Geduld, seinem Mut. So lange Jesus noch sichtbar unter den Menschen gelebt hatte, konnten nur wenige seine Nähe spüren. Nach der Himmelfahrt konnte er allen nahe sein, denen er nahe sein wollte, allerdings nun unsichtbar.

Ob auch für uns gilt, was Jesus dem Thomas sagte: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“? Beweise können wir nicht erwarten, wir können aber um Glauben bitten. Dann wird uns in allem, was wir erleben, unser Herr und Gott, Jesus Christus, nahe sein. Amen.

Lied EKG 96, 6-8 (EG 123):

6. Jesus Christus ist der Eine, der gegründet die Gemeine, die ihn ehrt als teures Haupt. Er hat sie mit Blut erkaufet, mit dem Geiste sie getaufet, und sie lebet, weil sie glaubt.

7. Gebt, ihr Sünder, ihm die Herzen, klagt, ihr Kranken, ihm die Schmerzen, sagt, ihr Armen, ihm die Not. Wunden müssen Wunden heilen, Heilsöl weiß er auszuteilen, Reichtum schenkt er nach dem Tod.

8. Zwar auch Kreuz drückt Christi Glieder hier auf kurze Zeiten nieder, und das Leiden geht zuvor. Nur Geduld, es folgen Freuden; nichts kann sie von Jesus scheiden, und ihr Haupt zieht sie empor.

Fürbitten, Vaterunser und Segen
EKG 90, 1-2 (EG 120):

Christ fuhr gen Himmel. Was sandt er uns hernieder? Den Tröster, den Heiligen Geist, zu Trost der armen Christenheit. Kyrieleis.

Christ fuhr mit Schallen von seinen Jüngern allen. Er segnet’ sie mit seiner Hand und sandte sie in alle Land. Kyrieleis.

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