Paulus „weiß“ nur den Gekreuzigten

Gott ist in schwachen Menschen stark.

Einen Menschen „weiß“ Paulus, der ihm so wichtig wurde wie niemand sonst: „Ich weiß nur Jesus Christus, den Gekreuzigten!“ Wie steht Jesus mir bei? Offenbar muss ich nicht immer mit meinen eigenen Fähigkeiten jemandem eine Hilfe sein. Als Seelsorger kann ich einfach da sein, auch wenn ich mit meinem Latein am Ende bin.

Man sieht den gekreuzigten Jesus an einem Kreuz, das auf dem Boden im Garten liegt

Der gekreuzigte Jesus (Bild: pixabay.com)

direkt-predigtGottesdienst am 2. Sonntag nach Epiphanias, den 16. Januar 1994, um 9.30 Uhr in der Kapelle der Landesnervenklinik Alzey

Am 2. Sonntag nach dem Fest der Erscheinung des Sterns über Bethlehem, der Erscheinung des Lichts in der Welt, der Erscheinung des Sohnes Gottes in der Welt, begrüße ich Sie herzlich im Gottesdienst in unserer Klinik-Kapelle!

Das Licht ist nicht nur ein Sinnbild für Hoffnung und Leben, sondern auch für Weisheit und Klugheit. Heute geht es in den Liedern und in der Predigt um diese Dinge: Was bedeutet es in Gottes Augen, weise und klug zu sein? Hat das etwas mit hoher Bildung zu tun oder nicht? Darf man da neugierig sein, oder wie ist das gemeint?

Wir beginnen mit dem Lied aus dem Gesangbuch 263, 1-5:

1) Ein reines Herz, Herr, schaff in mir, schließ zu der Sünde Tor und Tür; vertreibe sie und lass nicht zu, dass sie in meinem Herzen ruh.

2) Dir öffn ich, Jesu, meine Tür, ach komm und wohne du bei mir; treib all Unreinigkeit hinaus aus deinem Tempel, deinem Haus.

3) Lass deines guten Geistes Licht und dein hell glänzend Angesicht erleuchten mein Herz und Gemüt, o Brunnen unerschöpfter Güt;

4) und mache dann mein Herz zugleich an Himmelsgut und Segen reich; gib Weisheit, Stärke, Rat, Verstand aus deiner milden Gnadenhand.

5) So will ich deines Namens Ruhm ausbreiten als dein Eigentum und dieses achten für Gewinn, wenn ich nur dir ergeben bin.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten mit Worten des Propheten Jeremia 17:

13 Du, HERR, bist die Hoffnung Israels. Alle, die dich verlassen, müssen zuschanden werden…, denn sie verlassen den HERRN, die Quelle des lebendigen Wassers.

14 Heile du mich, HERR, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen; denn du bist mein Ruhm.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Wir sind ganz verschiedene Menschen, du guter Gott! Manche haben viel gelernt und wissen viel, andere können nicht so gut lernen, brauchen viel Hilfe. Die einen sind fit im Beruf, andere mussten aufhören zu arbeiten oder konnten nie einen Beruf ergreifen. Und wir alle kommen zu dir, scharen uns um dich, und wir fragen nach deiner Weisheit, nach einer Klugheit, die von dir kommt. Lass dein Licht unter uns und in uns leuchten! Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Schriftlesung aus dem 2. Buch Mose – Exodus 33, 18-23:

18 Und Mose sprach: Lass mich deine Herrlichkeit sehen!

19 Und Gott sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will vor dir kundtun den Namen des HERRN: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.

20 Und er sprach weiter: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Menschen wird leben, der mich sieht.

21 Und der HERR sprach weiter: Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen.

22 Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin.

23 Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Wir singen aus dem Lied 259 die Strophen 1 und 2 und 5:

1) Eins ist not! Ach Herr, dies Eine lehre mich erkennen doch; alles andre, wies auch scheine, ist ja nur ein schweres Joch, darunter das Herze sich naget und plaget und dennoch kein wahres Vergnügen erjaget. Erlang ich dies Eine, das alles ersetzt, so werd ich mit Einem in allem ergötzt.

2) Seele, willst du dieses finden, suchs bei keiner Kreatur; lass, was irdisch ist, dahinten, schwing dich über die Natur, wo Gott und die Menschheit in Einem vereinet, wo alle vollkommene Fülle erscheinet; da, da ist das beste, notwendige Teil, mein Ein und Alles, mein seligstes Heil.

5) Aller Weisheit höchste Fülle in dir ja verborgen liegt. Gib nur, dass sich auch mein Wille fein in solche Schranken fügt, worinnen die Demut und Einfalt regieret und mich zu der Weisheit, die himmlisch ist, führet. Ach wenn ich nur Jesum recht kenne und weiß, so hab ich der Weisheit vollkommenen Preis.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Wir hören den Predigttext aus einem Brief des Apostels Paulus, 1. Korinther 2, 1-10:

1 Auch ich, liebe Brüder, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten und hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu verkündigen.

2 Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten.

3 Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern;

4 und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft,

5 damit euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.

6 Wovon wir aber reden, das ist dennoch Weisheit bei den Vollkommenen; nicht eine Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen.

7 Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit,

8 die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, so hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt.

9 Sondern es ist gekommen, wie geschrieben steht (Jesaja 64,3): »Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.«

10 Uns aber hat es Gott offenbart durch seinen Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefe der Gottheit.

Liebe Gemeinde,

als wir das letzte Mal vor 14 Tagen auf die Worte des Paulus im gleichen Brief an die Korinther hörten, da sprach Paulus von den Leuten in Korinth, von seiner Gemeinde, die er einmal gegründet hatte. Er schaute die anderen an und nahm wahr, dass Gott eine besondere Schwäche hat gerade für die Schwachen, für die Verachteten, für die, die sich für bedeutungslos halten. Nun betrachtet Paulus auch umgekehrt einmal sich selber. Und er redet in sehr ehrlichen Worten:

„Auch ich, liebe [Geschwister], als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten und hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu verkündigen“.

Paulus weiß, dass Menschen, die gewohnt sind, viel zu reden, oft „hohe“ Worte gebrauchen und eine „hohe“ Weisheit verkünden. Sie reden gelehrt und lassen erkennen, dass sie sehr viel wissen. Das Problem ist nur: niemand versteht sie, der nicht ebenfalls ein Gelehrter ist. Selbst dem Paulus geht es ja bis heute so, dass auch ihn viele nicht verstehen. Tatsache ist: Paulus war ein gelehrter Mensch, er hatte eine gute Bildung genossen. Aber zugleich hatte er eine wichtige Entscheidung getroffen: Er bildete sich nichts ein auf seine Bildung. Er wollte gern verstanden werden auch von den einfachen Leuten, auch von denen, die keine besondere Bildung besaßen.

Aber dennoch hatte er etwas ganz Besonderes, etwas Großartiges vor: Er wollte seiner Gemeinde das „Geheimnis Gottes“ verkündigen. Muss man denn nicht tief in die Kiste seiner hohen Weisheit hineingreifen, um den Menschen ein großes Geheimnis nahezubringen? Braucht man denn nicht hohe Worte, muss Paulus nicht möglichst geheimnisvolle Reden schwingen, damit er auch angemessen vom großen allmächtigen Gott redet? Nein, offenbar hält er das nicht für notwendig. Er sagt einfach:

„Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten.“

Paulus weiß nur eins, und das ist nicht eine besondere Lehre, keine großartige Philosophie, kein kirchliches dogmatisches System. Es ist überhaupt nichts, was man in in seinem Gedächtnis speichern und mit seinem Verstand begreifen und abhaken kann. Nein, es ist ein Mensch, den Paulus „weiß“, eine Person, die ihm so wichtig wurde wie keine andere Gestalt der Menschengeschichte: „Ich weiß nur Jesus Christus, den Gekreuzigten!“ Einen Menschen zu „wissen“, das muss etwas Besonderes sein, aber eben nicht in dem Sinne, wie zum Beispiel ein Professor der Ägyptologie etwas Besonderes über sein Fachgebiet weiß. Ich „weiß einen Menschen“, das bedeutet so viel wie: ich kenne ihn genau, ich bin mit ihm vertraut, ich kann mich auf ihn verlassen, ich empfinde sehr viel für ihn.

Mit nur einem einzigen Wort beschreibt Paulus zunächst die Person näher, die ihm so wichtig geworden ist; es ist eigentlich ein abstoßendes Wort, es erinnert an eine grausame Todesart: der „Gekreuzigte“. Darin ist Paulus ganz konsequent: keine der Taten Jesu ist ihm so wichtig wie gerade diese Tatenlosigkeit, diese Wehrlosigkeit Jesu, als seine Jünger zu den Waffen greifen wollten, um ihn zu verteidigen, und als nur die Jüngerinnen unter dem Kreuz blieben, um Jesus auch in seinem Leiden nahe zu sein. Das sind wirklich nicht „hohe Worte“, um eine Person näher zu beschreiben, sondern die niedrigsten Worte überhaupt, die man sich vorstellen kann – ein Gekreuzigter, das war doch ein Gehenkter, ein Geächteter, er galt doch als Verbrecher, als Rebell gegen die Staatsmacht, als ein verwerflicher Aufrührer. Doch Paulus schämt sich nicht, gerade dieses Wort für den Menschen zu benutzen, den er am meisten liebhat und den er allen anderen Menschen nahebringen möchte.

Dann fährt Paulus fort, von sich selber zu reden, nun nicht von seinem Wissen und von seiner Predigt, sondern davon, wie er sich in Korinth gefühlt hat:

„Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern.“

Eigentümlich: Ein Mann redet von Gefühlen. Und dann noch von solchen Gefühlen, die man eigentlich nicht gerne zugibt. Er spricht von Schwäche, von Furcht, ja sogar davon, dass ihm die Knie gezittert haben vor lauter Angst. Wir kennen ja wohl alle solche Situationen, in denen wir uns unsicher fühlen, in denen wir nicht Herr der Lage sind, aber wir können nicht einfach sagen – ich laufe jetzt weg. Ich führe zum Beispiel Gespräche auf einer Station und habe das Gefühl, eigentlich konnte ich niemandem richtig helfen. Und am Schluss sagt eine Patientin: „Ich möchte, dass Sie wiederkommen.“ Merkwürdig, denke ich, ich habe doch gar nichts Besonderes getan. „Und beten Sie bitte für mich“, fügt die junge Frau hinzu, „damit ich es hier besser aushalte.“ Offenbar muss ich es gar nicht immer selber mit meinen eigenen Fähigkeiten sein, der jemandem eine Hilfe ist. Als Seelsorger kann ich einfach da sein, auch wenn ich mich selber einmal unsicher fühle. Ein anderer steht mir bei, auch wenn ich mit meinem Latein am Ende bin. Genau diese Erfahrung beschreibt Paulus mit eigenen Worten so:

„Und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, damit euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.“

Noch einmal betont es Paulus: er wollte nicht überreden. Überreden will nur jemand, der von dem, was er sagt, selber nicht ganz überzeugt ist. Paulus wollte überhaupt nicht eine menschliche Weisheit übermitteln, sondern er wollte weitersagen, was er selbst mit Gott erlebt hatte, genauer gesagt: mit dem Gott, der ihn eines Tages buchstäblich zu Boden geworfen hatte, vom Pferd gestoßen, mit Blindheit geschlagen, so dass Paulus wusste: Mein Leben bisher ist in den falschen Bahnen verlaufen. Bisher wollte ich Gott gefallen durch meine eigenen Großtaten. Jetzt weiß ich: Gott hat mich lieb, einfach weil er mich liebhaben will, und er will jedem Menschen Freund sein, einfach weil jeder Mensch ein Kind Gottes ist.

Passieren muss also etwas, was kein Mensch in der Hand hat, was ich auch durch eine noch so gute Predigt nicht automatisch erreichen kann, was auch in einem noch so guten seelsorgerlichen Gespräch nicht einfach machbar ist: diese Erfahrung, dass ein Mensch spürt: Ich bin nicht allein auf der Welt, da ist ein Gott, der in schwachen Menschen stark ist, der mir innerlich nahe ist, so nahe, wie mir niemand anders sein kann, wie ich mir nicht einmal selber nahe bin.

Der Geist Gottes weht, wo er will, so heißt es, wir haben also den Glauben an Gott nie in der Hand. Doch manchmal hilft es, wenn wir es wagen, ein paar unserer Kontrollmechanismen, mit denen wir immer alles in der Gewalt behalten wollen, mal an die Seite zu stellen. Wie könnte das aussehen? Wir könnten zum Beispiel Vertrauen wagen, das Gefühl der Schwachheit zulassen, eine Angst nicht gleich verdrängen, das Gespräch suchen, wenn uns bestimmte Gedanken und Empfindungen schwer auf der Seele lasten, einen neuen Anfang zeigt, wo ich lange Zeit nichts anderes als immer nur Ende, Ende, Ende gesehen habe. Der Geist Gottes erweist sich da, so drückt es Paulus aus, als eine unsichtbare Kraft, die innen drin in uns gespürt werden kann – aber wann? – ja dann, wenn wir uns trauen, offen genug zu sein für etwas Neues, wenn wir vielleicht auch Menschen haben, die uns beistehen, wenn uns dieses Neue furchtbar ängstigt, die selber auch keine Angst haben vor ihrer eigenen Angst.

An dieser Stelle singen wir aus dem Liederheft das Lied Nr. 231, die ersten drei Strophen:
So stark wie ein Fels bin ich nicht

Auf eins, liebe Gemeinde, legt Paulus dennoch großen Wert: sehr selbstbewusst beharrt er darauf, dass er keinen Unsinn erzählt:

„Wovon wir aber reden, das ist dennoch Weisheit bei den Vollkommenen; nicht eine Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen.“

Ja, Weisheit ist es trotzdem, wovon Paulus redet. Wahre Weisheit ist es, an einen Gott zu glauben, der selber in die Schwachheit der Menschen herabgestiegen ist, der selber ein verletzbares Menschenkind geworden ist. Es ist sogar eine „Weisheit bei den Vollkommenen“, eine Weisheit, die denen zu eigen ist, die von Gott ein erfülltes Leben zugesprochen bekommen haben. Dabei geht es nicht um eine Vollkommenheit nach weltlichen Maßstäben, wir müssen nicht perfekt sein, um auf diese Weise weise zu sein. Nein, wir hörten es ja: gerade in den Schwachen will Gottes Geist wohnen, gerade die Verachteten hat Gott erwählt, gerade die Bedeutungslosen nimmt Gott unendlich wichtig, ihnen schenkt er größere Weisheit als den Mächtigen dieser Welt. Sie müssen ja vergehen, sie sind sterblich wie alle anderen Menschen auch; nur im Vertrauen auf Gott bekommen wir Menschen einen Anteil an seinem ewigen Leben.

Und deshalb betont Paulus noch einmal: So unscheinbar das Wort ist, das er predigt, so unbeholfen und manchmal schwer verständlich seine Worte sind, er redet von einer Weisheit, die von Gott kommt:

„Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit.“

Dass diese Weisheit verborgen ist in einem Geheimnis, das will nicht sagen: sie ist nur besonders gebildeten Leuten zugänglich. Nein, es ist gerade ein Geheimnis der Einfachheit, der Unscheinbarkeit. Es hat Gott gefallen, gerade in einem ganz normalen Menschenkind auf die Welt zu kommen, die Wahrheit seiner Liebe ganz schlicht auf unserer Erde zu leben. Vor aller Zeit schon hatte er sich das vorgenommen, sagt Paulus; und das Herrliche daran ist nicht, dass das nur eine Sache für bedeutende Menschen wäre, sondern dass diese Weisheit gerade den einfachen Menschen besonders zugänglich ist, den Kindern, den Behinderten, den Menschen, die in irgendeiner Hinsicht schwach und empfindlich sind, die offen sind für das Fühlen ihres Herzens und die auch Augen haben für den Schmerz anderer Menschen.

Ausdrücklich sagt Paulus noch einmal:

„[Diese Weisheit hat] keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt; denn wenn sie die erkannt hätten, so hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt, sondern es ist gekommen, wie geschrieben steht: »Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.«“

Menschliche Augen und Ohren können ohne das Vertrauen zu Gott nichts wissen von der wahren Weisheit Gottes. Aber wer anfängt, sich für Gott zu öffnen, wer begonnen hat, Gott in sein Herz zu schließen, den Gott, den wir in der menschlichen Art Jesu kennen und lieben lernen können, der wird weise, der gewinnt ein Herzenswissen über das, worauf es wirklich im Leben ankommt.

Das Wort „weise“ ist ja ein bisschen aus der Mode gekommen heute. Es klingt so altertümlich, so als ob man es nur auf ganz große Gelehrte oder besondere Menschen von früher anwenden könnte. Aber in einem sehr bekannten Gebet kommt dieses Wort heute noch vor, nämlich in dem Gebet, das vor allem die Anonymen Alkoholiker sehr gerne beten:

„Gott, gib mir den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann. Gib mir die Kraft, zu ertragen, was ich nicht ändern kann. Und gib mir die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Weisheit ist hier also die Fähigkeit, zu unterscheiden. Eine Entscheidung zu treffen, ist ja nicht immer leicht. Es ist nicht leicht, zu erkennen: Was ist einfach so, was ist nicht zu ändern, was muss ich hinnehmen – zum Beispiel eine unabwendbare Behinderung, eine unheilbare Krankheit, mit der ich leben muss, eine Suchtabhängigkeit, die ich nicht unter meine Willenskontrolle bekommen kann. Schwer zu akzeptieren ist es für manche Menschen auch, dass man auch andere Menschen nicht ohne Weiteres ändern kann – den Ehepartner zum Beispiel. Und umgekehrt ist es auch nicht leicht, zu erkennen: manches kann ich ändern, am eigenen Verhalten, an der eigenen Art, mit Gefühlen umzugehen, am eigenen Bild von der Welt, von den Menschen und von mir selbst, das ich mir in meinem Leben aufgebaut habe. Ich bin halt so, ich war schon immer so, ich kann mich nicht ändern, das sagen viele Menschen. Aber oft ist dieses „Ich kann nicht!“ in Wirklichkeit ein „Ich will nicht!“ – denn es tut ja auch weh, sich zu ändern, Abschied zu nehmen von vertrauten Gewohnheiten des Denkens und Fühlens und Sich-Verhaltens. Und man braucht Hilfe von Menschen, zu denen man Vertrauen hat, um das für sich zu akzeptieren: Ich kann doch ein bisschen mehr ändern, als ich gedacht hatte, ich kann in kleinen Schritten vorwärtsgehen. Ja, Gott kann mir die Weisheit geben, zu unterscheiden, was ich ändern kann und was ich als gegeben hinnehmen muss.

Diese Weisheit kann man auch Klugheit nennen, Lebensklugheit. Jeder Mensch ist dann ein kluger Mensch, der seinen Platz im Leben kennt, der weiß, wann er um etwas kämpfen muss, und auch weiß, was er etwas loslassen und mit Gelassenheit betrachten kann. Zufriedenheit mit dem, was einem geschenkt ist, und mit dem, was man erreicht hat, kann eine Form dieser Klugheit sein, aber auch der Wille, sich weiterzuentwickeln, weiterzuwachsen, so weit das eben möglich ist. In dem Lied, das wir eben angefangen haben zu singen, kommt auch so eine Strophe vor: „Weil ich weiß, was für mich gut und was mir ist genug, bin ich klug, bin ich klug, bin ich klug.“

Lasst uns nun noch einmal die Predigt unterbrechen und aus diesem Lied gemeinsam die letzten vier Strophen singen:
So frei wie ein Vogel bin ich nicht

Sollten wir wirklich weise sein, klug sein, liebe Gemeinde? Ja, im Vertrauen auf Gott gewinnen wir eine besondere Art von Weisheit und Klugheit. Es ist eine Offenbarung von Gott, so als ob er uns ein Buch aufschlägt, was vorher für uns verschlossen war, es ist ein Geschenk von Gott, nicht unsere persönliche Leistung, Paulus drückt das so aus, dass wir diese Weisheit „durch Gottes Geist“ bekommen:

„Uns aber hat es Gott offenbart durch seinen Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit.“

Ein letztes zu diesem Geist Gottes – es ist offenbar ein neugieriger Geist – er erforscht alle Dinge, selbst die Tiefen der Gottheit. Ich sehe darin eine Ermutigung für uns, wissen zu wollen, was Sache ist, neugierig zu bleiben für Dinge, ist uns noch unbekannt sind, so wie ein kleines Krabbelkind alles erforschen möchte, was es noch nicht kennt – die Welt, die es umgibt, die anderen Menschen, die ihm begegnen, und auch sich selbst, diese eigene Person, die ihm ja auch zunächst einmal fremd ist.

Und unser Leben lang hört das nicht auf: Weise oder klug zu sein, bedeutet ja nicht, dass man alles weiß oder nichts mehr dazu lernen könnte. Ich kannte mal einen Mann, der mit über 95 Jahren noch wissbegierig und aufnahmefähig war und der immer meinte: „Man wird alt wie ein Haus und lernt immer noch nicht aus!“ Und in der Sesamstraße im Fernsehen, da lernen es schon die Kleinen: „Wer, wie, was, wieso, weshalb, warum – wer nicht fragt, bleibt dumm!“ Man darf Fragen stellen, man darf etwas nicht wissen, man darf neugierig sein, um etwas dazuzulernen. Und auch über Gott darf man dazulernen. Die Bibel zum Beispiel ist so unergründlich, man kann ein Leben lang die Bibel lesen und doch immer wieder neue Dinge finden, die man für sein Leben beherzigen kann.

Das wünsche ich Ihnen und mir, dass wir diese Neugier bewahren, diese Freude am Lernen, auch am seelischen Wachsen, am Einüben neuer Schritte in unserem Leben. Und auch hier im Gottesdienst gehen wir immer wieder einen kleinen Weg gemeinsam, einen Weg des Feierns, des Miteinander-Nachdenkens und vielleicht auch des Wachsens im Glauben und im Vertrauen und in der Liebe zu dem Gott, der uns Menschen über alles liebt. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Wir singen aus dem Lied 384 im Gesangbuch die Strophen 3, 4, 5, 9 und 13:

3) Es fängt so mancher weise Mann ein gutes Werk zwar fröhlich an und bringts doch nicht zum Stande; er baut ein Schloss und festes Haus, doch nur auf lauterm Sande.

4) Verleihe mir das edle Licht, das sich von deinem Angesicht in fromme Seelen strecket und da der rechten Weisheit Kraft durch deine Kraft erwecket.

5) Gib mir Verstand aus deiner Höh, auf dass ich ja nicht ruh und steh auf meinem eignen Willen; sei du mein Freund und treuer Rat, was recht ist, zu erfüllen.

9) Tritt du zu mir und mache leicht, was mir sonst fast unmöglich deucht, und bring zum guten Ende, was du selbst angefangen hast durch Weisheit deiner Hände.

13) Du bist mein Vater, ich dein Kind; was ich bei mir nicht hab und find, hast du zu aller Gnüge. So hilf nur, dass ich meinen Stand wohl halt und herrlich siege.

Barmherziger Gott im Himmel, mach uns klug, dass wir wissen, was uns gut tut. Mach uns weise, dass wir herausfinden, wo wir etwas lernen, etwas anders machen können. Hilf uns aber auch, dass wir nicht mit dem Kopf durch die Wand rennen, dass wir einsehen und uns damit abfinden, wenn etwas unmöglich ist. Es ist schön, zu wissen, dass du uns alle liebhast. Begleite uns auf allen unseren Wegen. Amen.

Gemeinsam beten wir mit den Worten Jesu:

Vater unser

Wir singen aus dem Liederheft das Lied Nr. 214:

Er hält die ganze Welt in der Hand

Singkreis ist in dieser Woche wieder am Donnerstag um 16.00 Uhr in der Kapelle; der Bibelkreis fällt aus.

Und nun lasst uns mit Gottes Segen in den Sonntag und in die neue Woche gehen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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