Friede macht froh

Der Friede des Christus hebt die Gerichtspredigten der Propheten Israels nicht auf. Wollen wir uns herausrufen lassen aus unserer Verschlossenheit auf den Weg des Friedens, oder sind uns Sünde und Verantwortung egal? Wir können um den Geist Christi bitten. Dann können wir aushalten, was uns die Propheten vom Zustand unserer Erde sagen, und kleine Schritte zum Frieden finden.

Ein Jesus-Relief auf einem verwittertem Grabstein

Christus, der Gekreuzigte, ist unser Friede (Foto des Reliefs: pixabay.com)

Predigt im Bittgottesdienst für den Frieden am Volkstrauertag, 16. November 1986 in Heuchelheim und Reichelsheim
Lesung aus dem Propheten Jeremia 7, 1-8 und 8, 6-11:

1 Dies ist das Wort, das vom HERRN geschah zu Jeremia:

2 Tritt ins Tor am Hause des HERRN und predige dort dies Wort und sprich: Höret des HERRN Wort, ihr alle von Juda, die ihr zu diesen Toren eingeht, den HERRN anzubeten!

3 So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: Bessert euer Leben und euer Tun, so will ich bei euch wohnen an diesem Ort.

4 Verlasst euch nicht auf Lügenworte, wenn sie sagen: Hier ist des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel!

5 Sondern bessert euer Leben und euer Tun, dass ihr recht handelt einer gegen den andern

6 und keine Gewalt übt gegen Fremdlinge, Waisen und Witwen und nicht unschuldiges Blut vergießt an diesem Ort und nicht andern Göttern nachlauft zu eurem eigenen Schaden,

7 so will ich immer und ewig bei euch wohnen an diesem Ort, in dem Lande, das ich euren Vätern gegeben habe.

8 Aber nun verlasst ihr euch auf Lügenworte, die zu nichts nütze sind.

6 Ich sehe und höre, dass sie nicht die Wahrheit reden. Es gibt niemand, dem seine Bosheit leid wäre und der spräche: Was hab ich doch getan! Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst, der in der Schlacht dahinstürmt.

7 Der Storch unter dem Himmel weiß seine Zeit, Turteltaube, Kranich und Schwalbe halten die Zeit ein, in der sie wiederkommen sollen; aber mein Volk will das Recht des HERRN nicht wissen.

8 Wie könnt ihr sagen: »Wir sind weise und haben das Gesetz des HERRN bei uns«? Ist’s doch lauter Lüge, was die Schreiber daraus machen.

9 Die Weisen müssen zuschanden, erschreckt und gefangen werden; denn was können sie Weises lehren, wenn sie des HERRN Wort verwerfen?

10 Darum will ich ihre Frauen den Fremden geben und ihre Äcker denen, durch die sie verjagt werden. Denn sie gieren alle, klein und groß, nach unrechtem Gewinn; Priester und Propheten gehen mit Lüge um

11 und heilen den Schaden meines Volks nur obenhin, indem sie sagen: »Friede! Friede!«, und ist doch nicht Friede.

Gnade und Friede sei mit uns von Gott, unserem Vater,und Jesus Christus, unserem gekreuzigten und auferstandenen Herrn. Amen

Wir hören nach dem mahnenden und erschreckenden Text der Lesung aus dem Prophetenbuch des Jeremia nun zur Predigt einen Abschnitt aus dem Evangelium nach Johannes 20, 19-23. In diesen Versen beschreibt eine frühe Christengemeinde, wie sie vom auferstandenen Christus Trost erfährt und einen Auftrag bekommt:

Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, des Ostertages, als die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: „Friede sei mit euch!“ Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen. Da sprach Jesus abermals zu ihnen: „Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: „Nehmt hin den heiligen Geist! Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.“

Amen.

Liebe Gemeinde!

Wir beten heute am Volkstrauertag für den Frieden. Wir haben in einer Liturgie, die von Christen aus beiden deutschen Staaten zusammengestellt worden ist, vieles von dem zusammengestellt, was uns bedrückt, was uns bedroht, was das Leben auf unserer Erde zerstört.

Jeremia, der Prophet, hatte vor zweieinhalbtausend Jahren ebenfalls Derartiges erlebt. Zu seiner Zeit wurde Jerusalem und der Tempel der Juden zerstört, das Volk der Juden nach Babylon in die Verbannung geführt. Das Reich, das David 500 Jahre zuvor aufgebaut hatte und das unter Salomo zur Blüte gelangt war, wurde verheert und zerstört und hörte für viele hundert Jahre auf zu existieren.

Aber das ist noch nicht das Erschreckendste an den Worten des Jeremia, dass Kriegserfahrungen und Enttäuschungen eines Volkes dahinterstehen. Am erschreckendsten ist, dass der Prophet einen Zusammenhang sieht – zwischen dem, was sein Volk tut, und dem, was Gott tut. Er kann aus seinem Glauben an den Gott Israels heraus nicht anders, als dass er auch dann Gott am Werk sieht, wenn es dem Volk übel ergeht. Dieser Gott ist kein Schönwettergott, der sich von schönen Worten beschwichtigen und einlullen lässt, den man nutzbar machen kann für ziemlich kurzsichtige menschliche Interessen. Sondern dieser Gott ist ein Gott der Wahrheit und des Rechtes und des Friedens, dem es ein Greuel ist, wenn Wahrheit und Recht und Frieden zu Worten der Lüge und der Propaganda verkommen.

Zu seiner Zeit ist der Prophet Jeremia sicher als Schwarzmaler und Angstmacher hingestellt worden, weil er zu sagen wagte, dass Gott seinem Volk nicht aus jedem Schlamassel heraushilft, den es selbst verschuldet hat, sondern dass er auch ein Gott des Gerichts sein kann.

Bis heute ist Jeremia aktuell geblieben; seine Worte stehen gegen uns, wenn wir in Optimismus machen, wenn wir die erschreckenden Zeichen der Zeit verharmlosen, sei es z. B. das Sterben des Waldes oder die Katastrophe am Rhein. Seine Worte stehen auch gegen uns, wenn es uns schon ausreicht, dass unsere Wachstumszahlen stimmen, und wenn uns das Leid derer nicht mehr rührt, die unverschuldet arbeitslos sind, vor Verfolgung fliehen, hungern müssen. Die Worte „Friede! Friede!“, und ist doch nicht Friede – mahnen jeden, der vom Frieden spricht, und der damit Unfrieden zudecken will, oder der sich vor den Karren irgendwelcher Machtinteressen spannen lässt; sei es im Osten oder im Westen.

Was geschieht in uns, wenn wir eine Gerichtspredigt hören, sei es von Jeremia, sei es auch von einem Propheten unserer Tage? Manche von uns lassen sich aufrütteln für einige Zeit und stumpfen dann langsam ab. Manche bleiben dem treu, was sie für richtig erkannt haben, geraten aber immer wieder in die Gefahr, den Mut zu verlieren und zu Verzweiflungstaten Zuflucht zu suchen. Und manche hören schon gleich weg, wenn jemand vom Frieden oder von Gefahren für unsere Umwelt redet.

Ich denke: ohne Evangeliumspredigt können wir keine Gerichtspredigt an uns heranlassen und begreifen. Ohne eine konkrete Hoffnung können wir nicht überwinden, was uns zur Verzweiflung treibt.

Deshalb wende ich mich nun dem Predigttext zu, der die Jünger beschreibt, wie sie furchtsam zusammen sitzen, hinter verschlossenen Türen. Die Hoffnungen, die sie auf Jesus gesetzt haben, scheinen in die Irre geführt zu haben, Jesus ist getötet worden, Friede und Gerechtigkeit sind in weite Ferne gerückt.

Doch da geschieht Unerwartetes, kaum Glaubliches. Der, dessen Tod sie beklagen, ist plötzlich als lebendige Hoffnung mitten unter ihnen und ruft ihnen zu: „Friede sei mit euch!“

Wir verstehen den Text falsch, wenn wir unseren Verstand mit der Frage belasten, wie das denn überhaupt möglich ist, dass ein Totgewesener anderen Menschen erscheinen kann, durch verschlossene Türen gehen kann. Die ersten Christen damals fanden keine andere Sprache für das, was sie mit Christus nach seinem Tod erlebten, als die Sprache solcher Bilder, die uns heutige Menschen zuweilen an den Spiritismus, an Totenbeschwörungen erinnern. Aber während der Spiritismus und sonstige Geisterbeschwörungen auf Angst aufbauen und Angst erzeugen, Abhängigkeiten von dunklen Mächten herstellen, geschieht hier etwas völlig anderes. „Die Jünger wurden froh!“

Froh werden die Jünger, als sie das Bild Jesu vor Augen gestellt bekommen, der ihnen die Hände und seine Seite zeigt: die durchbohrten Hände, mit denen er am Kreuz gehangen hat, die Seite, in die mit der Lanze hineingestochen worden ist. Das Bild des geschundenen, gequälten, hingerichteten Jesus macht die Jünger froh – weil sie nun wissen: Gott ist doch stärker als dies alles, was sie erlebt haben, stärker als das Leid und als die, die Leid zufügen, stärker als der Tod und als die, die töten können.

So reißt Jesus die Jünger aus ihrer Verzweiflung heraus und tröstet sie. Er reißt sie heraus aus ihrer Verschlossenheit, aus der Versuchung, nichts mehr an sich heranzulassen, nicht mehr aus dem Haus zu gehen, sich von nichts mehr anrühren zu lassen.

Noch einmal hören die Jünger von Jesus die gleichen Worte: „Friede sei mit euch!“ – und fügt diesmal den Auftrag hinzu: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ Und diese Worte gelten auch uns, Christus hört ja bis heute nicht auf, unter uns diese Worte laut werden zu lassen; er ruft auch uns aus unserer Angst heraus aus – in die Offenheit hinein, in den Auftrag hinein, ein, in die Arbeit für den Frieden hinein.

Wer nun fragt, wie Christus uns denn heute anspricht und aufruft – wir haben ja schließlich keine Erscheinungen des Auferstandenen mehr beobachten können -, dem gibt unser Predigttext noch ein Stück mehr Antwort, wieder in einem Bild ausgedrückt: Christus bläst die Jünger an, pustet ihnen ins Gesicht, haucht ihnen Kräfte ein, ermutigt sie auf diese sanfte Art, indem er spricht: „Nehmt hin den heiligen Geist!“

Und so ist Christus auch heute bei uns, nicht wie ein unsichtbarer menschlicher Körper, der hier irgendwo sitzt oder herumschwebt, also nicht so wie der Pumuckl oder andere Märchenwesen, sondern Christus ist bei uns in seinem Geist, in seiner Kraft, die er uns schenkt, im langen Atem, den wir im Glauben bekommen, in der Zuversicht, die wir gewinnen, wenn die Bibel tröstlich und ermutigend zu uns spricht.

Zum Schluss sagt Jesus dann noch einen Satz, der auf den ersten Blick schwer verständlich ist. Er redet die Jünger an, er redet auch uns an, sofern wir für seinen heiligen Geist offen sind, und sagt uns: „Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.“

Ich verstehe das so: dass Jesus uns eine große Verantwortung füreinander zutraut, dass wir einander auf Fragen von Gut und Böse ansprechen sollen. Und zwar nicht nur, wenn wir unter uns sind. Ich sehe in diesem Vers auch die Zumutung an uns, dass wir uns in die Dinge der Welt einmischen sollen, dass wir beim Namen nennen sollen, wo Unrecht und Zerstörung geschieht.

Wir sollen zuerst uns und dann auch die anderen fragen: Wo ist Umkehr, Umdenken notwendig? Wo brauchen wir die Vergebung für ganz konkrete Schuld, für Versäumnisse, für Gedankenlosigkeit, damit wir neue, gute Wege gehen können?

Mit diesem letzten Satz wird klar: Der Friede des Christus hebt die Gerichtspredigten der Propheten Israels nicht auf. Es bleibt ein Unterschied, ob wir von unseren Sünden lassen wollen, uns herausrufen lassen wollen aus unserer Verschlossenheit, auf den Weg zu Gott, auf den Weg des Friedens und der Gerechtigkeit, oder ob es uns egal ist, was mit Sünde und Verantwortung ist.

Was bleibt uns also zu tun? Um den Geist Christi zu bitten, der ein Geist des Friedens ist. Dann können wir aushalten, was uns die Propheten vom Zustand unserer Erde sagen, und wir können kleine Schritte zum Frieden finden.

Ich schließe mit einem Lied von Peter Janssens, Friedrich Karl Barth und Peter Horst, das wir am Donnerstag im Konzert in Fauerbach gesungen haben: „Entdeck bei dir, entdeck bei mir den nächsten Schritt, der weiterführt… Schenk der Hoffnung langen Atem… Schenk der Liebe große Augen… Schenk dem Hunger frische Nahrung… Schenk dem Glauben starke Arme…“ Amen.

Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

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