Abschied von der „Seele der Familie“

Trauerfeier für eine Frau, die plötzlich aus dem Leben gerissen wurde und als „Seele der Familie“ an allen Ecken und Enden fehlen wird.

Die "Seele der Familie" ist gestorben: eine schwarze Rose als Symbol der tiefen Trauer

Was ist, wenn plötzlich die „Seele der Familie“ stirbt? (Bild: pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
Jesaja 55, 8-9:

Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.

Eingangsgebet

Lieber Herr B., liebe Trauergemeinde!

Wie ein Schock hat es Sie getroffen, dass Frau B. so schnell, so unerwartet, gestorben ist. Frau B. wurde gebraucht in ihrer Familie, hat für vier Generationen mitgesorgt. Man könnte sie die Seele der Familie nennen – doch nun ist sie nicht mehr. Sie hinterlässt eine schmerzhafte Lücke, und das tut weh. Besonders deswegen, weil es kein langsames Ausklingen des Lebens gewesen ist, sondern ein harter Bruch mit dem, was noch gestern gewesen war. Wir hatten Frau B. doch gesehen, wir waren ihr doch noch begegnet, wir erwarten, sie müsse die Treppe herunterkommen. Es fällt uns schwer, zu begreifen und hinzunehmen, dass das alles vorbei ist. Es ist kaum zu ertragen.

Hier am Sarg Trostworte zu sprechen, heißt nicht, den Schmerz zu verkleinern, den Verlust geringer hinzustellen, die Trauer zu überspielen. Trost führt nicht an der Trauer vorbei, sondern durch sie hindurch, sowohl die Betroffenen als auch ihre Begleiter. Tränen sind ein Weg, den Schmerz zu spüren – den Schmerz und alles andere, was offen geblieben ist bei diesem plötzlichen Tod. Niemand braucht sich dieser Tränen zu schämen, sie in sich einzuschließen oder immer wieder zurückzuhalten. Wer im Weinen nicht allein ist, wer dabei die Erfahrung macht, gehalten zu sein und nicht in einen Abgrund zu fallen, der kann es aushalten, Trauer und Schmerz zu fühlen, und kann auch loslassen.

Wir können uns gegenseitig tragen und halten, wenn wir traurig sind, und fühlen uns doch auch immer wieder zu schwach dazu oder selber zu sehr belastet. Es ist auch nicht leicht zu ertragen, hilflos zuzusehen, wie man einem anderen seine Last nicht abnehmen kann. Doch auch wenn jeder seine Trauer selbst verarbeiten muss, ist es gut, wenn er dabei nicht allein ist.

Wir brauchen das Weinen, wir brauchen die anderen. Und wir können uns gegenseitig halten, weil wir alle von Gott gehalten und getrage sind. Wir können uns im Schmerz fallen lassen, weil wir nicht tiefer fallen können als in die Hände Gottes.

Ich spreche von Gott, den wir heute nicht gut verstehen. Wir hören das Wort, das er sagt: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken“ – und wissen: Ja, wir hatten andere Wünsche und Pläne für die Zukunft. „Eure Wege sind nicht meine Wege“, sagt Gott – und wir fragen uns: Welche Wege will er uns denn noch führen?

Wir brauchen uns nicht von Gott abzuwenden, auch wenn wir nicht einverstanden mit ihm sind. Wir können uns zu ihm wenden, auch wenn wir keinen Sinn in dem sehen, was er uns zugemutet hat. Wenn wir nicht wissen, wie wir beten sollen, so hat Paulus einmal geschrieben, dann ist das nicht schlimm: denn Gottes heiliger Geist selbst vertritt uns dann mit „unaussprechlichem Seufzen“ (Römer 8, 26). Ich habe gestern mit einer Frau gesprochen, die ihren Mann verloren hatte. Sie hat in dieser Zeit neu zum Glauben gefunden. Sie hat sich gefragt, was für einen Sinn denn ihr Leben noch hat, wofür sie noch leben kann. Sie fühlte sich getragen von Gott, auch wenn er ihr noch so fremd erschien, und sie konnte nach und nach wieder neue Schritte gehen.

Ich möchte Ihnen dies einfach so wiedergeben, weil ich es selbst nicht besser ausdrücken könnte.

Wenn wir wissen, dass wir in der Trauer nicht allein sind und dass unsere Welt kein gottloses Niemandsland ist, dann können wir – mit der Zeit – vielleicht ein wenig getroster zurück- und vorausblicken. Erinnerungen tauchen dann auf, an das Leben von Frau B., an Begegnungen mit ihr. Das ist Grund zum Traurigwerden, allerdings auch Grund zur Dankbarkeit.

Wenn wir nach vorn schauen, wird uns allen bewusst, wie unsere Lebenszeit nicht in unseren eigenen Händen liegt. Sie ist uns gegeben, damit wir verantwortlich mit ihr umgehen, damit wir sie nutzen, um zu leben, füreinander da zu sein, einander Lasten abnehmen oder tragen helfen, damit wir – um mit den bekannten Worten zu sprechen – glauben, hoffen und lieben. „Soviel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege“, sagt uns Gott, „und meine Gedanken höher als eure Gedanken.“ So unerforschlich Gottes Wege und Gedanken für uns sind – er möchte, dass wir auf Wegen der Liebe gehen und auch dementsprechende Gedanken hegen.

Das Schwerste auf diesen Wegen ist zunächst vielleicht sogar, erst einmal selber Liebe und Hilfe anzunehmen, von Gott noch etwas zu erwarten, sich auf ihn zu verlassen, wenn die Trauer uns mit sich fortreißen will. Und wer annehmen, empfangen, sich öffnen kann, der kann auch umgekehrt wieder austeilen, geben, anderen beistehen. Dazu sind wir berufen in unserer Lebenszeit, deren Länge wir nicht bestimmen können. Zeiten des Gebens und des Nehmens wechseln miteinander ab, manchmal sind wir auch Gebende und Empfangende zugleich. Gerade in Zeiten der Trauer dürfen wir sehr ausschließlich vor allem an uns denken, für uns sorgen und für uns sorgen lassen, dann kommen auch wieder andere Zeiten der mehr aktiven Bewährung in Alltag.

Frau B. hat ihre irdische Lebenszeit beschlossen; wir geben sie dahin und lassen sie los, auch wenn es uns sehr schwer fällt. Wir entlassen sie in die Liebe Gottes hinein, die wir im Glauben spüren, so lange wir leben, und die uns weiter trägt, auch wenn wir sterben. Amen.

Wir beten mit einem Lied aus dem Gesangbuch (EKG 301 1+3+5, im EG nur in der Ausgabe für Österreich 627, 1+2+4):

1. Ach Gott, verlass mich nicht! Gib mir die Gnadenhände; ach führe mich, dein Kind, dass ich den Lauf vollende zu meiner Seligkeit. Sei du mein Lebenslicht, mein Stab, mein Hort, mein Schutz; ach Gott, verlass mich nicht!

2. Ach Gott, verlass mich nicht! Ich ruf aus Herzensgrunde: Ach Höchster, stärke mich in jeder bösen Stunde. Wenn mich Versuchung plagt und meine Seel anficht, so weiche nicht von mir; ach Gott, verlass mich nicht!

4. Ach Gott, verlass mich nicht! Ich bleibe dir ergeben. Hilf mir, o großer Gott, recht glauben, christlich leben und selig scheiden ab, zu sehn dein Angesicht; hilf mir in Not und Tod; ach Gott, verlass mich nicht!

Amen.

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