Nicht um jeden Preis von jedem Tabu lösen

Leserbrief zur Sendung des Norddeutschen Rundfunks vom 12. August 1982 „Frühe Sexualerziehung – Wie weit kann und soll sie gehen?“

Skulptur Mutter und Kind - in zärtlicher Geste verbunden

Mutter und Kind (Foto der Skulptur: pixabay.com)

Eine gute, anregende Sendung zu einem wichtigen Thema – allerdings mit einigen für mich ärgerlichen Punkten.

Gestört hat mich zum Beispiel, dass keiner der anwesenden Psychologen auf die nicht-sprachlichen Signale eingegangen ist (angstvolle Augen, schnelle Sprechweise), durch die Dorothea nach meinem Eindruck ihre lockeren Thesen zur tabufreien Sexualerziehung selbst in Frage stellte.

Schlimmer war aber, dass in einer Sendung mit der erklärten Frage nach den „Gefahren“ einer allzu freien Sexualerziehung nicht klar unterschieden wurde zwischen körperlicher Nähe und Zärtlichkeit, die – als nicht-sexuell gemeint – Kinder und auch Jugendliche zu ihrem seelischen Überleben von ihren Eltern notwendig brauchen, und einer sexuell verstandenen körperlichen Beziehung zwischen Eltern und Kindern.

Wenn Eltern ihre Kinder, und sei es auch unbewusst, in die Rolle eines Sexualpartners drängen, überfordern sie sich und fügen ihnen seelischen Schaden zu. Auf jeden Fall verlieren sie die Fähigkeit, ihren Kindern und Heranwachsenden den elterlichen Schutz zu geben, den sie ihm Ausprobieren ihrer Freiheit und Verantwortlichkeit brauchen, und lassen sie in ihren Konflikten in Wirklichkeit allein.

Dass es nicht darauf ankommt, sich um jeden Preis von jedem Tabu zu lösen, sondern im Bewusstsein der eigenen Gefühle und der eigenen elterlichen Schutzfunktion für sich und seine Kinder zu sorgen – das hat nach meinem Empfinden die eine Teilnehmerin bewundernswert zum Ausdruck gebracht, die von ihren Ängsten sprach und davon, wie sie als Mutter ihren beiden Töchtern ein wirkliches Gegenüber zu sein wagt.

Helmut Schütz, Reichelsheim/Wetterau

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