Gesichte – Träume – Weissagungen

Gott spricht: „Ich will ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch“.

Wenn wir Visionen haben, sehen wir mit den Augen des Herzens. Durch das Vertrauen zu Gott träumen wir von einer Welt, wie Gott sie gemeint hat, mit Menschen, die einander respektieren. Und Weissagen heißt, eine Weisheit zu gewinnen von Gott her, ein inneres Gewisssein über den Sinn des Lebens.

Pfingsten: Zwölf Apostel mit Maria empfangen den Heiligen Geist

Die Apostel und Maria empfangen den Heiligen Geist (Bild: pixabay.com)

direkt-predigtGottesdienst am Pfingstsonntag, den 7. Juni 1992, um 9.30 Uhr in der Kapelle der Landesnervenklinik Alzey

Herzlich willkommen zum Abendmahlsgottesdienst am Pfingstfest. Heute wird in den christlichen Kirchen die Ausgießung des Heiligen Geistes gefeiert – es geht um die Liebe Gottes, die in unseren Herzen Wohnung nimmt, die uns inneren Halt gibt und uns als Christinnen und Christen zusammenführt.

Gott selber lädt uns ein, in diesem Gottesdienst ein Fest zu feiern, ein Fest, in dem jeder Platz hat, wer zuversichtlich oder wer niedergeschlagen ist, traurig oder froh, voll Vertrauen oder voller Angst.

Wir singen gemeinsam das Lied, das vorn auf dem Liedblatt steht:
Komm, sag es allen weiter, ruf es in jedes Haus hinein
Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten mit Worten des 118. Psalms:

24 Dies ist der Tag, den der HERR macht; lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein.

25 O HERR, hilf! O HERR, lass wohlgelingen!

26 Gelobt sei, der da kommt im Namen des HERRN!…

27 Der HERR ist Gott, der uns erleuchtet…

28 Du bist mein Gott, und ich danke dir; mein Gott, ich will dich preisen.

29 Danket dem HERRN; denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Großer Gott im Himmel! Pfingsten ist von den drei großen christlichen Festen das Fest, das am meisten am Rande steht. Und vielleicht ist das gut so. Es gibt keinen großen Geschenkerummel so wie an Weihnachten, keine Geschäftemacherei und keinen Zwang zur Harmonie in der Familie. Es gibt keine Flut von Ostereiern und Osterhasen in den Geschäften so wie an Ostern. Pfingsten ist ein schlichtes Fest der Kirche geblieben, und wer das nicht will, der freut sich an der Natur oder einfach an ein paar freien Tagen. Lass uns, die wir hier sind, Pfingsten heute von innen heraus verstehen. Gott, beschenke uns mit deinem Geist. Komm doch wirklich zu uns, erfülle unser Herz mit deiner Kraft, mit deiner Liebe! Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Lesung aus dem Propheten Hesekiel 36, 22-28. Er wartete darauf, dass durch Gottes Geist alles neu werden sollte in seinem Volk, und was ihm von Gott für das Volk Israel gesagt wurde, das bleibt eine Verheißung auch für uns Christen:

22 [Du] sollst … zum Hause Israel sagen: So spricht Gott der HERR: …

23 Ich will meinen großen Namen, der vor den Heiden entheiligt ist, den ihr unter ihnen entheiligt habt, wieder heilig machen. Und die Heiden sollen erfahren, dass ich der HERR bin, spricht Gott der HERR, wenn ich vor ihren Augen an euch zeige, daß ich heilig bin.

24 Denn ich will euch aus den Heiden herausholen und euch aus allen Ländern sammeln und wieder in euer Land bringen,

25 und ich will reines Wasser über euch sprengen, dass ihr rein werdet; von all eurer Unreinheit und von allen euren Götzen will ich euch reinigen.

26 Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben.

27 Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun.

28 Und ihr sollt wohnen im Lande, das ich euren Vätern gegeben habe, und sollt mein Volk sein, und ich will euer Gott sein.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Wir singen nun aus dem Pfingstlied 106 die Strophen 1 und 4 und 5:

1) Komm, o komm, du Geist des Lebens, wahrer Gott von Ewigkeit; deine Kraft sei nicht vergebens, sie erfüll uns jederzeit; so wird Geist und Licht und Schein in dem dunkeln Herzen sein.

4) Reiz uns, dass wir zu ihm treten frei mit aller Freudigkeit; seufz auch in uns, wenn wir beten, und vertritt uns allezeit, so wird unsre Bitt erhört und die Zuversicht vermehrt.

5) Wird uns auch nach Troste bange, dass das Herz oft rufen muss: „Ach mein Gott, mein Gott, wie lange?“ o so mache den Beschluss; sprich der Seele tröstlich zu und gib Mut, Geduld und Ruh.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Zur Predigt hören wir die Pfingstgeschichte aus der Apostelgeschichte 2, 1-18. Sie beschreibt, was den versammelten Jüngern und Jüngerinnen in Jerusalem geschah, nachdem sie Abschied von Jesus genommen hatten und – ganz zurückgezogen – auf die Kraft von oben warteten, die Jesus ihnen versprochen hatte zu geben:

1 Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander.

2 Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen.

3 Und es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen,

4 und sie wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist und fingen an, zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.

5 Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel.

7 Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa?

8 Wie hören wir denn jeder seine eigene Muttersprache?

9 Parther und Meder und Elamiter und die wir wohnen in Mesopotamien und Judäa, Kappadozien, Pontus und der Provinz Asien,

10 Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Einwanderer aus Rom,

11 Juden und Judengenossen, Kreter und Araber: wir hören sie in unsern Sprachen von den großen Taten Gottes reden.

12 Sie entsetzten sich aber alle und wurden ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden?

13 Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll von süßem Wein.

14 Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, liebe Männer und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, und lasst meine Worte zu euren Ohren eingehen!

15 Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde am Tage;

16 sondern das ist’s, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist (Joel 3,1-5):

17 »Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben;

18 und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen.«

Liebe Gemeinde!

Was haben die ersten Christen damals in Jerusalem eigentlich erlebt? Von außen gesehen muss es so erschienen sein, als ob die Jünger plötzlich nicht mehr recht bei sich waren, nicht recht bei Trost, als ob sie wie von Alkohol berauscht waren. „Sie sind voll von süßem Wein“, so hat man sie damals verspottet.

In gewisser Weise haben die Jünger wirklich eine Erfahrung gemacht, in der sich nicht mehr ganz bei sich waren. Sie blieben nicht mehr in sich gekehrt mit ihrer Trauer, nachdem Jesus von ihnen Abschied genommen hatte. Sie hörten auf, sich in ihrer Angst total zurückzuziehen vor den anderen Menschen. Aber mit einem Rauschmittel hatte das alles nichts zu tun. Nein, sie wurden erfüllt von einer inneren Kraft, die zwar von außen kam, die sie aber doch ganz zu sich selbst führte.

Was war das nur für eine Kraft? Die Bibel nennt sie den Geist Gottes. Es war eine Kraft, die nichts mit der Stärke zu tun hatte, die sie aus sich heraus, von ganz allein aufbringen konnten. Es war eine Kraft, die gerade in der Zeit zu ihnen kam, als sie mit ihren eigenen Kräften am Ende waren. Diesen Mut, vor anderen Leuten zu reden, hätten sie von allein nicht aufgebracht. Dieses Vertrauen zu Gott, er würde schon bei ihnen sein, auch in Angst und Gefahr, es war vorher noch nicht so stark gewesen, sie hatten ja sogar Jesus alleingelassen, als er gefangengenommen und getötet wurde, und sie hatten sich selbst nach seiner Auferstehung noch wochenlang von allen anderen Menschen voller Angst zurückgezogen.

Mitten in der Angst, mitten in der Traurigkeit, mitten in der Zurückgezogenheit blieben jedoch die Jünger nicht allein. Sie spürten plötzlich in sich eine Kraft, die aus der Liebe Gottes kam. Sie war in ihnen sozusagen ausgesät worden, als sie mit Jesus zusammen gewesen waren, und nun ging der Same auf, nun wuchs die Kraft von Gott her in ihnen selbst.

Dieser Geist ist also eine Kraft, die zwar von außen kommt, die aber einen Menschen dann innerlich verwandelt. Er ist zwar eine Kraft von oben, vom Himmel, die aber hier unten auf Erden die Menschen zueinander führt.

Lukas beschreibt das alles in seiner Apostelgeschichte in Bildern und Symbolen: Wie ein frischer Wind bewegt dieser Geist die Herzen der Menschen, wie ein gewaltiges, mächtiges Brausen vom Himmel wirbelt dieser Geist die Menschen vielleicht sogar kräftig durcheinander.

Ja, man kann sich schon sehr durcheinander fühlen, wenn alles das, was im eigenen Herzen sozusagen eingefroren war, durch einen warmen Wind auf einmal anfängt, aufzutauen. Man spürt schmerzhaft, dass man ein fühlender Mensch ist, dass man Sehnsucht hat und Wünsche hat, dass man ängstlich oder traurig ist, und dass man ohne Liebe nicht leben kann.

Der Prophet Hesekiel hatte sich das Geschenk des Geistes Gottes ganz ähnlich ausgemalt, wir haben es vorhin gehört. Da war zwar nicht die Rede von einem Herz aus Eis, das durch Gottes Liebe auftauen kann, aber von einem Herz aus hartem Stein, das ersetzt wird durch ein Herz aus warmem, weichem, fühlenden Fleisch. Denn so hatte Hesekiel 36, 26 Gottes Stimme gehört:

Ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben.

In einem Lied der heutigen Zeit wird dasselbe ganz ähnlich ausgedrückt. Gottes Liebe wird verglichen mit Wind und Weite, in der man sich aber dennoch zu Hause fühlen kann. Und allein diese Liebe vermag es, die Mauern abzutragen, die wir um unser Herz herum aufgebaut haben, damit wir nicht so viele Verletzungen und Enttäuschungen spüren müssen. Nur diese Liebe kann uns aus dem Gefängnis unserer Angst befreien, uns einen inneren Schutz und Halt geben, damit wir es mehr und mehr wagen können, zu vertrauen, zu fühlen, wirklich zu leben. Wir singen jetzt dieses Lied:

Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer

Ja, liebe Gemeinde, dieses Lied passt wirklich sehr gut zu unserem Pfingsttext: Nicht nur, dass das Bild des Windes vorkommt, nein, es ist auch von der Freiheit die Rede, die für die Menschen aller Völker und Rassen gilt. Und auch in der Pfingstgeschichte wird erzählt, wie der Geist Gottes Menschen zusammenführt, die so verschieden sind, die aus ganz verschiedenen Völkern stammen und die sonst so oft Streit und Krieg miteinander haben: „Parther und Meder und Elamiter“ werden erwähnt, Leute, die von überall her nach Jerusalem gekommen sind, aus „Mesopotamien und Judäa“, aus „Kappadozien, Pontus und der Provinz Asien“, aus „Phrygien und Pamphylien“, aus „Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen“, sogar „Einwanderer aus (der Hauptstadt) Rom“. Die meisten dieser Völker kennen wir heute gar nicht mehr; wir könnten aber heute ebenso an die Menschen aus aller Welt denken, die in unserem Land eine Zuflucht suchen oder aus anderen, aus unterschiedlichsten Gründen hier leben: Amerikaner und Russen, Iraner und Jugoslawen, Menschen aus Afrikan oder Asien. Nur von zwei Völkern, die in unserem Text erwähnt werden, wissen wir, dass sie nicht nur damals, sondern bis heute im Streit miteinander leben: „Juden und… Araber“.

Und es ist ein Wunder: all diese verschiedenen Menschen fühlen sich plötzlich gleichermaßen angesprochen von dem, was die Jünger Jesu reden, sie beginnen, einander zu verstehen. Die großen Unterschiede zwischen den Völkern und zwischen den Menschen allgemein – sie werden ganz klein und unwichtig, weil alle Menschen Kinder Gottes sind, weil alle von Gott geliebt sind.

Auch in einem Pfingstlied in unserem Gesangbuch wird das deutlich, dass durch den Geist Gottes Menschen in aller Welt wieder zueinander hinfinden können. Nicht durch Gewalt und totale Absicherung voreinander kann man Frieden schaffen, sondern nur dadurch, dass wir die Angst voreinander abbauen und damit ernst machen, dass alle Menschen die Kinder des gleichen himmlischen Vaters sind. Wir singen aus dem Lied 105 die Strophen 7 und 8:

7) Du bist ein Geist der Liebe, ein Freund der Freundlichkeit, willst nicht, dass uns betrübe Zorn, Zank, Hass, Neid und Streit. Der Feindschaft bist du feind, willst, dass durch Liebesflammen sich wieder tun zusammen, die voller Zwietracht seind.

8) Du, Herr, hast selbst in Händen die ganze weite Welt, kannst Menschenherzen wenden, wie dir es wohlgefällt; so gib doch deine Gnad zu Fried und Liebesbanden, verknüpf in allen Landen, was sich getrennet hat.

Der Geist Gottes ist also nicht nur eine Kraft für jeden einzelnen Menschen, sondern eine Kraft, die Verbindungen schafft – Verbindungen zwischen den Menschen durch Vertrauen und Liebe. Das ist der Grund, weshalb das Pfingstfest auch der Geburtstag der Kirche ist. Die Kirche nämlich sollte nämlich nichts anderes sein als eine Gemeinschaft von Menschen, die sich durch Gottes Geist zusammenfinden und einander gegenseitig aufrichten und ermutigen.

Die Apostelgeschichte verdeutlicht das im Bild des Feuers, das in viele einzelne Zungen zerteilt ist und doch ein einziges Feuer bleibt. Es ist ein Wunder, wenn das geschieht: Menschen, die verschieden denken und fühlen, die verschiedene Sprachen sprechen – sie beginnen, aufeinander zuzugehen, ihre Streitpunkte friedlich zu klären, eine gemeinsame Sprache zu lernen. Wenn Menschen den Geist Gottes in sich spüren, wenn sie wissen, dass sie alle die Kinder des gleichen Gottes sind, dann brauchen sie nicht mehr gefangen zu bleiben im Kampf gegeneinander, in harter Konkurrenz und Rivalität. Niemand muss mehr besser sein wollen als der andere, um etwas wert zu sein, denn jeder einzelne hat seinen Wert dadurch, dass Gott ihn von sich aus von Herzen liebt.

Man muss nun aber auch sehen: Nur selten begreifen das viele Menschen auf einmal. Meistens sind es einige wenige, die sich zusammentun und auf Gott hören und einander zur Seite stehen. Die große Masse der Menschen steht dem zunächst einmal abwartend oder ablehnend gegenüber. Das war schon damals, beim ersten Pfingstfest so.

Ich sagte schon, das Brausen des Geistes bringt Menschen zunächst einmal in Verwirrung, wirbelt ihr Inneres ganz schön durcheinander. Nach außen hin setzt sich das fort, denn was passiert, „als dieses Brausen geschah“? Da „kam die Menge zusammen und wurde bestürzt; denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa? Wie hören wir denn jeder seine eigene Muttersprache? Sie entsetzten sich aber alle und wurden ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll von süßem Wein.“

Entsetzen, Verwunderung, Ratlosigkeit, Spott – so reagieren die anderen Menschen auf die Jünger, die vom Geist Gottes erfüllt sind. Der Geist Gottes passt nicht in eine Welt, die immer schön alles unter Kontrolle halten will, was im Menschen leben und sich entfalten will. Wer gelernt hat, sich immer zusammenzunehmen und nie ein Gefühl zuzulassen, der kann es auch nicht gut vertragen, wenn ein anderer in seiner Gegenwart anfängt, zu weinen oder überschwenglich seine Begeisterung zu zeigen. Im schlimmsten Fall verbieten sogar Eltern ihren Kindern das natürlichste von der Welt – nämlich dass sie fühlen, was in ihnen ist und dass sie ihren Eltern zeigen, was sie fühlen. Man muss hart sein, denken diese Eltern, die ihr Herz selber so verhärtet haben, als ob es aus Stein wäre. Man kommt mit Gefühlen nicht weiter, man bekommt sowieso im Leben nichts geschenkt – das sind die falschen Sprüche solcher Eltern, die im Grunde selber nichts nötiger brauchen als ein neues fühlendes Herz aus Fleisch und Blut.

Doch der Geist Gottes gibt auch Kraft, solchen harten und im Grunde im Innern selbst sehr angstvollen Menschen mutig entgegenzutreten. In der Geschichte ist es Petrus, der endlich zu sich selbst gefunden hat und mit fester, ruhiger Stimme zu den Leuten spricht. Hört gut zu, sagt er, „diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde am Tage“. Nein, sagt Petrus, hier passiert etwas ganz anderes, hier beginnt etwas in Erfüllung zu gehen, was schon die alten Propheten vorausgesagt haben. „Das ist’s“, sagt er, „was durch den Propheten Joel gesagt worden ist: »Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben; und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen.«“

Mit alten Worten und Bildern umschreibt Petrus hier noch einmal anders, was mit den Jüngern und Jüngerinnen geschehen ist: sie beginnen, „Gesichte zu sehen und Träume zu haben und weiszusagen“

Gesichte, Träume, Weissagungen – das klingt so, als wäre das nur etwas für besondere Menschen, für Propheten der Bibel, für Leute wie Mose oder Elia oder Jesaja. Aber nein, Petrus will sagen: der Geist, den Jesus uns auf der Erde zurücklässt, der ist ein Geist für alle, nicht nur für besonders heilige Menschen. Gesichte, Träume, Weissagungen – das sind Umschreibungen für Erfahrungen, die wir im Vertrauen auf Gott alle machen können.

Was ist denn gemeint mit den Gesichten, mit den Träumen, mit dem Weissagen?

Wenn wir Gesichte sehen, Visionen haben, dann fangen wir an, mit den Augen des Herzens zu sehen, mit Augen der Liebe. Wir sehen über unserem Leben den Himmel offen, wir sehen, dass der Fluch des Bösen durch die Vergebung Gottes von uns genommen ist, wir sehen das Angesicht Gottes über uns wie ein Kind das Gesicht des guten Vaters oder der guten Mutter anschaut und sich geborgen und gehalten fühlt.

Und was ist mit den Träumen? Es geht hier um die guten Träume, die entgehen all den schrecklichen Alpträumen unserer unruhigen Nächte eine andere Welt ahnen lassen, eine Welt des Friedens und der glücklichen Geborgenheit in Gottes Liebe. Durch das Vertrauen zu Gott fangen wir an zu träumen von einer Welt, wie Gott sie gemeint hat, als er sie geschaffen hat: mit Menschen, die die Erde nicht zerstören, sondern sie achten und bewahren, mit Menschen, die einander nicht bekämpfen und niedermachen, sondern sich gegenseitig respektieren und stützen und aufrichten.

Die Sache mit dem Weissagen ist am schwierigsten zu verstehen, weil wir immer denken: „Weissagen“ heißt – die Zukunft voraussagen. Das ist aber gar nicht gemeint. Wörtlich steht hier im griechischen Text: „prophetisch reden“. Und auch bei den Propheten der Bibel war nicht das Wichtigste, dass sie die Zukunft vorhersehen konnten, sondern dass sie sich unmittelbar von Gott angesprochen wussten und weitersagten, was sie gehört hatten. Weissagen heißt also, eine Weisheit zu gewinnen von Gott her, ein inneres Gewisssein über den Sinn des Lebens, und davon andern auch etwas mitteilen zu können. Vielleicht eine Weisheit im Sinne des bekannten Gebets: „Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann. Gott gebe mir den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann. Gott gebe mir die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Auf diese schlichte Weise kann Pfingsten auch für uns ein Fest werden, an dem auch für uns etwas anders wird. Pfingsten, das sind dann nicht nur zwei Tage im Kirchenjahr, sondern Pfingsten kann jeden Tag in unserem Leben neu geschehen. Z. B. wenn wir nicht mehr versuchen müssen, immer alle unsere Gefühle unter Kontrolle zu kriegen, z. B. wenn wir auch einmal zulassen können, dass wir schwach sind und Hilfe brauchen. Gottes Geist wird lebendig in unserem Leben, je mehr wir uns von ihm gehalten und getragen fühlen, je mehr wir uns ihm anvertrauen können. Amen.

Und der Friede Gottes bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Wir singen aus dem Pfingstlied 103 die ersten drei Strophen:

1) O Heilger Geist, kehr bei uns ein und lass uns deine Wohnung sein, o komm, du Herzenssonne. Du Himmelslicht, lass deinen Schein bei uns und in uns kräftig sein zu steter Freud und Wonne. Sonne, Wonne, himmlisch Leben willst du geben, wenn wir beten; zu dir kommen wir getreten.

2) Du Quell, draus alle Weisheit fließt, die sich in fromme Seelen gießt, lass deinen Trost uns hören, dass wir in Glaubenseinigkeit auch können alle Christenheit dein wahres Zeugnis lehren. Höre, lehre, dass wir können Herz und Sinnen dir ergeben, dir zum Lob und uns zum Leben.

3) Steh uns stets bei mit deinem Rat und führ uns selbst auf rechtem Pfad, die wir den Weg nicht wissen. Gib uns Beständigkeit, dass wir getreu dir bleiben für und für, auch wenn wir leiden müssen. Schaue, baue, was zerrissen und beflissen, dich zu schauen und auf deinen Trost zu bauen.

Nun feiern wir – wie immer am ersten Sonntag des Monats – das heilige Abendmahl miteinander. Wer kommen will, mag gleich nach vorn kommen, wer das nicht tun möchte, mag auf seinem Platz bleiben und bleibt doch in der Gemeinschaft mit uns dabei.

Christus ist nicht leiblich, körperlich bei uns. Aber er ist innerlich bei uns, durch die Kraft, die er uns schenkt, durch Gottes Heiligen Geist. Und so wie wir satt werden, wenn wir essen, so will Gott durch seinen Geist unseren Hunger nach Liebe stillen. So wie unser Durst gelöscht wird, wenn wir trinken, so will Gott auch unseren Durst nach Vergebung löschen. Jesus Christus spricht: „Ich bin das Wasser des Lebens. Wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten. Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, der hat das ewige Leben!“ Gott, schenke uns mit deinem Abendmahl die Gewissheit, dass dein Geist nicht irgendwo im Raum schwebt, sondern dass er uns selbst erfüllen will. Lass uns deine Liebe in uns aufnehmen, ganz wirklich, so wie wir das Brot essen und aus dem Kelch trinken. Amen.

Einsetzungsworte und Abendmahl

Und nun lasst uns beten.

Wir sagen Dank für Brot und Kelch, für unsern gestillten Hunger und unsere gestillte Sehnsucht, für Nähe und Geborgenheit, für Liebe und Vertrauen, für Verständnis und Vergebung von dir, Gott, und unter uns Menschen. Wir sagen Dank für alle Menschen, die uns lieb sind und die uns stützen auf unserem Weg. Wir sagen Dank für dich, Jesus. Du bist das Brot, das den Hunger stillt und uns zum Leben Kraft gibt. Du begleitest uns in unserem Leben auch auf weiten Wegen, du lässt uns nie allein. Schenke uns durch deinen Geist jeden Tag neu die Kraft, den Mut und die Weisheit, die wir zum Leben brauchen. Amen.

Alles, was uns heute bewegt, schließen wir im Gebet Jesu zusammen:

Vater unser

Zum Schluss singen wir noch ein Lied von unserem Liedblatt, wenn Sie es aufschlagen, finden Sie es auf der rechten Seite unten:

Komm, Herr, segne uns, dass wir uns nicht trennen

Und nun lasst uns mit Gottes Segen in den Sonntag und in die neue Woche gehen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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