Mahl – Zeit

Was wir heute im Gottesdienst tun, ist ein Angebot, um zur Ruhe zu kommen oder sich heilsam beunruhigen zu lassen. Man kann hier Gemeinschaft erleben oder auch im Rahmen der schützenden Gemeinschaft als Einzelner vor Gott stehen. Gott zwingt uns nicht: er lädt uns ein. Er nimmt sich für uns Zeit, Zeit für ein Mahl mit uns, für eine Mahl-Zeit.

Gedeckte Tische für das Tischabendmahl mit anschließendem Grüne-Soße-Essen

Gedeckte Tische für das Tischabendmahl mit anschließendem Grüne-Soße-Essen

Abendmahl am Tisch am Gründonnerstag, 20. März 2008, um 19.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Abend, liebe Gemeinde!

Wir begrüßen alle herzlich zum Tischabendmahl am Gründonnerstag in der Pauluskirche! Wir, das ist das „Team halb 6“, zu dem zur Zeit außer mir Frau Burk, Frau Garth und Frau Schau gehören.

Wir feiern zusammen eine „Mahl – Zeit“, unter dieses Motto haben wir unseren Gottesdienst in diesem Jahr gestellt.

Wir nehmen uns Zeit für das Abendmahl, das wir heute in besonderer Weise feiern.

Wir nehmen uns Zeit für alltägliches Essen, nur dass wir es in ungewohnter Runde gemeinsam in der Kirche tun: anschließend an den Gottesdienst gibt es Grüße Soße.

Vorher nehmen wir uns Zeit, um darüber nachzudenken, wodurch ein alltägliches Essen zu einem Mahl, zu einer Mahl-Zeit wird.

Zur Einstimmung ein Wort aus dem Buch der Sprüche 15, 15:

15 Ein Betrübter hat nie einen guten Tag; aber ein guter Mut ist ein tägliches Fest[mahl].

Wir feiern heute ein Mahl nicht nur für Menschen, die sowieso schon ein sonniges Gemüt haben, sondern auch als Trost für Betrübte. Damit wir alle guten Mut gewinnen, feiern wir einen Gottesdienst: im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Wir singen das Lied 563 (Text nach Matthäus 18, 20 – Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift © 1980 by Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart):

Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.

Im Internet findet man alles, auch eine Erklärung dafür, was eine Mahlzeit ist: Eine Mahlzeit (oder feierlich und altertümlich ein Mahl) nennt man heute allgemein das Einnehmen des Essens zu bestimmten Zeiten des Tages, häufig gemeinsam mit anderen.

„Mahl“ ist also ein altertümliches, ein feierliches Wort. In unserem „Abendmahl“ ist beides enthalten: es ist ein Essen, das zugleich eine Feier ist, und es geht auf eine sehr alte Tradition zurück, nämlich auf die Einsetzung durch Jesus.

Essen kann man notfalls auch allein, aber ein wirkliches Mahl zu sich nehmen, das geht nur in einer Gemeinschaft.

„Mahl-Zeit“, das ist gemeinsam verbrachte Zeit, in der man nicht nur isst und trinkt, sondern auch miteinander spricht. Man tauscht Neuigkeiten aus: Man teilt nicht nur Essen, sondern auch Erlebnisse miteinander.

Wenn die Kinder vom Kindergarten oder aus der Schule kommen, ist der Mittagstisch oft die Stelle, wo sie fast platzen vor Mitteilungsdrang und wo sie erzählen, was die Eltern unbedingt wissen müssen.

Wenn ein Ehepartner auf die Arbeit außer Haus geht und der andere seinen Aufgaben als Hausfrau oder Hausmann nachgeht, sind es vielleicht Gespräche am Abendbrottisch, durch die der eine an dem teilnimmt, was den anderen den ganzen Tag beschäftigt hat.

In vielen Familien klappt das nicht mehr so richtig mit dem gemeinsamen Essen jeden Tag. Einigen ist darum der Sonntagmorgen besonders wichtig, als gemeinsamer Tag für die Familie, an dem man ausschläft, es ruhig angehen lässt, ein ausgedehntes Frühstück direkt ins Mittagessen übergehen lässt. Das läuft quer zu unserer Tradition der normalen Gottesdienstzeit um 10 Uhr. Aber ich verstehe die Familien, die wenigstens die Zeit am Sonntag in Ruhe mit der Familie teilen wollen und nicht auch diesen Tag immer durchplanen wollen, mit der Uhr in der Hand und den Gottesdienstzeiten im Blick. Was wir hier im Gottesdienst tun, muss ja auch nicht sklavisch an bestimmte Zeiten gebunden sein. Was wir hier tun, ist auch keine Pflichtübung, sondern immer ein Angebot, um zur Ruhe zu kommen oder um sich heilsam beunruhigen zu lassen. Man kann hier Gemeinschaft erleben oder auch im Rahmen der schützenden Gemeinschaft als Einzelner vor Gott stehen. Wer unseren Gottesdienst als Pflicht erlebt (das ist so für Konfis, die nur halbwegs freiwillig am Unterricht teilnehmen), der setzt sich selber unter einen Zwang. Gott ist es nicht, der uns zwingt: er lädt uns ein. Er nimmt sich für uns Zeit, Zeit für ein Mahl mit uns, für eine Mahl-Zeit. Ja, Gott selber lädt uns ein!

Davon singen wir das Lied 225:
Komm, sag es allen weiter, ruf es in jedes Haus hinein!

Nachdem Lukas in der Apostelgeschichte berichtet, wie sich auf Grund der Pfingstpredigt des Petrus 3000 Menschen taufen lassen und so die erste Gemeinde Jesu Christi entsteht, erzählt Lukas vom Leben dieser christlichen Kirche in Apostelgeschichte 2, 42-47:

42 Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.

43 Es kam aber Furcht über alle Seelen, und es geschahen auch viele Wunder und Zeichen durch die Apostel.

44 Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam.

45 Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nach dem es einer nötig hatte.

46 Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen

47 und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk. Der Herr aber fügte täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden.

Diese Geschichte gibt immer wieder zu Zweifeln Anlass. Kaum zu glauben, dass damals alle Christen in der Gemeinde alles gemeinsam hatten! Hat Lukas im Blick zurück nicht vielleicht manches aus der guten alten Zeit doch etwas idealer gesehen, als es in Wirklichkeit war? Aber dann denke ich an Erzählungen meiner Mutter aus der Kriegs- und Nachkriegszeit, da hielt man auch mehr zusammen als im sogenannten Wirtschaftswunderland. In Verfolgungszeiten, im Krieg, in Zeiten des Umbruchs, wenn viele in großer Not sind, ist es selbstverständlicher, füreinander einzustehen. Solche Zeiten wünscht man sich nicht; an sich möchte man in gesicherten Verhältnissen leben und in der eigenen Familie mit dem auskommen, was man hat.

Darum sollten wir nicht die Apostelgeschichte wortwörtlich nachzuahmen versuchen oder traurig sein, weil wir das nicht schaffen. Wir leben nun einmal in einer viel unüberschaubareren Gesellschaft als die Christen damals, vieles, was damals von Familien und Freunden untereinander geregelt werden musste, wird heute vom Staat und von Versicherungen geregelt.

Trotzdem gibt es genug Probleme, die uns als Gemeinde genau so herausfordern, wie damals das Problem der bitteren Armut die erste Christengemeinde herausforderte.

In vielen Familien gibt es nicht nur werktags kein gemeinsames Essen, wir kennen Kinder, die ohne Frühstück aus dem Haus gehen, und mittags steht für sie zu Hause kein warmes Mittagessen auf dem Tisch.

Der Bäcker im Edeka könnte zumachen, wenn er nicht jeden Tag Brötchen und Stückchen an unzählige Schüler verkaufen würde.

Wir versuchen zu tun, was wir können. In unserem Kindergarten erleben die Kinder beim Frühstück ein Stück Mahlgemeinschaft. In der Schule stellt das Jugendzentrum Holzwurm ein ähnliches Angebot bereit: Kinder essen gemeinsam zu Mittag.

Von vielen anderen Problemen, die es in unserer Stadt gibt, wissen wir viel zu wenig, wollen vielleicht auch gar nichts davon wissen. Immer mehr Menschen kommen mit ihrem Einkommen nicht aus, der Bedarf nach Unterstützung durch die Gießener Tafel wird zum Beispiel immer größer.

Viele bleiben für sich in ihren Wohnungen, obwohl sie sich eigentlich nach Gemeinschaft sehnen. Manche würden sich vielleicht gern einmal aussprechen, um ein seelisches Problem loszuwerden, aber sie trauen sich nicht, um Hilfe zu bitten. Unsere Gemeinde ist so groß, dass nicht jeder von jedem weiß, wie es ihm geht.

Bei den ersten Christen lief der Aufbau von Vertrauen offenbar über die Mahl-Zeiten. „Liebe geht durch den Magen“, heißt es, anscheinend nicht nur bei Verliebten, sondern auch in der praktischen Nächstenliebe der Christen. Lukas erwähnt mehrfach das Brotbrechen, und die Zeit der Mahlfeier ist für ihn ein besonderer Punkt im Gemeindeleben, an dem Freude aufkommt.

„Sie hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen“, das verstehe ich so: man kann miteinander an einem Tisch sitzen und miteinander essen, ohne dass man einen Groll aufeinander hegt. Dabei lege ich die Betonung auf „hegt“. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es nicht auch Konflikte in einer solchen Gemeinschaft gab. Aber wenn man miteinander isst und trinkt, ist es leichter, offener füreinander zu sein. Man muss Probleme, die man miteinander hat, nicht mehr hegen und pflegen, sondern fängt an, sie abzubauen. Vielleicht einfach dadurch, dass man sich von einer anderen Seite kennen lernt als im Stress des Alltags.

Wir singen das Lied 591:
Einsam bist du klein

Vorhin haben wir von den Kindern gesprochen, die allein essen oder nicht genug zu essen bekommen. Aber auch wenn man alt wird und allein lebt, können die Mahlzeiten zum Problem werden. Sei es, dass man nicht mehr selber kochen kann oder dass man immer nur allein zu Hause vor seinem Teller sitzt.

In der Nordstadt gibt es seit einiger Zeit für ältere Mitbürger die Gelegenheit, im Nordstadtzentrum gemeinsam mit anderen zu Mittag zu essen.

Auch in einem Altenheim, in das man in der Regel nicht ganz freiwillig umzieht, kann das gemeinsame Essen eine Gelegenheit sein, um noch einmal ganz neu den Kontakt mit anderen Menschen aufzunehmen.

Zum Beispiel gibt es ein Heim in der Nähe von Gießen, wo man kleine Wohngruppen von bis zu sechs Personen zusammen bildet, die ihre Mahlzeiten miteinander einnehmen. So erfahren sie in der Gemeinschaft das Leben als lebenswert.

Als meine Mutter sich entschied, ihre Wohnung aufzugeben und in ein Heim zu ziehen, fand sie sofort am ersten Tag Kontakt zu den beiden Damen, die bei ihr am Tisch saßen, und aus dieser Mahlgemeinschaft entstand so etwas wie Freundschaft: man spielte und redete miteinander, ging gemeinsam spazieren, man war füreinander da, ob es einem gut oder schlecht ging.

Und noch ein persönliches Erlebnis zum Thema Mahl-Zeit: Als Kind brachte ich manchmal meinem Vater einen Henkelmann mit Mittagessen auf die Arbeit. Meine Mutter kochte jeden Mittag warm und mein Vater, der Schichtarbeit leistete, sollte auch davon essen können.

Was ich damals nicht verstand, was mich aber beeindruckte: die Arbeitskollegen wünschten sich nicht „Guten Appetit“ wie wir zu Hause, sondern sie sagten lautstark: „Mahlzeit!“ Meine Mutter erklärte mir, dass man sich früher „Gesegnete Mahlzeit“ gewünscht hatte. Auf dem gemeinsamen Essen sollte Gottes Segen ruhen, man sollte gestärkt sein für die weitere Arbeit, und man sollte im Frieden zusammenarbeiten können. Die Arbeiter wollten wohl nicht fromm erscheinen oder sie wussten nichts mit dem Wort „Segen“ anzufangen, deshalb ließen sie das „Gesegnete“ weg und sagten nur „Mahlzeit“. Aber wenn ich dem genau nachspüre, dann höre ich noch heute den Segen heraus aus diesem gepfefferten „Mahlzeit“ im Munde der Arbeitskollegen meines Vaters.

In diesem Sinne wünsche ich uns nun eine gesegnete Abendmahlsfeier und anschließend eine gesegnete Mahlzeit beim Grüne-Soße-Essen. Amen.

Wir singen gemeinsam das Lied 229:
Kommt mit Gaben und Lobgesang

Hören Sie nun die Einsetzungsworte Jesu zum Abendmahl, wie im letzten Jahr wieder in gesungener Form.

An zwei Stellen bitte ich Sie, mitzusingen, und zwar zuerst dort, wo ich singe: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit“, da wiederholen Sie bitte dieses Stück mir mir gemeinsam. Und ganz am Schluss, wenn ich singe: „Dem Vater werde alle Ehre und Herrlichkeit“, singen Sie bitte mit mir gemeinsam „in alle Zukunft, Amen, durch Christus, in alle Zukunft, Amen, mit Christus, in alle Zukunft, Amen, in Christus, in alle Zukunft, Amen.“

Er nahm am Abend, bevor er zum Leiden ging…

Gemeinsam beten wir vor dem Abendmahl das Gebet Jesu um das Kommen seines Reiches, in dem Friede herrscht statt Krieg, Vergebung statt Rache, Liebe statt Hass, Sattwerden statt Hungern, Ermutigung statt Demütigung:

Vater unser

Wir singen vor dem Abendmahl das Lied 582:

Lasst uns Brot brechen und Gott dankbar sein

Nehmt und gebt weiter, was euch geschenkt ist – das Brot des lebendigen Leibes der Liebe Gottes. Erfahrt das Heilige Mahl als Zeit der Gemeinschaft!

Herumreichen des Korbs

Empfangt den Kelch und trinkt ihn aus, so wie Jesus den Kelch des Leidens austrinken musste bis auf den Grund. Spürt, wie euer Durst nach Vergebung gestillt wird, wie euer Leben durch Christus neu werden kann. Schmeckt die gesegnete Mahlzeit des Herrn!

Austeilen der Kelche

Ein Betrübter hat nie einen guten Tag; aber ein guter Mut ist ein tägliches Fest[mahl] (Sprüche 15, 15).

Im Leib Christi muss niemand betrübt bleiben. Wo einer des anderen Last trägt, wo einer sich Lasten durch den anderen abnehmen lässt, da kann jeder guten Mut gewinnen.

Wir beten, indem wir zwischen den Fürbitten die Verse des Liedes 632 singen:

Guter Gott, wir bitten dich für Kinder, Jugendliche und Erwachsene in Familien aller Arten, dass sie gemeinsame Mahl-Zeiten als Segen erfahren: Als Zeit zum Sattwerden für den Leib und die Seele, als Zeit fürs Miteinanderreden und Miteinanderfreuen.

Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht

Barmherziger Gott, wir bitten dich für Menschen, die Not leiden mitten in unserem reichen Land, dass sie Hilfe erfahren und dabei ihre Würde bewahren.

Wenn das Leid jedes Armen uns Christus zeigt

Großer Gott, wir bitten dich für Menschen, die sich abgeschoben fühlen, weil sie auf fremde Hilfe in einem Heim angewiesen sind. Hilf ihnen, die Hilfe als Segen anzunehmen und offen zu sein für neue Kontakte und auch für Versöhnung mit den Angehörigen.

Wenn die Hand, die wir halten, uns selber hält

Allmächtiger Gott, wir bitten dich für Menschen, die sterben müssen oder einen geliebten Menschen verloren haben. Begleite und trage sie mit deinem Trost.

Wenn der Trost, den wir geben, uns weiter trägt

Ewiger Gott, lass uns am Karfreitag und an Ostern neu begreifen, was dein Sterben und deine Auferstehung für uns bedeuten. Amen.

Wenn das Leid, das wir tragen, den Weg uns weist

Vor dem Grüne-Soße-Essen, zu dem Frau Irena Burk, Frau Lieselotte Schau und Frau Gabriele Schulz Grüne Soße beigesteuert haben, bitten wir Gott um seinen Segen:

Unser Herr Jesus Christus, geboren von der Jungfrau Maria, segne dich und behüte dich. Der Gott Abrahams und Saras lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Die Kraft des heiligen Geistes erfülle dich mit Gottvertrauen und Liebe und gebe dir Gottes Frieden. Amen.

Grüne-Soße-Essen

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