Abendessen mit Gott

Grau, Rot und Blau: vom Tun, vom Empfangen und vom Schauen.

Wir folgen der alten Geschichte, wie sie im 2. Buch Mose erzählt wird, in drei Abschnitten. Schritt für Schritt entfalten wir drei farbenfrohe Bilder, die nicht einfach erzählen, was irgendwann einmal passiert ist. Nein, diese Bilder erzählen – so komisch es klingt – symbolisch unsere eigene Geschichte.

Farben verlaufen ineinander, von Blaut über Rot zu einem hellen Gelb - irgendwo gibt es auch graue Stellen

Farbenspiele (Bild: pixabay.com)

Abendmahl am Tisch vor den Altarstufen der evangelischen Pauluskirche Gießen am Gründonnerstag, 9. April 2004, um 19.00 Uhr
Klavierspiel

Guten Abend, liebe Gemeinde!

Das „Team halb 6“, das sonst die Abendgottesdienste um „halb 6 in Paulus“ vorbereitet, heißt Sie alle herzlich willkommen beim Tischabendmahl am Gründonnerstag in der Pauluskirche. Wir feiern heute einen farbenfrohen Gottesdienst, in dem graue Steine Farbe bekommen und in dem die Farben Rot und Blau eine besondere Rolle spielen. Die Farbe Grün darf am Gründonnerstag nicht fehlen; sie kommt anschließend zur Geltung, wenn wir die Grüne Soße mit Fladenbrot essen.

Jetzt feiern wir Gottesdienst, denn Gott ist in unserer Mitte, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

Wir singen das Lied 213:

1. Kommt her, ihr seid geladen, der Heiland rufet euch; der süße Herr der Gnaden, an Huld und Liebe reich, der Erd und Himmel lenkt, will Gastmahl mit euch halten und wunderbar gestalten, was er in Liebe schenkt.

2. Kommt her, verzagte Sünder, und werft die Ängste weg, kommt her, versöhnte Kinder, hier ist der Liebesweg. Empfangt die Himmelslust, die heilge Gottesspeise, die auf verborgne Weise erquicket jede Brust.

6. Drum jauchze, meine Seele, drum jauchze deinem Herrn! Verkünde und erzähle die Gnade nah und fern, den Wunderborn im Blut, die sel’ge Himmelsspeise, die auf verborgne Weise dir gibt das höchste Gut.

Ein Lied mit merkwürdigen altertümlichen Formulierungen haben wir gesungen. Da ist vom „süßen Herrn der Gnaden“ die Rede, als ob Jesus etwas zu essen wäre oder als ob ein junges Mädchen von ihrem Freund sagt: „Der ist ganz süß!“ Da ist von einem Gastmahl die Rede, das Gott mit uns halten will, und von einer heiligen Gottes- oder Himmelsspeise, die wir essen oder trinken können. Was sollen wir uns vorstellen unter dem „Wunderborn im Blut“? Ist das ein Wunderbrunnen, aus dem man Blut trinken kann? Das wäre eklig. Aber vielleicht ist das ja auch ganz anders gemeint.

Im 2. Buch Mose – Exodus 24 steht eine eigentümliche Geschichte. Da heißt es doch tatsächlich: sie

„sahen den Gott Israels.“

Da wird berichtet, wie 74 Menschen aus dem Volk Israel auf dem Berg Gottes zusammen mit Gott eine Mahlfeier halten:

„Und als sie Gott geschaut hatten, aßen und tranken sie.“

Teile dieser Geschichte erinnern an eine andere Geschichte, die am Abend vor der Kreuzigung Jesu spielt. Da geht es auch um ein Essen – um das Letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern. Darauf komme ich später zurück. Aber zuerst folgen wir der alten Geschichte, wie sie im 2. Buch Mose erzählt wird, in drei Abschnitten. Schritt für Schritt entfalten wir drei farbenfrohe Bilder, die nicht einfach erzählen, was irgendwann einmal passiert ist. Nein, diese Bilder erzählen – so komisch es klingt – symbolisch unsere eigene Geschichte.

Lassen wir uns also ein auf die Farben: das Grau, das Rot und das Blau. Gehen wir die Wege mit, soweit wir sie mitgehen können und wollen:

  • den Weg des Tuns,
  • den Weg des Empfangens
  • und den Weg des Schauens.

Grau, Rot, Blau. Tun, Empfangen, Schauen. Drei Farben und drei Wege, die zum Himmel führen.

Am Ende steigen wir den Berg hinauf, zum Himmel, wie in einem Traum. Oben auf dem Berg sehen wir Gott, essen bei ihm zu Abend. Vielleicht spüren wir dann: der Himmel ist nicht so weit oben, dass wir ihn nicht erreichen können. Gott ist näher, als wir denken.

Zur Einstimmung auf unseren Weg singen wir das Lied 622:
Weißt du, wo der Himmel ist, außen oder innen

Die Geschichte beginnt. Wir hören, was Gott zu Mose sagt:

1 Und zu Mose sprach er: Steig herauf zum HERRN, du und Aaron, Nadab und Abihu und siebzig von den Ältesten Israels, und betet an von ferne.

Wer darf sich in die Nähe Gottes wagen? Diese Frage höre ich in diesen Sätzen. 74 Menschen, ein paar mehr, als heute Abend hier versammelt sind, dürfen auf den Berg Gottes, den Sinai, hinaufsteigen. Aus der Distanz sollen sie Gott anbeten: drei Priester werden mit Namen genannt: Aaron und seine Söhne Nadab und Abihu, außerdem 70 Älteste, also Mitarbeiter, Gemeindevorsteher, Leute, die sich der Verantwortung für die Gemeinschaft bewusst sind.

Aus den nächsten Sätzen ist aber zu erschließen, dass die 74 Leute noch nicht sofort mit dem Bergsteigen beginnen.

2 Aber Mose allein nahe sich zum HERRN und lasse jene sich nicht nahen, und das Volk komme auch nicht mit ihm herauf.

Zuerst soll Mose noch einmal allein zu Gott hinaufsteigen, er, der von Gott selbst auserwählte Prophet. Das Volk bleibt unten, und auch die 73 Priester und Ältesten soll Mose zunächst auf Abstand zu Gott halten. Braucht man eine besondere Vorbereitung, um zu Gott kommen zu können?

3 Mose kam und sagte dem Volk alle Worte des HERRN und alle Rechtsordnungen. Da antwortete alles Volk wie aus einem Munde: Alle Worte, die der HERR gesagt hat, wollen wir tun.

Hier müssen wir uns eine lange Zwischenzeit denken, in der Mose auf dem Berg von Gott die Gebote gesagt bekommt, nicht nur die Zehn Gebote, sondern das ganze Gesetz, die ausführliche Version.

Und als Mose zurück kommt und dem Volk vorträgt, was Gott von ihm erwartet, erklären sich alle einstimmig bereit, das Gesetz zu erfüllen. Das klingt erstaunlich – aber so als Grundsatzerklärung würden wir das wahrscheinlich auch tun. Wir finden die Zehn Gebote doch im Prinzip auch gut und richtig, auch wenn wir sie im einzelnen nicht immer ganz genau nehmen. Ich glaube, auch heute gestalten viele Menschen ihre Beziehung zu Gott auf dem Weg über Gebote, über das, was gut und böse ist. „Ich bin kein Kirchgänger“, sagen viele, „aber ich tue Recht und scheue niemand. Und die Kinder sollen die Zehn Gebote lernen, davon haben sie was fürs Leben.“

4 Da schrieb Mose alle Worte des HERRN nieder.

Hier ist Mose der Gesetzgeber im Auftrag Gottes. Er schreibt auf, woran sich die Menschen halten sollen.

Dann tut er noch zwei Dinge. Das eine ist nur in unseren Augen ungewöhnlich, damals eine Selbstverständlichkeit. Mose baut für Gott einen Altar. Das andere ist selbst damals nicht alltäglich: Mose lässt zwölf große Steine aufstellen. Er…

… machte sich früh am Morgen auf und baute einen Altar unten am Berge und zwölf Steinmale nach den zwölf Stämmen Israels

5 und sandte junge Männer von den Israeliten hin, dass sie darauf dem HERRN Brandopfer opferten und Dankopfer von jungen Stieren.

Die zwölf Steinmale stehen für die zwölf Stämme Israels, das ganze Volk Gottes. Da steht nicht nur ein Altar, auf dem ein Priester Dankopfer für Gott darbringt, sondern die jungen Männer aus allen Stämmen, sozusagen die Konfirmanden des Volkes Israel, werden am Dank für Gott beteiligt.

Im „Team halb 6“ haben wir überlegt, wie wir etwas Ähnliches heute Abend hier darstellen könnten. Wir opfern keine Brandopfer und keine Stiere, wir haben auch nicht zwölf Stämme in der Paulusgemeinde. Aber es gibt doch viele Gruppen und Kreise, viele Orte und Zeiten, wo viele Menschen in unterschiedlicher Weise an der Gestaltung der Gemeinde beteiligt sind. Für zwölf solcher Bereiche der Paulusgemeinde hängen dort im Altarraum zwölf graue Steine:

Chor und Kindergarten

Frauenkreis und Seniorentreff

Taufe und Kindersonntag

Spielkreis und Seniorentanz

Konfi und Jugendtreff

Gottesdienst in der Kirche und Trauerfeiern auf dem Friedhof

Alle sollen jetzt mithelfen, diese grauen Steine mit farbenfrohem Leben zu erfüllen. Jeder darf sich aus den Körben auf dem Tisch einen oder zwei bunte Streifen nehmen und entscheiden, wo das, was da draufsteht, besonders gut hinpasst:

Toleranz – Empfangen – Verstehen – Geben – Lernen – Begreifen – Trost – Spaß – Begegnen – Freude – Spielen – Lernen – Beten – Vertrauen – Singen – Streiten – Offenheit – Versöhnen – Verändern – Konflikte – Treue – Liebe – Betreuen – Hoffnung

Was erleben Sie an diesen Orten der Gemeinde, was sollte dort eine Rolle spielen? Wenn Sie etwas ganz anderes aufschreiben wollen, haben wir auch leere gelbe Zettel und Stifte.

Da es etwas schwierig ist, zwischen den Stühlen und Tischen herauszukommen, beauftragen wir jetzt auch die jungen Männer (evtl. auch die jungen Mädchen), die Streifen an den Steinen zu befestigen. Da sind schon Büroklammern an den Steinen, mit denen das kein Problem ist.

Klavierspiel

Die Geschichte geht – für unsere Ohren – eklig weiter:

6 Und Mose nahm die Hälfte des Blutes und goss es in die Becken, die andere Hälfte aber sprengte er an den Altar.

Wir erinnern uns: die Israeliten damals hantieren nicht mit Zetteln und Büroklammern, sondern mit geopferten Tieren und ihrem Blut. Mose vollzieht ein Ritual, in dem zu spüren ist, dass es im Kontakt zu Gott um Leben und Tod geht. Blut war in den alten Kulturen das Zeichen des Lebens. Unter gewissen Umständen durfte oder musste Blut vergossen werden, als Strafe oder stellvertretende Sühne für Schuld, manchmal auch als Hingabe des eigenen Lebens zur Rettung einen anderen Menschen. Auch wollte man Gott mit blutigen Tieropfern dafür danken, dass wir uns von anderem Leben ernähren dürfen, von Pflanzen, von Tieren, von lebendigen Teilen der Schöpfung Gottes.

Alles in allem: für das Volk Israel vollzieht Mose ein normales Reinigungsritual, wenn er Blut an den Altar spritzt.

7 Und er nahm das Buch des Bundes und las es vor den Ohren des Volks. Und sie sprachen: Alles, was der HERR gesagt hat, wollen wir tun und darauf hören.

Zu einem Ritual gehört auch die Wiederholung. Noch einmal hört das Volk die Worte des Gesetzes. Diesmal sagt Mose sie ihnen nicht aus dem Gedächtnis weiter, sondern er liest vor, was er vorher in das Buch des Bundes geschrieben hat. Mich erinnert das an einen Notar, der einen Vertrag aufgesetzt hat und ihn vor der Beurkundung noch einmal wörtlich vorlesen muss. Keiner soll nachher behaupten können: „Das habe ich nicht unterschrieben!“ Wieder stimmt das Volk zu, mit fast den gleichen Worten wie vorher. Sie wollen die Worte Gottes nicht nur tun, sie wollen sogar immer wieder neu darauf hören, sich daran erinnern lassen, was Gott von ihnen will.

So erklärt sich das Volk Israel dazu bereit, Gottes Volk zu sein. Und was tut nun Mose, sozusagen als Notar Gottes, um den Vertrag zwischen Gott und Volk zu beglaubigen?

8 Da nahm Mose das Blut und besprengte das Volk damit und sprach: Seht, das ist das Blut des Bundes, den der HERR mit euch geschlossen hat auf Grund aller dieser Worte.

Ob die Israeliten das erwartet haben, plötzlich mit Blut besprengt zu werden? Ich glaube, sie fanden es nicht so eklig, wie wir es finden würden, wenn das einer mit uns machen würde. Immerhin war es noch nicht lange her, da war das Blut an den Türpfosten ihrer Sklavenhütten in Ägypten das Zeichen ihres Überlebens gewesen. Die Erstgeborenen der Sklavenhalter mussten sterben, die Kinder der Sklaven aus dem Volk Gottes blieben verschont. Bis in unsere Zeit hinein reichen Rituale der Blutsbrüderschaft; man denke nur an Winnetou und Old Shatterhand. Und wenn wir an den neuesten Film zur Passion Christi von Mel Gibson denken, dann müssen wir zugeben, dass unsere ach so moderne Zeit nicht wirklich frei von blutrünstigsten Phantasien ist.

Und gerade im Gegensatz zu diesem Film, der nach allem, was ich höre, wirklich nur in blutigen Bildern der Grausamkeit schwelgt, ohne auch nur einen Funken der biblischen Hoffnung zu übermitteln, ist das, was Mose hier tut, ein Hoffnungszeichen, ein Symbol der Reinigung, der Versöhnung, der ausgestreckten Hand Gottes. Selbst wenn ihr es nicht schafft, den Vertrag mit Gott zu erfüllen, könnt ihr mit Opfern die Schuld zu sühnen versuchen, um Vergebung bitten.

Was mich heute Abend an dieser Geschichte am meisten fasziniert, ist die Formulierung, mit der Mose den Vertrag Gottes mit seinem Volk beglaubigt: „Das ist das Blut des Bundes“. Genau diese Worte nimmt Jesus auf, als er zum letzten Mal mit seinen Jüngern zusammensitzt und das Heilige Passahmahl der Juden mit ihnen feiert.

Wir hören aus dem Evangelium nach Markus 14, 22-24:

22 Und als sie aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach’s und gab’s ihnen und sprach: Nehmet; das ist mein Leib.

23 Und er nahm den Kelch, dankte und gab ihnen den; und sie tranken alle daraus.

24 Und er sprach zu ihnen: Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird.

„Mein Blut des Bundes“, sagt Jesus. Er trinkt mit seinen Jüngern vom Gewächs des Weinstocks, den Saft der roten Trauben, wie er auch auf unserem Altar steht.

Allerdings wird hier kein blutiges Ritual vollzogen. Jesus besprengt seine Jünger nicht mit realem Blut. Gott ist kein blutrünstiger Gott, für den Blut fließen muss, damit seine Ehre wiederhergestellt wird.

Was tut Jesus wirklich? Er benutzt das Symbol des roten Weines, um seinen eigenen Tod zu deuten. Keine 24 Stunden später vergießt man Jesu Blut. Nicht Gott tut das. Menschen tun es, die sich in Jesus an Gott selbst vergreifen. Täter, Verräter, Mitläufer, gehässige Feinde und feige Freunde sind daran beteiligt. Wir alle hätten es sein können. Meine Sünden haben dich geschlagen – so bekennen wir in vielen Passionsliedern.

Aber wenn Menschen den Sohn Gottes umbringen, wenn wir nicht davor zurückschrecken, Gott selbst zu töten, ist damit der Bund Gottes mit den Menschen nicht endgültig beendet? Müsste Gott nicht den Vertrag mit uns zerreißen, wie Mose ihn in der Tora aufgeschrieben hat? Jesus tut das Gegenteil. Er vergibt denen, die ihn töten. Er vergießt sein Blut für die Vielen, für uns alle, die Vergebung nötig haben. Er beglaubigt den Bund Gottes mit uns in Ewigkeit. „Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird“ – das ist paradox, aber wahr.

Wir singen das Lied 350:

1. Christi Blut und Gerechtigkeit, das ist mein Schmuck und Ehrenkleid, damit will ich vor Gott bestehn, wenn ich zum Himmel werd eingehn.

2. Drum soll auch dieses Blut allein mein Trost und meine Hoffnung sein. Ich bau im Leben und im Tod allein auf Jesu Wunden rot.

3. Solang ich noch hienieden bin, so ist und bleibet das mein Sinn: Ich will die Gnad in Jesu Blut bezeugen mit getrostem Mut.

4. Gelobet seist du, Jesu Christ, dass du ein Mensch geboren bist und hast für mich und alle Welt bezahlt ein ewig Lösegeld.

5. Du Ehrenkönig Jesu Christ, des Vaters ein’ger Sohn du bist; erbarme dich der ganzen Welt und segne, was sich zu dir hält.

Mose sollte mit 73 Menschen auf den Berg Sinai steigen, um aus der Ferne Gott anzubeten. Er ist zuvor mit dem Volk Israel den Weg des Tuns gegangen, hat zwölf Steinmäler aufgerichtet, zum Zeichen, dass alle zwölf Stämme Gottes Geboten folgen wollen. Er ist mit dem Volk den Weg des Empfangens gegangen und hat es mit dem Blut des Bundes besprengt, um es von Sünden zu reinigen.

Nun endlich ist es soweit. Der Aufstieg auf den Berg Gottes kann beginnen.

9 Da stiegen Mose und Aaron, Nadab und Abihu und siebzig von den Ältesten Israels hinauf

10 und sahen den Gott Israels. Unter seinen Füßen war es wie eine Fläche von Saphir und wie der Himmel, wenn es klar ist.

Unglaublich. Sie sahen den Gott Israels. Wer ernsthaft auf Gott hören will, selbst wenn er daran scheitert und ewig auf Vergebung angewiesen bleibt, darf zu Gott hinaufsteigen und ihn schauen.

„Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen“,

sagt Jesus in der Bergpredigt (Matthäus 5, 8). Dieses Schauen ist kein plattes buchstäbliches Sehen mit diesen Augen in unserem Kopf. Die 74 auf dem Berg hätten Gott nicht beschreiben können, kein Phantombild von ihm anfertigen lassen können. Was sie erleben, kann man vielleicht so beschreiben: Sie haben Frieden gefunden. Ihre Herzen sind zur Ruhe gekommen. Sie müssen in diesem Augenblick nichts mehr tun, um Gott zu gefallen. Ihnen ist mehr geschenkt worden, als Gott von ferne anbeten zu dürfen. Sie haben die Gewissheit gewonnen, von Gott geliebt zu sein. Niemand kann ihnen diese Erfahrung nehmen, ein kostbares Geschöpf und Kind Gottes zu sein.

Gott selbst können sie nicht beschreiben. Aber unter Gottes Füßen breitet sich eine saphirblaue Fläche aus, wie der klare Himmel. Sie fühlen sich buchstäblich in den Himmel versetzt, die 74 Menschen auf dem Berg Gottes. Oder schauen sie vom Himmel herab auf unseren blauen Planeten? Das wäre wohl zu modern gedacht, aber warum sollen nicht auch neuzeitliche Bilder den alten Bildern der Bibel begegnen dürfen?

Wir verweilen auf dem Berg Sinai in der Nähe Gottes. Wem der Aufstieg auf den Berg Gottes zu schnell gegangen ist, der mag an der Hand Jesu nachkommen, indem wir aus dem Lied 394 die Strophen 1 bis 4 singen:

1. Nun aufwärts froh den Blick gewandt und vorwärts fest den Schritt! Wir gehn an unsers Meisters Hand, und unser Herr geht mit.

2. Vergesset, was dahinten liegt und euern Weg beschwert; was ewig euer Herz vergnügt, ist wohl des Opfers wert.

3. Und was euch noch gefangen hält, o werft es von euch ab! Begraben sei die ganze Welt für euch in Christi Grab.

4. So steigt ihr frei mit ihm hinan zu lichten Himmelshöhn. Er uns vorauf, er bricht uns Bahn – wer will ihm widerstehn?

Gott zu schauen auf dem Berg Sinai – ein unglaubliches Bild. Eigentlich darf das nicht sein, denn es heißt doch immer wieder in der Bibel: Wer Gott sieht, der wird sterben; mindestens seine Augen werden blind. Wahrscheinlich betont unsere Geschichte deshalb ausdrücklich:

11 Und er reckte seine Hand nicht aus wider die Edlen Israels.

Gott will den Menschen nahe sein. Gott lässt sich besuchen. Und wie es sich gehört, wenn man Gäste empfängt, hält Gott mit den 74 auf dem Berg ein Festmahl:

Und als sie Gott geschaut hatten, aßen und tranken sie.

Das erinnert mich an den 23. Psalm:

„Du bereitest vor mir einen Tisch… Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.“

Gott ist ein guter Gastgeber für die 74, die ihn auf dem Heiligen Berg besuchen.

Wir müssen nicht auf den Berg Sinai steigen, um von Gott eingeladen zu werden. Unter dem blauen Himmel, an jeder Stelle auf unserem blauen Planeten, überall dürfen wir das Heilige Abendmahl feiern, überall ist uns der Himmel so nahe wie unser eigener Herzschlag.

Wir hören noch einmal die Worte, mit denen Jesus uns den Himmel öffnet: die Einladung zum Essen mit Gott:

Der Herr Jesus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot, dankte und brach’s und gab’s seinen Jüngern und sprach: Nehmt, esst; das ist mein Leib, der für euch gegeben wird. Das tut zu meinem Gedächtnis.

Und er nahm den Kelch und dankte, gab ihnen den und sprach: Trinkt alle daraus; das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden. Das tut, so oft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis.

Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit. Amen.

Nehmt und gebt weiter, was euch geschenkt ist – das Brot der Liebe Gottes.

Herumreichen des Korbs

Nehmt hin und empfangt, was euch geschenkt ist – das Blut des Bundes, vergossen für viele.

Austeilen der Kelche

Jesus spricht (Johannes 6, 51):

„Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit.“

Wir singen das Lied 221:

1. Das sollt ihr, Jesu Jünger, nie vergessen: wir sind, die wir von einem Brote essen, aus einem Kelche trinken, Jesu Glieder, Schwestern und Brüder.

2. Wenn wir in Frieden beieinander wohnten, Gebeugte stärkten und die Schwachen schonten, dann würden wir den letzten heilgen Willen des Herrn erfüllen.

3. Ach dazu müsse deine Lieb uns dringen! Du wollest, Herr, dies große Werk vollbringen, dass unter einem Hirten eine Herde aus allen werde.

Nun lasst uns beten.

Gott, lass uns gehen auf dem Weg des Tuns. Lass uns erkennen, was gut und was böse ist. Gib uns Orientierung in einer Welt, in der alle Maßstäbe verschwimmen und in der es immer mehr Egoismus gibt, im Kleinen wie im Großen. Hilf uns, das Wort zu beherzigen: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.

Gott, lass uns gehen auf dem Weg des Empfangens. Gib uns die Kraft auszuhalten, was wir nicht ändern können. Mit Gelassenheit lass uns hinnehmen, dass wir nicht überall helfen können und nicht alle unsere Schwächen in den Griff kriegen. Lass uns einsehen, dass wir auf Vergebung angewiesen bleiben.

Gott, lass uns gehen auf dem Weg des Schauens. Schenke uns ein reines Herz, dass wir dich so erkennen wie ein Kind, das dir vertraut. Schenke uns die Gewissheit, dass du uns liebst und dass wir von dir eine menschliche Würde bekommen haben, die uns niemand nehmen kann.

Vater unser

Wir singen das Lied 632:

Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht

Das wünsche ich Dir:

Mögen sich die Wege vor Deinen Füßen ebnen, mögest Du den Wind im Rücken haben, möge die Sonne warm Dein Gesicht bescheinen, möge Gott seine schützende Hand über Dich halten.

Mögest du in Deinem Herzen dankbar bewahren die kostbaren Erinnerungen der guten Dinge in Deinem Leben.

Das wünsche ich dir, dass jede Gottesgabe in Dir wachse und sie Dir helfe, die Herzen jener froh zu machen, die Du liebst.

Möge freundlicher Sinn glänzen in Deinen Augen, anmutig und edel wie die Sonne, die, aus den Nebeln steigend, die ruhige See wärmt.

Gottes Macht halte Dich aufrecht, Gottes Auge schaue für Dich, Gottes Ohr höre für Dich, Gottes Wort spreche für Dich, Gottes Hand schütze Dich.

Es segne und behüte dich Gott, der Allmächtige und Barmherzige, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

Klaviernachspiel

Wir essen jetzt gemeinsam zu Abend – es gibt Grüne Soße mit Fladenbrot. Guten Appetit!

Grüne-Soße-Essen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.