10-Punkte-Programm einer menschlichen Kirche

Aus unserer Kraft schaffen wir das brüderliche Zusammenleben kaum. Aber die Brüderlichkeit hat auch weniger mit eigener Kraftanstrengung zu tun als mit eigenem Loslassenkönnen, Freiwerden von der Angst um mich selbst, vor dem eigenen Zukurzkommen. In der Bereitschaft, andere mitzutragen, erfährt man, dass die anderen, wie schwach sie auch sein mögen, auch uns selbst ein Stück mittragen.

Hände verschiedener Hautfarben im Kreis - Symbol einer menschlichen Kirche

Kirche sollte eine Gemeinschaft derer sein, die einander brauchen (Bild: BarbaraBonanno – pixabay.com)

Gottesdienst am 7. Sonntag nach Trinitatis, 20. Juli 1980, in Weckesheim und Reichelsheim
Lieder: 233, 1+5+6 / 214, 1+2+5 / 159, 2+3 / 103, 3
Predigttext: Apostelgeschichte 2, 42-47 (GNB)

Wir hören, was geschah, nachdem Petrus beim ersten Pfingstfest den Leuten eine Predigt gehalten hatte:

42 Sie alle blieben ständig beisammen; sie ließen sich von den Aposteln unterweisen und teilten alles miteinander, feierten das Mahl des Herrn und beteten gemeinsam.

43 Durch die Apostel geschahen viele wunderbare Taten, und jedermann in Jerusalem spürte, dass hier wirklich Gott am Werk war.

44 Alle, die zum Glauben gekommen waren, taten ihren ganzen Besitz zusammen.

45 Wenn sie etwas brauchten, verkauften sie Grundstücke und Wertgegenstände und verteilten den Erlös unter die Bedürftigen in der Gemeinde.

46 Tag für Tag versammelten sie sich im Tempel, und in ihren Häusern feierten sie in jubelnder Freude und mit reinem Herzen das gemeinsame Mahl.

47 Sie priesen Gott und wurden vom ganzen Volk geachtet. Der Herr führte ihnen jeden Tag weitere Menschen zu, die er retten wollte.

Liebe Gemeinde!

Ein Pfarrer ließ seine Konfirmanden kurz vor der Konfirmation einen Fragebogen beantworten, ohne Namensnennung. Eine Frage lautete: „Der Unterricht geht bald zu Ende. Wirst du weiter Kontakt mit der Gemeinde suchen, wenn ja, wie – wenn nein, warum nicht?“

Wie würden wohl die Antworten auf diese Frage in unserer Gemeinde ausfallen? Der eben erwähnte Pfarrer erhielt von einem seiner Konfirmanden zur Antwort: „Sicher werde ich mich öfters blicken lassen. Man braucht ja immer mal einen Menschen, der sich um einen kümmert. Ich glaube, wenn ich mal Sorgen habe, könnte ich mich bestimmt gut mit dem Pfarrer zusammensetzen. Dafür finde ich Gemeinde ganz prima. Wenn ich Kontakt suche, werde ich bestimmt in die Jugendgruppe gehen oder mal in den Gottesdienst. Prima so eine Gemeinde!“

Das war eine Antwort unter vielen. Sicher sind nicht alle Antworten darauf hinausgelaufen: Prima, so eine Gemeinde! Aber es GIBT solche Erfahrungen, es gibt sie heute.

Etwas in dieser Richtung wollte wohl auch Lukas vor 1900 Jahren sagen, als er in einem Brief an seinen Freund Theophilus, in der sogenannten Apostelgeschichte, diesen Abschnitt schrieb, den wir als Predigttext gehört haben. Was ihn beeindruckt hat am Leben der ersten Christen, das hat er in diesem Bild von Gemeinde zusammengefasst. Da könnten wir in heutigen Worten auch sagen: Prima, so eine Gemeinde! Doch nun sagen die einen: Da könnt ihr mal sehen, so war das damals! Was haben wir heute aus der Kirche gemacht?! Andere glauben: Das ist viel zu schön, um wahr zu sein. Sollte es das wirklich gegeben haben, oder hat Lukas nur ein Ideal entworfen, das leider nicht zu erreichen ist?

Die einen und die anderen – sie haben wohl beide teilweise recht. Sicher haben die Gemeinden zur Zeit des Lukas auch nicht ständig in so idealer Weise zusammengelebt. Die Briefe des Paulus, der noch näher dran ist an dieser ersten Zeit der Christen, der etwa 20 bis 30 Jahre früher seine Briefe schreibt, die zeigen ja etwas von den Spannungen und Schwierigkeiten, die es auch in diesen ersten Gemeinden gab.

Lukas beschreibt mehr eine Art Modell von Gemeinde; er sagt: wo solche Erfahrungen gemacht werden – und sie wurden immer wieder gemacht, trotz aller Schwierigkeiten – da ist die Gemeinde wirklich auf dem Weg ihres Herrn Jesus Christus, da ist sie wirklich eine Gemeinschaft. Und als die Kirche später Staatskirche wurde, Kirche der Mächtigen und auch selber weltlich mächtige Kirche – da ging dann viel verloren von der Nähe zu den Armen, vom brüderlichen Zusammenleben. Das Religiöse wurde allzu oft in die private Ecke abgedrängt, soziale Unterschiede wurden religiös gerechtfertigt und statt brüderlicher Gemeindehaft wurde Unterordnung außerhalb und innerhalb der Kirche verlangt.

Heute muss die Kirche von ihrem weltlichen Einfluss mehr und mehr abgeben. Und je mehr die Volkskirche von ihrem selbstverständlichen Einfluss verliert, um so mehr müssen wir uns fragen: was haben wir eigentlich für ein Bild von der Gemeinde, was ist für uns die eigentliche Aufgabe der Kirche, unter welchen Voraussetzungen könnten wir sagen: Prima, so eine Gemeinde!?

Das Bild, das Lukas entwirft, strahlt noch heute etwas aus, es gehört nicht zum alten Eisen. Es ist aber eigentlich nur richtig zu verstehen, wenn wir dieses Bild nicht nur von weitem betrachten und beurteilen, sondern wenn wir – sinnbildlich gesprochen – sozusagen selbst zum Pinsel greifen und an diesem Bild weiter malen, mit viel Farbe, mit hellen und dunklen Farben, wenn wir uns selber einzeichnen und die mit denen wir zu tun haben.

Sonst kommen wir nicht über den Seufzer hinweg: Ach, wäre das schön, wenn Gemeinde heute so wäre wie zur Zeit der ersten Christen! Sonst bleiben wir bei den Klagen über andre Gemeindeglieder, die z. B. in die Kirche rennen und doch anderen alles mögliche Schlechte nachsagen. Oder wir ziehen uns darauf zurück, dass man auch ohne Kirche ein anständiger Mensch sein kann und an Gott glauben kann, bleiben aber dabei allein und lassen andere allein.

Es gibt sicher viel zu klagen über die Menschen, die gemeinsam die Gemeinde Jesu bilden sollen. Manche ziehen daraus den Schluss: die in der Kirche sind ja noch schlimmer als die anderen. Die bilden sich etwas ein auf ihre Religion, man merkt an ihnen aber oft wenig Nächstenliebe. Das sollte uns zu denken geben, ob solche Urteile stimmen oder nicht. Wenn jemand Christ sein will, wird er an strengeren Maßstäben gemessen.

Aber was tun? Wir bleiben ja Menschen, auch als Christen. Menschen mit der Sehnsucht nach einem wirklich menschlichen brüderlichen Leben, Menschen aber auch mit den sogenannten menschlichen Schwächen und Unzulänglichkeiten. Das Wort Menschlichkeit hat ja diese beiden Bedeutungen.

Lukas erzählt, wie sich eine Gemeinde bildet, sammelt und ergänzt. Wie löst er den scheinbaren Widerspruch zwischen der Menschlichkeit als Unzulänglichkeit und der Menschlichkeit als Brüderlichkeit? Er nennt ein Zehn-Punkte-Programm.

Punkt 1: „Sie alle ließen sich von den Aposteln unterrichten.“ Christen hören zusammen. Einer hört auf das, was der andere von Jesus weiß. Sie gehen bei denen in die Lehre, die mehr von Jesus erfahren haben. Sie lassen sich etwas sagen und wissen nicht alles besser. Sie hören nicht auf, von Jesus und seinen Freunden zu lernen. So wie Petrus von Jesus gelernt hat, als der Hahn krähte.

Punkt 2: „Sie lebten brüderlich zusammen.“ Christen bleiben zusammen. Einer achtet auf den anderen. Gemeinschaft hilft gegen Einsamkeit und gegen das Untergehen in der Masse. Sie suchen die auf, mit denen keiner etwas zu tun haben will. Einer lässt den anderen nicht sitzen. Keiner sagt dem anderen: Du zählst für mich nicht mehr! Brüderlich zusammenbleiben, das ist wie ein Netz knüpfen, in das jeder hineinfallen kann – ohne Angst. Brüderlich zusammenbleiben – trotz mancher Gegensätze und Auseinandersetzungen – das ist wie Fairness im sportlichen Wettkampf, nach dem man sich wieder die Hand gibt.

Punkt 3: „Sie feierten miteinander das Mahl des Herrn.“ Christen sind offen und gastfrei. Sie setzen sich mit allen zusammen, alle um einen Tisch. So wie Jesus auf Zachäus zugegangen ist und mit ihm gefeiert hat, obwohl die anderen Zachäus hassten und Jesus nicht verstanden.

Punkt 4: „Sie beteten gemeinsam.“ Christen wollen Gott nahe sein, vor ihm alles aussprechen, was sie bewegt, das Leichte und das Schwere, das Gute und das Böse. Ganz offen und ehrlich. Immer mehr auch gegenüber den anderen in der Gemeinde. Jesus hatte dazu Mut gemacht: „Ihr SEID Kinder Gottes! Ihr braucht es nicht erst zu werden. Sagt nur: Unser Vater!“

Punkt 5: „Alle, die zum Glauben gekommen waren, taten ihren ganzen Besitz zusammen. Wenn sie etwas brauchten, verkauften sie Grundstücke und Wertgegenstände und verteilten den Erlös unter die Bedürftigen.“ Christen teilen und verzichten. Jeder soll bekommen, was er zum Leben braucht. Jeder ist frei, von seinem Eigentum abzugeben. Er braucht sich darauf nichts einzubilden oder daraus einen Zwang für alle machen zu wollen. Es ist kaum zu glauben: Christen könnten wirklich frei werden von dem Zwang, den der Satz ausdrückt: „Je mehr er hat, je mehr er will, nie schweigen seine Klagen still.“

Punkt 6: „Täglich versammelten sie sich im Tempel.“ Christen halten es aus in der Kirche. Sie verachten nicht den Glauben ihrer Väter, sondern suchen danach, wo sie daraus etwas für ihren Glauben gewinnen können. Sie trennen sich nicht einfach von denen, die im Glauben „alt geworden“ sind, die manche Änderung in der heutigen Zeit nicht mehr verstehen und mitmachen möchten. Sie kommen in der Kirche zusammen und wissen doch, wie leicht eine Tempelreinigung vonnöten ist.

Punkt 7: „In ihren Häusern feierten sie in unbekümmerter Freude das gemeinsame Mahl.“ Das gemeinsame Mahl kommt in diesem Text zweimal vor, so viel Wert wird auf die Gemeinschaft der Mahlfeier gelegt. Hier liegt nun die Betonung darauf, dass sie das Mahl hin und her in ihren Häusern feiern. Christen besuchen einander. Sie gehen in die Häuser der anderen, keine Tür bleibt verschlossen. Keiner sagt: „Du kommst mir nicht über die Schwelle!“ Sie laden sich gegenseitig ein und erfahren so mehr voneinander. Ihre Gemeinschaft ist nicht auf die Kirche begrenzt, sondern reicht bis in die Häuser hinein. So wie Jesus zu Maria und Martha gegangen ist, aber auch zu den Schriftgelehrten, und auch zu den Verachteten der Stadt.

Punkt 8: „Sie lobten Gott.“ Christen feiern Gottesdienst im Alltag und am Sonntag. Gott kann jeden Tag gelobt werden, dafür, dass wir leben lernen. Jeden Tag neu.

Punkt 9: „Sie waren überall gern gesehen.“ Christen verhalten sich glaubwürdig. Wenn nicht auseinanderklafft, was sie sagen und tun, dann nimmt man ihnen ihren Glauben ab. Und wenn sie sich die Zeit und den Mut nehmen, über Schwächen und Fehler nachzudenken, wenn sie um Vergebung und um neue Anfänge bitten können, dann wird man sie ernster nehmen, als wenn sie keine Fehler zugeben können. Gern gesehen wird man, wenn man offen ist für andere, auch dann, wenn man diesen anderen vielleicht kritische Dinge sagen muss. Es kann sein, dass die anderen nicht mit gleicher Offenheit antworten, dass sie sich abschließen – ob das früher Menschen waren, die offen kirchenfeindlich aufgetreten sind, oder ob es Menschen anderer Weltanschauungen oder Religionen sind, die dem Christentum nicht immer mit Toleranz begegnen. Das ist aber kein Grund, nun unsererseits ebenfalls die Schotten dichtzumachen, ebenfalls mit Intoleranz weiterzumachen. Die Kirche ist kein abgeschlossener Verein, sondern sie soll weltoffene Gemeinde sein, um das Gespräch und die Gemeinschaft mit allen bemüht sein, mit denen wir zusammenleben. Wie schwierig das auch immer sein mag.

Punkt 10: „Jedermann spürte, dass Gott hier am Werk war.“ Dieser Punkt ist sehr wichtig. Das Zehnpunkteprogramm des Lukas ist keine unerreichbare Forderung, sondern ein Angebot, eine Einladung Gottes an uns, einfach einzusteigen in dieses Abenteuer der Gemeinde. Wem das Wort „Abenteuer“ nicht so gut gefällt, mag an gemeinschaftliche Erfahrungen denken, wie einer einen anderen einfach mal mitnimmt zu einer Zusammenkunft oder zu sich nach Hause einlädt, wie man gemeinsam überlegt, wen wir in unserer Nachbarschaft fast vergessen oder über wen wir nur reden statt mit ihm zu sprechen.

Aus unserer Kraft schaffen wir das brüderliche Zusammenleben kaum. Aber die Brüderlichkeit hat auch weniger mit eigener Kraftanstrengung zu tun als mit eigenem Loslassenkönnen, Freiwerden von der Angst um mich selbst, vor Bloßstellung, vor dem eigenen Zukurzkommen. In der Bereitschaft, andere mitzutragen, erfährt man, dass die anderen, wie schwach sie auch sein mögen, auch uns selbst ein Stück mittragen. Jeder braucht selber Hilfe und jeder kann Hilfe geben. Alle fühlen sich manchmal mutig und manchmal mutlos. Wo Gott am Werk ist, wissen wir zwar nicht genau, was aus uns wird. Aber dann wird das Bild von Gemeinde, das Lukas zeichnet, kein Idealbild bleiben, sondern immer mehr Wirklichkeit werden. Und viele, die sich darauf einlassen, werden sagen können: Prima so eine Gemeinde! Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

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