Weihnachtsfreude für Bethlehems Kinder?

Wie kann Weihnachtsfreude von Bethlehem ausgehen, wenn König Herodes die kleinen Kinder dieser Stadt ermorden lässt? Der Evangelist Matthäus hält der Trostlosigkeit der Mütter Stand, versinkt aber nicht in abgrundtiefer Trauer. Er tut das, indem er Worte des Propheten Jeremia in Erinnerung ruft, die von Rama und den Kindern Rahels erzählen, vor allem von Gottes erstgeborenem Sohn Ephraim.
Ein Mann und eine Frau spielen Flöte, eine Frau spielt eine Kasten-Orgel.

Steffen Steinmetz-Bonzelius, Laura Satttler und Cordula Scobel spielen Werke von Salomone Rossi, Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel und Adriano Banchieri.

#predigtGottesdienst mit Barockmusik am Sonntag nach Weihnachten, den 30. Dezember 2018, um 10.00 Uhr in der evangelischen Johanneskirche Gießen
„Sonata undecima“ von Salomone Rossi

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Ich begrüße alle herzlich in der Johanneskirche zu diesem Gottesdienst „zwischen den Jahren“, den die evangelischen Kirchengemeinden Johannes, Lukas, Pankratius und Petrus gemeinsam hier feiern. Unsere heutige Organistin Cordula Scobel wird nicht nur die Lieder begleiten; gemeinsam mit Laura Sattler und Steffen Steinmetz-Bonzelius, die beide Flöte spielen, erfreut sie uns mit Werken von Salomone Rossi, Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel und Adriano Banchieri. Die „Sonata undecima“ von Salomone Rossi haben wir bereits gehört, weitere Stücke gibt es während der Predigt und zum Abschluss.

Dieser Sonntag steht noch ganz im Zeichen der Weihnachtsbotschaft, wie sie im Wort zur Woche aus Johannes 1, 14 ausgedrückt wird:

Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.

Aber wie verträgt es sich mit dieser Herrlichkeit Gottes, wenn die Weihnachtsgeschichte nach Matthäus auch von den Kindern erzählt, die König Herodes in Bethlehem ermorden lässt? Darum wird es in diesem Gottesdienst gehen.

Nun singen wir aus dem Lied 34 die Strophen 1 und 2:

1. Freuet euch, ihr Christen alle, freue sich, wer immer kann; Gott hat viel an uns getan. Freuet euch mit großem Schalle, dass er uns so hoch geacht‘, sich mit uns befreund‘t gemacht. Freude, Freude über Freude: Christus wehret allem Leide. Wonne, Wonne über Wonne: Christus ist die Gnadensonne.

2. Siehe, siehe, meine Seele, wie dein Heiland kommt zu dir, brennt in Liebe für und für, dass er in der Krippen Höhle harte lieget dir zugut, dich zu lösen durch sein Blut. Freude, Freude über Freude: Christus wehret allem Leide. Wonne, Wonne über Wonne: Christus ist die Gnadensonne.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

„Freude, Freude über Freude, Christus wehret allem Leide!“ So haben wir gesungen. Aber unternimmt Jesus etwas gegen das Leid, das wegen seiner Geburt in Bethlehem geschieht? (Matthäus 2, 16:)

Herodes … ließ alle Kinder in Bethlehem töten und in der ganzen Gegend, die zweijährig und darunter waren…

Vor Jahren fragte mich ein Konfirmand: Ist Jesus nicht schuld am Tod dieser Kinder?

Ich konnte ihm nur antworten: Jesus wird eben nicht in eine heile Welt hineingeboren. Er ist machtlos gegen den Tod dieser Kinder.

Natürlich kam der Einwand: Jesus ist doch Gottes Sohn. Und Gott ist allmächtig. Warum verhindert Gott nicht den Kindermord?

Aber die Allmacht von Gott ist anders, als wir sie uns vorstellen. Im letzten Lied heißt es nachher: „In unser armes Fleisch und Blut verkleidet sich das ewig Gut“. Darum wagen wir es, die Ehre des dreieinigen Gottes, die Herrlichkeit seiner Liebe, mit vertrauten Worten zu besingen:

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Allmächtiger Gott, wir klagen über so viele Kinder, die sterben. Kinder hier in Gießen in der Kinderklinik, um deren Leben Ärzte gekämpft und Eltern gebetet haben. Kinder anderswo auf der Welt, die vor Hunger sterben oder auf der Flucht oder als Kollateralschaden in einem Krieg, von dem wir nicht einmal wissen, wo und wie lange er schon im Gange ist. Für wie viele traurige Kinderschicksale mögen wir mitverantwortlich sein, indem wir von einer ungerechten Weltwirtschaft profitieren und nicht genug tun gegen Waffenhandel oder Kinderarbeit?

Barmherziger Gott, wie vollbringst du das Wunder, die Trauer um Kinder in Freude zu verwandeln? Wie kann von Bethlehem, wenn dort solche Trostlosigkeit einzog, Weihnachtsfreude ausgehen? Wir rufen zu dir:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Darf ich sagen: Es gibt doch Hoffnung für die getöteten Kinder von Bethlehem? Auch Jesus verliert ja in jungem Alter sein Leben, ihn erweckt Gott zu neuem Leben. Und im Glauben an seine Auferstehung sind all die toten Kinder nicht für immer verloren. Sie leben im Himmel in Herrlichkeit!

Aber mit solchen Worten ist Matthäus nicht so rasch zur Hand. Er sagt etwas anderes (Matthäus 2, 18):

In Rama hat man ein Geschrei gehört, viel Weinen und Wehklagen; Rahel beweinte ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn es war aus mit ihnen.

So nimmt Matthäus die Trauer um die toten Kinder ernst. Er lässt den Tränen und sogar der Trostlosigkeit ihren Raum und ihre Zeit. Und mit dem Lied der Engel am Himmel über Bethlehem dürfen wir Gott lobsingen:

„Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende.“

Ich verweile noch bei den Worten des Matthäus. Sie klingen auch fremd. Warum spricht er von Rama? Wer ist Rahel? Was hat dieser Ort, was hat diese Frau mit den Kindern von Bethlehem zu tun?

Gott, Heiliger Geist, schenke uns Einsicht in dein Wort. Lass uns die Weihnachtsbotschaft heute noch tiefer begreifen. Darum bitten wir dich im Namen des Vaters und Jesu Christi, des Sohnes, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören noch einmal die Worte des Matthäus, die wir bereits gehört haben, in ihrem Zusammenhang im Kapitel 2, Verse 13 bis 18:

13 Als [die Weisen] aber hinweggezogen waren, siehe, da erschien der Engel des Herrn dem Josef im Traum und sprach: Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und flieh nach Ägypten und bleib dort, bis ich dir’s sage; denn Herodes hat vor, das Kindlein zu suchen, um es umzubringen.

14 Da stand er auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich bei Nacht und entwich nach Ägypten

15 und blieb dort bis nach dem Tod des Herodes, damit erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht: »Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.«

16 Als Herodes nun sah, dass er von den Weisen betrogen war, wurde er sehr zornig und schickte aus und ließ alle Kinder in Bethlehem töten und in der ganzen Gegend, die zweijährig und darunter waren, nach der Zeit, die er von den Weisen genau erkundet hatte.

17 Da wurde erfüllt, was gesagt ist durch den Propheten Jeremia, der da spricht:

18 »In Rama hat man ein Geschrei gehört, viel Weinen und Wehklagen; Rahel beweinte ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn es war aus mit ihnen.«

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis

Wir singen das Lied 55, das auch etwas von Trauer in Bethlehems Gassen weiß:

1. O Bethlehem, du kleine Stadt, wie stille liegst du hier, du schläfst und goldne Sternelein ziehn leise über dir. Doch in den dunklen Gassen das ewge Licht heut scheint für alle, die da traurig sind und die zuvor geweint.

2. Des Herren heilige Geburt verkündet hell der Stern, ein ewger Friede sei beschert den Menschen nah und fern; denn Christus ist geboren und Engel halten Wacht, dieweil die Menschen schlafen die ganze dunkle Nacht.

3. O heilig Kind von Bethlehem, in unsre Herzen komm, wirf alle unsre Sünden fort und mach uns frei und fromm! Die Weihnachtsengel singen die frohe Botschaft hell: Komm auch zu uns und bleib bei uns, o Herr Immanuel.

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde,

wir haben gehört, wie Matthäus in die Geschichte von der Geburt Jesu auch die Wahrheit über Herrscher wie Herodes den Großen hineinschreibt. Der ist durchaus ein bedeutender König, ein Wohltäter für Juden in Kleinasien und Kyrene. Aber derselbe Herodes schreckt nicht einmal davor zurück, einige seiner eigenen 15 Kinder hinzurichten. Einen Kindermord in Bethlehem zu befehlen, traut man ihm damals ohne Weiteres zu, auch wenn es unwahrscheinlich sein mag, dass er von der Geburt Jesu überhaupt Notiz nimmt.

Das Gemälde "Der Kindermord zu Bethlehem" von Peter Paul Rubens

Der Kindermord zu Bethlehem (Peter Paul Rubens 1638 – Alte Pinakothek – München / Foto: José Luiz Bernardes Ribeiro)

Und dann erzählt Matthäus von der Trostlosigkeit in Bethlehem. Er hält ihr Stand und hält sie zugleich auf Ab-stand, so dass er nicht in dieser Trauer versinkt. Er tut das mit einem Wort aus seiner Bibel, schon damals über 600 Jahre alt. Es steht im Buch Jeremia 31:

15 So spricht der HERR: Man hört Klagegeschrei und bittres Weinen in Rama: Rahel weint über ihre Kinder und will sich nicht trösten lassen über ihre Kinder; denn es ist aus mit ihnen.

Merkwürdig. In diesem Wort ist gar nicht von Bethlehem, sondern von Rama die Rede. Bethlehem liegt südlich von Jerusalem, der Ort Rama ein Stück weit im Norden. Es ist eine alte Grenzstadt zwischen dem Nordreich Israel und dem Südreich Juda, um die immer wieder blutig gekämpft wurde.

Zur Zeit des Propheten Jeremia ist Rama wieder einmal vom Krieg betroffen. Es wird als Vorposten Jerusalems von den Truppen der babylonischen Eroberer besetzt. Jeremia wird in Fesseln in dieser Stadt gebracht (Jeremia 40, 1); so mag er mit eigenen Ohren das Wehklagen der Leute in Rama hören, die schon wieder am Ende sind.

Dass er Rahels Kinder weinen hört, bezieht sich im übertragenen Sinn auf alle Kinder Israels; Rahel ist ja eine der Stammmütter Israels. Ihr Königreich ist für immer zerstört. Städte liegen verwüstet da, ihr Tempel in Trümmern. Die Mächtigen, die Priester, die Handwerker in Israel werden nach Babylon verschleppt oder fliehen nach Ägypten. Nur die armen Leute bleiben im Elend zurück.

Diese trostlose Situation hat Jeremia vor Augen, und für Matthäus wiederholt sich im Mord an den Kindern von Bethlehem, was Israel immer wieder schmerzlich erfahren muss, dass es brutalen Machthabern ausgeliefert ist. Zur Zeit des Matthäus liegt Jerusalem schon wieder in Trümmern, weil drei Jahrzehnte nach Jesu Tod jüdische Revolutionäre versucht haben, die Römer aus dem Land zu jagen. Aber stattdessen haben die Römer den Krieg gewonnen und neues Leid über die Juden gebracht. In diese Welt wird Jesus hineingeboren, um sie zu erlösen, um Trost und Befreiung zu bringen.

Barockmusik: Adriano Banchieri

Ich möchte nun aber noch ein wenig genauer in das 31. Kapitel des Buches Jeremia hineinschauen. Der Satz vom Klagen und Weinen Rahels steht dort nicht allein. Er geht so weiter:

16 Aber so spricht der HERR: Lass dein Schreien und Weinen und die Tränen deiner Augen; denn deine Mühe wird belohnt werden, spricht der HERR. Sie sollen wiederkommen aus dem Lande des Feindes,

17 und es gibt eine Hoffnung für deine Zukunft, spricht der HERR: Deine Kinder sollen wieder in ihre Heimat kommen.

Im Buch Jeremia ist der Satz „denn es ist aus mit ihnen“ nicht der letzte. Trostlosigkeit wird ausgehalten. Und sie wird überwunden durch ein neues Wort Gottes. Wie Tränen geweint werden dürfen, wird Weinen auch ein Ende haben. Warum?

Weil Rahels Kinder hoffen dürfen – hoffen auf Befreiung, auf gerechten Lohn für ihre Mühe, auf Rückkehr in die Heimat. So wie bei Lukas die Engel auf dem Feld der Hirten den Frieden auf Erden verkünden, so erinnert Matthäus angesichts der ermordeten Kinder von Bethlehem an Jeremias Hoffnungsworte für Rahels Kinder.

In der Erinnerung an Rahel und ihre Kinder schwingt für Matthäus sicher viel mit von alter Israelitischen Lebenserfahrung und Weisheit. In den uralten Geschichten um Rahel, ihre ältere Schwester Lea und ihren Ehemann Jakob, den sie sich teilen müssen, erzählt sich ja das Volk Israel den Ursprung seiner Geschichte.

Jakob liebt Rahel von Herzen. Seine Ehe mit Lea ist vom Schwiegervater arrangiert. Lea liebt er nicht. Die schöne Rahel mit ihrer tollen Figur zieht Jakob der älteren Lea mit ihrem sanften Blick vor. Aber Lea kämpft um die Liebe Jakobs, indem sie ihm ein Kind nach dem anderen schenkt, während Rahel ihr erstes Kind Josef erst bekommt, als Jakob schon zehn Söhne und eine Tochter hat. Und bei der Geburt ihres zweiten Sohnes stirbt Rahel. Sie will ihn „Ben-Oni“ nennen, Sohn des Unglücks, doch das lässt Jakob nicht zu, er nennt ihn „Ben-Jamin“, Sohn des Glücks. Bereits im Leben der Stammmutter Rahel liegen Glück und Unglück, Erfüllung und Trostlosigkeit eng beieinander.

Vielleicht kommen deswegen Rahels Kinder im Kapitel 31 des Buches Jeremia vor. Und einer unter den Söhnen Rahels wird ausdrücklich erwähnt, nämlich Ephraim. Aber, Moment mal, Rahel hatte doch nur zwei Söhne!

Stimmt, jedoch ernannte ihr Mann Jakob praktisch auch noch ihre Enkelkinder Manasse und Ephraim, die Söhne Josefs, zu ihren eigenen Kindern und zählte sie zu den zwölf Stämmen Israels. Warum? Weil nur elf von den zwölf Söhnen Jakobs Anspruch auf ein Stammesgebiet in Israel hatten, nicht der Priesterstamm Levi. Dafür wurden Josefs Kinder doppelt mit Land ausgestattet.

Und so gibt es unter den Stämmen Israels auch den Stamm Ephraim, der auf dem Gebirge Ephraim zu Hause ist. Genau dort, so verkündet der Prophet Jeremia, wird schon bald Wunderbares geschehen:

6 Denn es wird die Zeit kommen, dass die Wächter auf dem Gebirge Ephraim rufen: Wohlauf, lasst uns hinaufziehen nach Zion zum HERRN, unserm Gott!

7 Denn so spricht der HERR: Ruft laut, rühmt und sprecht: HERR, hilf deinem Volk, dem Rest Israels!

Jeremia hört also mitten im Wehklagen der Kinder Rahels zugleich Hoffnungsworte Gottes. Die übrig Gebliebenen des Volkes werden zur Rückkehr nach Zion gerufen, zum Tempelberg in Jerusalem. So kommt es später wirklich, Israel darf unter der Oberherrschaft der Perser ins Land zurück.

Barockmusik: Johann Sebastian Bach

Hören wir nun, wie Jeremia die Rückkehr der Kinder Rahels nach Israel schildert (Jeremia 31):

8 Siehe, ich will sie aus dem Lande des Nordens bringen und will sie sammeln von den Enden der Erde, unter ihnen Blinde und Lahme, Schwangere und junge Mütter, dass sie als große Gemeinde wieder hierher kommen sollen.

Wir sehen Menschen vor uns, die von Krieg und Elend gezeichnet sind. Aber mit den Kriegsversehrten kommen auch Schwangere und junge Mütter gezogen. Es gibt einen neuen Anfang, blühendes neues Leben.

9 Sie werden weinend kommen, aber ich will sie trösten und leiten. Ich will sie zu Wasserbächen führen auf ebenem Wege, auf dem sie nicht straucheln; denn ich bin Israels Vater und Ephraim ist mein erstgeborener Sohn.

Trauernde und Kriegsversehrte haben Grund zum Weinen, aber Gott persönlich will sie trösten und leiten. Sie sollen Wasser zu trinken bekommen – und den Behinderten garantiert Gott einen barrierefreien Weg in die Heimat.

Dies ist die einzige Stelle im Alten Testament, an der Gott sich ausdrücklich Israels Vater nennt, und ganz betont sagt Gott: „Ephraim ist mein erstgeborener Sohn.“ Warum spricht er so voll Überschwang von Ephraim, diesem Enkelkind der Rahel?

Jeremia erinnert hier an die Szene aus dem 1. Buch Mose – Genesis 48, wo Josef seine beiden Söhne zum Großvater Jakob bringt; er stellt sie so auf, dass Jakob den älteren Enkel Manasse mit der rechten Hand segnen soll und Ephraim, den jüngeren, mit der linken. Aber Jakob segnet die beiden überkreuz – er macht Ephraim zum Erstgeborenen. Als ob er daran erinnern wollte, dass Gott immer wieder Letzte zu Ersten macht. Gott hatte ja sogar ihm, dem Betrüger, die Chance gelassen, die er nicht verdiente. Dasselbe geschieht bei der Rückkehr Israels in die Heimat; wieder stellt Gott Zukurzgekommene in die erste Reihe. Israel, Ephraim, Rahels Kinder überhaupt haben Hoffnung niemals deswegen, weil sie aus sich heraus etwas Großartiges darstellen, sondern immer wegen der Barmherzigkeit Gottes, des Vaters.

Barmherzigkeit hat Ephraim, das Volk Israel, damals bitter nötig gehabt, denn durch eigene Schuld sind die Kinder Rahels in das babylonische Unglück geraten. Sie haben nicht nach der Wegweisung Gottes gelebt. Es hat zu viel Unterdrückung und Ausbeutung im Volk gegeben. Inzwischen hat sich aber etwas geändert. Gott kann über Ephraim sagen:

18 Ich habe wohl gehört, wie Ephraim klagt: »Du hast mich gezüchtigt, und ich wurde gezüchtigt wie ein junger Stier, der noch nicht gezähmt ist. Bekehre du mich, so will ich mich bekehren; denn du, HERR, bist mein Gott!«

Die Israeliten akzeptieren also ihr Unglück als Gottes Strafe. Verstrickt in eigene und fremde Schuld haben sie die Folgen getragen für sich und ihre Kinder. Wie ein junger Stier kommt sich Ephraim vor, der noch zugeritten werden muss.

19 Nachdem ich bekehrt war, tat ich Buße, und als ich zur Einsicht kam, schlug ich an meine Brust. Ich bin zuschanden geworden und stehe schamrot da; denn ich trage die Schande meiner Jugend.«

Umkehr zu Gott kann ein schmerzhafter Weg sein: Reue, Einsicht, an die eigene Brust schlagen, sich erniedrigt und gedemütigt fühlen und am Boden zerstört sein. Da kann einer keine Schuld mehr auf andere abwälzen, er muss seine ganze Aufmerksamkeit auf die eigene Verantwortung richten, den eigenen Anteil an dem, was schlimm läuft in dieser Welt. Diese Einsicht zu gewinnen, das ist Ephraim, Israel, Rahels Kindern offenbar zur Zeit Jeremias wenigstens teilweise gelungen. Und darum eröffent sich für sie Gottes Hoffnung.

Barockmusik: Georg Friedrich Händel

Noch einen letzten Vers hören wir aus dem Buch Jeremia, Kapitel 31. Nachdem Gott Ephraims Klage und Reue gehört hat, sagt er:

20 Ist nicht Ephraim mein teurer Sohn und mein liebes Kind? Denn sooft ich ihm auch drohe, muss ich doch seiner gedenken; darum bricht mir mein Herz, dass ich mich seiner erbarmen muss, spricht der HERR.

Das ist Trost für Rahels Kinder, sowohl für die, die in Schuld verstrickt sind, als auch für diejenigen, die unschuldig unter den Folgen der Schuld anderer leiden. Alle dürfen sie Gottes Stimme hören: „Du bist mein liebes Kind, unendlich kostbar! Auch wenn ich dich hart ermahnen muss, wo du in dein Unglück rennst, höre ich nicht auf, dich zu lieben. Es bricht mir das Herz, wenn deine Kinder eine Strafe mittragen müssen, die sie nicht verdienen. Nie vergesse ich dich, immer werde ich dir Barmherzigkeit erweisen!“

Ich kann mir vorstellen, dass Matthäus auch wegen dieses Wortes Gottes an Ephraim an die Kinder Rahels in Jeremia 31 erinnert. Denn (Matthäus 3, 17 und 17, 5):

Dies ist mein lieber Sohn!

– so wird Gott im Matthäusevangelium auch zu Jesus sprechen. Allerdings ist damit nicht ganz genau dasselbe gemeint wie im Alten Testament. Dort stehen die Namen Israel, Jakob, Ephraim immer als Inbegriff für das Volk Israel, und dieses Volk ist wahrhaft Gottes Sohn, auch wenn es aus sündigen Menschen besteht und auf Barmherzigkeit angewiesen bleibt. Von Jesus bekennen wir dagegen an Weihnachten: Als einziger Mensch überhaupt lässt er sich ganz und gar von Gottes Liebe erfüllen, lebt er aus dieser Liebe, ist er ohne Sünde.

Die Weihnachtsfreude besteht darin, dass Jesus diese Liebe Gottes an alle weiterverschenkt. Im Vertrauen auf Jesus haben alle in Israel und auch alle Völker – sogar wir! – freien Zugang zur Liebe Gottes. Auch wir können uns Trost und Reue, Einsicht und Vergebung, Umkehr zu einem neuen Leben schenken lassen. Auch uns gilt die Zusage Jesu (Matthäus 5:9):

Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen.

Wir sind Gottes Kinder, wie schon die Israeliten Gottes Kinder waren und sind, die im Buch Jeremia Ephraim oder Rahels Kinder heißen. Wir sind Gottes Kinder, indem wir aus der Barmherzigkeit Gottes leben, Liebe üben und Frieden stiften.

Indem wir das tun, wird die Trauer um die Kinder Bethlehems nicht billig weggetröstet, aber sie kann getragen werden, weil keins dieser toten Kinder ungeliebt bleibt – und, ja, sie alle bleiben tatsächlich in Gottes Liebe ewig aufbewahrt und geborgen.

Und wo wir Verantwortung tragen für Kinder und Jugendliche, für Schüler oder für Enkel, da dürfen wir zuversichtlich und getrost für sie da sein, ihnen gute Grenzen setzen und alles tun, damit sie geliebt und im Frieden leben können. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen das Lied 38:

1. Wunderbarer Gnadenthron, Gottes und Marien Sohn, Gott und Mensch, ein kleines Kind, das man in der Krippen find’t, großer Held von Ewigkeit, dessen Macht und Herrlichkeit rühmt die ganze Christenheit:

2. Du bist arm und machst zugleich uns an Leib und Seele reich. Du wirst klein, du großer Gott, und machst Höll und Tod zu Spott. Aller Welt wird offenbar, ja auch deiner Feinde Schar, dass du, Gott, bist wunderbar.

3. Lass mir deine Güt und Treu täglich werden immer neu. Gott, mein Gott, verlass mich nicht, wenn mich Not und Tod anficht. Lass mich deine Herrlichkeit, deine Wundergütigkeit schauen in der Ewigkeit.

Abkündigungen

Jesus Christus, machtloses Kind in der Krippe und zugleich Sohn des allmächtigen Gottes der Liebe, in deinem Namen beten wir für die Menschen auf Sumatra und Java und auf Sizilien, die durch Vulkan-Ausbruch und Tsunami hart betroffen und ums Leben gekommen sind.

Jesus Christus, gerettetes Kind und Retter, wir beten in deinem Namen für Mütter und Väter, die um ein totes Kind weinen, geboren oder ungeboren, an einer Krankheit verstorben oder vor Hunger oder durch brutale Gewalt. Wir bitten, dass sie Trost finden und dass Gerechtigkeit einkehrt, so dass überlebende Kinder in Geborgenheit und Frieden aufwachsen können. Und wir bitten, dass die toten Kinder in deiner Liebe bewahrt bleiben in Ewigkeit.

Jesus Christus, Sohn der Maria und von Josef angenommener Sohn, wir beten in deinem Namen für Menschen, deren Familie in einer tiefen Krise oder zerbrochen ist. Für alle, die sich schwertun, Wege der Versöhnung zu finden.

Jesus Christus, du Licht der Welt, in deinem Namen bitten wir um Weihnachtsfreude aus der Allmacht deiner Liebe, um Freude, die aller Trauer und Angst standhält und aus der Mut und Kraft hervorwachsen, um als liebende Menschen zu leben.

In der Stille bringen wir vor dich, was wir persönlich auf dem Herzen haben:

Gebetsstille und Vater unser

Wir singen aus dem Lied 23 die Strophen 1 bis 4:

1. Gelobet seist du, Jesu Christ, dass du Mensch geboren bist von einer Jungfrau, das ist wahr; des freuet sich der Engel Schar. Kyrieleis.

2. Des ewgen Vaters einig Kind jetzt man in der Krippen find’t; in unser armes Fleisch und Blut verkleidet sich das ewig Gut. Kyrieleis.

3. Den aller Welt Kreis nie beschloss, der liegt in Marien Schoß; er ist ein Kindlein worden klein, der alle Ding erhält allein. Kyrieleis.

4. Das ewig Licht geht da herein, gibt der Welt ein’ neuen Schein; es leucht’ wohl mitten in der Nacht und uns des Lichtes Kinder macht. Kyrieleis.

Geht mit Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

Barockmusik: Georg Friedrich Händel
Kirchenkaffee

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