Auf den Tod warten – oder auf den Erlöser?

Trauerfeier für eine alte Frau, die viele Schicksalsschläge zu verkraften hatte. Ich erinnere an biblische Texte der Psalmen, der Evangelien und aus dem Buch Hiob.

Jesus Christus mit der Dornenkrone neben dem Kreuz, das er trägt; das Gesicht und seine rechte Hand wendet er zur anderen Seite einem auf dem Bild nicht sichtbaren Menschen zu.

Dem neben ihm Gekreuzigten verspricht Jesus das Paradies (Bild: marinas32 – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Trauergemeinde, wir sind hier versammelt, um Abschied zu nehmen von Frau X., die im Alter von [über 90] Jahren gestorben ist.

Wir beten mit Psalm 139:

1 HERR, du erforschest mich und kennest mich.

2 Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne.

3 Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege.

5 Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.

7 Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?

8 Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.

11 Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein -,

12 so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.

13 Denn du … hast mich gebildet im Mutterleibe.

14 Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.

16 Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war.

23 Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine.

24 Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege.

Liebe Gemeinde!

„Leite mich auf ewigem Wege“, so haben wir mit dem 139. Psalms gebetet.

Frau X. ist weite Wege gegangen in ihrem Leben hier auf der Erde, sie hat ein langes Leben gelebt und nun das Tor zur Ewigkeit durchschritten.

In dieser Stunde blicken wir zurück auf ihr Leben und machen uns bewusst, in welcher Weise es ein unverwechselbares, einmaliges, erfülltes Leben war.

Erinnerungen an das Leben der Verstorbenen

Frau X. hatte es nicht gerade leicht in ihrem Leben. Was ein Mensch im 20. Jahrhundert durchmachen konnte, hat sie durchgemacht: Zwei Weltkriege, zwei Vertreibungen, außerdem persönliche schwer Schicksalsschläge. Ihr erster Mann verunglückte tödlich schon nach kurzer Ehe, auch ihr zweiter Mann starb bereits vor vielen Jahren. Am schlimmsten war für sie aber der Tod ihrer Tochter. Sie war ja der wichtigste Mensch in ihrem Leben gewesen und geblieben. Sie konnte nie begreifen, warum ihre Tochter vor ihr sterben musste.

Die Bibel kennt das zuversichtliche Gebet zu Gott, wie wir es am Anfang im Psalm 139 gehört haben. Aus dem unerschütterlichem Gottvertrauen heraus kennt sie aber auch die hartnäckige Frage an Gott, die im Psalm 22, 2 gestellt wird und die Jesus aufgreift, als er am Kreuz sterben muss (Markus 15, 34):

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Ausführlicher richtet diese Frage schon im Alten Testament ein Mann an Gott, der im wahrsten Sinne des Wortes Hiobsbotschaften zu verkraften hat, denn er heißt Hiob. Seine Kinder sind ihm genommen worden, auch seine Gesundheit, und er weiß nicht, warum, denn er wüsste nicht, wofür Gott ihn gestraft haben sollte. Und so spricht er Gott gegenüber (Hiob 3) seine Klage aus:

20 Warum gibt Gott das Licht dem Mühseligen und das Leben den betrübten Herzen

21 – die auf den Tod warten, und er kommt nicht, und nach ihm suchen mehr als nach Schätzen,

22 die sich sehr freuten und fröhlich wären, wenn sie ein Grab bekämen -,

23 dem [Menschen], dessen Weg verborgen ist, dem Gott den Pfad ringsum verzäunt hat?

Es mag sein, dass Frau X. in den letzten Jahren manches Mal so auf den Tod gewartet hat, weil sie lieber bei der Tochter und bei ihren Lieben im Himmel sein wollte, als noch auf Erden weiterleben zu müssen.

Der Bibel ist diese Klage und dieser Wunsch nicht fremd; wir können vor Gott alles aussprechen, was wir auf dem Herzen haben. Er, der wahre, lebendige Gott, hält es aus, wenn wir ihn anklagen, wenn wir ihn in Frage stellen.

In der Bibel ist es so, dass Gott immer nur zeitweise verborgen ist; und gerade Hiob, der so massiv seine Klage gegen Gott richtet, könnte das gar nicht tun, wenn er nicht davon überzeugt wäre, dass Gott doch am Ende auf ihn hören wird. Im 19. Kapitel seines Buches spricht er diese Zuversicht mit folgenden Worten aus:

25 Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der letzte wird er über dem Staub sich erheben.

26 Und ist meine Haut noch so zerschlagen und mein Fleisch dahingeschwunden, so werde ich doch Gott sehen.

Da es nur einen Gott gibt, kann nur Gott auch unser Erlöser sein, selbst wenn er uns wie ein Feind gegenübertritt und wir seine Wege nicht begreifen. Am Ende wird Hiob Gott sehen – im Buch Hiob wird das auf unerwartete Weise wahr, indem er gesund wird und er noch einmal Kinder bekommt. Als Christen vertrauen wir darauf, dass Gott uns von den Toten auferwecken wird, so wie er zuerst seinen Sohn Jesus Christus hat auferstehen lassen.

Auch Jesus hat am Kreuz nicht nur den verzweifelten Schrei der Gottverlassenheit ausgestoßen, den wir gehört haben, er hat den Psalm 22 sicher weiter gebetet, wo es heißt:

4 Du aber bist heilig, der du thronst über den Lobgesängen Israels.

5 Unsere Väter hofften auf dich; und da sie hofften, halfst du ihnen heraus.

6 Zu dir schrien sie und wurden errettet, sie hofften auf dich und wurden nicht zuschanden.

Und so konnte er, indem er am Kreuz hing, sogar den einen Mann trösten, der neben ihm als Aufrührer gegen die Römer ebenfalls gekreuzigt worden war und die Bitte aussprach (Lukas 23):

42 Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!

43 Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.

In zuversichtlichem Vertrauen auf Gott dürfen wir heute also auch Frau X. loslassen, denn sie geht in ihrem Tode nicht verloren.

Gott nimmt sie am Ende mit Ehren an; Gott wird ihre Tränen abwischen, die sie hier hat weinen müssen. Ja, wir dürfen zuversichtlich sein, dass sie in der Ewigkeit auch mit ihren Lieben wieder vereint sein wird.

Wie das sein mag, wissen wir nicht, müssen wir auch nicht wissen. Aber wir dürfen dem Versprechen glauben, das Jesus kurz vor seinem Tod auch seinen Freunden gab und das auch für uns und für die Verstorbene gilt (Johannes 14, 19):

Ich lebe und ihr sollt auch leben.

Amen.

Wir beten mit den Worten des Liedes 376:

1. So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich. Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt: wo du wirst gehn und stehen, da nimm mich mit.

2. In dein Erbarmen hülle mein schwaches Herz und mach es gänzlich stille in Freud und Schmerz. Lass ruhn zu deinen Füßen dein armes Kind: es will die Augen schließen und glauben blind.

3. Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht, du führst mich doch zum Ziele auch durch die Nacht: so nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich!

Allmächtiger Gott, Herr über Leben und Tod, nimm du nun Frau X. gnädig auf in dein himmlisches Reich.

Wir danken dir für die Liebe, die sie in ihrem Leben empfangen und verschenken durfte.

Wir klagen vor dir um der Schicksalsschläge willen, die ihr auferlegt waren und die sie nicht leicht verkraften konnte.

Wir bitten dich um Vergebung für das, was wir einander schuldig geblieben sein mögen.

Lehre uns angesichts dieses Todes bedenken, dass wir alle sterben müssen, auf dass wir klug werden.

Mach uns aufmerksam auf alles, was kostbar ist in unserem Leben, dass wir verantwortlich umgehen mit uns selbst und mit den Menschen, die uns anvertraut sind. Amen.

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