Ist unser Herz offen für Liebe?

In dieser Trauerfeier denke ich über ein Wort des Propheten Samuel nach. Was bedeutet es für unser Leben, für unser Sterben, für unsere Trauer, dass nur Gott in unser Herz blicken kann?

Ist unser Herz offen für Liebe? Ein mit schwarz-roten strahlenförmig von innen nach außen gehenden Mustern verziertes Herz

Ist unser Herz offen für Liebe? (Bild: GDJ – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Gemeinde, wir sind hier versammelt, um von Herrn L. Abschied zu nehmen, der im Alter von [über 60] Jahren gestorben ist.

Ein Leben ist zu Ende gegangen. Zu Ende sind alle Höhen und Tiefen dieses Lebens, alle Freude und alles Leid, alles, was gut gewesen ist, und auch alles, was schwer auf unserer Seele gelastet hat.

Wie sollen wir fertig werden mit all unseren Gedanken, mit einer Vielzahl gemischter Gefühle? Wo sollen wir hin mit dem, wofür wir keine Worte haben, was kein Mensch versteht, woran wir zu verzweifeln drohen?

Wenn wir uns allein fühlen, so ist doch Gott unser Trost und unser Halt, unser Beistand in der Not. Wenn wir keine Worte des Gebetes finden, so können wir beten mit Worten der Psalmen in der Bibel.

So beten wir heute in dieser Trauerfeier mit Worten aus Psalm 102 (Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift © 1980 by Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart):

1 Gebet eines Unglücklichen, wenn er in Verzweiflung ist und vor dem Herrn seine Sorge ausschüttet:

2 Herr, höre mein Gebet! Mein Schreien dringe zu dir.

3 Verbirg dein Antlitz nicht vor mir! Wenn ich in Not bin, wende dein Ohr mir zu! Wenn ich dich anrufe, erhöre mich bald!

4 Meine Tage sind wie Rauch geschwunden, meine Glieder wie von Feuer verbrannt.

5 Versengt wie Gras und verdorrt ist mein Herz, so dass ich vergessen habe, mein Brot zu essen.

7 Ich bin wie eine Dohle in der Wüste, wie eine Eule in öden Ruinen.

8 Ich liege wach, und ich klage wie ein einsamer Vogel auf dem Dach.

12 Meine Tage schwinden dahin wie Schatten, ich verdorre wie Gras.

13 Du aber, Herr, [bleibst] für immer und ewig, dein Name dauert von Geschlecht zu Geschlecht.

18 [Der Herr] wendet sich dem Gebet der Verlassenen zu, ihre Bitten verschmäht er nicht.

20 Denn der Herr schaut herab aus heiliger Höhe, vom Himmel blickt er auf die Erde nieder;

21 er will auf das Seufzen der Gefangenen hören und alle befreien, die dem Tod geweiht sind.

24 Er hat meine Kraft auf dem Weg gebrochen, er hat meine Tage verkürzt.

26 Vorzeiten hast du der Erde Grund gelegt, die Himmel sind das Werk deiner Hände.

27 Sie werden vergehen, du aber bleibst; sie alle zerfallen wie ein Gewand; du wechselst sie wie ein Kleid, und sie schwinden dahin.

28 Du aber bleibst, der du bist, und deine Jahre enden nie.

29 Die Kinder deiner Knechte werden (in Sicherheit) wohnen, ihre Nachkommen vor deinem Antlitz bestehen.

Liebe Trauergemeinde!

Erinnerungen an das Leben des Verstorbenen

Auch seiner Ehefrau ging es nicht gut, auch sie wäre vor einiger Zeit beinahe gestorben. Sie blieben aber wie durch ein Wunder am Leben; Ihnen wurde das Leben von Gott noch einmal neu geschenkt. In dieser Zeit, als Sie und als Ihr Mann im Krankenhaus waren, haben Sie die Gespräche mit der Krankenhauspfarrerin mit ihrer herzlischen Menschlichkeit als besonders hilfreich und tröstlich erlebt.

Es ist schön, wenn man so noch einmal mit neuem Leben überrascht wird, wenn man erfährt, ein wie kostbares Geschenk jeder neue Tag für einen sein kann. Es ist wunderbar, wenn man als dankbarer Mensch sein Leben leben kann.

Das Leben von Herrn L. ist nun zu Ende gegangen, und wir fragen uns: Wo liegt der Sinn, worin hat dieses Leben seine Erfüllung gefunden?

Niemand kann so eine Frage endgültig beantworten – außer Gott im Himmel. Ich kannte den Verstorbenen nicht, aber auch wer ihn kannte – wer konnte ihm ins Herz blicken? Niemand weiß genau, was ein menschliches Herz fühlt und ersehnt, wovon es umgetrieben und erfüllt ist. Im 1. Buch Samuel 16, 7 hörte der Prophet Samuel die Stimme Gottes in seinem Herzen, und so sprach Gott zu ihm:

Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an.

Dieser Gott ist es auch, dem wir heute den Verstorbenen anvertrauen. Wir lassen ihn los, und Gott fängt ihn auf, empfängt ihn auf der anderen Seite des Todes, nimmt ihn an, so wie er gewesen ist, blickt ihm ins Herz, sieht ihn so, wie ihn niemand sonst erkennen und ins Herz schließen kann.

Abschied nehmen von Herrn L., das heißt also als erstes: ihn loslassen, ihn den barmherzigen Händen Gottes anvertrauen.

Dieser Satz, den der Prophet Samuel gesagt hat:

Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an

– der gilt aber auch für uns. Wo immer wir mit dem Tod konfrontiert sind, ist dieser Tod auch eine Frage an uns: Ist unser Herz offen für Liebe? Denn nur Liebe überdauert den Tod. Liebe ist stärker als der Tod. Ist unser Herz offen für die Liebe, die Gott selber uns schenkt? Denn Liebe haben wir nicht aus uns selbst.

Liebe kommt von oben, aber wir erfahren sie am meisten dort, wo wir einem anderen Menschen ganz persönlich, ganz herzlich und voll Vertrauen begegnen. Ein solcher Mensch ist wie ein Engel Gottes für uns. Wir können Gott bitten, dass er uns solche Engel über den Weg schickt und dass er uns hilft, unser Herz zu öffnen, dass wir die Hilfe der Engel auch an uns heranlassen. Dann atmen wir auf und nehmen jeden Tag unseres Lebens an als ein kostbares Geschenk aus der Hand Gottes. Für jeden Tag, der uns anvertraut ist, sind wir verantwortlich. Für jeden Menschen, mit dem wir in Liebe verbunden sind, können wir dankbar sein.

Schließlich kann der Satz, den der Prophet Samuel gesagt hat, uns auch helfen, mit unseren eigenen Erinnerungen an den Verstorbenen klarzukommen und zu bewältigen, was schwer war:

Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an.

Jeder von Ihnen hat ja seine eigenen Erinnerungen an Herrn L. Sie alle hatten Ihre eigene, ganz persönliche Beziehung zu ihm.

Erinnern heißt: Sich auseinandersetzen mit all dem, was man empfindet. Es ist nicht leicht, einen Menschen zu verlieren, der uns nahe stand, mit dem wir ein gutes Stück unseres eigenen Lebens geteilt haben.

Besonders schwer ist es, als Mutter ein Kind hergeben zu müssen.

Schwer auch, als Ehefrau heute auf Ihre lange Ehe zurückzublicken und sich daran zu erinnern, wie Sie sich damals die Treue versprochen haben: in guten und schweren Tagen einander nicht verlassen, bis der Tod uns scheidet.

Ich habe nur mit Ihnen beiden gesprochen, mit der Ehefrau, der Mutter, ich weiß nichts zu sagen über die Erinnerungen der anderen Familienmitglieder, der Schulkameraden, der Freunde des Verstorbenen.

Jeder einzelne muss für sich bewältigen, was geschehen ist.

Eins ist gewiss: Prägungen, Bindungen, Begegnungen, wie auch immer, überdauern alle Trennungen, selbst die Trennung durch den Tod.

Manches möchten wir gerne bewahren: vor allem die Liebe, die man gegeben und empfangen hat.

Manches möchten wir vielleicht gern ungeschehen machen oder vergessen. Aber das geht nicht. Wir können uns nur der Wahrheit stellen und um das trauern – und es dann loslassen, was wir verloren haben oder vielleicht niemals wirklich hatten.

Manchmal schaffen wir das nicht alleine. Dann ist es gut, uns aussprechen zu können, uns Hilfe zu suchen bei Menschen, die für uns ein offenes Ohr haben.

Das mag alles zu dem Weg der Trauer gehören, der vor Ihnen liegt. Heute ist jetzt etwas anderes dran: den letzten Weg mit dem Verstorbenen zu gehen. Ihn zum Grab zu geleiten und ihm so die letzte Ehre zu erweisen. Darauf bereiten wir uns nun vor, indem wir gemeinsam ein Lied singen.

Wir singen angesichts des Todes ein Loblied für Gott. Wir singen es, weil nicht der Tod über uns das letzte Wort zu sagen hat, sondern Gott, der Herr über Leben und Tod. Wir loben den Gott, der uns geschaffen hat und der unser kleines unvollkommenes Leben auf dieser Erde in seinen Händen hält und in seiner Ewigkeit vollenden will. Wir singen ein Loblied für Gott, den Vater von Jesus Christus, der uns gnädig annimmt und uns aus aller Not und Schuld und Verzweiflung herausreißt, wenn wir uns ihm anvertrauen. Wir singen aus dem Lied 331 die Strophen 5 bis 7, 10 und 11:

5. Dich, Gott Vater auf dem Thron, loben Große, loben Kleine. Deinem eingebornen Sohn singt die heilige Gemeinde, und sie ehrt den Heilgen Geist, der uns seinen Trost erweist.

6. Du, des Vaters ewger Sohn, hast die Menschheit angenommen, bist vom hohen Himmelsthron zu uns auf die Welt gekommen, hast uns Gottes Gnad gebracht, von der Sünd uns frei gemacht.

7. Durch dich steht das Himmelstor allen, welche glauben, offen; du stellst uns dem Vater vor, wenn wir kindlich auf dich hoffen; du wirst kommen zum Gericht, wenn der letzte Tag anbricht.

10. Alle Tage wollen wir dich und deinen Namen preisen und zu allen Zeiten dir Ehre, Lob und Dank erweisen. Rett aus Sünden, rett aus Tod, sei uns gnädig, Herre Gott!

11. Herr, erbarm, erbarme dich. Lass uns deine Güte schauen; deine Treue zeige sich, wie wir fest auf dich vertrauen. Auf dich hoffen wir allein: lass uns nicht verloren sein.

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