Die Taube auf dem Dach

Gott ist „der, der noch da ist, wenn niemand mehr da ist“.

Tauben auf dem Dach einer Kirche in Teneriffa

Tauben auf dem Dach einer Kirche in Teneriffa (Foto: pixabay.com)

Nach dem Willen des weltweit renommierten Philosophen Odo Marquard hätte sein Tod (vor 14 Tagen) erst am heutigen Pfingstsamstag mit dem Erscheinen der Todesanzeige seiner Familie bekannt werden sollen. Er hatte seiner Familie den Medienrummel um seine Person in den Tagen bis zur Trauerfeier ersparen wollen. Durch eine Indiskretion kam es dann doch anders.

Das Pfingstfest eignet sich gut, um eines Philosophen zu gedenken, der viele Jahre der Gießener Paulusgemeinde angehörte und auch die Pauluskirche nicht nur von außen kannte. Odo Marquard war zwar ein berufsmäßiger Skeptiker. Aber da seine Art der Skepsis aus der Einsicht in die furchtbaren Folgen totalitären Denkens erwuchs, hielt er die Kirche dann, wenn sie sich nicht im Besitz der alleinigen Wahrheit wähnt, für eine segensreiche Einrichtung. Er war religiös genug, um nicht leichtfertig auf den Trost von Gott zu verzichten, denn Gott war für ihn „der, der noch da ist, wenn niemand mehr da ist“. Ein nichtreligiöser Mensch mag den weltlichen „Spatz in der Hand“ für besser halten „als die Taube auf dem Dach auch dann, wenn diese Taube den Heiligen Geist symbolisiert“, aber für den Philosophen Marquard gab es „Einsamkeitssituationen, in denen die Taube auf dem Dach – sozusagen – der einzige Spatz ist, den man noch in der Hand hat.“

Beim ersten Pfingstfest war der Heilige Geist allerdings kein letzter Trost für Einsame, sondern er führte Menschen verschiedenster Herkunft zusammen, als ein paar Jünger Jesu plötzlich öffentlich das Wort ergriffen und jeder sie in seiner eigenen Sprache reden hörte. Gepredigt wurde ihnen die Vergebung durch Jesus Christus, die christliche Gnade. Und auch diese schätzte Odo Marquard gerade als ein skeptischer Philosoph. Wer andere Menschen im Namen einer Ideologie oder eines fanatischen Glaubens gnadenlos anklagt und fragt: „Mit welchem Recht gibt es dich überhaupt und nicht vielmehr nicht, und mit welchem Recht bist du so, wie du bist, und nicht vielmehr anders?“, der gibt die „Buntheit der Wirklichkeit“ als „menschliche Freiheitschance“ verloren. Wer dagegen auf Gnade vertraut, auf einen Gott, der Menschen annimmt, in ihrer Vielfalt und mit ihren Fehlern, der stellt zwar nicht den perfekten Himmel auf Erden her, aber er baut mit an einer „Erde auf Erden“, in der ein „angstfreies Andersseindürfen für alle“ möglich ist. So stelle ich mir Pfingsten vor – wenn Menschen mit all ihren Unterschieden aufeinander hören, einander verstehen lernen und einander mit Respekt begegnen.

Diesen Beitrag schrieb Pfarrer Helmut Schütz ursprünglich als „Wort zum Sonntag“ am Samstag, 23. Mai 2015 in der Gießener Allgemeinen

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