Lieblicher Duft für Gott

Die Sintflutgeschichte vom Überleben der Menschheit.

Gott kann den Noah gut riechen, weil er ein dankbarer Mensch ist. Nicht die gebratenen Opfertiere, sondern der Duft der Dankbarkeit selber steigt Gott so verführerisch in die Nase und verleitet ihn dazu, die Menschheit nicht aufzugeben, obwohl wir die Bosheit und Dummheit in unseren Reihen noch immer nicht überwunden haben.

Relief an einer Hauswand in der Altstadt von Hildesheim: Noah und seine Familie opfern für Gott; im Hintergrund die Arche auf dem Berg Ararat mit der Friedenstaube

Noah und seine Familie bringen Gott nach der Sintflut ein Opfer dar (Bild: pixabay.com)

#predigtTaufgottesdienst am 20. Sonntag nach Trinitatis, den 9. Oktober 2005, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen
Musik und Einzug der Täuflinge mit Eltern und Paten

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.

Mit diesem Wort aus dem Buch des Propheten Micha 6, 8 begrüße ich Sie herzlich im Taufgottesdienst in der Pauluskirche.

Heute taufen wir … . Wir heißen ihn mit seiner Familie und seinen Paten bei uns herzlich willkommen!

Dieser Gottesdienst steht unter dem Thema: „Lieblicher Duft für Gott“. Dieser Duft kommt in der Bibel am Ende der Sintflutgeschichte vor, als Noah ein herrlich duftendes Opfer für Gott darbringt, und wir werden in der Predigt mehr davon hören.

Eine Woche nach dem Erntedankfest singen wir am Anfang das Erntedanklied 512. Dieses Lied ist zugleich das einzige in unserem Gesangbuch, in dem das Versprechen Gottes an Noah vorkommt, von dem in der Predigt die Rede sein wird.

1. Herr, die Erde ist gesegnet von dem Wohltun deiner Hand. Güt und Milde hat geregnet, dein Geschenk bedeckt das Land: auf den Hügeln, in den Gründen ist dein Segen ausgestreut; unser Warten ist gekrönet, unser Herz hast du erfreut.

2. Aller Augen sind erhoben, Herr, auf dich zu jeder Stund, dass du Speise gibst von oben und versorgest jeden Mund. Und du öffnest deine Hände, dein Vermögen wird nicht matt, deine Hilfe, Gab und Spende machet alle froh und satt.

3. Du gedenkst in deiner Treue an dein Wort zu Noahs Zeit, dass dich nimmermehr gereue deine Huld und Freundlichkeit; und solang die Erde stehet, über der dein Auge wacht, soll nicht enden Saat und Ernte, Frost und Hitze, Tag und Nacht.

4. Gnädig hast du ausgegossen deines Überflusses Horn, ließest Gras und Kräuter sprossen, ließest wachsen Frucht und Korn. Mächtig hast du abgewehret Schaden, Unfall und Gefahr; und das Gut steht unversehret, und gesegnet ist das Jahr.

5. Herr, wir haben solche Güte nicht verdient, die du getan; unser Wissen und Gemüte klagt uns vieler Sünden an. Herr, verleih, dass deine Gnade jetzt an unsre Seelen rührt, dass der Reichtum deiner Milde unser Herz zur Buße führt.

6. Hilf, dass wir dies Gut der Erden treu verwalten immerfort. Alles soll geheiligt werden durch Gebet und Gottes Wort. Alles, was wir Gutes wirken, ist gesät in deinen Schoß, und du wirst die Ernte senden unaussprechlich reich und groß.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Wir kommen in die Kirche und können, wenn wir wollen, mit allen Sinnen die Frohe Botschaft von Gott wahrnehmen: Wir hören Worte Gottes, die durch unser Ohr unser Herz erreichen wollen. Wir sehen Bilder, die uns ahnen lassen, auf welch wunderbare Weise Gott uns verwandeln will. Wir nehmen die Atmosphäre eines Kirchenraums wahr, der anders ist als andere Räume, in denen wir uns sonst bewegen, ein Raum, in dem wir uns Gott besonders nahe fühlen können.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Vielleicht haben Sie es gemerkt, vielleicht hat jemand sich daran gestört: Überall in der Kirche sind kleine Ausruf- und Fragezeichen angeklebt. Sie stammen von der Pfarrer- und Lehrerkonferenz, die letzten Mittwoch in unserer Gemeinde getagt hat. Gruppen von Pfarrern und Lehrern durften Stellen in dieser Kirche markieren, die ihnen besonders gut gefallen haben oder die ihnen ein Rätsel waren. Wir haben gedacht – lassen wir die Fragezeichen und die Ausrufzeichen noch bis Sonntag kleben, dann kriegen Sie auch etwas davon mit, was Außenstehenden in unserer Kirche auffällt.

Fragezeichen setzen viele Menschen heute auch an die Stelle ihres Glaubens an Gott. Gibt es Gott? Und wenn ja, kann er dann ein Gott der Liebe sein?

Die Bibel macht es umgekehrt. Sie erzählt, wie Gott in der Sintflut ein großes Fragezeichen hinter sein Experiment mit dem Menschen setzt. Gott hatte die Menschen als Ebenbild seiner Liebe geplant und geschaffen, aber haben sie die Bewährungsprobe als liebende und auf Gott vertrauende Menschen bestanden? Hat die Menschheit, so wie sie sich seit Generationen aufführt, ihr Überleben verdient?

Mit dem Lied, das wir eben gesungen haben, beten wir: „Herr, wir haben solche Güte nicht verdient, die du getan; unser Wissen und Gemüte klagt uns vieler Sünden an. Herr, verleih, dass deine Gnade jetzt an unsre Seelen rührt, dass der Reichtum deiner Milde unser Herz zur Buße führt.“ Wir rufen zu dir:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

In der Predigt werden wir mehr darüber hören: Gott, du hast das Fragezeichen über der Menschheit geradegebogen zu einem Ausrufzeichen. Das krumme Holz, aus dem wir Menschen geschnitzt sind, richtest du auf; aufrecht dürfen wir gehen, als liebende Menschen in Verantwortung vor dir. Endgültig zeigst du deine Treue zu uns in der Liebe deines Sohnes Jesus Christus.

Du gedenkst in deiner Treue an dein Wort zu Noahs Zeit, dass dich nimmermehr gereue deine Huld und Freundlichkeit; und solang die Erde stehet, über der dein Auge wacht, soll nicht enden Saat und Ernte, Frost und Hitze, Tag und Nacht.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende.

Der Herr sei mit euch! „Und mit deinem Geist!“

Großer Gott, öffne unsere Sinne für das, was du uns mitteilen willst. Und schärfe unsere Wahrnehmung dafür, womit wir dein Herz erreichen. Um neue Einsichten bitten wir dich im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Schriftlesung zur Taufe aus Psalm 139:

1 HERR, du erforschest mich und kennest mich.

2 Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne.

3 Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege.

4 Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht schon wüsstest.

5 Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.

6 Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen.

13 Denn du hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe.

14 Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.

15 Es war dir mein Gebein nicht verborgen, als ich im Verborgenen gemacht wurde, als ich gebildet wurde unten in der Erde.

16 Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war.

17 Aber wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken! Wie ist ihre Summe so groß!

18 Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als der Sand: Am Ende bin ich noch immer bei dir.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Im Psalm heißt es: „Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin.“ Die Einsicht, dass jeder Mensch sozusagen ein Volltreffer Gottes ist, drängt sich uns besonders auf, wenn wir ein neugeborenes Kind im Arm halten. Wir singen das Lied „Volltreffer“, das die Eltern des Taufkindes für diesen Gottesdienst vorgeschlagen haben:
Voll- Voll- Volltreffer, ja ein Volltreffer Gottes bist du!

Liebe Familie …, liebe Paten, liebe Gemeinde!

Die letzte Woche stand bei mir ganz im Zeichen des Themas „Schule“. Pfarrer und Grundschullehrerinnen haben hier in der Paulusgemeinde gemeinsam getagt. Das Landgraf-Ludwigs-Gymnasium hat seinen 400. Geburtstag gefeiert. Und auch auf der Dekanatssynode Gießen, das ist die beschlussfassende Versammlung für alle wichtigen Entscheidungen im evangelischen Dekanat Gießen, stand auf der Tagesordnung das Thema: „Evangelische Kirche an Gießener Schulen – präsent und geschätzt.“

Eine Lehrerin, die auch als Schulseelsorgerin arbeitet, brachte auf den Punkt, was vielleicht die wichtigste Aufgabe der Kirche im Gegenüber zur Schule und im Miteinander mit Schülern ist: Darauf zu beharren, dass kein Schüler erst dann etwas wert ist, wenn er gute Leistungen erbringt. Obwohl niemand perfekt ist, hat jeder Mensch seine eigene Würde. Niemand muss sich sein Lebensrecht verdienen, denn wir alle sind wunderbare Geschöpfe Gottes.

Für … ist Schule noch kein Thema. Der wird ja in einer Woche erst sechs Monate alt und noch nicht sechs Jahre. Aber auch für ihn gilt, dass er ein Volltreffer Gottes ist. Auch für ihn gilt, dass ihm sein Leben und sein Lebensrecht von Gott geschenkt sind. So hat Gott ihn seinen Eltern anvertraut.

Als Eltern, als Paten, begleiten Sie Ihr Kind, Ihr Patenkind, und Sie übernehmen mit der Taufe am heutigen Tag eine besondere Verantwortung: Nicht allein, dass Sie diesem Kind alles geben, was jedes Kind zum Leben und für eine gute Entwicklung braucht. Sie sind außerdem herausgefordert, gemeinsam mit dem Kind nach Gott zu fragen und den Glauben an Gott zu leben. Der Taufspruch, den Sie für … ausgesucht haben, kann Sie bei dieser Herausforderung unterstützen. Er stammt von Paulus und steht in seinem Brief 1. Korinther 13, 13:

Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

Der Glaube bleibt; er ist etwas Beständiges, weil er auf den Gott vertraut, der ewig ist. Es ist wichtig, sich das deutlich zu machen gerade in einer Zeit, in der viele den Glauben an Gott als eine Randerscheinung des Lebens ansehen, vielleicht als etwas, das längst durch moderne Errungenschaften überholt ist. Klar, manche Formen unserer Gottesdienste sind so alt, dass es vielen Mühe bereitet, sie zu verstehen; wer dabei helfen möchte, neue Elemente in den Gottesdienst einzubauen, wie das heute die Mutter des Taufkindes mit den zwei Liedern auf dem Liedblatt getan hat, ist in der Paulusgemeinde sehr willkommen.

Aber nicht alles, was sehr alt ist, muss schon deshalb schlecht sein. Die Liebe Gottes zum Beispiel, von ihr redet schon die Bibel, und sie ist noch heute jeden Morgen neu und wird auch in der Zukunft nicht vergehen. Wenn die Bibel ganz alte Geschichten davon erzählt, wie Jesus die Liebe so gelebt hat, dass aus ihr niemand ausgeschlossen sein sollte, dann sind diese Geschichten zugleich ganz neu: denn sie gelten auch für uns heute.

Eine Geschichte der Bibel erzählt, wie man ausgerechnet den liebevollsten Menschen der Geschichte grausam foltert und ans Kreuz schlägt, eben Jesus. Und es gehört zu den Wundern des Glaubens, dass die Bibel diese Geschichte nicht als eine Tradögie erzählt, nicht als ein Trauerspiel über die Schrecklichkeit der Welt, sondern als eine Hoffnungsgeschichte. Denn der gekreuzigte Jesus ist in seinem Tod nicht gescheitert; seine Liebe ist Gottes Liebe, und die ist nicht am Ende, wo angsterfüllte, hartherzige Menschen die Liebe töten wollen. Gott erweckt Jesus zu neuem Leben und schenkt uns eine Hoffnung für alle Zeiten, die niemand kaputtkriegen kann: Wer auf Gott vertraut, wer die Liebe lebt, dessen Leben wird erfüllt sein, schon hier auf Erden, und selbst dann, wenn er stirbt.

Wie schafft man es, einen solchen Glauben, eine solche Liebe, eine solche Hoffnung zu leben und durchzuhalten? Dazu ist es hilfreich, den Kontakt zur Gemeinde zu halten, zum Beispiel wenn man mit eigenen Glaubensfragen allein nicht zurechtkommt und das Gespräch mit anderen Christinnen und Christen sucht oder wenn man gemeinsam mit anderen in der Kirche Gott loben und sich von seinem Wort ansprechen lassen will. Denn wer getauft ist, der gehört nicht nur zu den normalen Gemeinschaften, zu denen jeder gehört, zu einer Familie und einem Freundeskreis, zu einer Schule oder einer Firma, zu einer Hausgemeinschaft oder einem Verein. Getaufte Christen gehören zu Christus und damit auch zur Gemeinde der Christinnen und Christen.

Als eine solche Gemeinschaft sprechen wir nun gemeinsam aus, was wir glauben. Wir tun es mit ganz alten Worten und Bildern, die vor langer Zeit formuliert wurden und in denen wir auch heute noch unseren eigenen Glauben wiederfinden können. Wir sprechen das Glaubensbekenntnis, stellvertretend auch für unser Taufkind:

Glaubensbekenntnis und Taufe

Wir singen das andere Lied auf dem Liedblatt, das uns auch Frau … mitgebracht hat:

Gott mag Kinder, große und kleine, dicke, dünne, kurze oder lange Beine
Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, kommen wir noch einmal zu den Fragezeichen, von denen ich vorhin gesprochen habe. Als wir am Mittwoch hier zusammen waren, Lehrerinnen und Pfarrer, da war es nicht etwa so, dass ich sozusagen als Hausherr die mit Fragezeichen versehenen Dinge in der Kirche erklären sollte. Das war auch gut so, denn an manchen Stellen war ich selber überfragt. Warum zum Beispiel sind die beiden Dächer über dem Lesepult da drüben und hier über der Kanzel unterschiedlich lang? Warum gibt es da oben an der Orgel diesen Vorsprung und warum sind die Seitenfenster nicht auch bunt, sondern in einem so unruhigen schwarzgrauen Muster gehalten?

Wie gesagt, das will ich jetzt nicht beantworten, vielleicht kann ich es ja gar nicht.

Aber kann ich als Pfarrer alle Fragezeichen auflösen, die Menschen hinter den Glauben setzen, alle Fragen beantworten, die in der Bibel auftauchen? Auch da bin ich oft selbst ein Fragender und möchte mit meiner Predigt dazu anregen, auf dem Weg des Fragens und Antwortens gemeinsam einen Weg zu gehen.

Heute hören wir zur Predigt einen Text, der eine ganze Menge Fragezeichen enthält. Es ist das Ende der Geschichte von der Sintflut im 1. Buch Mose – Genesis 8, 18-22, nachdem Noah das Dach der Arche geöffnet und gesehen hat, dass der Erdboden wieder trocken ist:

18 So ging Noah heraus mit seinen Söhnen und mit seiner Frau und den Frauen seiner Söhne,

19 dazu alle wilden Tiere, alles Vieh, alle Vögel und alles Gewürm, das auf Erden kriecht; das ging aus der Arche, ein jedes mit seinesgleichen.

20 Noah aber baute dem HERRN einen Altar und nahm von allem reinen Vieh und von allen reinen Vögeln und opferte Brandopfer auf dem Altar.

21 Und der HERR roch den lieblichen Geruch und sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe.

22 Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

Ein großes Fragezeichen lauert unausgesprochen vor diesem Text: Warum überhaupt musste die Sintflut geschehen? Warum reute es Gott, die Menschen geschaffen zu haben? Dieses Fragezeichen gehört zu denen, die auch ich als Pfarrer nicht auflösen kann. Es bleibt ein Rätsel, wie eine solche weltweite Vernichtung aller bösen Menschen mit der Liebe des Gottes zusammenstimmen kann, der sich in Jesus offenbart.

Aber vielleicht ist es mit der Sintflutgeschichte ja ähnlich wie mit der Geschichte des Jesus von Nazareth. Menschen wollten sie böse enden lassen, aber Gott schuf einen neuen Anfang, machte eine Hoffnungsgeschichte daraus. Wird in der Sintflutgeschichte nicht erzählt, was Menschen selber mit sich und ihrer Welt anstellen, wie wir sie zugrunde richten durch Bosheit und Dummheit, durch Ausbeutung und ökologischen Unverstand? Und ist das Faszinierende an der Sintflutgeschichte nicht das, was Kinder so gerne malen: die Arche Noah, die Rettung des Lebens, von Mensch und Tier? Trotz der Bosheit und Dummheit der Menschen geht nicht alles Leben unter, weil der eine Mann Noah dieses verrückte Gottvertrauen hatte und auf Gott hörte, als er ihm sagte, er solle ein riesiges Boot mitten auf dem Land bauen. Gott bewahrt Menschen, die auf ihn vertrauen. Und mit einer Menschheit, die auf Gott hört, kann auch die Welt der Tiere in Frieden leben:

18 So ging Noah heraus mit seinen Söhnen und mit seiner Frau und den Frauen seiner Söhne,

19 dazu alle wilden Tiere, alles Vieh, alle Vögel und alles Gewürm, das auf Erden kriecht; das ging aus der Arche, ein jedes mit seinesgleichen.

So gelesen ist die Sintflutgeschichte voll von Hoffnung für Menschen, die von Katastrophenmeldungen geschockt sind. Vorgestern, auf der Gießener Dekanatssynode, war Bischof Samantharoy aus Nordindien zu Gast, der bereits zwei Mal in unserer Pauluskirche gepredigt hat; er kommt aus der Gegend von Kashmir, wo es erst gestern wieder ein großes Erdbeben gegeben hat. Vorgestern erzählte er, wie er am 1. Januar dieses Jahres die vom Seebeben betroffenen Inseln der Nicobaren im Indischen Ozean besucht hat – Menschen, die ihre Häuser und zum Teil ihre Angehörigen verloren haben, geben dennoch ihr Gottvertrauen nicht auf, sondern bewahren ihren christlichen Glauben mitten in der indischen Gesellschaft, in der die Christen nur eine kleine Minderheit bilden. Zur Hoffnung dieser Christen trägt bei, dass sie von Christen in Deutschland beim Wiederaufbau ihrer Häuser und Kirchen unterstützt werden, auch mit Spenden aus unserer Paulusgemeinde.

Wer Schreckensmeldungen in Zeitung und Fernsehen gebannt mitverfolgt, der sollte auch einmal auf das Ende der schrecklichen Sintflutgeschichte schauen: da stehen die wunderbaren Worte Gottes:

22 Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

Diese Worte sind uns Menschen gesagt, die es für allzu selbstverständlich halten, dass immer alles seinen normalen Gang geht. Wir leben auf einem kleinen Planeten im Weltall, auf einer außerordentlich dünnen Erdkruste, mit einem sehr labilen Gleichgewicht der Klimaverhältnisse, die wir Menschen offenbar bereits durch Unachtsamkeit in einer Weise beeinflusst haben, die wir nicht wollten und nicht vorausgesehen haben. Es ist ein großes Wunder, dass es nicht noch zu mehr Katastrophen kommt. Dass wir in der Regel in geordneten Verhältnissen auf unserer Erde leben, ist ein Geschenk Gottes an uns Menschen.

Ein zweites großes Fragezeichen steht für viele Menschen aber nun hinter der Art, wie in der Sintflutgeschichte von Gott geredet wird. Darf man so menschlich von Gott reden? Er bereut, die Menschen geschaffen zu haben. Dann scheint er zu bereuen, sie vernichtet zu haben und gelobt feierlich, die Menschen in Zukunft zu verschonen, auch wenn sie immer noch so sind, wie sie eben sind:

Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe.

Besonders fragwürdig mag uns der Anlass erscheinen, aufgrund dessen Gott diesen neuen Entschluss fasst:

20 Noah aber baute dem HERRN einen Altar und nahm von allem reinen Vieh und von allen reinen Vögeln und opferte Brandopfer auf dem Altar.

21 Und der HERR roch den lieblichen Geruch und sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen.

Nur weil Gott der Duft von köstlich gebratenem Fleisch in die Nase steigt, ist er bereit, die Menschen zu segnen, statt sie zu verfluchen? Ist das nicht ein arg naives Bild von Gott? Stammt es vielleicht aus einer Zeit, in der man noch dachte, dass die Götter tatsächlich von den Opfern essen, die ihnen dargebracht wurden? Was steigt Gott wirklich so unwiderstehlich in die Nase – was ist gemeint, wenn die Bibel so unbefangen davon erzählt, dass Gott eine Nase hat und riechen kann?

Eins ist sicher: Das Volk Israel wusste genau, dass man kein Bild von Gott malen und sagen kann: Genau so sieht er aus, und dieses Bild beten wir nun an! Dass Gott riechen kann und dass ihm ein Duft in die Nase steigt, ist nicht so gemeint, dass Gott tatsächlich wie ein Mensch mit einer Knollennase aussieht und sich mit Messer und Gabel über das Opferfleisch hermacht.

Wir verstehen besser, was die Bibel meint, wenn wir uns klarmachen, was wir eigentlich alles mit dem Geruchssinn verbinden. Ein köstlicher Duft, der uns in die Nase steigt, kann verführerischer sein als etwas, was wir nur hören oder sehen, ob wir nun an einer Bäckerei vorbeigehen und frischgebackene Brötchen oder Stückchen unsere Aufmerksamkeit erzwingen oder ob zwei Liebende sich vom Duft des anderen betören lassen. Naturverbundene Menschen nehmen ihre Umwelt auch über die Nase in sich auf: duftende Blumen und erfrischenden Regen, Grasschnitt und Heu, den Wechsel der Jahreszeiten und vieles mehr. Wenn Gott ein persönlicher Gott ist, der zwar keine menschliche Gestalt hat, aber erst recht nicht weniger Person ist als ein Mensch, dann können wir von ihm nicht nur in bildhafter Sprache sagen, dass er ein Gott ist, der uns sieht in unserem alltäglichen Leben, und der uns hört, wenn wir zu ihm beten, dann können wir uns auch vorstellen, dass er uns riechen kann.

Wenn wir Menschen uns riechen können, dann verstehen wir uns sehr gut. Ein Mensch, den wir nicht riechen können, ist uns unangenehm, mit dem wollen wir nicht zusammensein. Ich glaube, dass Gott den Noah gut riechen kann, weil er an Noah merkt: Der ist dankbar und zeigt seine Dankbarkeit. Der steigt nicht einfach aus der Arche und denkt: „Nochmal Glück gehabt!“ Sondern er bringt Gott ein Dankopfer dar.

Sozusagen in Klammern setze ich noch ein Fragezeichen an diese Stelle: Muss Noah von den eben geretteten Tieren wirklich gleich welche schlachten und opfern? Die Priester, die diese Geschichte weitererzählen, versichern uns, dass diese Tiere dennoch nicht ausgerottet wurden, weil von den reinen Tieren, die allein als Opfer geeignet waren, nicht nur ein Pärchen, sondern gleich sieben in der Arche waren. Erst zur Zeit Jesu hören sowohl die Juden als auch die Christen auf, Gott Tieropfer darzubringen. Damals aber akzeptiert Gott offenbar den Versuch des Noah, ihm auf diese Weise seine Dankbarkeit zu zeigen.

Für uns heute möchte ich ich die wunderbare Erfahrung des Noah in der Erinnerung bewahren, dass Gott den Noah gut riechen kann, weil er ein dankbarer Mensch ist. Ich denke, es sind nicht die gebratenen Opfertiere, sondern es muss wohl der Duft der Dankbarkeit selber sein, der Gott so verführerisch in die Nase steigt und ihn dazu verleitet, die Menschheit nicht aufzugeben, obwohl wir die Bosheit und Dummheit in unseren Reihen noch immer nicht überwunden haben. Noahs Beispiel zeigt, dass wir dennoch im Einklang mit Gott leben können – als dankbare Menschen. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen wir Lied 619:

1. Er hält die ganze Welt in seiner Hand, er hält die ganze Welt in seiner Hand, er hält die ganze Welt in seiner Hand, Gott hält die Welt in seiner Hand.

2. Er hält das winzig kleine Baby in seiner Hand, er hält das winzig kleine Baby in seiner Hand, er hält das winzig kleine Baby in seiner Hand, Gott hält das Baby in seiner Hand.

3. Er hält die Sonne und den Mond in seiner Hand, er hält die Sonne und den Mond in seiner Hand, er hält die Sonne und den Mond in seiner Hand, Gott hält sie beide in seiner Hand.

4. Er hält auch dich und mich in seiner Hand, er hält auch dich und mich in seiner Hand, er hält auch dich und mich in seiner Hand, Gott hält auch dich und mich in seiner Hand.

Gott, wir beten für unser Taufkind, dass es Menschen hat, die ihm vorleben, was es heißt, zu glauben, zu hoffen und zu lieben.

Gott, wir beten für Politikerinnen und Politiker, dass sie endlich nach dem fragen, was für unser Land und unsere Erde gut ist, statt ihre persönlichen Machtspielchen zu spielen.

Gott, wir beten für Menschen, die von Katastrophen betroffen sind wie jetzt in Kashmir, in Nordpakistan und Nordindien, dass sie nicht das Vertrauen auf dich verlieren und dass sie auf die Hilfe von Christen hoffen können.

Lass deinen Segen auf uns ruhen, lass uns behütet leben wie in einer Arche, lass uns die Herausforderungen annehmen, die uns gestellt sind. Amen.

In der Stille bringen wir vor Gott, was wir außerdem auf dem Herzen haben:

Gebetsstille und Vater unser
Lied 334: Danke für diesen guten Morgen
Abkündigungen

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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