Ins Gerede kommen wie Zachäus und Jesus

Wenn jemand Hilfe sucht, geht manchmal das Gerede der Leute erst richtig los. Schlimm wird es, wenn einer im Dorf es nicht wagt, sich über seine innere Not auszusprechen, weil er Angst hat, es werde weitererzählt. Oder haben wir Angst, ins Gerede zu kommen, wenn wir jemandem helfen, über den sich die Leute das Maul zerreißen?

Wie leicht kommt man ins Gerede anderer Leute: Zwei Mädchen tuscheln über ein anderes Mädchen hinter deren Rücken

Wie leicht kommt man ins Gerede anderer Leute… (Bild: Baruska – pixabay.com)

Gottesdienst am Sonntag, 19. Juni 1983, in Weckesheim, Reichelsheim und Dorn-Assenheim
Lieder: 264, 1-3 / 244, 1-4 / 262, 1+10+11 / 223, 1+4
Gnade und Friede sei mit uns allen von Gott, unserem Vater und Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

Wir hören den Text zur Predigt aus dem Evangelium nach Lukas 19, 1-10:

1 Und er ging nach Jericho hinein und zog hindurch.

2 Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich.

3 Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt.

4 Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen.

5 Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren.

6 Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden.

7 Als sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt.

8 Zachäus aber trat vor den Herrn und sprach: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.

9 Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist Abrahams Sohn.

10 Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Herr Jesus Christus! Kehrst du auch bei uns ein? Hilfst du uns, umzukehren? Darum bitten wir dich! Amen.

Liebe Gemeinde!

Wer von uns hat noch nie Angst davor gehabt, dass andere Leute über ihn reden? Die meisten finden es schlimm, ins Gerede zu kommen, nur manchen macht das wenig oder gar nichts aus. Es ist dann oft bequemer, sich so zu verhalten, dass man keinen Anstoß erregt. Der Preis, den man dafür zahlen muss, kann allerdings sehr hoch sein: dass man eine Maske trägt, statt sich zu zeigen, wie man wirklich denkt und fühlt; dass man nicht so lebt, wie man es eigentlich möchte; dass man ein schlechtes Gewissen hat, weil man eigentlich konsequenter und mutiger für bestimmte Dinge eintreten wollte, als man es tatsächlich tut.

Unsere biblische Geschichte erzählt von zwei Männern, die ins Gerede kommen. Über den einen wird schon lange nur das Schlimmste verbreitet. Zachäus ist als Chef der Zolleinnehmer mindestens ebenso unbeliebt wie heute ein Finanzbeamter. Hinzu kommt, dass seine Tätigkeit nicht wie in unserem Steuerwesen durch Gesetze eingeschränkt ist: er hat für seinen Zollbezirk, den er von den Römern gepachtet hat, eine bestimmte Summe abzuliefern; wieviel er aber tatsächlich von seinen Unterzöllnern eintreiben lässt, und wieviel er davon in die eigene Tasche stecktt, das bleibt ihm und seiner Habgier weitgehend selbst überlassen. Zachäus müssen wir uns als einen für seine Umgebung durch und durch unsympathischen Mann vorstellen.

Wie er so geworden ist, wissen wir nicht. Vielleicht aufgrund eines Teufelskreises: sein Beruf ist allgemein verachtet, bietet ihm aber zugleich die Möglichkeit, es den anderen heimzuzahlen, denn Macht besitzt er ja. Vielleicht sucht er auch durch Reichtum und das Auskosten seiner Macht etwas anderes auszugleichen, was er nicht erfahren hat: denn es wird erwähnt, dass er klein ist, und es mag sein, dass er sich auch klein und minderwertig fühlt.

Wie dem auch immer sei: jedenfalls reden die Leute über ihn. Der kleine Giftzwerg, wie sie ihn heute nennen würden, der Oberbetrüger und Obergauner sorgt immer wieder für neuen Gesprächsstoff. Er ist ein schlechter Mensch, heute würde man sagen: den kannste vergessen, den kannste abhaken. Es ist einer von denen, über die man sagt: Den änderst du nicht mehr! Geh ihm lieber aus dem Weg!

Ich kenne Menschen, denen ich auch lieber aus dem Weg gehen würde, als mit ihnen zu sprechen. Menschen, die sich so verhalten, dass man sich ständig über sie aufregt, die einen ausnutzen, die einen verletzend behandeln, die immer ein großes Mundwerk haben, die so tun, als wäre man Luft für sie.

So etwas kennen wir, das ist normal, dass es solche Leute gibt, und dass wir meinen, sie könnten sich sowieso nicht ändern, ist auch nicht ungewöhnlich. Ungewöhnlich scheint es nur zu sein, dass so einer in einer Geschichte der Bibel vorkommt. Er will unbedingt Jesus sehen. Vielleicht aus einer Sehnsucht heraus, sich irgendwie helfen zu lassen.

Aber wenn jemand Hilfe sucht, geht manchmal das Gerede der Leute erst richtig los. Auch wir mischen dabei manchmal kräftig mit. Schlimm wird das Reden über Menschen immer dann, wenn dabei jemand abgestempelt wird, wenn einer bei seiner Schlechtigkeit behaftet wird, wenn einem kein Ausweg mehr gelassen wird. Schlimm wird es auch dann, wenn einer im Dorf es nicht wagt, sich über seine innere Not auszusprechen, weil er Angst hat, es werde weitererzählt. Machen wir uns lustig über jemanden, der Hilfe bei jemand anderem sucht? Geht es uns selbst gegen die Ehre, Hilfe zu erbitten bei einer Beratungsstelle, beim Pfarrer, bei einem Freund? Sagen wir uns: die Leute könnten denken, der hat‘s ja auch nötig?

Zachäus damals wäre beinahe gar nicht ins Blickfeld Jesu geraten. Er ist ja zu klein. Und in die Nähe Jesu, in die vorderste Reihe der Zuschauer am Straßenrand, will man ihn nicht lassen. Hier hat er einmal nicht die erste Geige zu spielen. Hier ist man ja nicht beim Zoll. Soll er doch hinten sehen, wo er bleibt. Da steigt Zachäus auf einen Baum. Ihm ist jetzt alles egal. Soll er sich doch wegen Jesus noch einmal blamieren. Sollen sie doch lachen über den Oberzöllner im Maulbeerbaum. Wie auch immer, Zachäus überwindet die Angst, er will sehen, was für ein Mensch Jesus ist.

Was war denn Jesus für ein Mann? Ich glaube nicht, dass er wie mit Röntgenaugen gleich über alles Bescheid weiß. Ich glaube nicht, dass wir aus Jesus einen Übermenschen machen sollten, der hellseherische Fähigkeiten besessen hätte. Ich glaube vielmehr, dass Jesus genau hingesehen und genau hingehört hat. Jesus sieht wohl schon von weitem den Mann auf dem Baum. Er hört wohl schon das Gemurmel und die abfälligen Bemerkungen über den Obergauner. Er spürt, dass da einer ausgeschlossen ist. Er fühlt, dass hinter der Maske des kalten Geschäftsmanns, des verbitterten Außenseiters, ein nach Anerkennung und Liebe hungriger, ja völlig ausgehungerter Mensch um Hilfe schreit.

Darum tut Jesus etwas für seine Umgebung völlig Unverständliches. Er kümmert sich nicht weiter um die vielen Menschen, die seine Predigt hören wollen. Er bleibt in der Nähe des Maulbeerhaums stehen und schaut hinauf. Alle Umstehenden, schauen jetzt sicher auch verwundert dorthin. Von allen angeblickt, wird sich Zachäus bestimmt nicht wohl in seiner Haut gefühlt haben. Was würde jetzt kommen? Würde Jesus ihm die Leviten lesen? Ihm seine Betrügereien vorhalten? Nein, Jesus schaut, ihn an und redet ihn an: „Zachäus, komm schnell herunter, ich muss heute dein Gast sein!“

Damit kommt nun auch der zweite Mann in dieser Geschichte ins Gerede. Jesus zieht die Entrüstung der Leute auf sich, dass er bei so einem schlechten Menschen einkehrt. Jesus wagt viel. Er weiß ja nicht, wie Zachäus reagieren wird. Er kann ahnen, dass er sich einen großen Teil der Volksmenge zu Feinden machen wird.

Doch nur durch dieses Wagnis kann das Wunder geschehen, das dann berichtet wird. Zachäus ändert sich. Er empfindet Freude. Er kann sich wieder freuen! Jesus finde ihn so wichtig, dass er sein Gast sein will! Zachäus beginnt, sich auch wichtig zu finden. Und er gibt seinen halben Besitz den Armen und macht den Schaden wieder gut, den er durch seine Betrügereien angerichtet hat. Er hat gemerkt: Jesus kommt nicht deshalb zu mir, weil er meine Fehler gutheißt. Hinter seine Fassade von Gaunerei, Bosheit, Minderwertigkeitsgefühl und Verbitterung hat Jesus geblickt, und so hat auch Zachäus sich selbst erst wieder richtig erkannt er ist nämlich liebebedürftig und will auch anderen gern Liebe schenken; er sehnt sich nach Anerkennung und menschlicher Wärme UND weiß, dass er sich das mit all seinem Reichtum nicht kaufen kann.

Wie sind wir hier in der Kirche? Sind wir gekommen, um Jesus zu sehen, um etwas von ihm mitzubekommen, um zu hören, wie er wirklich war? Wie geht es uns, wenn wir hören, dass Jesus uns anschaut, wie den Zachäus? Wenn er uns sagt: Ich muss heute dein Gast sein! Spüren wir, wie er hinter unsere Masken schaut? Wie er durch den Panzer hindurch, den wir schützend um uns gelegt haben, uns sieht, wie wir wirklich sind? Spüren wir, dass er sieht, was wir wirklich brauchen, wonach wir uns sehnen? Kommt uns jetzt manches fragwürdig vor in der Art, wie wir uns voreinander schützen, wie wir voreinander weglaufen, wie wir einander wehtun aus Angst voreinander, wie wir so tun, als bräuchten wir nichts von einem anderen Menschen? Wird uns bewusst, wie wir unsere Offenheit für andere Menschen vorsichtig einschränken?

Wenn wir uns vorstellen, Jesus könnte uns anschauen wie diesen Obergauner Zachäus – würden wir überhaupt voller Freude ihn mit zu uns nach Hause nehmen? Sind wir denn so wie Zachäus? Leiden wir darunter, dass wir eigentlich anders sein möchten, als wir sind? Oder gehören wir eher zu den Zuschauern, die den Zachäus als einen Fall für sich betrachten, die sich selber aber nicht in Frage stellen würden? Können WIR uns ändern? MÜSSEN wir uns überhaupt ändern? Gilt die Losung des Kirchentages auch für uns, müssen wir „umkehren zum Leben“? Sind wir auch auf der Flucht vor dem Leben?

Lassen wir uns anschauen von Jesus; benutzen wir unsere Phantasie dazu, uns das vorzustellen, wie er uns anschaut! Lassen wir uns von ihm entdecken, wie wir auf unseren Fluchtwegen unterwegs sind – auf der Suche nach Gesundheit um jeden Preis, auf der Suche nach einem privaten Glück ohne Beunruhigungen, auf dem Weg einer coolen Lässigkeit, auf dem Weg des Misstrauens und notfalls der Gewalt!

Jesus will Gast bei uns sein. Wir brauchen nicht zu fliehen. Was uns Probleme macht, können wir miteinander offen besprechen. Menschliche Nähe und Wärme, die wir brauchen, können wir einander geben. Jesus gibt uns die Gewissheit, dass wir nicht allein dabei sind. Für ihn sind wir wichtig, auch wenn wir in die Irre gelaufen sind. Er hält uns Fehler nicht vor, sondern ermutigt uns, nicht immer wieder die gleichen Fehler zu machen.

Es ist also gut, das, was Zachäus erfährt, zu allererst einmal auf uns selbst anzuwenden. Wenn wir wissen, dass Jesus so mit uns umgeht wie mit Zachäus, dann können wir auch besser mit den vielen Unsympathischen umgehen, die mit uns zusammenleben. Wir können sie auf Fehler ansprechen, statt immer nur in ihrer Abwesenheit über sie herzuziehen. Wir können fragen: warum bist du so, was brauchst du von mir? Und wenn schon ÜBER andere gesprochen wird, können wir uns einmischen, indem wir das Gespräch in die Richtung lenken: wie kann ihm denn geholfen werden? was täten wir an seiner Stelle? wie mag er sich in seiner Haut fühlen?

Denn wir alle sind wie Zachäus, auch wenn wir das Glück haben, weniger im Gerede zu sein und mehr Anerkennung zu erfahren. Es ist manchmal nur um so schwerer, sich zu ändern, sich helfen zu lassen, wenn man seine eigenen Macken und Fehler gar nicht erkennt. Das ist das Traurige an der Geschichte vom Zachäus: dass da so viele sind, die sich nur entrüsten können, und die nicht erkennen, wie es um sie selber steht. Es ist gut, wenn wir Gott bitten können: Schau hinter meine Maske, sieh meine Fehler nicht an, obwohl sie schwerwiegend sind, schau, was ich brauche, nimm mich ernst, hab mich lieb und mach mich zu einem Menschen, der lieben und seine Fehler überwinden kann! Amen.

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