Brunnen des Streits und Brunnen des Friedens

Am Schwur-Brunnen Isaaks in Beerscheba werden Menschen in dreifacher Weise gesegnet: erstens mit einem Frieden, auf den sie sich verpflichtet haben, zweitens mit lebendigem Wasser aus der Tiefe und drittens, indem sie neidlos mit sehenden Augen sehen, wie Gott auch fremde Menschen segnet. Wer fremde Menschen als von Gott gesegnet betrachten kann, dem bleiben sie nicht länger fremd.

Ein Brunnen in der Wüste Sahara (Foto: pixabay.com)

Ein Brunnen in der Wüste Sahara (Foto: pixabay.com)

#predigtGottesdienst am 1. Sonntag nach Trinitatis, 22. Juni 2014, 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Ich begrüße alle herzlich zum Gottesdienst in der Pauluskirche mit einem Wort aus dem Evangelium nach Johannes 7, 38. Jesus spricht:

Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.

In der Predigt wird es heute um Brunnen gehen, von denen in der Bibel erzählt wird. Diese Brunnen haben sprechende Namen; sie selber erinnern über Jahrtausende hin an eine alte Geschichte, die uns noch heute zu denken geben kann.

Lied 140:

1. Brunn alles Heils, dich ehren wir und öffnen unsern Mund vor dir; aus deiner Gottheit Heiligtum dein hoher Segen auf uns komm.

2. Der Herr, der Schöpfer, bei uns bleib, er segne uns nach Seel und Leib, und uns behüte seine Macht vor allem Übel Tag und Nacht.

3. Der Herr, der Heiland, unser Licht, uns leuchten lass sein Angesicht, dass wir ihn schaun und glauben frei, dass er uns ewig gnädig sei.

4. Der Herr, der Tröster, ob uns schweb, sein Antlitz über uns erheb, dass uns sein Bild werd eingedrückt, und geb uns Frieden unverrückt.

5. Gott Vater, Sohn und Heilger Geist, o Segensbrunn, der ewig fließt: durchfließ Herz, Sinn und Wandel wohl, mach uns deins Lobs und Segens voll!

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten mit Psalm 42, im Gesangbuch unter der Nr. 723. Lesen Sie bitte die eingerückten Verse:

2 Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir.

3 Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann werde ich dahin kommen, dass ich Gottes Angesicht schaue?

4 Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht, weil man täglich zu mir sagt: Wo ist nun dein Gott?

5 Daran will ich denken und ausschütten mein Herz bei mir selbst: wie ich einherzog in großer Schar, mit ihnen zu wallen zum Hause Gottes mit Frohlocken und Danken in der Schar derer, die da feiern.

6 Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

9 Am Tage sendet der HERR seine Güte, und des Nachts singe ich ihm und bete zu dem Gott meines Lebens.

10 Ich sage zu Gott, meinem Fels: Warum hast du mich vergessen? Warum muss ich so traurig gehen, wenn mein Feind mich dränget?

11 Es ist wie Mord in meinen Gebeinen, wenn mich meine Feinde schmähen und täglich zu mir sagen: Wo ist nun dein Gott?

12 Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

Kommt, lasst uns ihn anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Haben wir Durst nach Gott?

Wenn wir satt sind und unser Durst gestillt ist, wenn wir zufrieden sind mit unserem Leben – warum sollten wir durstig sein nach Gott? Dann vielleicht nicht, aber wir könnten Gott danken, dass er unseren Lebensdurst stillt und uns zufrieden leben lässt.

Aber wenn wir auf Durststrecken unterwegs sind, ohne Kraft, ohne Hoffnung – können wir dann unseren Durst spüren? Nicht einen Durst nach Wasser, sondern nach neuer Lebenskraft, nach dem lebendigen Geist Gottes, nach seiner Liebe, die stark macht, aufrichtet und befreit?

Hilf uns, den Durst nach deinem heiligen Geist zu spüren! Wir rufen zu dir:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“
Psalm 65, 10-12:

10 Du suchst das Land heim und bewässerst es und machst es sehr reich; Gottes Brünnlein hat Wasser die Fülle. Du lässest ihr Getreide gut geraten; denn so baust du das Land.

11 Du tränkst seine Furchen und feuchtest seine Schollen; mit Regen machst du es weich und segnest sein Gewächs.

12 Du krönst das Jahr mit deinem Gut, und deine Fußtapfen triefen von Segen.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist gross Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende.

Der Herr sei mit euch! „Und mit deinem Geist!“

Großer Gott, so wie du Regen gibst, damit die Erde Frucht bringen kann, so haben deine Brünnlein auch Wasser die Fülle, um den Durst unserer Seele zu stillen. Mach uns offen für das Wort der Bibel, lass es zu uns sprechen als dein heiliges, heil machendes und Leben spendendes Wort. Darum bitten wir dich, Gott, heiliger Geist, im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Schriftlesung aus dem 1. Buch Mose – Genesis 26, 1-12. Es ist eine Geschichte, die von einem der Stammväter Israels handelt, nämlich Isaak. Er verhält sich nicht korrekt, wird aber auf den rechten Weg zurückgewiesen.

1 Es kam aber eine Hungersnot ins Land nach der früheren, die zu Abrahams Zeiten war. Und Isaak zog zu Abimelech, dem König der Philister, nach Gerar.

2 Da erschien ihm der HERR und sprach: Zieh nicht hinab nach Ägypten, sondern bleibe in dem Lande, das ich dir sage.

3 Bleibe als Fremdling in diesem Lande, und ich will mit dir sein und dich segnen; denn dir und deinen Nachkommen will ich alle diese Länder geben und will meinen Eid wahr machen, den ich deinem Vater Abraham geschworen habe,

4 und will deine Nachkommen mehren wie die Sterne am Himmel und will deinen Nachkommen alle diese Länder geben. Und durch dein Geschlecht sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden,

5 weil Abraham meiner Stimme gehorsam gewesen ist und gehalten hat meine Rechte, meine Gebote, meine Weisungen und mein Gesetz.

6 So wohnte Isaak zu Gerar.

7 Und wenn die Leute am Ort fragten nach seiner Frau, so sprach er: Sie ist meine Schwester; denn er fürchtete sich zu sagen: Sie ist meine Frau. Er dachte nämlich: Sie könnten mich töten um Rebekkas willen, denn sie ist schön von Gestalt.

8 Als er nun eine Zeit lang da war, sah Abimelech, der König der Philister, durchs Fenster und wurde gewahr, dass Isaak scherzte mit Rebekka, seiner Frau.

9 Da rief Abimelech den Isaak und sprach: Siehe, es ist deine Frau. Wie hast du dann gesagt: sie ist meine Schwester? Isaak antwortete ihm: Ich dachte, ich würde vielleicht sterben müssen um ihretwillen.

10 Abimelech sprach: Warum hast du uns das angetan? Es wäre leicht geschehen, dass jemand vom Volk sich zu deiner Frau gelegt hätte, und du hättest so eine Schuld auf uns gebracht.

11 Da gebot Abimelech allem Volk und sprach: Wer diesen Mann oder seine Frau antastet, der soll des Todes sterben.

12 Und Isaak säte in dem Lande und erntete in jenem Jahre hundertfältig; denn der HERR segnete ihn.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja.“

Glaubensbekenntnis

Wir singen aus dem Lied 295 die Verse 1 bis 3 und 6 bis 8:

1. Ich singe dir mit Herz und Mund, Herr, meines Herzens Lust; ich sing und mach auf Erden kund, was mir von dir bewusst.

2. Ich weiß, dass du der Brunn der Gnad und ewge Quelle bist, daraus uns allen früh und spat viel Heil und Gutes fließt.

3. Was sind wir doch? Was haben wir auf dieser ganzen Erd, das uns, o Vater, nicht von dir allein gegeben werd?

6. Wer gibt uns Leben und Geblüt? Wer hält mit seiner Hand den güldnen, werten, edlen Fried in unserm Vaterland?

7. Ach Herr, mein Gott, das kommt von dir, du, du musst alles tun, du hältst die Wach an unsrer Tür und lässt uns sicher ruhn.

8. Du nährest uns von Jahr zu Jahr, bleibst immer fromm und treu und stehst uns, wenn wir in Gefahr geraten, treulich bei.

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde,

die Geschichte von Isaak, die wir gehört haben, wird in der Bibel nicht nur einmal, sondern drei Mal erzählt, jeweils in etwas anderer Weise. In den beiden anderen Versionen spielt nicht Isaak, sondern sein Vater Abraham die Hauptrolle, der einmal in Ägypten und einmal ebenfalls in Gerar seine Ehefrau als Schwester ausgibt.

Lange bevor diese Erzählungen aufgeschrieben wurden, sind sie immer und immer wieder weiter erzählt worden; man kann daher nicht einmal sicher sagen, ob nun tatsächlich Abraham oder Isaak dieses Erlebnis mit Abimelech, dem König von Gerar, hatte. Sicher sagen kann man aber, dass es für das Volk Israel eine wichtige Geschichte war. Sie zeigt, dass die Stammväter, wie man so sagt, „auch nur Menschen waren“, keine fehlerlosen Halbgötter. Und sie zeigt, dass Israel nicht deswegen auserwählt wurde, weil es besser war als die anderen Völker. Nein, die Erzählungen betonen sogar ausdrücklich, wie Israels Stammväter von einem fremden König, hier vom Philisterkönig Abimelech, ins Gewissen geredet bekommen – und auf den rechten Weg umkehren.

In meiner Predigt heute will ich auf die Fortsetzung dieser Geschichte eingehen, die ebenfalls im Land Gerar spielt. Vorhin haben wir bereits gehört, wie Isaak von Gott dort im fremden Philisterland mit einer reichen Ernte gesegnet wird.

12 Und Isaak säte in dem Lande und erntete in jenem Jahre hundertfältig; denn der HERR segnete ihn.

13 Und er wurde ein reicher Mann und nahm immer mehr zu, bis er sehr reich wurde,

14 so dass er viel Gut hatte an kleinem und großem Vieh und ein großes Gesinde. Darum beneideten ihn die Philister.

Isaak geht es also gut, er wird sehr reich, hat außerordentlich viel Vieh, nicht nur Schafe und Ziegen, sondern auch Großvieh, also wohl Rinder, vielleicht auch Kamele. Viele Menschen arbeiten bei ihm als Knechte und Mägde. Das alles erregt den Neid der einheimischen Bevölkerung, wie das oft so ist, wenn Einwanderer oder als fremd empfundene Gruppen in einem Land erfolgreich sind. Das kennen wir aus der deutschen Geschichte von den Juden, die als Geschäftsleute und Bankiers den Neid der nichtjüdischen Bevölkerung hervorriefen. Heute kommt es im Zeitalter der Globalisierung wieder vor, dass man mit Stirnrunzeln wahrnimmt, wenn Geschäfte und Unternehmen von ausländischen Kapitalanlegern gekauft werden. Wenn dann Neid entsteht, können auch heute noch feindselige Gefühle und Handlungen die Folge sein.

15 Nun hatten sie aber alle Brunnen verstopft, die seines Vaters Knechte gegraben hatten zur Zeit Abrahams, seines Vaters, und hatten sie mit Erde gefüllt.

Hier erinnert unsere Erzählung an das, was früher von Abraham im Land der Philister berichtet worden war; schon damals hatte es zwischen Abraham und Abimelech Streit um einen Brunnen gegeben, und inzwischen waren alle Brunnen aus der damaligen Zeit unbrauchbar gemacht worden.

16 Und Abimelech sprach zu ihm: Zieh von uns, denn du bist uns zu mächtig geworden.

Jetzt, in der Gegenwart, benennt Abimelech offen den Konflikt zwischen den Angehörigen seines Volkes in Gerar, den Philistern, und den inzwischen als gefährlich empfundenen neu zugezogenen Leuten Isaaks. Seine Lösung des Konflikts lautet: Trennung, Ausweisung, sucht euch woanders eure Weideplätze, schlagt eure Zelte auf, wo ihr wollt, nur nicht hier bei uns.

17 Da zog Isaak von dannen und schlug seine Zelte auf im Grunde von Gerar und wohnte da

18 und ließ die Wasserbrunnen wieder aufgraben, die sie zur Zeit Abrahams, seines Vaters, gegraben hatten und die die Philister verstopft hatten nach Abrahams Tod, und nannte sie mit denselben Namen, mit denen sein Vater sie genannt hatte.

Isaak gehorcht Abimelech, aber wie es scheint, nur halbherzig. Denn er geht zwar aus dem Ort Gerar selbst weg, lässt sich aber „im Grunde von Gerar“ in unmittelbarer Nähe nieder; damit ist ein Tal oder ein Wadi gemeint, also ein Flussbett, das nur in der Regenzeit Wasser führt. Wie nahe die Leute Isaaks den Bewohnern von Gerar bleiben, sieht man daran, dass sie die alten Brunnen Abrahams wieder aufgraben, die von den Philistern verstopft worden sind.

Zum ersten Mal geht die Erzählung hier auf Namen von Brunnen ein; so wie Abraham die Brunnen genannt hatte, so sollen sie jetzt wieder heißen. Diese alten Namen der Brunnen erfahren wir hier aber nicht. Im 1. Buch Mose – Genesis 21, 22-32, war erwähnt worden, dass zum Beispiel der Ort, wo Abraham damals seinen Streit mit Abimelech beigelegt und einen Bund mit ihm geschlossen hatte, Beerscheba, auf Deutsch „Schwurbrunnen“, genannt worden war.

19 Auch gruben Isaaks Knechte im Grunde und fanden dort eine Quelle lebendigen Wassers.

Weiter wird erzählt, dass Isaaks Leute einen weiteren Brunnen graben. Das heißt, sie finden wie zufällig beim Graben in diesem Wadi eine Quelle mit Wasser, das frisch aus dem Grundwasser heraussprudelt und nicht abgestandes Regenwasser ist: Lebendiges Wasser. Für uns, die wir an frisches, geklärtes Wasser vom Wasserwerk gewöhnt sind, das aus dem Wasserhahn fließt, ist kaum vorstellbar, wie wichtig solches lebendiges Wasser für ein Hirtenvolk war, das mit seinen Herden ständig neue Weideflächen suchen musste.

20 Aber die Hirten von Gerar zankten mit den Hirten Isaaks und sprachen: Das Wasser ist unser. Da nannte er den Brunnen »Zank«, weil sie mit ihm da gezankt hatten.

Zum ersten Mal erfahren wir in unserer Geschichte den Namen eines Brunnens. „Zank“ wird er genannt, weil es Zank zwischen den Hirten von Gerar und den Hirten Isaaks gibt. Bis heute ist der Streit um Trinkwasser eine Ursache für Auseinandersetzungen und sogar Kriege, und bei steigender Weltbevölkerung wird es wohl in Zukunft noch mehr solcher Streitigkeiten geben.

21 Da gruben sie einen andern Brunnen. Darüber stritten sie auch, darum nannte er ihn »Streit«.

Isaaks Leute wollen keinen Zank, graben daher einen neuen Brunnen; aber auch um den wird gestritten. Auch dieser Brunnen kriegt einen Namen, der seine Geschichte erzählt: er heißt „Streit“ oder „Fehde“.

22 Da zog er weiter und grub noch einen andern Brunnen. Darüber zankten sie sich nicht, darum nannte er ihn »Weiter Raum« und sprach: Nun hat uns der HERR Raum gemacht, und wir können wachsen im Lande.

Noch einmal zieht Isaak ein Stück weiter, lässt noch einmal einen Brunnen graben. Man könnte sich fragen: Warum ist hier so viel vom Brunnengraben die Rede, warum lasse ich diese ganze lange Geschichte so ausführlich vorlesen?

Ich denke, hier ist von einem langen Atem die Rede, den auch wir brauchen, wenn wir mit Mitmenschen, die uns oft fremd sind, Frieden wollen. Besser ist es natürlich, wenn wir mit Nachbarn und Mitbürgern persönliche Kontakte aufbauen und uns nicht nur dulden, sondern verstehen. Miteinander leben ist besser als nur nebeneinander leben. Aber wo noch nicht einmal das friedliche Nebeneinander gelingt, mag es für eine gewisse Zeit notwendig sein, einander aus dem Weg zu gehen. Und Isaak ist ein Vorbild darin, dass er die Kunst übt, sich Schritt für Schritt zurückzuziehen, ohne die eigenen Interessen völlig aufzugeben. Immer wieder scheint er auszuprobieren, wie viel Nähe oder Abstand zu seinen Leuten die Philister aushalten. Immer bleibt er darauf bedacht, Zank und Streit und auf jeden Fall kriegerische Auseinandersetzungen auf jeden Fall zu vermeiden. In dieser Hinsicht ist Isaak ein Lehrmeister für eine Friedenspolitik, von der sich noch heute mancher Politiker in Krisengebieten eine Scheibe abschneiden könnte.

Um den dritten neuen Brunnen, den Isaak gräbt, gibt es keinen erneuten Zank; entsprechend nennt er ihn „Weiter Raum“ und freut sich darüber, dass Gott seinen Leuten neuen Raum schenkt, um sich im Land auszubreiten. Hier deutet die Erzählung an, dass Raum nicht einfach Länge mal Breite mal Höhe ist, nicht nur eine physikalische Größe; Lebensraum ist nicht einfach Platz auf der Landkarte, sondern ein Ort, wo Menschen so viel lebendiges Wasser finden, wie sie brauchen, damit sie dort ohne Streit miteinander leben können. Man muss einander also nicht unbedingt vertreiben, um Frieden mit Fremden zu haben, man braucht die Einsicht, dass der Raum, in dem man lebt, weit genug ist, damit alle, die dort leben, ihren Durst und Hunger stillen können.

Die Geschichte könnte hier zu Ende sein, geht aber doch noch weiter.

23 Danach zog er von dannen nach Beerscheba.

Wieder zieht Isaak weiter, vermutlich weil die Weidegründe abgeweidet sind und neue gesucht werden, dieses Mal dort, wo schon Abraham seine Zelte aufgeschlagen hatte, in Beerscheba.

24 Und der HERR erschien ihm in derselben Nacht und sprach: Ich bin der Gott deines Vaters Abraham. Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir und will dich segnen und deine Nachkommen mehren um meines Knechtes Abraham willen.

Mitten in dieser Erzählung um den Brunnenbau hat Isaak einen Traum, in dem ihm der Gott seines Vaters Abraham erscheint. Es ist die erste und einzige Begegnung Isaaks mit seinem Gott, von der die Bibel ausdrücklich berichtet.

Vorher hatte Gott nicht mit ihm, sondern mit seiner Frau Rebekka gesprochen, als sie mit Jakob und Esau schwanger war. Drei Dinge bekommt Isaak versprochen: Dass Gott mit ihm ist, dass Gott ihn segnet und dass er viele Nachkommen haben wird.

Dass diese Verheißung mitten in dieser Brunnengeschichte erneuert wird, ist ein Hinweis darauf, wie wichtig die biblischen Erzähler es finden, dass wir Menschen auf Brunnen mit lebendigem Wasser zurückgreifen können – sowohl buchstäblich, um nicht zu verdursten, als auch im übertragenen Sinne, um im Frieden mit Gott und mit unseren Mitmenschen zu leben. Ohne Liebe und Frieden verdurstet die Seele.

25 Dann baute er dort einen Altar und rief den Namen des HERRN an und schlug dort sein Zelt auf, und seine Knechte gruben dort einen Brunnen.

Wenn die Stammväter Israels von Gott angesprochen werden, bauen sie Altäre, um Gott ihrerseits anzubeten. Isaak denkt außerdem, dass dies ein guter Ort ist, um sich niederzulassen, und schlägt seine Zelte auf. Und drittens lässt er – wie könnte es in dieser Geschichte anders sein – schon wieder einen neuen Brunnen graben.

26 Und Abimelech ging zu ihm von Gerar mit Ahusat, seinem Freund, und Pichol, seinem Feldhauptmann.

Bevor uns aber verraten wird, wie dieser Brunnen heißt oder ob der Brunnenbau überhaupt erfolgreich war, überschlagen sich die Ereignisse. Isaak bekommt Besuch von Abimelech, der zwei Begleiter mitgebracht hat, unter anderem seinen Feldhauptmann Pichol. Der war bereits im Zusammenhang mit Abraham erwähnt worden. Sollte es wieder Zank und Streit geben, ja sogar Krieg, weil jetzt nicht nur die Hirten aus Gerar, sondern die Führungsspitze der Stadt Isaak aufsuchen?

27 Aber Isaak sprach zu ihnen: Warum kommt ihr zu mir? Hasset ihr mich doch und habt mich von euch getrieben.

Isaak versteht nicht, warum die drei bedeutenden Männer aus Gerar zu ihm kommen. Er erinnert sie daran, dass sie ihn nicht in der Stadt dulden wollten, und wirft ihnen vor, ihn voller Hass vertrieben zu haben.

28 Sie sprachen: Wir sehen mit sehenden Augen, dass der HERR mit dir ist. Darum sprachen wir: Es soll ein Eid zwischen uns und dir sein, und wir wollen einen Bund mit dir schließen,

29 dass du uns keinen Schaden tust, gleichwie wir dich nicht angetastet haben und dir nur alles Gute getan und dich mit Frieden haben ziehen lassen. Du bist ja doch der Gesegnete des HERRN.

Es stellt sich heraus, dass die Delegation aus Gerar keine Kriegserklärung mitgebracht hat, sondern Frieden schließen will. Statt einander wegzuschicken, wenn auch im Frieden, also ohne Gewalt anzuwenden, kann man auch friedlich zusammenleben, indem man ein Bündnis schließt, vertragliche Regeln aufstellt, dass man einander nicht schaden will. Interessant ist, dass sich an der Situation eigentlich nichts ändert. Isaak ist immer noch reich, seine Nachkommenschaft ist im Wachsen begriffen. Doch jetzt ist nicht mehr vom Neid der Leute aus Gerar die Rede, sondern dass sie „mit sehenden Augen sehen“, dass Isaak von Gott gesegnet ist. Vorher hatte Abimelech nur die wachsende Macht Isaaks gesehen und Angst vor ihm bekommen. Jetzt sieht er den Segen, der von Isaak ausgehen kann, wenn er die Bedingungen dafür schafft, im Frieden mit ihm leben zu können. Wer mit sehenden Augen sehen kann, sieht im Reichtum eines Fremden nicht unbedingt nur das Beneidenswerte oder Bedrohliche, sondern die Möglichkeit einer Begegnung, durch die auch ich reicher werden oder gesegnet sein kann.

30 Da machte er ihnen ein Mahl, und sie aßen und tranken.

31 Und früh am Morgen standen sie auf, und einer schwor dem andern. Und Isaak ließ sie gehen, und sie zogen von ihm mit Frieden.

Isaak geht auf die Friedensverhandlungen ein, man isst und trinkt miteinander, und nach dem Feiern bleiben die Gäste über Nacht. Am Morgen wird nach diesem Vertrauensbeweis der Friedensvertrag mit einem Eid abgeschlossen. Am Ende entlässt Isaak die Gäste, aber, nicht als feindseligen Akt, sondern alle gehen ihre eigenen Wege im Frieden.

32 Am selben Tage kamen Isaaks Knechte und sagten ihm von dem Brunnen, den sie gegraben hatten, und sprachen zu ihm: Wir haben Wasser gefunden.

Erst jetzt kommt unsere Erzählung auf den Brunnen zurück, den Isaak am neuen Ort hat graben lassen. Dort, wo Isaak hat Frieden schließen können mit den Philistern, haben seine Knechte tatsächlich Wasser gefunden; Leben im Segen Gottes ist hier also wirklich möglich.

33 Und er nannte ihn »Schwur«; daher heißt die Stadt Beerscheba bis auf den heutigen Tag.

So kann unsere Erzählung damit schließen, dass Isaak den Namen der Stadt Beer-Scheba noch einmal neu begründet: Menschen werden in dreifacher Weise am Schwur-Brunnen von Gott gesegnet: erstens mit einem Frieden, auf den sie sich verpflichtet haben, zweitens mit lebendigem Wasser aus der Tiefe und drittens, wodurch diese beiden Dinge erst wirklich möglich bzw. zum Segen werden, indem sie mit sehenden Augen im Stande sind, den Segen Gottes neidlos auch in den Dingen wahrzunehmen, mit denen Gott fremde Menschen segnet. Wer fremde Menschen als von Gott gesegnet betrachten kann, dem bleiben sie nicht länger fremd. Sie sind ja auch Gottes Kinder. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.
Lied 430: Gib Frieden, Herr, gib Frieden
Fürbitten
Gebetsstille und Vater unser

Wir singen das Lied 617, in dem die Quelle aller Liebe besungen wird.

1. Ich bete an die Macht der Liebe, die sich in Jesus offenbart, ich geb mich hin dem freien Triebe, wodurch auch ich geliebet ward; ich will, anstatt an mich zu denken, ins Meer der Liebe mich versenken.

2. Ehr sei dem hohen Jesusnamen, in dem der Liebe Quell entspringt, von dem hier alle Bächlein kamen, aus dem der Selgen Schar dort trinkt! Wie beugen sie sich ohne Ende! Wie falten sie die frohen Hände!

3. O Jesu, dass dein Name bliebe im Grunde tief gedrücket ein! Möcht deine süße Jesusliebe in Herz und Sinn gepräget sein! Im Wort, im Werk und allem Wesen sei Jesus und sonst nichts zu lesen!

Abkündigungen

Geht mit Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.