Leben und Sterben in Würde

Trauerfeier für eine Frau, die ihre schwere Krankheit mit klarem Kopf getragen und ihrem Tod mit Stolz und Würde entgegengesehen hat.

Leben und Sterben in Würde: Skulptur einer Frau mit einem Kopftuch, die ihre Augen geschlossen hat und Schmerz zu erleiden scheint

Skulptur einer Frau, die schweres Leid erträgt (Bild: pixel2013 – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Jesus Christus spricht (Matthäus 11, 28):

Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.

Liebe Trauergemeinde, wir sind hier versammelt, um Abschied zu nehmen von Frau M., die mit [über 70] Jahen gestorben ist. Wir denken gemeinsam an ihr Leben, wir begleiten einander auf dem Weg des Abschieds, und wir besinnen uns angesichts des Todes auf Worte Gottes, die trösten und zum Leben helfen.

Lasst uns beten mit Worten aus Psalm 71:

1 HERR, ich traue auf dich, lass mich nimmermehr zuschanden werden.

2 Errette mich durch deine Gerechtigkeit und hilf mir heraus, neige deine Ohren zu mir und hilf mir!

3 Sei mir ein starker Hort, zu dem ich immer fliehen kann, der du zugesagt hast, mir zu helfen; denn du bist mein Fels und meine Burg.

5 Du bist meine Zuversicht, HERR, mein Gott, meine Hoffnung von meiner Jugend an.

9 Verwirf mich nicht in meinem Alter, verlass mich nicht, wenn ich schwach werde.

19 Gott, deine Gerechtigkeit reicht bis zum Himmel; der du große Dinge tust, Gott, wer ist dir gleich?

20 Du lässest mich erfahren viele und große Angst und machst mich wieder lebendig und holst mich wieder herauf aus den Tiefen der Erde.

21 Du machst mich sehr groß und tröstest mich wieder.

Liebe Trauergemeinde, als ich Frau M. kennenlernte, war sie bereits von ihrer Krankheit gezeichnet. Sie lebte in ihrem kleinen Zimmer im Seniorenstift und meinte ganz realistisch: „Den Weg, wo ich wohne, werde ich wohl nicht mehr sehen.“ Sie ist nun auch wirklich nicht mehr in ihre Wohnung zurückgekehrt.

Klarheit des Denkens hat sich Frau M. bis in ihre letzten Lebensmonate bewahrt, ebenso hat sie festgehalten an Möglichkeiten, gegen ihre Krankheit zu kämpfen. Was nicht zu ändern war, nahm sie hin mit der ihr eigenen Art von trockenem Humor. Wenn man zu ihr kam und zum Beispiel eine Bemerkung über das schlechte Wetter machte, konnte sie erwidern, dass sie sich auch lieber über das Wetter ärgern würde, als die ganze Zeit krank daliegen zu müssen.

Trotz ihrer krankheitsbedingten Beeinträchtigungen war ihr abzuspüren, mit welcher Energie und mit welcher Haltung sie gewohnt war, ihr Leben zu meistern und allen Widrigkeiten entgegenzutreten.

Erinnerungen an Freude und Leid im Leben der Verstorbenen

Jeder von Ihnen hat seine eigenen Erinnerungen an Frau M. – manche reichen ganz weit zurück bis in die Tage ihrer Jugend oder in die Anfangszeit ihrer Ehe und Familie, die meisten werden sich in den Jahren nach dem Tod ihres Mannes festmachen. Vieles ist verbunden mit Dankbarkeit, manches auch mit Wehmut und Trauer, jeder kennt ein kleines oder großes Stück des eigenen Lebens, das mit dem Leben der nun Verstorbenen verknüpft war.

Was bleibt, sind Prägungen, Begegnungen, Eindrücke, die in uns weiterwirken. Was bleibt, ist empfangene oder gegebene Liebe, all die Dinge, durch die wir ein Stück Ewigkeit geschenkt bekommen – daneben steht all das, was unfertig und unabgeschlossen geblieben ist. Vertrauen und Hoffnung bleiben: Vertrauen darauf, dass diese Welt trotz all dem Dunklen und Schrecklichen letzten Endes durch Güte geschaffen und von Liebe getragen ist. Daher auch Hoffnung selbst da, wo scheinbar nur Hoffnungslosigkeit regiert.

Ich selber habe Frau M. nur für kurze Zeit gekannt. Mein Eindruck war, dass sie sehr lange ihre Hoffnung aufrechterhalten hat – vielleicht nicht die Hoffnung, wieder gesund zu werden, aber doch die feste Zuversicht, bis zum Schluss ihren klaren Verstand zu behalten. Was sie kaum erträglich fand, war die Aussicht, nicht mehr die Kontrolle über ihre eigenen Bewegungen zu behalten und vielleicht auch in ihrer geistigen Kraft nachzulassen.

Schier Unerträgliches hat sie in ihrem Leben schon meistern müssen. Irgendwann musste auch sie an eine Grenze kommen, an der es auch für sie nur noch hieß: loslassen, nicht festhalten.

Mit Haltung, mit Würde, ist Frau M. ihrer Krankheit entgegengetreten. So wird sie auch ihren Tod erwartet haben.

Und Gott versteht die Sehnsucht nach einem Leben und Sterben in Würde, dieser Gott, zu dem wir im Psalm 71, 21 gebetet haben:

Du machst mich sehr groß und tröstest mich wieder.

Stolz zu sein ist in kirchlichen Kreisen ja häufig verpönt, als ob christliche Demut darin bestehen würde, sich möglichst klein zu machen. Nein, es ist ganz in Ordnung, wenn jeder auf seine Weise auch zu seinen Stärken steht und Haltung bewahrt und ein gesundes Selbstbewusstsein pflegt. Demut ist in meinen Augen eine realistische Haltung sich selbst gegenüber: sich weder kleiner noch größer zu machen, als man ist, und es nicht nötig zu haben, andere Menschen im Verhältnis zu sich selbst abzuwerten. Nur unrealistische Selbstüberschätzungen sind gemeint, wenn die Bibel an manchen Stellen dazu auffordert, vor Gott Demut zu üben.

Und wo wir uns allzu klein fühlen, ist es Gott selbst, der uns groß macht. Er richtet uns auf, wo wir niedergebeugt wurden. Er schenkt uns einen neuen Anfang, wo wir am Ende sind. Gott ist es, dessen Kraft in den Schwachen mächtig ist (2. Korinther 12, 9).

Gott begleitet uns in der Jugend und im Alter, in Gesundheit und in Krankheit, dann, wenn wir alles im Griff haben, und dann, wenn wir die Kontrolle über unser Leben verlieren. Die Bruchstücke unseres Lebens fügt Gott zu einem Ganzen zusammen. Wo wir nicht begreifen, schenkt er irgendwann neue Einsicht, neuen Trost, neue Zuversicht, neues Leben. Und selbst wenn wir sterben, bleiben wir bewahrt im All-umfassenden Gedächtnis der Liebe Gottes. Unvorstellbar für unser irdisches Fassungsvermögen sagt Gott uns zu, dass unser Leben im Tod nicht endgültig verloren geht. Liebe behält das letzte Wort.

„Ja, Gott, du machst mich sehr groß und tröstest mich wieder.“ Amen.

Barmherziger Gott, wir danken dir, dass du Frau M. die Kraft gegeben hast, ihre Krankheit in Würde zu ertragen. Wir vertrauen darauf, dass du sie aufnimmst in deinen Frieden. Wir bitten dich, tröste alle, die die Verstorbene vermissen. Lass uns bewältigen, was uns belastet. Lass uns einander beistehen, wo wir Hilfe brauchen. Schenke uns immer wieder Menschen, die für uns da sind in Freundlichkeit und Geduld, im Zuhören und Reden und manchmal auch im Schweigen. Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, und lass uns leben im Vertrauen auf die Liebe, die du uns schenkst.

Wir beten mit einem Lied (EG 428, 3+5) aus dem Evangelischen Gesangbuch:

Komm in unsre laute Stadt, Herr, mit deines Schweigens Mitte

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