„Du gibst meinen Schritten weiten Raum“

Trauerfeier für einen sehr alten Mann, der einen technischen Beruf hatte und zugleich naturverbunden war, der sein Leben lang – außer der Kriegszeit – am selben Ort lebte und sich immer nach der Weite der See sehnte.

Du stellst meine Füße auf weiten Raum: Jemand hält ein kleines Schiffsmodell in vollen Segeln in der Hand

Ein Schiffsmodell – Ausdruck der Sehnsucht nach Weite (Bild: Drumcliff – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe kleine Trauergemeinde, wir sind auf dem Gießener Friedhof versammelt, um Abschied zu nehmen von Herrn N., der im Alter von [über 90] Jahren gestorben ist.

Naturverbunden war er und oft von Fernweh erfüllt, die Seefahrt war seine Sehnsucht – so lasst uns diese Trauerfeier für Herrn N. beginnen mit einem alten Lied der Bibel über die Schöpfung Gottes.

Wir beten Worte aus dem Dankpsalm 104:

1 Lobe den Herrn, meine Seele!

5 Du [hast] das Erdreich gegründet … auf festen Boden, dass es bleibt immer und ewiglich.

10 Du lässest Wasser in den Tälern quellen, dass sie zwischen den Bergen dahinfließen,

11 dass alle Tiere des Feldes trinken und das Wild seinen Durst lösche.

12 Darüber sitzen die Vögel des Himmels und singen unter den Zweigen.

13 Du feuchtest die Berge von oben her, du machst das Land voll Früchte, die du schaffest.

14 Du lässest Gras wachsen für das Vieh und Saat zu Nutz den Menschen, dass du Brot aus der Erde hervorbringst,

15 dass der Wein erfreue des Menschen Herz und sein Antlitz schön werde vom Öl und das Brot des Menschen Herz stärke.

24 Herr, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast sie alle weise geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter.

25 Da ist das Meer, das so groß und weit ist, da wimmelt‘s ohne Zahl, große und kleine Tiere.

26 Dort ziehen Schiffe dahin; da sind große Fische, die du gemacht hast, damit zu spielen.

27 Es warten alle auf dich, dass du ihnen Speise gebest zur rechten Zeit.

28 Wenn du ihnen gibst, so sammeln sie; wenn du deine Hand auftust, so werden sie mit Gutem gesättigt.

29 Verbirgst du dein Angesicht, so erschrecken sie; nimmst du weg ihren Odem, so vergehen sie und werden wieder Staub.

30 Du sendest aus deinen Odem, so werden sie geschaffen, und du machst neu die Gestalt der Erde.

Liebe kleine Trauergemeinde!

Ein langes Leben liegt hinter Herrn N. Fast die ganzen über neun Jahrzehnte hindurch war er nie krank; ihm ging es gut; Ärzten wollte er lieber nicht begegnen.

Als er hier in der Stadt aufwuchs, waren es keine rosigen Zeiten; die Familie war nicht reich; Schuhe zum Beispiel waren so kostbar, dass er sehr gut auf das einzige Paar achtgeben musste, das er hatte. Beeinflusst von seinem Vater erlernte er ein Handwerk, dass mit Maschinen und Metall zu tun hatte. Im Weltkrieg war er als Panzergrenadier in Russland eingesetzt; davon hat er aber nie viel erzählt.

Erinnerungen an Freude und Leid im Familienleben des Verstorbenen

Trotz seines technischen Berufs war er auch ein naturverbundener Mensch und hatte besondere Freude am Gartenbau; und noch in hohem Alter legte einen Garten neu an, hielt dort Hühner und baute gemeinsam mit dem Sohn ein Gartenhäuschen. Erst als er einmal gefallen war, gab er die Hühner auf, um nicht in Wind und Wetter jeden Tag raus zu müssen. Die letzten Jahre sind Sie als Sohn wieder beim Vater eingezogen; Sie haben sich gut verstanden in dieser Zeit, haben sein Leben geteilt, mit für ihn eingekauft und standen ihm zur Seite. Große Ansprüche stellte er nicht, außer dass er Wert darauf legte, dass man von seinen persönlichen Sachen nichts wegräumte; weil er schlecht sehen konnte, musste alles an seinem Platz liegen.

Außer in den Kriegszeiten bewegte sich sein Leben in einem relativ eng umgrenzten Raum; vielleicht war deswegen in Herrn N. die Sehnsucht nach der Ferne, vor allem nach dem weiten Meer, lebendig. Bilder von der See und ein Schiffsmodell in der Wohnung erinnern an sein Fernweh. So lange er im Garten arbeiten konnte, hatte er jedenfalls die Weite des offenen Himmels über sich, und so lange er gesund blieb, fast bis zum Schluss, behielt er seine Selbständigkeit in der eigenen Wohnung, die ihm wichtig war.

Ich denke, in seinem Leben ist ein Bibelwort aus dem Psalm 18, 37 wahr geworden:

Du gibst meinen Schritten weiten Raum, dass meine Knöchel nicht wanken.

Es ist ein Grund zur Dankbarkeit, wenn man ein so langes Leben weitgehend in Gesundheit verbringen und sich in Beruf und Familie entfalten kann. Herr N. meinte zwar: „Man muss nicht immer in die Kirche rennen“, aber zur Kirche zu gehören, war ihm wichtig. „Irgendeinen Halt braucht man“, davon war er überzeugt, aber mehr hat er über sein religiöses Innenleben nicht geäußert.

Weiter Raum war seinen Schritten gegeben, dort wo sein Leben ihn hinführte, seine Knöchel mussten nicht oder fast nie in seinem Leben wanken, so dass er bis fast zum Schluss auf seinen eigenen Beinen stehen konnte.

So alt Herr N. auch war und so sehr man in einem solchen Alter mit dem Tod rechnen muss, es fällt doch schwer, von einem Menschen Abschied zu nehmen, der für so viele Jahre immer zum eigenen Leben dazu gehört hat. Man hat sich aneinander gewöhnt, und er fehlt doch mehr, als man denken würde. Sicher gehört der Tod ganz normal zum Leben dazu, aber es tut doch weh, wenn man einen Menschen verliert, mit dem man in Liebe verbunden war. Es gibt viele Dinge, die Sie noch lange daran erinnern werden, welche Lücke Herr N. in Ihrem Leben hinterlässt.

Die Sehnsucht nach der Weite der See fand keine Erfüllung in seinem Leben. Jetzt hat er eine noch viel weitere Reise angetreten, die Reise in die Ewigkeit, von der niemand weiß, wo genau sie hinführt und wie es dort aussieht. Im Vertrauen auf den Gott der Bibel können wir gewiss sein, dass uns dort ein gnädiger Gott erwartet, der das liebevolle Gesicht seines Sohnes Jesu Christi trägt.

Den Händen dieses Gottes können wir Herrn N. getrost anvertrauen. Wir lassen ihn los in der Zuversicht: Gott nimmt ihn am Ende mit Ehren an. Was ihm in seinem Leben an Liebe geschenkt war und was er weitergeben konnte, das geht in Ewigkeit nicht verloren. Amen.

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