„Sammle meine Tränen in deinen Krug“

Trauerfeier für eine Frau, die in ihrem Leben viel Leid erfahren musste. Ich erinnere an ihre eigenen Tränen und an die Tränen der Trauer um sie, indem ich auf Worte des wunderschönen Psalms 56 eingehe.

Ein etwas beschädigter antiker Krug mit der Aufschrift "IS CHR NI KA" um ein Kreuz herum = "Jesus Christus siegt!"

Ein Krug mit der Aufschrift „IS CHR NI KA“ – „Jesus Christus siegt!“ (Bild: dimitrisvetsikas1969 – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Gemeinde, wir sind hier versammelt, um Abschied zu nehmen von Frau I., die im Alter von [über 70] Jahren gestorben ist.

Wir erinnern uns an ihr Leben. Wir stellen uns unseren Gedanken und Empfindungen, gehen auf dem Weg der Trauer, zeitweise gemeinsam und dann auch manche Strecke allein. Auf dem Weg zum Grab heute begleiten wir einander; und in dieser Trauerfeier machen wir uns noch auf eine ganz andere, wunderbare Weise bewusst, dass wir als Menschen in diesem Leben auf der Erde nicht allein sind. Unser Leben kommt von Gott, unser Leben ist zwar nicht von ihm gegängelt, aber doch von ihm geführt, wo wir uns leiten lassen, und manchmal sogar dann, wenn wir uns ihm entziehen. Und wenn wir sterben, kehrt unser Leben zu ihm zurück, auf eine für uns unvorstellbare Weise.

Zu diesem Gott beten wir heute mit einem alten Gebet der Bibel, Psalm 56. Es ist ein Psalm Davids, aber eine Reihe dieser Verse lassen auch Erfahrungen aus dem Leben der Verstorbenen anklingen:

2 Gott, sei mir gnädig, denn Menschen stellen mir nach; täglich bekämpfen und bedrängen sie mich.

3 Meine Feinde stellen mir täglich nach; denn viele kämpfen gegen mich voll Hochmut.

4 Wenn ich mich fürchte, so hoffe ich auf dich.

5 Ich will Gottes Wort rühmen; auf Gott will ich hoffen und mich nicht fürchten. Was können mir Menschen tun?

9 Zähle die Tage meiner Flucht. Sammle meine Tränen in deinen Krug; ohne Zweifel, du zählst sie.

10 Dann werden meine Feinde zurückweichen, wenn ich dich anrufe. Das weiß ich, dass du mein Gott bist.

11 Ich will rühmen Gottes Wort; ich will rühmen des HERRN Wort.

12 Auf Gott hoffe ich und fürchte mich nicht; was können mir Menschen tun?

13 Ich habe dir, Gott, gelobt, dass ich dir danken will.

14 Denn du hast mich vom Tode errettet, meine Füße vom Gleiten, dass ich wandeln kann vor Gott im Licht der Lebendigen. Amen.

Wir singen aus dem Lied 361 die Strophen 1, 6 und 12:

1. Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.

6. Hoff, o du arme Seele, hoff und sei unverzagt! Gott wird dich aus der Höhle, da dich der Kummer plagt, mit großen Gnaden rücken; erwarte nur die Zeit, so wirst du schon erblicken die Sonn der schönsten Freud.

12. Mach End, o Herr, mach Ende mit aller unsrer Not; stärk unsre Füß und Hände und lass bis in den Tod uns allzeit deiner Pflege und Treu empfohlen sein, so gehen unsre Wege gewiss zum Himmel ein.

Liebe Frau U., liebe Trauergemeinde!

Als wir den Lebenslauf von Frau I. nachzuzeichnen versuchten, um uns ihr Leben heute noch einmal im Ganzen, so gut es geht, vor Augen zu stellen, haben wir gemerkt, wie schwierig es sogar für Sie als Angehörige war, die Ereignisse ihrer Kindheit und Jugend ordentlich auf die Reihe zu bekommen. Sie hat darüber so gut wie nie gesprochen; es war für sie mit Erfahrungen verbunden, die allzu schmerzhaft waren. Vielleicht konnte sie es nicht ertragen, daran zu denken, vielleicht wollte sie es auch denen, die sie liebte, ersparen, sich darüber zu bekümmern.

Erinnerungen an das von Vertreibung und Todesfällen geprägte Leben der Verstorbenen

Wie gesagt, über die schweren Erfahrungen von früher sprach sie so gut wie nie. Um so mehr muss es sie belastet haben. Aber sie war stark, wenn es darum ging, nicht aufzugeben, Schweres auszuhalten, ohne zu klagen.

Erinnerungen an die Krankheitszeit der Verstorbenen

Gerade in der Zeit ihrer Angewiesenheit auf andere sind so herzliche Kontakte zu Nachbarn und bisher fremden Menschen entstanden, dass diejenigen, die ihr zur Seite standen, sich auch von ihr reich beschenkt fühlten; einige fühlten sich bei ihr wie bei einer guten Mutter oder Großmutter.

Ihr Tod kam trotz ihres allgemein schlechten Gesundheitszustandes für alle überraschend. Als sie selber spürte: es geht zu Ende, da wünschte sie sich, ihre Familie noch einmal zu sehen, und als Frau I. hörte, dass man unterwegs war, konnte sie alles, was an Unruhe und in ihr war, alle Angst und Belastung getrost loslassen. Sie ist dann schon gestorben, kurz bevor Sie bei ihr eingetroffen waren, ihre Kraft, mit der sie so viel ausgehalten hatte, reichte einfach nicht mehr so lange. Aber sie hat gewusst, dass Sie auf dem Weg zu ihr waren, so wurde ihr das Sterben leichter, und Sie haben dann ja noch ihre Wärme gespürt; Sie konnten Abschied nehmen von ihr und tun es auf einem Weg mit vielen Schritten, indem Sie hier und da etwas von ihr wahrnehmen, indem es Ihnen ist, als würden Sie sich mit ihr unterhalten. Dieser Weg ist voller Wehmut, aber auch voller Trost, da gibt es Tränen und Lachen, und es ist schön, dass Sie das alles nehmen können, wie es kommt.

Für die Traueranzeige haben Sie einen schönen Vers ausgesucht: Psalm 56, 9. Wir haben ihn vorhin schon gebetet:

Sammle meine Tränen in deinen Krug; ohne Zweifel, du zählst sie.

Dieses Wort aus der Bibel kann uns Halt und Trost geben in der Trauer, weil es weder versucht, uns einen Schmerz, den wir empfinden, einfach wegzureden, noch uns in einem bestimmten Gefühl festzuhalten.

Es geht um Tränen, die ein Ausdruck für Gefühle sind; selbst dann, wenn sie nicht geweint werden können, sondern nur wie ein Kloß im Hals stecken oder als ungeweinte Tränen in unserer Seele aufbewahrt sind, sind sie Gott nicht verborgen, er zählt und sammelt sie; was wir empfinden, alles, was wir durchmachen, ist für Gott wichtig.

Tränen sind aber nicht nur ein Ausdruck für Gefühle, sie bringen auch Bewegung in Gefühle, lösen Spannungen auf, manchmal erst, nachdem man durch einen Weinkrampf hindurchgegangen ist. Tränen helfen dabei, Wunden langsam vernarben zu lassen. Sie lassen manches Gefühl an der richtigen Stelle einrasten, machen uns bewusst, wo wir Liebe empfinden oder wo wir selber bedürftig und verletzbar sind.

Als ich den Bibelvers im Zusammenhang gelesen habe, ist mir aufgefallen, wie viel er ganz konkret mit dem Schicksal von Frau I. zu tun hat, denn unmittelbar vorher steht der Satz (Psalm 56, 9):

Zähle die Tage meiner Flucht.

Im Original mag sich das auf die Flucht Davids vor König Saul beziehen, aber Psalmworte sind niemals nur Worte aus einem individuellen Einzelschicksal, sie können von allen mitgebetet werden, die Ähnliches durchgemacht haben. Gott zählt nicht nur Tränen, zählt auch Tage, an denen wir nicht im Glück und im Frieden leben dürfen, sondern gejagt sind und ein Leben in Unruhe führen müssen. In der heutigen Zeit fühlen sich viele Menschen vom Chef oder von ihrem Terminkalender gejagt, mancher ist auch auf der Flucht vor sich selbst oder vor Gott; Frau I. musste buchstäblich erfahren, wie es ist, vor feindseligen Menschen auf der Flucht zu sein, nicht auf Grund eigener Schuld, sie war damals ja noch ein Kind, sondern aufgrund der Verstrickung in das Machtspiel der Völker Europas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Viele fragen angesichts von übergroßem Leid: Wo ist da Gott? Warum greift er nicht ein? Die Psalmbeter der Bibel fragen das oft auch. Sie fragen Gott selbst, richten an ihn diese verzweifelte Frage. Allerdings nicht in DIESEM Psalm. Hier spricht einer seine Hoffnung aus, die auf einem ganz tiefen Gottvertrauen gründet: Wenn ich mich fürchte, so hoffe ich auf dich. Ich will Gottes Wort rühmen; auf Gott will ich hoffen und mich nicht fürchten. Was können mir Menschen tun?

Und dieses Gottvertrauen hat damit zu tun, dass der Mensch, der da betet, davon überzeugt ist: Gott leidet mit mir mit; ihm ist nicht gleichgültig, wenn Menschen leiden; er sieht ihre Tränen, er sammelt sie sogar, er zählt sie. Er ist bei denen, die trauern, er hält sie fest, er lässt sie aushalten, was sie zu tragen haben, er wird ihre Tränen abwischen, wenn sie genug geweint haben.

Gottvertrauen ist auch nicht immer nur blind. Wer auf Gott vertraut, hat irgendwo auch „Gott gesehen“, nicht in dem Sinne, in dem keiner Gott sehen kann, also dass wir wüssten, wie er aussieht oder wie er wirklich ist, sondern im Sinne der Bibel, dass wir seine Hilfe, seinen Trost, seine Liebe erfahren. Wenn wir spüren, dass wir von ihm gehalten und getragen sind, dann nehmen wir wahr: „Gott, du bist bei mir!“

Von solchen Erfahrungen geht unser Psalm aus, wenn es da heißt (Psalm 56, 13):

Ich habe dir, Gott, gelobt, dass ich dir danken will.

Ich weiß, dass Frau I. ein sehr dankbarer Mensch war. Mehrmals, wenn ich sie besucht habe, war das zu spüren; sie hat Schweres durchgemacht, aber sie war auf keinen Fall verbittert, sie hat offenbar aus einem tiefen Vertrauen heraus gelebt, und sie hat sehr viel geliebt.

Jetzt ist sie gestorben, musste sie dieses Leben loslassen, ist aber hinübergegangen in ein anderes Leben. Wir können Gott nicht in die Karten schauen, wissen nicht, warum es nun so schnell gehen musste, warum ihr nicht noch mehr gemeinsame Jahre mit ihren Lieben geschenkt waren. Aber ich bin zuversichtlich, dass sie dort, wo sie jetzt ist, nicht verloren ist. Nachdem sie selber ihr Leben loslassen konnte, können auch wir sie getrost gehen lassen und mit dem letzten Vers unseres Psalms beten (56, 14):

Du hast mich vom Tode errettet, meine Füße vom Gleiten, dass ich wandeln kann vor Gott im Licht der Lebendigen.

Amen.

Wir singen das Lied 376:

1. So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich. Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt: wo du wirst gehn und stehen, da nimm mich mit.

2. In dein Erbarmen hülle mein schwaches Herz und mach es gänzlich stille in Freud und Schmerz. Lass ruhn zu deinen Füßen dein armes Kind: es will die Augen schließen und glauben blind.

3. Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht, du führst mich doch zum Ziele auch durch die Nacht: so nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich!

Allmächtiger Gott, Herr über Leben und Tod, nimm du nun Frau I. gnädig auf in dein himmlisches Reich.

Wir danken dir für die Liebe, die sie in ihrem Leben empfangen und verschenken durfte. Wir klagen vor dir um der Schicksalsschläge willen, die ihr auferlegt waren. Wir bitten dich um Vergebung für das, was wir einander schuldig geblieben sein mögen. Mach uns aufmerksam auf alles, was kostbar ist in unserem Leben, dass wir verantwortlich umgehen mit uns selbst und mit den Menschen, die uns anvertraut sind. Amen.

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