„Herr Pfarrer, warum haben Sie eigentlich nicht…?“

Ein ganzes Bild voller Papierstreifen, auf denen nur das Wort "STRESS" steht (Foto: pixabay.com)Vor einem Jahr, am 1. Junisonntag, vergaß ich den „Partnerschaftssonntag“, der zum erstenmal bei uns in Oberhessen angesagt war. Er sollte helfen, im geistlichen Austausch mit Christen in Nordindien die „Einbahnstraße“ zu überwinden, in der früher oft Ideen und Geld von hier in die „Missionsgebiete“ transportiert wurden. Aber bei mir ging das Thema einfach unter – wie vieles andere auch – im Gestrüpp von Pfarramtsterminen und unzähliger „unaufschiebbarer“ Gemeindeangelegenheiten. Nachträglich wurde ich von einer aufmerksamen Kirchenvorsteherin erinnert: „Warum haben Sie nicht wenigstens in der Fürbitte an Indien gedacht…?“

Das ist nur ein Beispiel von vielen. „Herr Pfarrer, warum haben Sie eigentlich nicht…?“ – solche Anfragen bekomme ich recht häufig zu hören, und oft stelle ich sie mir auch selber. Da weiß ich von Gemeindegliedern, die krank sind, und sie stehen auch auf meiner Besuchsliste, aber warten lasse ich sie trotzdem… Ich soll etwas für eine Festschrift schreiben, nur wann…? Oder mir liegt daran, dass ein bestimmtes aktuelles Thema in der Gemeinde nicht zu kurz kommt, in diesem Jahr z. B. die Erinnerung an das Geschehen in der „Reichskristallnacht“ vor 50 Jahren, aber ich müsste mich intensiver darauf besinnen können… Jugendarbeit, Erziehungsseminare, Erwachsenenbildung überhaupt – was könnte nicht noch alles aufgebaut werden, aber die Arbeitskraft von Mitarbeitern und vom Pfarrer reicht nicht aus… Was tun?

Es ist gut, wenn wir einander an die Dinge erinnern, die in unseren Gemeinden zu kurz kommen, die im Alltags- und Sonntagstrott untergehen. Mit offener Kritik – auch wenn sie schmerzt – ist jedenfalls besser umzugehen, als mit der Einstellung konfrontiert zu werden: „Ich setze mich erst wieder für die Gemeinde ein, wenn sich der Pfarrer ändert.“ Schlimm ist auch, wenn evangelische Gemeinden eine Werkgerechtigkeit praktizieren nach dem Motto: „Nur der perfekte Pfarrer, der Mitarbeiter, der schafft bis zum Geht-nicht-mehr, ist etwas wert!“ Wissen Sie, ob nicht auch Ihr Pfarrer ohnehin schon von einem dauerhaft schlechten Gewissen geplagt wird? Wer in der Kirche mitarbeitet, soll auch Freiräume kennen, in denen er nur für sich und seine Familie da ist. Aber nur wenige können wirklich einmal ganz „abschalten“ und sich auf etwas konzentrieren, was nicht mit der Arbeit zusammenhängt. Wie sagte noch Jesus? „Sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen“ (Matth. 6, 34).

Wie ist es mit Ihnen? Haben Sie selber noch etwas Zeit „übrig“ oder können Sie sie anders einteilen? Dann fragen Sie Ihren Pfarrer doch einfach mal auf eine andere Art: „Können Sie mich als Mitarbeiter brauchen? Ich hätte da einen Vorschlag…“

Zum Nachdenken am Samstag, 18. Juni 1988, in der Wetterauer Zeitung von Helmut Schütz, Reichelsheim/Wetterau

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