Bewahrende Engel

„An Himmelfahrt 1945 gingen wir zur Kirche. Es hat uns gestärkt. Der Kommandant sagte, es ist nicht erlaubt, in den nächsten Ort zu gehen ohne Erlaubnisschein. Er wollte uns in den Keller sperren. Ein katholischer Mann hat sich für uns eingesetzt, und uns ist nichts passiert. So muss ich sagen, dass oft Engel um uns waren, die uns bewahrt haben.“

Engel-Skulptur aus Stein, nachdenklich, weiblich, mit dem Finger am Kinn

Skulptur eines Engels (Foto: pixabay.com)

Andacht zur Kranzniederlegung der Frauengruppen der Landsmannschaften der Ost- und Westpreußen, Pommern, Nieder- und Oberschlesier und Sudetendeutschen mit ihren Angehörigen am Mittwoch, 17. November 1999, 14.00 Uhr am Neuen Friedhof in Gießen
Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch. Wir haben einen Gott, der da hilft, und den HERRN, der vom Tode errettet. (Psalm 68, 20-21)

Lasst uns beten.

Gott, der du Lasten auferlegst, Gott, der du hilfst, Gott, der du vom Tode errettest. Wir kommen hier zum Totengedenken zusammen, nicht um den Schmerz zu suchen, sondern um uns aufrichten zu lassen. Heile du, was nicht vernarbt ist, hilf ertragen, was niemals ganz vernarben wird. Amen.

Liebe zum Gedenken versammelte Gemeinschaft, im vorigen Jahr stand ich hier zum ersten Mal vor Ihnen, um die Gedenkansprache zu halten. Für heute hatte eigentlich turnusmäßig Herr Pfarrer Ruhl von der Albertusgemeinde diese Aufgabe übernommen, doch wegen seiner Erkrankung kann er heute nicht hier sein. Er ist operiert, und es geht ihm, wie ich höre, besser, und wir denken heute auch an ihn und wünschen ihm baldige Genesung. Statt seiner bin ich nun auch in diesem Jahr wieder bei Ihnen, um einige Gedanken des Gedenkens vorzutragen.

Als ich mich Ihnen voriges Jahr vorstellte, erwähnte ich, dass meine Mutter auch aus der alten Heimat vertrieben worden war. Sie ist im Frühjahr dieses Jahres in hohem Alter verstorben, und bei den Vorbereitungen zur Trauerfeier fielen mir Aufzeichnungen in die Hände, die sie vor zwanzig Jahren über ihr Leben gemacht hatte, da war sie 62 Jahre alt gewesen. Mich hat vor allem beeindruckt, in welcher Weise sie die Jahre 1945 und 1946 geschildert hat, die ja auch für viele von Ihnen die schwersten Jahre Ihres Lebens waren.

Lassen Sie mich einfach ein wenig aus den Erinnerungen meiner Mutter erzählen. Sie spiegeln die Wahrheit des Bibelverses wider, den ich schon zum Beginn gelesen habe:

„Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch. Wir haben einen Gott, der da hilft, und den HERRN, der vom Tode errettet.“

Ja, wie war das damals, Anfang 1945? Meine Mutter war in Stellung gewesen bei einer polnisch sprechenden deutschen Familie in Obernigk, russische Soldaten hatten den Ort besetzt, es flogen Flugzeuge, weil um Breslau gekämpft wurde.

Als dann am 31. Januar die Besetzer ein Schnapslager fanden, gab es Überfälle und Plünderungen in den Häusern, und meine Mutter floh gemeinsam mit ihren Herrschaftsleuten in Richtung Polen.

Darüber schreibt sie selbst:

„Damals habe ich meine Bibel aufgeschlagen und das Wort gelesen: ‚Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.‘ Ich muss sagen, dieses Wort hat mir oft Kraft gegeben. Auch manche Psalmen, die ich in der Schule auswendig gelernt habe, wie: ‚Der Herr ist mein Hirte‘. Die Stelle: ‚Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.‘ Oder: ‚Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt.‘ Wir hatten oft nicht viel Zeit übrig, oder abends gab es kein Licht, da kam es mir zu Gute, was ich auswendig gelernt hatte.“

Die Flucht nach Polen endete schon in einem der nächsten Dörfer, wo eine russische Kommandantur war, da wurden die Flüchtlinge zur Arbeit festgehalten, Monate lang. Bei Kriegsende kam meine Mutter dann noch einmal für ein ganzes Jahr zurück in ihr Heimatdorf nach Riemberg. Aber auch hier gab es Besatzung und Zwangsarbeit. Dann brach Typhus aus.

Dazu schreibt meine Mutter:

„Viele waren krank, auch meine Mama. Wir hatten keinen Arzt, keine Medikamente… Aber es ging eine Diakonisse vom Warteberg in die Häuser und hat etwas die Kranken betreut. Dann wurde auch sie krank und ist auch daran gestorben… Es sind damals viele an Typhus gestorben, besonders junge Menschen…, in einer Familie sind drei junge Mädchen gestorben, die Mutter und die zwei jüngsten schulpflichtigen Kinder blieben zurück, der Vater war im Krieg gefallen. Wenn jemand gestorben war, wurde von Schrankbrettern ein Sarg gemacht, auf einen Handwagen geladen, und einige gingen mit. Am Friedhof haben wir ein Lied gesungen und gebetet. Einen Pastor hatten wir nicht. Ich habe damals kein Typhus bekommen, trotzdem ich in einem Zimmer mit Mama geschlafen habe.“

Was ich von meiner Mutter hörte und jetzt noch nachlesen kann, das sind Geschichten von Not und Schrecken, von Krieg und Tod, und immer auch von Bewahrung. Etwas blieb ihr nicht erhalten, das war die alte Heimat. Es war eine Woche nach ihrem 30. Geburtstag, im August 1946, da mussten sie raus.

„Einen Tag vorher wurde es gesagt… 35 Personen mit Sack und Pack kamen in einen Viehwaggon… Wir wussten nicht, wo wir hinkommen werden… Wir waren 4 Tage unterwegs, bis wir in Westfalen ankamen.“

Sie werden ähnliche Lebensgeschichten kennen oder selbst erlebt haben – von Menschen, die damals starben oder überlebten, die damals vergewaltigt wurden oder verschont blieben, die damals geliebte Angehörige verloren oder ihre Lieben wiedersehen durften. Überlebt haben Sie alle, die hier versammelt sind, doch Ihre Heimat haben die meisten von Ihnen verloren, und mit Verwundungen an Leib und Seele mussten Sie fertig werden.

Darum treffen Sie sich alljährlich hier auf dem Friedhof und erinnern sich an Vergangenes, stehen einander bei in dem, was immer noch weh tut, und hören auf Worte Gottes, der uns mit seinem Trost dennoch in allem begleitet, was uns widerfährt.

Noch einmal lasse ich meine Mutter zu Wort kommen:

„Es war an Himmelfahrt 1945. In Praußnitz sollte ein katholischer Gottesdienst sein. Wir hatten ja seit Januar keinen Gottesdienst gehabt… Nun gingen wir zur Kirche… Die Messe war lateinisch, aber die Predigt deutsch. Er sprach, wie Jesus bei der Himmelfahrt die Hände ausbreitete und die Erde segnete, trotz allem. Es hat uns gestärkt.

Als wir nach Hause kamen, meinte der Kommandant, es ist nicht erlaubt, in den nächsten Ort zu gehen ohne Erlaubnisschein. Er wollte uns in den Keller sperren. Ein katholischer Mann hat sich dann für uns eingesetzt, und so ist uns nichts passiert.

So muss ich wohl sagen, dass die ganze Zeit wohl oft Engel um uns waren, die uns bewahrt haben.“

So etwas wünsche ich auch Ihnen: die Bewahrung durch Engel Gottes, durch seine wunderbaren Mächte, auch am Ende dieses schrecklichen Jahrhunderts. Amen.

Von guten Mächten
wunderbar geborgen
erwarten wir getrost,
was kommen mag.
Gott ist mit uns
am Abend und am Morgen
und ganz gewiss
an jedem neuen Tag.

Wir beten mit Jesu Worten:

Vater unser

Gott, der Herr, segne euch, und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. Amen.

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