Paulus erfährt Freude im Leiden

Paulus würde sein Leben mit niemandem tauschen wollen.

Dem Paulus geht es dreckig im Gefängnis. Doch er beklagt sich nicht darüber. Wer sich für Jesus und die Kirche einsetzt, muss mit dem Widerstand von Menschen rechnen, die sich ihre Macht oder ihre Weltanschauung von Christus nicht aus der Hand nehmen oder sich ihr Geschäft von Jesus nicht verderben lassen wollen.

Zellentrakt des Gefängnisses Alcatraz in San Francisco

Wie die Gefängnisse aussahen, in denen Paulus inhaftiert war, wissen wir nicht (Foto von Alcatraz: pixabay.com)

#predigtGottesdienst am 1. und 2. Sonntag nach Epiphanias, den 10. und 17. Januar 1988 (Weckesheim, Reichelsheim, Beienheim, Heuchelheim)

Am 1. Sonntag nach Epiphanias begrüße ich Sie und Euch alle herzlich in der Reichelsheimer Kirche! Insbesondere heiße ich den kleinen … willkommen, der von seinen Eltern und Paten hierhergebracht worden ist, damit wir ihn im Gottesdienst taufen.

Heute ist also wieder einmal ein Sonntag nach Epiphanias. Das ist so ein Name, den man sich nicht so leicht merken kann, vor allem weiß man nicht so recht, was er bedeuten soll. Epiphanias heißt Erscheinung oder Offenbarung – es ist der Name des Festes, das die katholische Kirche auch das Fest der Heiligen Drei Könige nennt. Und nun wird es klar, was Erscheinung bedeutet: Der Stern erschien den Weisen, mit dem Jesuskind scheint ein Licht in die Dunkelheit der Welt und der Menschenseelen. An den Sonntagen nach Epiphanias wird nun traditionellerweise von diesem Licht in der Finsternis gepredigt, und d. h. z. B. auch davon, wie uns bezüglich Gott und Glaube ein Licht aufgehen kann, wie wir überhaupt etwas von Gott, der doch unsichtbar ist, erkennen können.

So viel zum Sonntagsnamen – und nun singen wir erst einmal ein Lied über das Licht, das im Dunkeln scheint:

Lied 66, 1+4+7
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Der Wochenspruch für die kommende Woche steht im Brief an die Römer 8, 14 und lautet:

Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Lieber Gott, du bist für uns da wie ein guter Vater und wie eine gute Mutter! Und wir sind deine Kinder – deine kleinen oder großen, deine heranwachsenden oder erwachsenen Töchter und Söhne. Wir müssen also nicht gottverlassen und einsam auf unserer Erde leben, sondern wir können uns an dich halten und an dich glauben. Als die Weisen aus dem Morgenland deinen Stern gesehen haben und zu dir an die Krippe gekommen sind, da war es klar, dass du nicht nur für ein einziges Volk, sondern für alle Menschen als Mensch auf die Erde gekommen bist – auch für uns. Du bist aber nicht wie ein mächtiger Herrscher gekommen, nicht als Königssohn oder Zauberer oder Supermann. Als ein Baby (so klein wie der …, den wir heute taufen) hast du in der Krippe gelegen, und da bist du sehr verletzbar gewesen, auf Schutz angewiesen, und musstest sogar schon bald vor dem König Herodes fliehen. Doch gerade weil du so viel durchmachen musstest, wissen wir: Du bist bei uns, wenn wir uns freuen und auch wenn wir traurig sind, so lange wir leben und auch wenn wir sterben müssen. Du schenkst uns Liebe und Vergebung und hoffst, dass auch wir unseren Nächsten lieben. Wir bitten dich um Glauben und Liebe im Namen deines Sohnes Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Schriftlesung aus dem Evangelium nach Matthäus 2, 1-12:

1 Als Jesus geboren war in Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen: 2 Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten. 3 Als das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem, 4 und er ließ zusammenkommen alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes und erforschte von ihnen, wo der Christus geboren werden sollte. 5 Und sie sagten ihm: In Bethlehem in Judäa; denn so steht geschrieben durch den Propheten (Micha 5,1): 6 »Und du, Bethlehem im jüdischen Lande, bist keineswegs die kleinste unter den Städten in Juda; denn aus dir wird kommen der Fürst, der mein Volk Israel weiden soll.« 7 Da rief Herodes die Weisen heimlich zu sich und erkundete genau von ihnen, wann der Stern erschienen wäre, 8 und schickte sie nach Bethlehem und sprach: Zieht hin und forscht fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr’s findet, so sagt mir’s wieder, dass auch ich komme und es anbete. 9 Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie im Morgenland gesehen hatten, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war. 10 Als sie den Stern sahen, wurden sie hoch erfreut 11 und gingen in das Haus und fanden das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe. 12 Und Gott befahl ihnen im Traum, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren; und sie zogen auf einem andern Weg wieder in ihr Land.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja.“

Lied 71, 1-3+6
Gnade und Friede sei mit uns allen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

Zur Predigt hören wir einen Text des Paulus aus dem Brief an die Kolosser 1, 24-29. Kolossä war eine Gemeinde in Kleinasien, im Gebiet der heutigen Türkei:

24 Nun freue ich mich in den Leiden, die ich für euch leide, und erstatte an meinem Fleisch, was an den Leiden Christi noch fehlt, für seinen Leib, das ist die Gemeinde.

25 Ihr Diener bin ich geworden durch das Amt, das Gott mir gegeben hat, dass ich euch sein Wort reichlich predigen soll,

26 nämlich das Geheimnis, das verborgen war seit ewigen Zeiten und Geschlechtern, nun aber ist es offenbart seinen Heiligen,

27 denen Gott kundtun wollte, was der herrliche Reichtum dieses Geheimnisses unter den Heiden ist, nämlich Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit.

28 Den verkündigen wir und ermahnen alle Menschen und lehren alle Menschen in aller Weisheit, damit wir einen jeden Menschen in Christus vollkommen machen.

29 Dafür mühe ich mich auch ab und ringe in der Kraft dessen, der in mir kräftig wirkt.

Amen.

Liebe Gemeinde!

So ganz einfach scheint dieser Text nicht zu sein, nicht nur wegen seiner Sprache, sondern auch wegen des Inhalts. Was soll das z. B. heißen: „Ich freue mich in den Leiden, die ich für euch leide…“ usw. – das ist doch eine sehr fremde Vorstellungswelt für uns. Und was hat dieser Text eigentlich mit dem Stern der Weisen aus dem Morgenland zu tun – warum dieser Predigttext an einem Sonntag nach Epiphanias?

Ich will noch einmal zurückgehen zur Geschichte von den Weisen oder den Königen, den Sterndeutern oder Astrologen aus dem Morgenland. Sie haben Sterne beobachtet, jahraus, jahrein. Sie haben aus den Sternen versucht, das Schicksal der Menschen herauszulesen. Sie haben viele Sterne gesehen. Und dann sehen sie plötzlich den einen Stern, der ihr Leben völlig verändert, der sie aus ihrer Erstarrung herausführt, der sie in Bewegung setzt, der ihre Hoffnung beflügelt.

Uns geht es mit den christlichen Festen vielleicht ähnlich wie den Sterndeutern mit ihren Sternen. Wir feiern Weihnachten, alle Jahre wieder. Wir lassen uns anrühren vom Kind in der Krippe, jedes Jahr ein paar Tage lang. Aber dann kehrt der Alltag wieder ein. Oder kann auch für uns der Stern von Bethlehem, der auf das Kind in der Krippe hinweist, zu dem Stern werden, der uns in Bewegung bringt? Der uns aufbrechen lässt aus unserer Routine? Den wir nicht mehr aus den Augen lassen? Der uns neu fragen, neu hören lässt und unserem Tun und Lassen ein Ziel gibt?

Die Weisen sind angekommen. Angekommen beim Kind im Stall. Die Begegnung mit diesem Kind hat für sie ein Geheimnis enthüllt: Gott ist in Jesus da. Gott ist da in unserer Welt. Nicht weil die Welt von sich aus göttlich wäre. Sie ist zwar gut geschaffen, aber sie konnte durch die freie Wahl der Menschen zwischen gut und böse auch verdorben werden. Aber nun ist Gott wieder da in der Welt.

Wir kommen von Weihnachten her, die Christbäume sind schon abgeschmückt und abgeholt, und der Alltag hat uns wieder. Der geregelte Gang der Dinge hat gegenüber allzuvielen Feiertagen ja auch sein Gutes. Aber etwas von Weihnachten kann mit uns gehen, auch wenn wir wieder in den Alltag aufbrechen: die Zusage, die in Jesus Wirklichkeit geworden ist: Gott ist da, mitten unter uns.

Aber kann denn das sein? Fragen wir nicht manchmal zweifelnd, wie es z. B. der Dichter Wilhelm Willms in dem Text eines neuen Liedes tut: „Kann denn ein Mensch allein für uns die Zukunft sein? Kann denn ein Kind so klein für uns die Rettung sein? Kann denn ein Wind so leis für uns der Antrieb sein?“ Der Geist Gottes ist nur wie ein leiser Wind, sind wir überhaupt darauf eingestellt, ihn zu spüren, oder gehen wir darüber hinweg?

Ja, ein Kind, das Kind Gottes, Jesus ist für uns die Rettung. Der Geist Gottes ist für uns der Antrieb, um zu glauben, zu hoffen, zu lieben. „Welche der Geist Gottes treibt, anrührt, bewegt, die sind Gottes Kinder.“ (Das war ja auch der Taufspruch von … .)

Und nun zum Text von Paulus. Er macht deutlich, was es bedeutet, von Gottes Geist angerührt zu sein. Paulus hatte ja seine Sternstunde erlebt, als er einmal auf dem Weg nach Damaskus gewesen war, um Christen gefangenzunehmen. Wie vom Blitz getroffen erkannte er plötzlich: sein Leben bisher war verfehlt. Denn der, dessen Anhänger er verfolgte, hatte ihn sozusagen eingeholt und begann nun, von Grund auf sein Leben umzukrempeln. Statt Christen zu verfolgen, wurde er einer der erfolgreichsten Prediger und Missionare der Christen.

Und davon spricht er auch in seinem Text. Er spricht von dem „Amt, das Gott (ihm) gegeben hat, dass (er…) sein Wort reichlich predigen soll“. Wie ihm selber vor Damaskus ein Licht aufgegangen war über Gott und die Welt, so möchte er es erreichen, dass alle Menschen ihre Sternstunde haben und „das Geheimnis (erkennen), das verborgen war seit ewigen Zeiten und Geschlechtern“.

Was ist denn das für ein Geheimnis? Worüber soll uns ein Licht aufgehen? Es ist ein Geheimnis, das seit fast 2000 Jahren offenbart ist – also sollte man meinen: alles kalter Kaffee, keine Neuigkeit mehr, vor allem: das ist doch kein Geheimnis mehr, wenn man schon so lange davon weiß. Es handelt sich hier aber um eine Neuigkeit, die nicht veraltet, weil sie uns selber neu macht, weil wir uns durch die Begegnung mit Gott selber ändern. Ein Geheimnis ist das Ganze, weil kein Mensch mit seinem Verstand Gott begreifen kann, und auch nicht ergründen kann, warum sich Gott überhaupt mit seiner so treulos gewordenen Welt noch abgibt. Reich könnt ihr sein, ruft Paulus auch uns zu, wenn ihr in euch Platz lasst für den Geist Christi. Ein erfülltes Leben habt ihr, so schreibt uns Paulus, wenn ihr sozusagen „Christus in euch“ habt, „die Hoffnung der Herrlichkeit“. Paulus fährt sogar fort: „Den verkündigen wir“, diesen Christus, „und ermahnen alle Menschen und lehren alle Menschen in aller Weisheit, damit wir einen jeden Menschen in Christus vollkommen machen“.

Auf das „in Christus“ vollkommen kommt es an – von uns aus sind wir weder fehlerlos noch unfehlbar. Wenn jemand sagt: „Die Kirchgänger sind auch keine besseren Menschen“, dann hat er einfach recht. Aber deshalb sollten wir noch lange nicht darauf verzichten, nach Vollkommenheit, Ganzheit, Erfüllung in unserem Leben zu streben. Vollkommenheit „in Christus“ bedeutet eben nicht, dass wir was Besseres sind als andere Menschen (wenn wir das zu sein versuchen, werden wir kleine Pharisäer), sondern es bedeutet: menschlich leben, als ganzer Mensch leben mit Körper, Geist und Seele, mit Denken und Fühlen, Wollen und Tun, Arbeiten und Ausruhen, Helfen und Sich-helfen-Lassen. Jeden Morgen können wir neu die Chance ergreifen, die Gott uns mit dem neuen Tag schenkt. Jeden Tag können wir den Geist Christi in uns wohnen lassen, offen aufeinander zugehen, uns beistehen, uns einsetzen, füreinander beten usw. usw. Der Kirchgang ist in diesem Zusammenhang keine lästige Pflicht, sondern ebenfalls eine Chance, um immer wieder einmal aufzutanken und uns seelisch stärken zu lassen. Denn wir sind eben nicht von selber vollkommen. Wir sind nur halbe Menschen ohne den Geist Christi, der in uns wohnen will.

Und nun können wir vielleicht auch den schwierigen Satz etwas verstehen, der am Anfang des Paulustextes steht. Da spricht er von seiner Freude im Leiden. Dazu müssen wir wissen, dass Paulus wieder einmal ins Gefängnis gekommen ist, weil er es nicht lassen konnte, die Botschaft von Jesus auch in einer ihm feindlich gesonnenen Umwelt laut auszusprechen. „Nun freue ich mich in den Leiden, die ich für euch leide“, erläutert Paulus, „und (ich) erstatte an meinem Fleisch, was an den Leiden Christi noch fehlt, für seinen Leib, das ist die Gemeinde. Ihr Diener bin ich geworden durch das Amt, das Gott mir gegeben hat, dass ich euch sein Wort reichlich predigen soll“. Fleisch bedeutet die leibliche Existenz als Mensch; Paulus will einfach sagen: es geht ihm ziemlich dreckig im Gefängnis. Doch er klagt nicht darüber, sondern sieht dieses Leiden als eine ganz normale Begleiterscheinung seines Dienstes für den Leib Christi, und damit meint er die Gemeinde Christi. Er weiß: wer sich für Gott, für Jesus und die Kirche einsetzt, muss mit dem Widerstand von Menschen rechnen, die sich ihre Macht oder ihre Weltanschauung von Christus nicht aus der Hand nehmen oder sich ihr Geschäft von Jesus nicht verderben lassen wollen. Auch Jesus bekam es ja schon als Kind, so wird überliefert, mit dem Zorn des Herodes zu tun; und Paulus wurde z. B. einmal fast gelyncht, weil die Silberschmiede nach seinen Predigten nicht mehr so viele Götterbilder verkaufen konnten.

Äußerlich gesehen hat Paulus also nichts, um das man ihn beneiden könnte. Aber er würde mit keinem tauschen wollen, der ein angenehmes und gesundes Leben führt, wenn er dafür seinen inneren Reichtum aufgeben müsste. Ein gesundes Leben kann auch leer sein, wenn es nicht in Dankbarkeit geführt wird. Ein Mensch, der viele Reichtümer und Annehmlichkeiten besitzt, kann ein Egoist sein und im Grunde seines Herzens sehr verzweifelt.

Demgegenüber sind wir dazu eingeladen, als Christen zu leben, die offen sind für den Geist Christi. Dann können wir so wie Paulus um die Wahrheit und um Glauben ringen, Liebe und Hoffnung üben, und zwar „in der Kraft (Gottes), der in (uns) kräftig wirkt“. Die Jahreslosung für 1988 will uns durch das neue Jahr hindurch an diese Einladung Jesu Christi erinnern: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
Lied 72, 1-6

Gott, von dir und zu dir und durch dich sind alle Dinge. Ich bitte dich: öffne meine Augen für die Fülle des Lebens, dass sich mir im Kleinen das Große offenbare, dass ich am Teil das Ganze erkenne und über dem Vorläufigen das Endgültige ahne, dass ich in dieser Welt deine Schöpfung sehe. Gott, ich bitte dich: öffne meine Augen für die Fülle des Lebens, dass ich die Kostbarkeit des Augenblicks empfinde und die Einmaligkeit von Freundschaft und Liebe, dass ich es wie ein Wunder erfahre, als dein Geschöpf ich selbst zu sein und als einzelner Gemeinschaft zu haben. Gott, ich will mich loslassen und offen werden für alle Geheimnisse deiner Wirklichkeit und mich in dir finden. Amen.

Wir beten mit den Worten des Gotteskindes Jesus:

Vater unser
Lied 66, 8
Abkündigungen
Segen

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