Herzlich willkommen auf der Erde!

Jesus blickt tiefer in die Seele des Kranken, als der je zu schauen gewagt hätte: unbewusst, ohne böse Absicht, hatte er ein für ihn bequemes Spiel gespielt: Ich bin sowieso zu nichts nütze, dann bin ich auch für nichts verantwortlich. Das will Jesus nicht unterstützen. Mit genug Ermutigung und Rückenstärkung kann der Gelähmte nämlich durchaus auf eigenen Füßen stehen.

Ein Herz aus Ton mit Rosen-Verzierung und der Aufschrift "Herzlich willkommen"

Jeder Mensch sollte auf der Erde herzlich willkommen geheißen werden! (Bild: pixabay.com)

#predigtTaufgottesdienst am 19. Sonntag nach Trinitatis, den 26. Oktober 2003, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen
Musik und Einzug der Tauffamilie mit den Paten

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Herzlich willkommen in der Pauluskirche zum Taufgottesdienst, den wir ausnahmsweise am letzten Sonntag im Monat feiern. Herzlich willkommen heißen wir vor allem … mit seinen Eltern und Paten, denn er wird heute getauft.

„Herzlich willkommen auf der Erde!“ lautet auch das Thema dieses Gottesdienstes. Sind wir willkommen in dieser Welt, in der sich viele verloren und einsam vorkommen, als wäre es besser, überhaupt nicht geboren zu sein? Gerade in einem Taufgottesdienst antworten wir mit „Ja“ auf diese Frage: Niemand muss sich dafür schämen, so zu sein, wie er ist oder überhaupt auf der Welt zu sein, denn diese Welt gehört Gott und er hat uns wunderbar erschaffen.

Lied 506, 1+4+5:

1. Wenn ich, o Schöpfer, deine Macht, die Weisheit deiner Wege, die Liebe, die für alle wacht, anbetend überlege: so weiß ich, von Bewundrung voll, nicht, wie ich dich erheben soll, mein Gott, mein Herr und Vater.

4. Dich predigt Sonnenschein und Sturm, dich preist der Sand am Meere. Bringt, ruft auch der geringste Wurm, bringt meinem Schöpfer Ehre! Mich, ruft der Baum in seiner Pracht, mich, ruft die Saat, hat Gott gemacht; bringt unserm Schöpfer Ehre!

5. Der Mensch, ein Leib, den deine Hand so wunderbar bereitet, der Mensch, ein Geist, den sein Verstand dich zu erkennen leitet: der Mensch, der Schöpfung Ruhm und Preis, ist sich ein täglicher Beweis von deiner Güt und Größe.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten mit Psalm 139:

13 Du[, Gott,] hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe.

14 Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.

15 Es war dir mein Gebein nicht verborgen, als ich im Verborgenen gemacht wurde, als ich gebildet wurde unten in der Erde.

16 Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Gott, bin ich wirklich wunderbar gemacht, auch wenn ich Fehler habe und Fehler mache? Bin ich wirklich ein wichtiger Teil im Plan deiner Schöpfung, so wichtig, dass du mich und meine Eigenart schon im Auge hattest, als ich noch gar nicht am Leben war? Wenn dir alle Kinder willkommen sind auf deiner Erde, warum geht es dann nicht allen Kindern gut?

Ach Gott, wenn ich zweifle, ob ich ein Recht habe, da zu sein, so wie ich bin, dann bin ich wie gelähmt und ich kann mich kaum einen Schritt vorwärts bewegen. Und das furchtbare Leid und Unrecht in deiner Welt – ist es nicht zum Verzweifeln? Wir rufen zu dir, Gott:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Der Prophet Jesaja spricht (Jesaja 35):

3 Stärket die müden Hände und macht fest die wankenden Knie!

4 Saget den verzagten Herzen: »Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt… und wird euch helfen.«

5 Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden.

6 Dann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch, und die Zunge der Stummen wird frohlocken.

10 Die Erlösten des HERRN werden wiederkommen…; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende.

Der Herr sei mit euch! „Und mit deinem Geist!“

Gott, schenke mir Klarheit über mein Leben – und: über deine Liebe! Mach uns bewusst, dass wir in deiner Welt willkommen sind, damit unsere Kinder mit dem gleichen Urvertrauen aufwachsen können. Hilf uns, dass wir barmherzig mit uns selber umgehen, damit wir fähig werden, diese Welt ein bisschen menschlicher zu machen. Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören in der Schriftlesung einen Abschnitt aus dem Evangelium nach Markus 2, 1-12, über den Herr Pfarrer Schütz nachher predigen wird:

1 Nach einigen Tagen ging [Jesus] wieder nach Kapernaum; und es wurde bekannt, dass er im Hause war.

2 Und es versammelten sich viele, so dass sie nicht Raum hatten, auch nicht draußen vor der Tür; und er sagte ihnen das Wort.

3 Und es kamen einige zu ihm, die brachten einen Gelähmten, von vieren getragen.

4 Und da sie ihn nicht zu ihm bringen konnten wegen der Menge, deckten sie das Dach auf, wo er war, machten ein Loch und ließen das Bett herunter, auf dem der Gelähmte lag.

5 Als nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Mein Kind, deine Sünden sind dir vergeben.

6 Es saßen da aber einige Schriftgelehrte und dachten in ihren Herzen:

7 Wie redet der so? Er lästert Gott! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein?

8 Und Jesus erkannte sogleich in seinem Geist, dass sie so bei sich selbst dachten, und sprach zu ihnen: Was denkt ihr solches in euren Herzen?

9 Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Steh auf, nimm dein Bett und geh umher?

10 Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf Erden – sprach er zu dem Gelähmten:

11 Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim!

12 Und er stand auf, nahm sein Bett und ging alsbald hinaus vor aller Augen, so dass sie sich alle entsetzten und Gott priesen und sprachen: Wir haben so etwas noch nie gesehen.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja.“

Lied 206, 1+4+5:

1. Liebster Jesu, wir sind hier, deinem Worte nachzuleben; dieses Kindlein kommt zu dir, weil du den Befehl gegeben, dass man sie zu dir hinführe, denn das Himmelreich ist ihre.

4. Hirte, nimm das Schäflein an; Haupt, mach es zu deinem Gliede; Himmelsweg, zeig ihm die Bahn; Friedefürst, sei du sein Friede; Weinstock, hilf, dass diese Rebe auch im Glauben dich umgebe.

5. Nun wir legen an dein Herz, was vom Herzen ist gegangen. Führ die Seufzer himmelwärts und erfülle das Verlangen; ja den Namen, den wir geben, schreib ins Lebensbuch zum Leben.

Liebe Tauffamiliem, liebe Taufpaten, liebe Gemeinde!

„Herzlich willkommen auf der Erde!“ So habe ich diesen Gottesdienst thematisch überschrieben. … ist ein Kind, das Sie in Ihrer Familie herzlich willkommen geheißen haben und das auch hier in der Kirche willkommen ist – auch wenn Sie sich gefragt haben, ob er mit seinen drei Jahren nicht vielleicht zu viel Unruhe hier herein bringt. Aber in Taufgottesdiensten erfahren wir oft, wie wahr das Wort der Bibel ist, dass aus dem Mund der Unmündigen das Lob Gottes erschallt.

Aber wie willkommen sind Kinder in einem Land wie Deutschland, das zu den reichsten der Welt gehört und in dem dennoch immer mehr Menschen Singles bleiben und sich fragen, ob man in eine so ungerechte und bedrohte Welt überhaupt noch Kinder setzen darf?

Willkommen sind Kinder dort, wo auch Eltern trotz allem gerne leben, wo sie sich geliebt und bejaht fühlen und ihre Probleme gemeinsam meistern – gemeinsam in der Familie und mit Freunden und vielleicht auch eingebunden in eine größere Gemeinschaft wie der Kirche, die heute auch Sie als Patinnen und Paten in die Verantwortung für dieses Kind mit einbindet.

Willkommen sind Kinder in einer Welt, in der Liebe nicht nur ein Wort ist. Sie haben für … einen Taufspruch aus 1. Korinther 13, 13 ausgewählt, der diesen Gedanken auf den Punkt bringt:

Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

Eine Welt, in der Glaube, Hoffnung und Liebe möglich sind, ist nicht verloren. Ein Mensch, der glauben kann, hat feste Wurzeln in Gott, obwohl in unserer Zeit alle Werte und Überlieferungen ins Schwimmen geraten sind. Ein Mensch, der hoffen kann, wird nicht verzweifeln, auch wenn niemand die Zukunft in rosigen Farben ausmalen kann. Ein Mensch, der lieben kann, verändert die Welt an dem Ort, an dem er lebt; er antwortet auf den Einwand, in einer grausamen Welt sei keine Liebe möglich, indem er dennoch Liebe übt.

Wie aber ist es möglich, dieses Dennoch durchzuhalten? Wie schaffen wir es und wie können wir es unseren Kindern zumuten, zu glauben, zu hoffen und zu lieben? Das geht nach christlicher Überzeugung nur darum, weil Gott uns zuerst geliebt hat, weil er unser Vertrauen verdient, weil er, der nicht gefangen ist in den Zwängen unserer Welt, stärker ist als alle diese Zwänge und sogar Sünde, Tod und Teufel zu überwinden vermag.

Da kam ein Mensch in diese Welt, Jesus mit Namen, der lebte ein unerschöpfliches Gottvertrauen und sagte: Folgt mir darin nach! Vertraut auf Gott, dass er ein barmherziger Vater ist. Alles andere kommt dann von selbst. Ihr werdet hoffen können und weil ihr geliebte Kinder dieses Gottes seid, könnt ihr auch lieben. Jesus zeigte, dass es möglich war – zu vertrauen und zu lieben bis zum Äußersten, bis zur Hingabe seines Lebens für Freunde und Feinde. Für ihn wie für die, die an ihn glauben, ist er im Tod nicht gescheitert, sondern sein Tod ist zum Symbol des ewigen Lebens geworden – wir dürfen hoffen, nicht nur in dieser Welt und für diese Welt, sondern über diese Welt hinaus.

Wir taufen unsere Kinder, weil wir auf Gott, den Vater, vertrauen, weil in Jesus die Liebe des Vaters greifbar geworden ist, weil Gottes Heiliger Geist in uns den Glauben, die Hoffnung und die Liebe wachsen lässt. Lasst uns das Vertrauen auf Gott nun gemeinsam mit den alten Worten des Glaubensbekenntnisses aussprechen, stellvertretend auch für unser Taufkind:

Glaubensbekenntnis und Taufe
Lied 203:

1. Ach lieber Herre Jesu Christ, der du ein Kindlein worden bist, von einer Jungfrau rein geborn, dass wir nicht möchten sein verlorn,

2. du hast die Kinder nicht veracht‘, da sie sind worden zu dir bracht, du hast dein Händ auf sie gelegt, sie schön umfangen und gesagt:

3. »Die Kinder lasset kommen her zu mir, ihn‘ niemand solches wehr, denn solcher ist das Himmelreich, die man mir bringt, beid, arm und reich.«

4. Ich bitt, lass dir befohlen sein, ach lieber Herr, dies Kindelein, behüte es vor allem Leid und alle in der Christenheit.

5. Durch deine Engel es bewahr vor Unfall, Schaden und Gefahr; erbarm dich seiner gnädiglich, gib deinen Segen mildiglich.

6. Gib Gnad, dass es gerate wohl zu deinen Ehrn und Wohlgefalln, auf dass es hier gottseliglich, hernach auch lebe ewiglich.

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde! „Herzlich willkommen auf der Erde!“ so werden leider nicht alle Kinder von ihren Eltern begrüßt. Nicht willkommen zu sein, das erfahren in ihrem Leben viele Menschen. Gehänselt wegen ihres Aussehens oder weil sie sich nicht alles leisten können. Übrig auf dem Arbeitsmarkt, weil nur schwer oder gar nicht vermittelbar. Abgestempelt als behindert oder als Alkoholiker, als Obdachloser oder ehemaliger Knacki – das Nicht-Willkommen-Sein kann viele Gründe haben.

In der Jesusgeschichte, die wir vorhin gehört haben, wird so ein unwillkommener Mann zu Jesus gebracht. Er kann nicht allein zu ihm kommen, denn er ist gelähmt, vier Männer tragen ihn auf seinem Bett durch die Gegend. Und das Haus in Kapernaum, in dem sich viele Menschen drängeln, um Jesus predigen zu hören, hat keinen behindertengerechten Zugang; wie sollen die Freunde des Gelähmten sich mit dem Bett durch die Menge schieben? Niemand lässt sie durch, für einen Behinderten ist kein Platz im Haus.

„Ich komme nicht durch – ich bin nicht willkommen!“ Das ist die Ausgangssituation des Mannes in dieser Geschichte. Ich denke, das ist auch die Ursache für seine Krankheit, eine Lähmung, die von der Seele her auf den Körper übergreift. War er ein Kind, das von Anfang an keine liebevolle Ansprache und Liebkosung erfuhr? Musste er sich mit bohrenden Fragen quälen: Warum bin ich überhaupt auf der Welt? Habe ich ein Recht zu leben? Durfte er seine Bedürfnisse anmelden oder hat man ihm verboten zu schreien? Hat er es verlernt, seine Hände auszustrecken und seinen Mund aufzumachen? War er ein schwieriges Kind, wurde er ausgeschimpft und verprügelt, egal was er tat? Musste er sich für böse halten, für einen hoffnungslosen Fall? Steckte er fest im Teufelskreis: wenn er lieb und brav war, blieb er unbeachtet, machte er Dummheiten, wurde er bestraft?

„Ich komme nicht durch“, das mag der Mann schon immer erfahren haben, nicht nur hier in dieses Haus, nicht nur hier zu dem Mann, von dem er Hilfe erwartet. Schon immer war er nicht willkommen, schon immer ist er nicht durchgekommen mit dem, was er gebraucht hätte. Es hatte schon immer keinen Zweck gehabt, Gefühle zu zeigen, Wünsche zu äußern.

Ich denke, um trotzdem zu überleben, musste der Mann sich lähmen: Lieber sich betäuben, als in einem Meer von Schmerzen untergehen! Lieber nicht hoffen auf Nähe und Liebe, als immer wieder enttäuscht werden! Lieber gar nichts tun, als das Falsche zu tun.

So wirkt der Mann absolut hilflos, aber gerade darin steckt auch eine Stärke! Seine Lähmung ist für mitleidige Menschen ein Signal: Dem Mann muss geholfen werden! Mit einer Art Totalrückzug aus jeder Verantwortung schafft er es, vier Männer dazu zu bringen, dass Sie ihn tragen und sich für ihn den Kopf zerbrechen. Ja, sogar glauben tun sie stellvertretend für ihn, als sei er ein unmündiges Kind – denn Jesus sieht ihren Glauben, den Glauben der vier Männer, den Glauben des Mannes kann er zunächst nicht erkennen. Nicht nur an seinen Beinen ist der Mann gelähmt, sondern in seiner ganzen Persönlichkeit. Weil in der Lähmung für den Mann so viel Stärke steckt, ist es schwer für ihn, gesund zu werden. Wo ist ein Ausweg aus dem Teufelskreis von Nicht-Willkommen-Sein und Lähmung, von den bequemen Vorteilen, die das Lahmsein bietet und seiner totalen Abhängigkeit?

Die vier Helfer des Gelähmten haben eine geniale Idee. Sie decken das Dach auf, wo Jesus ist, machen ein Loch und lassen das Bett mit dem Gelähmten herunter.

Damit tun sie ein Doppeltes: Vordergründig finden sie einen Weg, Jesus doch noch den Kranken im wahrsten Sinne des Wortes vor die Füße zu legen. Zugleich erfüllen sie symbolisch den unbewussten Wunsch des Kranken, niemals geboren worden zu sein, nämlich den Wunsch, in die Geborgenheit des Mutterleibes zurückzukehren: Sie machen ein Loch in ein Gebäude, wo sonst kein Loch ist, sie stoßen vor in einen Raum, der von allen Seiten umschlossen und sonst nicht zugänglich ist, sie lassen den Kranken in eine Tiefe hinunter, in der er ganz im Mittelpunkt ruht und sich geborgen fühlt wie in Abrahams Schoß oder eben wie im Mutterleib.

Für diese Deutung spricht, dass Jesus den Kranken in der Tat so behandelt, als sei er ein Kind voller Sehnsucht nach Leben, Freiheit und Bewegung. Er redet den erwachsenen Mann nämlich als Kind an: „Als nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: mein Kind, deine Sünden sind dir vergeben.“

So nimmt Jesus beides ernst: dass der Kranke sich in eine kindliche Welt geflüchtet hat, in der er für nichts verantwortlich war, und zugleich, dass er in Wirklichkeit erwachsen ist und endlich Verantwortung für sich übernehmen sollte. Jesus hätte auch mit den Helfern über den Kranken reden können, aber nein: er spricht den Kranken selbst an. Du bist verantwortlich für dein Leben, sagt ihm Jesus erst recht dadurch, dass er ihm kurzerhand seine Sünden vergibt – ja, aber welche Sünden denn? War er nicht hilflos und unschuldig wie ein Kind?

Jesus blickt tiefer in die Seele des Kranken, als der je zu schauen gewagt hätte: unbewusst, ohne böse Absicht, hatte er ein Spiel gespielt, das für ihn auch irgendwie bequem war: Ich bin sowieso zu nichts nütze, dann bin ich auch für nichts verantwortlich. Das will Jesus nicht unterstützen. Mit genug Ermutigung und Rückenstärkung kann der Gelähmte nämlich durchaus auf eigenen Füßen stehen und muss sich nicht herumtragen lassen.

Außerdem ist dieser Kranke in den Augen der Menschen nicht einfach eine bedauernswerte hilflose Person, nein, für die besonders Frommen im Lande ist seine Krankheit eine Strafe Gottes! Auch dieses Spiel spielt Jesus nicht mit: er versteht den Rückzug dieses Menschen aus einer Welt, die ihm das Leben zur Hölle macht. Er nimmt die Schuld von seinen Schultern, die ihm alle Welt bisher aufgelastet hat. Der Gelähmte ist kein von Gott gestrafter Mensch, er muss sich nicht dafür schämen, dass er überhaupt lebt, Jesus heißt ihn herzlich willkommen in der Welt!

Das finden einige fromme Herren, die dabei sitzen, unerhört. Sie denken in ihren Herzen: „Wie redet der so? Er lästert Gott! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein?“ Ihnen geht das Schicksal des Gelähmten nicht nahe. In ihrer engstirnigen Welt muss es im Leben dieses Mannes oder seiner Eltern irgendetwas gegeben haben, was faul war, sonst wäre er von Gott nicht so gestraft worden.

Jesus kennt diese Geisteshaltung, diese scheinheilige Frömmigkeit, durch die er selbst ans Kreuz genagelt werden wird. Er reagiert schnell auf ihre heimlichen Gedanken. Wer wirklich fromm sein will, der muss doch daran interessiert sein, dass dieser Gelähmte gesund wird an Leib und Seele, dass er weder in Sünde gefangen noch unnötig in seiner Freiheit behindert bleibt, sich frei zu bewegen. Darum fragt er: „Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Steh auf, nimm dein Bett und geh umher? Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf Erden“ – sprach er zu dem Gelähmten: „Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim!“ Bemerkenswert ist, dass sich Jesus mitten im Satz von den Schriftgelehrten abwendet und zum Kranken redet; der steht für ihn nämlich im Mittelpunkt, nicht eine theologische Streitigkeit.

Aber was ist nun wirklich schwerer: die Sündenvergebung oder die Heilung? Jesus will wohl sagen: Ihr haltet die Heilung dieses Mannes für unmöglich. Ihr haltet ihn ja auch für von Gott gestraft. Er darf also eigentlich gar nicht heil werden, sonst geriete euer Weltbild ins Wanken. Und ihr habt Recht: Sünden zu vergeben, ist nur Gott möglich, es ist also schwerer als alles auf der Welt. Darum gehört auch beides zusammen: Weil Gott diesem Mann vergibt, kann er sich aus seiner Erstarrung lösen. Weil Gott uns auf Erden willkommen heißt, sind wir frei, zu glauben und zu lieben und zu hoffen. Weil Gott die Hoffnung für diesen Gelähmten nicht aufgibt, kann er endlich anfangen zu fühlen und zu hoffen. „Und er stand auf, nahm sein Bett und ging alsbald hinaus vor aller Augen, so dass sie sich alle entsetzten und Gott priesen und sprachen: Wir haben so etwas noch nie gesehen.“

Auch ich staune über das, was da geschehen ist und was auch heute hier und da geschieht. Ich erlebe es manchmal mit, wie jemand anfängt zu spüren, dass er auf diese Welt hingehört, obwohl er immer gedacht hat, er habe gar kein Recht zu leben. Jedenfalls nicht ohne ganz viel dafür zu leisten. Aber wir dürfen da sein auf der Erde. Gott will das. Er will uns. Wir sind ihm willkommen, und wir dürfen wie der Kranke in der Geschichte hinausgehen aus der Enge in die Weite der Welt, hinausgehen an unsere Aufgaben, an unsere Verantwortung.

Dabei muss diese Verantwortung keine Überforderung sein. Denn auch für Erwachsene gibt es genug Hilfe, genug Liebe und Geborgenheit, Menschen, die unser Vertrauen nicht enttäuschen. Gott jedenfalls heißt uns mit offenen Armen auf dieser Erde willkommen und stellt uns an unseren Platz mit einem klaren Auftrag: zu glauben, zu hoffen und zu lieben. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.
Lied 235: O Herr, nimm unsre Schuld, mit der wir uns belasten

Gott, schenke uns Freiheit, wo wir uns lähmen mit ständigem Grübeln, ob wir auch alles richtig machen.

Schenke uns Freiheit, wo wir uns dafür schämen, auf deiner Erde zu leben und vieles zu brauchen und zu wünschen.

Schenke uns Freiheit, damit wir das kleine Stück Verantwortung tragen können, das du uns auferlegst an dem Platz, an dem wir leben.

Und wir danken dir dafür, Gott, dass wir ein Teil deines großen Plans sind, dass wir willkommen sind auf deiner Erde und dass du uns Kraft und Mut und fremde Hilfe schenkst, um unser Leben bewältigen zu können. Amen.

In der Stille bringen wir vor Gott, was wir außerdem auf dem Herzen haben:

Gebetsstille und Vater unser
Lied 629: Liebe ist nicht nur ein Wort
Abkündigungen

Und nun geht mit Gottes Segen. Vielleicht bleiben Sie auch noch ein wenig zusammen im Gemeindesaal bei Kaffee oder Tee.

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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